Donnerstag, 4. Januar 2024

15 Alben 2023

Blablabla, Jahrgangslieblinge.
Dies hier wären dann also die LPs bzw. 2LPs, die mich dieses Jahr wohl am meisten abgeholt hätten, wie man so schön sagt.

Ich habe es mir dann allerdings darüber hinaus übrigens doch verkniffen, auch noch eine Liste von “Honorable Mentions” mit drunter zu hauen, oder einleitend eine Reihe von „ferner liefen“-Fällen anzuführen, oder auch Veröffentlichungen, die irgendwie vom Radar so halb durchs Raster fielen, oder irgendwie noch auf dem Reinhör-Zettel wären zu erwähnen.
Weil, wie albern wäre das?
Es hätte sicherlich von Ambient bis Noiserock oder Doom Metal durchaus noch ein paar weitere Alben gegeben, die ich gehört und/ oder gekauft hätte, oder auch noch nicht gekauft, es evtl. aber noch tun werde, zu denen mal irgendwas hätte sagen könnte, aber ich wollte mich mal auf die beschränken, die dann irgendwie mehr oder weniger zufällig damit hängengeblieben wären, dass ich sie am meisten und liebsten gehört hätte und/ oder irgendwas daran besonders erwähnenswert finde. 

Und das wären 2023 die folgenden gewesen:

ACID KING - Beyond Vision
Jau, mich selbst überrascht dieser alphabetisch erste Eintrag wahrscheinlich noch mehr als Euch, denn wenn ich mal ganz ehrlich bin, dann hatte ich ACID KING schon eher abgeschrieben. Das acht Jahre zurückliegende "
Middle of Nowhere, Center of Everywhere" der auch zuvor schon nicht so wirklich superspektakulären Band ('Free' ist ja eine Hymne vorm Herrn, aber...) fand ich wohl irgendwie weitgehend nichtssagend, während mein Enthusiasmus für derartigen Stoner-Doom im Allgemeinen seitdem ebenfalls ziemlich zurückgegangen war. Auch mit solcher „Stoneburned from the Underroad to Desert Valley-Musik ist's halt wie mit diesen ganzen Marvel-, DC-, Star-Wars-Filmen und -Serien: „Früher hatten wir nichts“, aber ab so einem gewissen Punkt der multiversalen Shitshow-Übersättigung reicht's dann auch erstmal wieder und man braucht kein schabloniertes Sequel des Reboots vom Spin-Off des mäßigen Prequels mehr... 
Als ich allerdings in einem Review las, Band-Matriarchin Lori S. würde auf dem neuen Album mit komplett erneuerter Mitmusikerbesetzung (Zweitgitarrist Jason Landrian kennt man von Black Cobra und Cavity!ihren Gesang spärlicher einsetzen, um mehr Platz für ausgereiftere Kompositionen mit Postrock-Schulterblicken zu lassen, die ihren Stoner-Fuzz-Sound so ein bisschen in abdunkelnde Sonnenuntergangs-Stimmungen führen sollen, und dann zufälligerweise in der Abenddämmerung des ersten so richtig warmen Tags des Jahres, während einer erstaunlich entspannten Woche tatsächlich doch mal reinhörte, da war's dann wohl einer dieser seltenen Momente, in dem ausnahmsweise mal alles passte.
Klingt vielleicht abgedroschen, war aber wirklich so. 
Nachdem ich monatelang meine Primärrotation an Drum'n'Bass-Brummklöppel, sowie drumrum etwas Drone, Dub und IDM nur sporadisch für Noiserock- oder Doom-Platten unterbrochen hatte, war's ausgerechnet der Bandcamp-Testlauf der neuen ACID KING, der mich in eine unerwartete „Och joah, vielleicht hätte ich ja jetzt doch mal wieder Lust auf so ein Psychrock- und Metal-Open Air“-Laune brachte.
Sicher, müsste man überkritisch das Langhaar in der Pilzsuppe finden, weil man zu den Schülern des beamtenmäßig-stromlinienförmigen Spießer-Musikjournalismus zählt, dann könnte man was von „kreativem Bankrott“ oder eine ähnliche Floskel faseln, weil's hier zwischen der jeweils instrumentalen Eröffnungs- und Schlussnummer sage und schreibe ganze zwei Songs im mehr oder weniger gewohntem Stil gibt (das lässig-heavy treibende 'Mind's Eye' und der wirklich ziemlich hymnische Titeltrack) und auf der Albummitte mit dem Lauf von '90 Seconds', 'Electro Magnetic' und 'Destination Psych' dann einen Weirdo-Canyon zwischen eigentümlichem Arrangements, Psychedelic-Jams, experimentelleren Sounds und einem zugegeben nur so mittel nötigen Kurzzwischenstück ('Destination Psych'), auf den der eine oder andere puristische Rockmusik-Versteher sicherlich mit „was sollte das denn jetzt?“ reagiert haben dürfte. Bei mir war's dann aber doch eher so „das ist ja cool!?“, als sich '90 Seconds' als waberndes Heavy-Psych-Drone-Gesangsstück etwas abseits des gewohnten Trampelpfads entpuppte und zusammen mit dem achtminütigen Instrumental 'Electro Magnetic' so einen gewissen (Vorsicht, albern) „Industrial-Pink-Floyd“-Vibe versprüht, wie man ihn auch von jüngeren Ufomammut-Outputs kennt und schätzt. (Also ich zumindest.)
Und tatsächlich hat Lori S. mit all dem einen nicht gänzlich abwegigen aber doch etwas unerwarteten Move vollzogen, der mich bei ihrer Musik doch mal wieder mitziehen wollen ließ.
Man sollte außerdem noch erwähnen, dass die Heavyness, die Landrian addiert, dem Ganzen wirklich ganz gut steht.     
Ferner, dass ich die Kompaktheit dieser facettenreichen Platte heutzutage im Rock-/ Metal-Kontext auch schon wieder mehr zu schätzen weiß als so manchen 2LP-Marathon voller Selbstwiederholungen. 
"Beyond Vision" mag einen jetzt vielleicht nicht hell damit anstrahlen, ein epochaler Instant-Klassiker zu sein, aber in einer Welt, in der es trausende von Jungspund-Bands gibt, die Kyuss oder Electric Wizard nacheifern und dabei doch nur wie Konventionalzuschnitte uninspiriert-braver Schwiegersohn-Varianten davon klingen, hat ein Original dieser Ecke noch mal ein Album vorgelegt, das sich auch ein bisschen was anderes traut anstatt nur nach sogenanntem „Schema F abzuliefern. Mir gefällt dieser etwas „experimentelle Anstrich“ (gna) ganz gut. Und wer das nicht rafft, der hat dieses Musik(er)-Ding vielleicht noch nie so wirklich kapiert.


