Mittwoch, 3. Januar 2024

Drum'n'Bass, Dub, Electronica 7"/ 10"/ 12" Single & EP Highlights 2023

Dub und so...
Irgendwie bin ich zuletzt doch noch nicht so richtig dazu bereit gewesen, mich im Clubmusik-Kontext mal mehr auf rein digitale Releases einzulassen. Trotz nahendem Platzmangel im Plattenregal, Ärgernissen über steigende Plattenpreise und Brexit-bedingte Besorgungsschwierigkeiten, und so weiter und so weiter, und obwohl es da (an rein digitalen Track-, EP- bis  Album-Veröffentlichungen) immer wieder mal erwähnenswerte gibt.

Mir kommen gerade etwa u.a. etwa
 Milbrook's Meganummer "Rituals", das witzige Bou-Ding "Fuck Junp Up", der '22er Delta Heavy Sommerhit "Ascend", der modern fräsende Crissy Criss Remix von Dom & Roland‘s "Punish Me Again", der Genre-Ideen ausweitende Kollaborations-Two-Tracker von MVRK & Current Value, dass es von IdeatorZ tatsächlich auch mal wieder was neues gab, John Rolodex' Label Machinist Music, die eine oder andere John B.-Spaßnummer, usw. usw. in den Sinn.
Ganz abgesehen davon, dass auch einige der großen, alten HeldInnen und traditionelle Label der Ecke, ohne sie jetzt alle aufzulisten, schon länger immer mehr reine Digital-Releases raustun und man z.B. auch in der Ecke des ganz modernen Neurofunk-Gebratzes etc. eh nicht mehr so viel 
zu Vinyl-Veröffentlichungen neigt.

Es nützt aber alles nix, irgendwie ist das Internet das Medium, über das ich in Musik reinhöre, um herauszufinden, welche ich „brauche“, und erst die Rotation auf dem heimischen Plattenspieler der Schritt, bei dem ich sie so wirklich „höre“, wertschätze“ und „feier'
Dass ich mir gelegentlich was von Bandcamp (oder JunoDownload) runterlade, das dann in der digitalen On-the-Road-Rotation oder in der kaum zum Zuge kommenden Laptop-Playlist landet, das kommt zwar durchaus vor, aber irgendwie mache ich da in meinem verwirrten Kopf auch bei Clubmusik-Tracks trotzdem diesen Unterschied zwischen Schallplatten bzw. physischen Veröffentlichungen und Files aus dem Internet. Und wenn ich was so richtig geil finde, dann tritt halt dieser haptische Besitzwunsch-Impuls ein.
An dieser Stelle könnten wir jetzt über psychologische Implikationen genauso diskutieren, wie über Luxusprodukte, die schwindende Bedeutung von Musik als Kulturgut in allgemeinen, Umwelt-Faktoren und wasweißichdennsonstnochso, aber es ist wie es ist: Je mehr mir Musik im Internet zu Tropfen auf heißen Steinen in einem unüberschaubaren und unüberwindbarem Dickicht verkommt, mit dem ich mich nicht mehr so richtig beschäftigen kann (zeitlich…) oder möchte, eben auch bzw. erst recht nicht „nur so zwischendurch“, und je mehr mir so einiges an digitalen Elektroniker-Releases wie vergessbare Eintagsfliegen vorkommt (sage ich ambivalenterweise als jemand, der durchaus gelegentlich selbst seine elektronischen Soloprojekt-Gehversuche auf Bandcamp wuppt…), desto mehr möchte ich ein Label-Logo wie Over/Shadow, 31, Metalheadz, Dread, Function, Amar, Bad Taste, Samurai, Droogs, Ohm Resistance usw. in meinem Wohnzimmer kreisen sehen, um wirklich Spaß an meinen Drum’n’Bass-DJ-Sets für mich alleine zu haben. Denn Ambitionen, mir in diesem Leben auch noch mal CDJs zuzulegen oder sowas, die habe ich wirklich so überhaupt gar keine. 
Und das, während selbst die letzten Vinyl-Verfechter unter den langjährigen Profi-DJs inzwischen eher mit ‘nem USB-Stick statt ‘nem Plattenkoffer zum Club-Gig kommen und nicht nur der Resident Advisor im April auch mehr oder weniger das Ende der Formats heraufbeschwören wolltesondern Künstler/ Produzenten/ DJs wie z.B. AMIT ebenfalls zunehmend die heutige Notwendigkeit von Vinyl-Releases öffentlich hinterfragen...
Es ist etwas schizophren, ja, vielleicht sogar ein bisschen bigott und/ oder bekloppt, vielleicht gebe ich selbst das Platten anhäufen ja jetzt 2024 tatsächlich auch auf einmal dran und steige doch noch auf die sich irgendwie falsch anfühlende Totaldigitalisierung um, aber es ist wie es ist. 