ALIX PEREZ & HEADLAND - Hellion
(
1985 Music)
Den 1985 Music-Labelbetreiber ALIX PEREZ kennt man eigentlich vor allem für Drum'n'Bass-Musik und artverwandtes der eher luftigeren als derberen Gangart, allerdings gehörte die dann doch etwas dunkler und schwerer vibende Perez/ Bou/ Trigga-Kooperation "Back To Basics" (deren B-Seite "Under Pressure" ebenfalls nicht zu verachten ist) zu den Rap-gewürzten Klopfer-Clubhits der vergangenen 1-2 Saisons.
Das Kooperationsalbum mit dem Neuseeländer Gene Warriner alias HEADLAND schlägt noch mal ganz andere Töne an, denn geboten wird in Halftime groovender und im Kriechtempo wabernder, oszillierender, fräsender, tackernder und stampfender Düsterkaputt-Dubstep - d.h. nicht (!) alberner BratzBratz-FiepFiep-Brostep - weitgehend bar jeder Heiterkeit, der auf einer semisurrealen Schnittstelle von Dark Ambient und Hip Hop, oder auch wie "Illbient" im Grime-/ Trap-Update, bei jemanden (entsprechend altem, Metal-sozialisiertem) wie mir unweigerlich auch die obligatorische Mick Harris-/ Scorn-Referenz aufruft.
Gelegentlich legen abgepfiffenere Sounds einen Spiralflug aus den auch schon mal angeknickten Drum-Grooves, drückenden Subs, brummenden Bässen, verhallten Samples, Dub-Echos und rauschenden Texturen raus hin, verschwinden aber ebenso schnell wieder in der unwirklichen Paralleldimension von "Hellion".
Ursprünglich entstand der Dub ja unter der jamaikanischen Sonne, an dieser Stelle bebt, bollert und brummt er aber wirklich nur noch im britischen Industrieruinen-Bunker - auch wenn der Sound dabei trotz aller Verdunklung nicht komplett „dicht“ ist, sondern durchaus noch Luft zum atmen lässt.
Interessant auch, wie sich das Album immer mehr zuspitzt, denn vor allem bei den letzten beiden Nummern wabert's dann erst noch so richtig heavy und dringlich.
Und eigentlich ist das Musik, die man erst „versteht“, wenn man sich ihr mit der richtigen, weit aufgedrehten Anlage hingeben kann, sich an heftig vibrierenden Boxenmembranen erfreut, oder sie meinetwegen auch mit guten Kopfhörern in entsprechender Tiefe auf sich wirken lässt.
Veröffentlichungen wie diese lassen mich in meiner verkümmerten Phantasie eigene Soundsystem-Partys schmeißen, damit ich das Ganze mal in wirklich adäquater Lautstärke hören, bzw. mich davon Ganzkörper-föhnen lassen könnte. Und in einer gerechten Welt würden jene Hipstermetaller, die sich bei Sunn o)))-Konzerten zwei Stunden am Stück zum Gedröhne die Beine in den Bauch stehen, aber jedwede elektronische Clubmusik per se ablehnen, dann raffen, dass das alles so weit gar nicht mal voneinander entfernt ist. Aber was der Bauer nicht kennt, das frisst er halt nicht, und eigentlich bin ich ja auch froh diese Leute nicht auch noch etwa beim Bassmusic-Nischenevent selbstgefällig in der Gegend rumstehen zu haben... Ich schweife allerdings mal wieder ab...
Da sich meine musikalischen Hauptinteressen und Schwerpunktvorlieben in den letzten paar Jahren nochmal immer mehr zu DJ-Mix-Musik und Dub-Schlagseiten erweitert haben und mich die vagen 
Bassgewalt-Gemeinsamkeiten von derartigem über Drone zum Doom suchen und finden ließen, war "Hellion" 2023 eine 2LP, die mit ihrer Mixtur aus klangkünstlerischem World-Building der düster-atmosphärischen Natur und stilistisch zeitgemäßen Headnod-Tanzbarkeitsmotiven abseits des Mainroom-Dancefloors durch eine weit offene Tür marschiert kam.