Eine Sache, die wir zum Thema bisher gar nicht mit angeschnitten haben wäre dann ja noch, wie der Vinyl-Tonträger als solcher auf der anderen Seite auch noch immer mehr zu einem kostspieligen Liebhaber-Luxusgut wird:

Dass etwa der hochgeschätzte, in diesem Kontext bereits erwähnte AMIT mir tatsächlich einen meiner zwei musikalischen Jahreswechsel-Wunschzetteleinträge für '23 erfüllte, nach 2-3 Jahren Corona-Kreativpause dann auch endlich mal wieder mit neuer Musik in Erscheinung zu treten, das fand ich ja grundsätzlich super, aber eine an sich schon nicht so günstig kommende Limited-Lathe-Cut-10" plus Artwork-Print dann auch noch mit UK-Versandkosten und obendrauf Zollabfertigungsgenerve bestellen? Ja puh, da muss man dann bei aller Liebe halt auch doch mal die Grenzen der Luxuskonsumausgaben ziehen. 
Auch US-Junglist RED ARMY haut auf seinem Label Armory limitierte 10"-Lathe-Cuts mit solchen Könnern wie Homemade Weapons oder Torana raus, und auch in der Reihe der Dispatch Blueprints ging man dann jetzt zu superlimitierten 10"-Lathe-Cuts über, die den Übersee-Sammler arm machen können.
Finde ich ja einerseits irgendwie auch geil, will andererseits aber nun mal echt nicht so viel Geld für 2-Track-Tonträger ausgeben, denn ich bin dann eben doch ganz klar eher Musikhörer als Raritätensammler. Und jetzt mal ehrlich: Wenn man so viel Kohle für 'ne Platte raus tut, würde man sie jetzt auch nicht gerade für 'nen Auflege-Abend mit in die DJ-Tasche einpacken...

An dieser Stelle haben wir dann jetzt natürlich noch zu erwähnen, dass sowas wie der Song des Jahres ohne Frage der komplett irre DnB-/ Dancehall-Gangsterrap-Hybrid "Baddadan" war, der auf der Insel des Vereinigten Königreichs, im Ausläufer der DnB-Festivalsaison und dann noch darüber hinaus zum allgegenwärtigen Spätsommerhit explodierte (zweieinhalb Millionen Youtube-Plays in nur einem Monat, Tyson Fury kam mit der Nummer zum Boxkampf einmarschiert und letztens noch blastete jemand, der neben mir zufällig auch gerade einparkte, das Teil laut im Auto...).


In den Jahresendspurt warf DJ Rap dann außerdem auch noch eine Gute-Laune-Knaller-Kooperation mit General Levy, bei der ich davon ausgehe, dass diese auch nochmal irgendwie eine 12"-Veröffentlichung bekommen wird:

Von der Saison '23 wären an (Nicht-Langspielalbum-)Tonträgerveröffentlichungen im Dschungel-Dickicht und drumherum ansonsten besonders hängengeblieben - 10 alphabetische Top-Plätze, darunter ein paar "Honorable Mentions" und noch eine erstaunte Betrachtung der besonders produktiven:

4AM CREW & SIR HISS
(Embrace The Real)
Die Londoner Jungle-Revialisten der 4AM CREW taten sich mit dem Grime-/ Dubstep-Kollegen SIR HISS zusammen, um eine Reinterpretation seines 2019er, Sample-lastigen Hits 
"Teheran Gunshots" im herrlich oldschooligen Abfahrt-Modus auf die Welt loszulassen.
Neben einer kurz und knackig gehaltenen Dreiminuten-Version enthält die 10" auf der anderen Seite auch noch eine etwas DJ-freundlichere, längere Fassung, die ich dann auch recht klar bevorzuge.
Ziemlich spaßiges Tune, das
 tendenziell relativ super zwischen Amit-Frühwerke wie "Myth", DJ Zinc's Trigger Finger und typische Rasta Vibez-Sampletunes mit in die Playlist passen könnte! 

ANTAGONIST - Rites EP
(
R&S Records)
Wo ANTAGONIST draufsteht, da steckt oft Drum'n'Bass-wurzelnde Musik drin, die mitunter in spaceige Sphären abtaucht, durch ein dunkel schimmerndes Wurmloch zur Paralleldimension irgendwo zwischen Chillout-Zone und Dancefloor. Und während mir das manchmal dann schon zu „ambientesque“ ist - schließlich mag ich meinen Jungle/ Drum'n'Bass bekanntlich gerne eher so ein bisschen gröber auf die vielzitierte Zwölf - ist eine vier (bzw. in digitaler Form fünf) Tracks umfassende EP wie diese, über das traditionsreiche, belgisch-britische Label R&S Records der genau richtige Rahmen, in dem ich mich dann mal drauf einlassen will. Eben eher Material, das man mal genießend durchhört, als sich einen Track davon für den Smasher-lastigen DJ-Mix auszugucken. (Wär' daher eigentlich auch cooler gewesen, gerade das hier in einem richtigen Artwork-Sleeve statt in generischer Dancelabel-Verpackung für DJs zu haben, aber haben kann man halt bekanntlich auch nicht alles.)
Jedenfalls hat "Rites" nicht nur, wie erwartet, regelrechte SciFi-Soundtrack-Vibes, sondern besticht zudem vor allem auch dadurch, zum Teil fast schon etwas gegen den Strich gebürstet zu völlig unerwarteten IDM-Seiten zu fallen.
Z.B. groovet der angeschrägte Halftime-Viber "Observe" mal eben sowas wie einen eher „rockigen“ Schlagzeugryhthmus raus, was ich in diesem Kontext so noch nie wirklich gehört habe und ziemlich cool finde.

BABY T - Shee Punk
(
Banshee)
Mal ganz abgesehen davon, dass sie in der Zwischenzeit auch mal eben Mutter wurde, gehört die ehemalige BBC-Radiopräsentatorin Brianna Price alias B.Traits alias BABY T nicht zu den Fließbandproduzent:ïnnen der Clubmusik-Szene. Getreu dem Motto „Qualität statt Quantität“ gab's unter ihrem reaktivierten, Jungle-orientierten Pseudonym 2020 eine sehr, sehr geile Debüt-EP auf Samurai Music und eine mit Verve ins Electro-Genre überkreuzende auf Central Processing Unit, 2022 dann immerhin einen seeehr coolen Remix einer Presha-Nummer und einen für's Münchener Techno-Brüderduo Glaskin, und erst Sommer '23 dann mal wieder 'ne neue EP, welche außerdem den Start ihres neuen eigenen Labels Banshee markierte.
Jenes steht unter dem Motto “hardcore junglist shit only”. Und wenn das von der Person ausgerufen wird, die mir zuerst damit positiv auffiel, auch mal eben Sunn o))) und ATR zwischen Es.tereo, Last Life und Homemade Weapons mit ins eklektische DJ-Mix zu mogeln, während mir dann auch noch der Ambient-lastige "Quarantine Chameleon Club"-Stream im Seuchenfrühjahr 2020 zufällig den dafür genau richtigen Sommertag versüßte (...), dann bin ich sowas von dabei. 
Mit den vier Tracks von "Shee Punk" lotet Brianna sowohl nostalgisch als zeitgenössisch die gemeinsamen Schnittmengen von Jungle/ Drum'n'Bass, Electro und Techno aus.
Der Opener ''Free Thinking She Punk' kombiniert Breakbeat-Geschepper im nicht ganz so zackigen Tempo mit maschinell plackerndem Bassgeboller zu was, das bei mir irgendwie fast schon EBM-Assoziationen weckt, 'Get to it' versprüht neben Electro-Geplucker auch Hip-Hop-Breakdance-Vibes, 'Ultrafunkiller' geht am ehesten als DnB-Tune durch und die Schlussnummer 'I'm The One' kommt dann auch noch mal eben als 140-BPM-Four-to-the-Floor-Banger daher, gewürzt mit um sich schlagenden Percussion und wahnsinnigen Vocal-Fetzen. Punchy Sounds setzen sich durch eine kristallklar atmende Produktion zur maximaler Wirkung durch.  
Alles also echt keine generisch genormte Standardkost und gerade deswegen auch ziemlich beachtens- und empfehlenswert!
 