BIG|BRAVE - nature morte
(Thrill Jockey Records)
Sicherlich könnte man 
auch an dieser Stelle erstmal einige der üblichen Vollprofi-Plattitüden auspacken, in die Richtung, wie BIG|BRAVE sich auf dem phantastischen letzten (regulären) Album erst nochmal so richtig mit neuem Line-Up gefunden hatten und jetzt hörbar einen noch natürlicheren Flow als zuvor demonstrieren oder sowas. Die Tatsache, dass sich das nach abgelutschter Printmag- und Webzine-Schreibe von gestern lesen würde, die würde es allerdings nicht unwahrer machen.
Man könnte auch hinkende Gleichungen darüber zusammenkonstruieren, wie das kanadische Trio Folk-Einflüsse und Anwandlungen Björk'schen Schräg-Pops auf eine Art und Weise in eine doomige Noise-/ Postrock-Wand einbettet, die nahelegt, dass man im Camp BIG|BRAVE sowohl das eine oder andere Swans-Album gehört hat (stampfenden "Filth" genauso wie fließenden "The Seer"), als auch Sunn o)))'sche Dröhnereien zu schätzen weiß. 
Das alles wär' aber alles auch nur Blablabla, denn man muss es halt wirklich selbst gehört haben, wie sie hier einfach, nicht nur mal wieder, sondern auch noch weiter wie keine andere Band klingen.
Es ist nämlich einfach nur sensationell, beeindruckend, einnehmend, faszinierend. Es ist  wirklich anders als alle anderen Bands. Nicht einfach nur eigen, sondern emotional und authentisch, genauso kantig wie fließend, genauso schwebend wie schwer.
BIG|BRAVE werden wirklich immer besser und sind inzwischen sogar so gut, dass ich an dieser Stelle nicht mehr so wirklich weiter weiß, wie ich zu dieser Architektur denn dann noch tanzen soll. Eine Kapitulation, die das größte aller Komplimente ist.
Und ich sach’s dann jetzt mal ganz, ganz offen, als die gelegentliche Bissigkeit, die ich mir trotz Altersmilde mal zu Eurem Amüsement erlaube: Dass es hauptberufliche Musikjournalisten gibt, die im Rahmen solcher Events wie dem Roadburn mit narzisstischer Geltungssucht Pseudohippie-Rockstars bauchpinseln, aber die Großartigkeit einer Band wie dieser absolut nicht raffen können, das tut mir für BIG|BRAVE, die weitaus mehr Zuspruch als nur den von Nerds wie mir verdient hätten, zwar ein bisschen leid, aber dass Nerds wie wir diese Band somit für uns haben, das ist zumindest für Nerds wie uns dann ja irgendwie doch auch fast schon wieder so ein bisschen romantisch-schön, oder?
Jedenfalls sind BIG|BRAVE eine Band, die inzwischen wirklich und tatsächlich - paar Fünfer ins Phrasenschwein - in ihrer ganz eigenen Liga spielt und dabei nicht ganz so einfach zu be-/greifen ist. 
Müsste ich mich auf 'ne Jahres-Top-3 beschränken, wäre "nature morte" sehr wahrscheinlich mit drin!