DOM & CRYSTL - Dom & Crystl 
(
Over/Shadow)
Alter Vatter, hat Dom '23 mal wieder abgeliefert... Neben einem neuen Langspielalbum plus Auskopplung gab's von ihm u.a. auch noch im ca. gleichen Zeitraum mit "Drive Me Crazy / Fur Coats Knickers & Goldeine ziemlich geile 12" über sein eigenes Label obendrauf (und das funky-knallige Brett, zu dem 'Drive Me Crazy' im Verlauf wird, schreit dabei förmlich nach völliger Tanzflächeneskalation), um nicht viel später dann auch noch mit den Launch seines neusten Sublabels namens Individual um die Ecke zu kommen, über das er im Laufe des Spätsommers dann auch mal eben direkt gleich zwei 12"-Teile raushaute, die mitunter durch etwas kaputtere Sounds begeisterten (dunkel-dreckigen Techstep-DnB wie das rollende "More Controversy" kann ich wirklich stundenlang hören!).
Bei all dem nicht untergehen sollte seine Anfang des Jahres, ebenfalls über 
Over/Shadow veröffentlichte Kooperation mit Neunziger-Urgestein DJ CRYSL, welcher dieser Tage auch wieder in der Szene aktiv ist, nachdem er es in den Nuller- und Zehner-Jahren eher weniger war. 
Die beiden Tracks besagter 12" sind die genau richtige Mischung aus schwergewichtig krachenden Breakbeats und atmosphärischen Synths, die gewisse Old-School-Vibes nicht nur durch das glasklare Produktionsklangbild ins hier und jetzt transportiert, sondern eigentlich auch dadurch besticht, dass das Ganze mal wieder nicht zuuu vorhersehbar arrangiert ist. Genauso wie vorangegangene jüngere Veröffentlichungen von Dom auf Over/Shadow eben keine reine retrofuturistische Nostalgieveranstaltung mit DJ-Mix-Konventionalzuschnitt, sondern genauso Tanzmusik wie interessantes Kunsthandwerk. Noch dazu welches, das scheppert. 
Und ich muss es dann wohl doch mal so sagen, wie es is': Dom mag ein seltsamer Typ sein (Verschwörungstheorien- und Esokram-Anhänger, gelegentlicher Socialmedia-Miesepeter, ...), aber ich bin Fan! 

JOHN ROLODEX - Formless
(Metalheadz)
Ich glaube, ich habe das hier in der Vergangenheit, wahrscheinlich anlässlich der Redux-Version schon mal geschrieben, aber ich liebe ja den Titeltrack von JOHN ROLODEX' 2002er Debüt-EP "The Dragon" (Dread Recordings) und bilde mir ein, dass dieser sowas wie das perfekte Zwischen-Stück ist, um in einem möglichst explosiven 
Old-School-DJ-Mix von rougherem Jungle Marke Ray Keith zu derbstem Techstep-Geschepper à la Tech Itch überzugehen. 
Auf "Formless" hat er zwei Dekaden später einen typischen Metalheadz-Style drauf: Es klopft genauso ziemlich kühl durch sphärische Pads und deep brummende Synth-Bässe, wie's mit soulig-funky-jazzigen Akzenten durchsetzt ist.
Tatsächlich hat der Kanadier dafür sogar einen Kumpel ein paar Gitarren-Töne für einen Song einspielen lassen und bei der Schlussnummer der 4-Track-Platte einen menschlichen Drummer am Start, welcher das Ganze dann schon fast so ein bisschen in die Richtung Aphex'scher IDM-Weirdness schiebt.
Womit auch "Formless" für mich eher unter "Hör-" als unter "Club-Material" läuft, if you know what I mean. Aber v
ielleicht sind diese organischen Kontrastelemente ja das vielzitierte Salz in der Suppe, denn „typischer Metalheadz-Sound in Jazzstep-Nähe“ läuft bei mir sonst auch gerne schon mal unter „finde ich zwar ganz cool, aber so wirklich begeistert bin ich eher von anderen (gröberen) Sachen“, während diese EP dann ja doch seit Erscheinen tatsächlich so einige male wiederholt komplett rotierte. 


PETE CANNOM - The 8-Bit Special E.P.
(N4 Records)
Die Zusammenhänge zwischen britischen Clubmusik-Labels und EU-Vertriebswegen sind für mich ja wirklich komplett nebulös. Genauso wie es bei einigen weiteren UK-Marken nicht so ganz nachvollziehbar ist, 
so ist 's auch bei PETE CANNON's Label N4 Records ein undurchschaubares Glückspiel, welche Veröffentlichung auf einmal doch irgendwie für einen okayen Kaufpreis bei hiesigen Mailordern auftaucht, und welche gar nicht, während die Dinger über Bandcamp unfassbar schnell ausverkaufen.
Der sympathische Cannon ist hauptberuflich u.a. auch Sounddesigner für Werbespots großer Markenunternehmen und hat einen Namen als Hip-Hop-Produzent, holte aber irgendwann mal seinen alten Amiga Computer aus dem Keller, um wieder genau so Jungle-/ Rave-Musik zu fabrizieren, wie man es Anfang der 90er mal gemacht hat. Und dabei macht er so viel richtig, dass seine Musik sogar schon von Aphex Twin beim Festival-DJ-Set gespielt wurde.
Auf der selbsterklärend betitelten "Amiga Power 8bit Special E​.​P" - an die man hierzulande, im Gegensatz zu anderen Cannon-/ N4-Sachen ziemlich locker rankommen konnte (wie gesagt, muss man nicht raffen...) - gab's August '23 z.B. mal wieder roughen Retro-Jungle:
Vier Tracks auf 45 gequetscht, die ziemlich abgehen und mit ihrem gewollt altbackenen Charme wirklich schwerstens Laune machen.
Booyaja, booyaka!


PRESHA - Sacrifice 
(Samurai Music)
Eigentlich wollte ich die zweite reguläre Solo-EP von 
Samurai Music-Labelboss PRESHA zunächst ja unten unter den "Honorable Mentions" abhandeln, aber als ich dann mal so drüber nachachte, fand ich das im Spätsommer immer wieder rotierende Material von "Sacrifice" dann ja doch mit jedem Durchlauf immer bestechender, so dass man ruhig auch doch mal etwas ausführlich drauf eingehen kann:
Vor allem die kühl pochenden und fräsenden 'Raven' und ''Temple' haben so einen Vibe, der ein wenig an die Spätneunziger-Moving/Shadow-Innovationen von Dom & Roland oder Technical Itch u.ä erinnert, die SAM KDC-Kooperation 'Anaconda' rückt mit Halfstep-Groove in eine nicht Label-untypische Nische nebst atmosphärisch-experimenteller Schlagseite irgendwo zwischen Dark-Ambient- und Techno-Schulterblicken vor, und der abschließende Titeltrack rundet das Ganze noch mal etwas derber tackernd stimmig ab.
"Sacrifice" ist tatsächlich eine EP, die ich gerne in ihrer Gänze höre, deren Material sich aber auch im DJ-Mix z.B. super mit dem von bereits genannten Genre-Marken verträgt.
Und noch mehr als das kann man von so einem Release nun wirklich nicht wollen!


RAINFOREST - Bullet Riddim
(45Seven)
Es war sozusagen ein fast schon ambivalenter Tag, als ich das seit 2012 existente Alphacut-Sublabel 457 aus 
Leipzig für mich entdeckte. Weil einerseits: Geil, eine mit mindestens einem Bein in den Jungle/ Drum'n'Bass lehnende Vinyl-only-Plattform, die sich vor allem verschiedenen Ausprägungen von Dub-Tendenzen widmet, zwischen Traditionsbewusstsein (Formate) und durchaus zeitgenössisch-experimentierfreudigen Künstler*innen/ Produzent*innen, die bereits auf meinem Radar waren (z.B. Sam KDC & The Untouchables). Das ist ja jetzt gerade wirklich total mein Ding! Andererseits: Ich fang jetzt tatsächlich auch in dieser Ecke noch an, obendrauf immer mehr Riesenloch-7"-Singles anzusammeln? Phew, Alter. Aber es passt zusammen mit dem gelegentlichen ZamZam-Release halt auch noch irgendwie ganz gut zwischen Al Cisneros' Dub-Jams und die Siebenzoller-Serie von Ohm Resistance mit in meine Kleinformatkiste.
Der mexikanische Rodrigo Alvarez alias RAINFOREST hat auf dieser Single jedenfalls vor allem mit der B-Seite 'Runaway Riddim' einen totalen Killer an grob ausgefeilter Jungle-Musik mit starker Dub-/ Dancehall-Schlagseite zu bieten, in dem trotz der kurzen Spielzeit viel drinsteckt.
Die nicht ganz so wilde, titelgebende, noch dubbigere A-Seite ist aber auch ziemlich cool.


RAY KEITH - Chopper (Diligent Fingers VIP Remix) / Back To Me
(Dread Recordings)
Zum Thema RAY KEITH kann man im allgemeineren Jahresresümee-Post noch etwas mehr lesen. Deswegen sei an dieser Stelle einfach nur mal eben angerissen, dass die mitunter ziemlich auf DJ-Mixbarkeit der alten Schule zugeschnittenen Tunes dieses Jungle-/ Drum'n'Bass-Urgesteins (seine erste Single erschien '91!) in der Natur dieser Sache manchmal ein bisschen zu lang geraten bzw. auch schonmal eine variationsarme Wiederholung zu viel durchlaufen, um sie nur für sich als Song am Stück zu genießen. Kann man sich allerdings drauf einlassen, dann ist seine auf den Punkt gebrachte Melange aus der Grassroots-Roughness kräftiger scheppernder Breakbeats und fett bebender Bässe und positiven R&B-/ Dub-Elementen wirklich ziemlich zeitlos und macht einfach Laune.
Ob man jetzt wirklich den gefühlt fünfundsiebzigsten Remix vom 'Chopper', einem seiner beiden Signature-Klassiker schlechthin gebraucht hätte, das kann man mal offenlassen, nach dem trocken drückendem Bou-Banger, der '21 auf 12" veröffentlicht wurde, ist aber auch diese fräsende Version von DILIGENT FINGERS ganz cool und macht Spaß!
Ein regelrechtes Sommerhit-Highlight war/ ist allerdings 'Back To Me' auf der anderen Plattenseite. Das einleitende 'Smells like Teen Spirit'-Sample verkommt zu einer unnötigen Randnotiz, wenn das Teil mit Megatonnen-Bassweight heftig zum Sturm auf die Tanzfläche bläst und dabei auch noch Keith-typisch mit Soul-Vocalfragmenten durchsetzt ist.
Bockt total!


VROMM - Molecular
(Over/Shadow )
Last but not least bin ich ja etwas vorsichtiger geworden, irgendwelche „Trend-Tendenzen“ aufzeigen zu wollen, denn ich bin alt, out of touch, raffe wenig, hatte eh noch nie wirklich Ahnung usw. 
Aber gewisse, nun ja, Tendenzen oder Trends zeichneten sich in den Drum’n’Bass-Ecken, in denen man noch etwas deutlicher an den zugrundeliegenden Jungle-Wurzeln festhält anstatt zu modernem Jump-up- oder Neuro-Brumm’n’Bratz-Tanzflächenfüllmaterial zu neigen (wo zuletzt auch schon mal mehr 4/4-Beats durch Tunes klopften), in jüngerer Vergangenheit dann ja doch recht deutlich ab: 
Zu diesen Tendenzen gehören eine Besinnung auf atmosphärischere Jungle-Gangarten, für die einige Szeneprotagonisten dann sogar direkt neue Sublabes starteten (Spatial, Waveforms, Mindgames, Curvature…), dazu gehört an manchen Stellen auch ein gewisse Bereitschaft, etwas „IDM“-artig angereichert gegen den Strich gebürstete Musik zu machen (siehe auch Antagonist oder John Rolodex), es gibt so einige Beispiele für stärkere Dub-Schlagseiten, und auch für Electro-inspirierte Exkurse in auch schon mal etwas unüblichere BPM-Regionen (siehe auch Baby T oder Quartz oder die eine oder andere Veröffentlichung auf Sneaker Social Club, ...). Und das alles läuft dann auch noch in dem Umstand zusammen, dass der Drum’n’Bass, den jemand wie ich zu Hause „auf Platte“ hört, nicht unbedingt der Drum’n’Bass ist, zu dem „die jungen Leute“ irgendwo im DJ-Mix tanzen.
VROMM’S diesjährige EP "Molecular" auf Over/Shadow hat im Verlauf von vier Tracks auf 45 von all dem etwas. Und ich Idiot bereue an dieser Stelle auch wirklich ein bisschen, mir seine, inzwischen nicht mehr so günstig erschwingliche 2021er Over/Shadow-EP "Bees" nicht auch schon geschossen zu haben. Denn "Molecular" ist... something else....
Vage Dub-Techno-Tendenzen? Sog. „Bass-Music“-Ausrichtungen, weil es nicht mehr so wirklich DnB ist, man es aber auch nicht als Dubstep bezeichnen möchte?  Ein bisschen Elektro-Flavour? Ein Hauch IDM-Abstraktheit, mit dem die Schlussnummer pumpt? Irgendwie steckt das alles da mit drin und klingt irgendwie anders und einfach nur geil.



Honorable Mentions und Nachrückplätze:
  • Da ich mir irgendwelche diffus-komplettistischen Sammler-Nerdigkeiten um des Sammlungskomplettismus Willens schon lange abgewöhnt habe, habe ich es mir ja geklemmt, den "Uranus"-Teil von Ruputure London's an sich jetzt schon ziemlich legendärer "The Planets"-Reihe auch noch physisch besitzen zu wollen, denn die drei Tunes darauf hauten mich jetzt nicht so wirklich um.
    Anders lag der Fall allerdings 
    bei "Neptune":
    Der Titeltrack von FOREST DRIVE WEST ist ein geiler Dunkel-Klopfer, der untenrum durchaus etwas fetter tönt, während COCO BRYCE's "Mendoza" eine nicht zu heftig inszenierte, aber doch auch etwas wilder zusammengeschnippelte Amenbreak-Schepperei plus deepen Basssound durch eine atmosphärisch wabernde Klanglandschaft inkl. Vocal-Fetzen zieht. 
    Find' ich beides ziemlich gut!

  • Samurai Music schon wieder: Auch die Labeltypisch-halfsteppige "Tensor" EP von LAST LIFE landete nicht nur auf dem Einkaufszettel und somit im Regal, sondern lief im Laufe des Jahres durchaus öfter mal auf dem Plattenspieler durch. 
    Die etwas gegen den Strich gesetzte Bassline von 'Offside' kommt dabei sogar ungewöhnlicher.
    Gewohnt guter Qualitätsstoff! Ich hab' für dieses Label und die Styles, die es vertritt, aber halt auch einfach schwerstens was übrig...

  • Von QUARTZ' "Black Decay / Abstract / Pale Tongue" EP via Hotline Recordings gefiel mir vor allem das treibende "Abstract" mit so einem „Diddeldüddel-Electro-Vibe, gepaart mit Reese-Bass und metallenen Snares am meisten. Total geil! Als DnB-DJ dürfte man an dieser Stelle allerdings wohl das Problem haben, dass die Nummer auch BPM-mäßig etwas aus dem Rahmen fällt...
    "Black Decay" wiederum bietet eine geil düster drückende Angelegenheit mit komplexem Arrangement und spannenden Hintergrund-Sounds, während "Pale Tongue" in dezent weirde Halfstep-Regionen abgroovet, und der Screenprint-Sleeve der limitierten Platte ist eigentlich auch ganz cool!

  • Die mit coolem Coverartwork kommende, blaue 180g-12"-Single "Voyager / Strange Thoughts" von SECTION 63 ist ein Release, den ich schon „in der Sache“ supporten wollte, denn es handelt sich hierbei um die erste physische Veröffentlichung des Hamburger Labels Insomnius Music. Drauf gestoßen wurde ich u.a. durch Submerged’s DJ-Support (siehe "Ohm Resistance Mixtape 05" im Post von gestern).
    SECTION 63 alias David Edwards alias "Blade (/The Sect)" rollt dabei zwei Tunes im SciFi-Drum’n’Bass-Stil mit Schulterblicken in No-U-Turn-, Valve-, Mitt-/ Spätneunziger-Moving Shadow-Zeiten raus, die herrlich drücken und schieben. 

  • Andrew Bowen alias SLAVE TO SOCIETY ist ein durch verschiedene Genre-Gangarten experimentierender Hart-Elektroniker.
    Dass seine '23er "Thrown To The Wolves" EP dabei vor allem Drum'n'Bass-Ansätze aufnimmt, mit einem Smasher von Titeltrack anfängt und mit einer etwas Breakcore-Weirdness versprühenden Nummer abschließt, ohne die Härtegrad-Schraube völlig zu überdrehen, das sollte uns einen Shout-out mit Thumbs-up wert sein!

  • Weil ich manchmal ein bisschen bekloppt bin war's quasi ein Geburtstags- (Preorder-Zeitraum) und Weihnachtsgeschenk (tatsächliches Lieferdatum) an mich selbst, mir dann doch mal was direkt „von der Insel“ aus dem Hause Tech Itch Recordings zu bestellen. Bekloppt, weil: So 'ne sog. Dubplate, bzw. 180g-12" in 100er-Auflage kommt schon nicht ganz sooo billig wie 'ne reguläre Platte, und dann noch Versandkosten und Zoll... Nun ja. Weiter oben habe ich mich zu dem Thema ja schon ausgelassen, aber manchmal kann ich dann eben doch nicht widerstehen...
    Kommen wir aber zum Punkt:
    TECHNICAL ITCH's gleichzeitig veröffentlichten "Plate 06" und "Plate 07" sind vor allem auch wegen einem gewissen Kontrast interessant: Gerade die beiden, ziemlich geilen Nummern von "Plate 07" haben nämlich einen Vibe, der mich eigentlich schon eher ziemlich an Dom erinnert.
    "Plate 06" wiederum war dann aber doch die etwas auffälligere und härtere: 'Touch The Darkness' tackert sich völlig abgehackt-hektisch durch's Dystopia und 'Objecte Temporal' ist ein ziemlich cool im Schnellschritt durch die Dunkelheit marschierender Klopfer.


    Der Vollständigkeit halber auch noch, weil: Irre, einfach nur irre...

  • Zu Weihnachten gab's dann mit "House of Leaves" auch noch mal eben die nächste ASC-EP via Samurai Music

  • Apropos: ASC hat u.a. auf seinem Atmo-DnB-Sublabel Spatial ohne Ende rausgehauen. Spätsommer '23 zeigte der Schlagzähler der '22 gegründeten Marke bereits auf 19 EPs, während 11-12 davon von ASC selbst, meistens alleine, manchmal aber auch zusammen mit seinem Kumpel Simon Huxtable alias AURAL IMBALANCE kamen. Und zum Jahresabschluss kam dann sogar u.a. auch noch 'ne Spatial-EP vom ebenfalls allgegenwärtigen EUSEBEIA obendrauf.

  • Zum Jahreswechsel wiederum dann mit Curvature sogar noch ein weiteres Label, auf dem ASC und AURAL IMBALANCE veröffentlichen.
    Ich komm' nicht mehr mit?!

  • Zwischen all dem wurde auch noch mal eben mit Waveforms ein weiteres Label  von ASC und Samurai Music's PRESHA gegründet, dessen Motto Frühneunziger-Jungle ist. Die ersten beiden 10" Releases kamen dann auch direkt wieder von ASC und gingen ebenfalls in die Richtung, klassische Breakbeats in einem Atmo-betonten Kontext kloppen zu lassen.
    Noch mehr ASC. Irre, einfach nur irre. 

  • Und als wäre das alles noch nicht genug gewesen, gab es dann zum Herbst verwirrenderweise mit Mindgames noch ein neues Samurai Music-verbandeltes Label, welches sich ebenfalls einem atmosphärischeren Jungle-Revival-orientierterem Sound widmen möchte.
    Als erstes durften die, jeweils auch schon nicht gerade wenig veröffentlichenden EUSEBEIA und TIM REAPER mit Releases ran. 
    (Vom Label des letztgenannten, Future Retro London, fangen wir an dieser Stelle lieber gar nicht erst an.)

  • ...'ne weitere EUSEBEIA-EP gab's dann auch mal wieder via Rupture LDN, während die nächste über Samurai Music auch schon wieder für '24 angekündigt ist...
    Irre, einfach nur irre...

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