DIVIDE AND DISSOLVE - Systemic
(Invada)
Kein Kampf kann je ohne Musik gekämpft werden. Gesellschaftliche Veränderungen wurden immer von ihrer eigenen Musik begleitet. Musik ist notwendig, um etwas zu bewegen. Musik hat eine Kraft und eine Macht, die wir niemals ganz erfassen werden.“ 
(-DIVIDE AND DISSOLVE's Takiaya Reed im Interview mit Deutschlandfunk Kultur)
Auch mit DIVIDE AND DISSOLVE ist's so, dass man sich ganz nüchtern betrachtet in eine der folgenden beiden Reihen anstellen könnte: In die „die machen doch echt auch immer nur das gleiche und soll das eigentlich überhaupt wirklich Musik sein oder ist das einfach nur Krach?“-Reihe oder die „das hier ist schon eine besondere Band mit eigener (musikalischer) Sprache“-Reihe. Dadurch, dass die neue Platte des Duos hier aufgeführt ist dürfte natürlich bereits klar sein, in welche Richtung ich da mitgehe.
Zwei junge Australierinnen mit indigenen Familienhintergründen brauchen keine Vocals, um  den kolonialistisch, kapitalistisch, rassistisch und sexistisch geprägten Strukturen unserer Welt ihre Wut entgegenzusetzen. Sie tun es instrumental und haben dabei mit ihrem  megabrachialen Drone-Sludge-Doom-Metal eine wortlose Sprache gefunden, die ich tatsächlich gut verstehe. Und diese Sprache ist konsequent. Sie zeichnet nicht lautmalerisch lauwarme Geschichten, wie's so viele mittelmäßige „Post-Rock/ Instrumental-Metal“-Bands vermeintlich gestandener Männer tun, sonst setzt sehr direkt durchschlagende Statements von Flächenbrand-Format.
Allerdings: Doch, man kann durchaus sagen, dass DIVIDE AND DISSOLVE ihren Stil auf diesem vierten Album (
nebenbei bemerkt dem zweiten auf Invada, Label von Geoff Barrow, auch treibende Kraft der Bands Portishead und Beak>!) noch ein bisschen auszuweiten wissen. Da ist noch mehr nuancierte Atmosphäre im Gitarren-Ton und im Drumming-Groove. Ja, da steckt noch mehr Gefühl und Ausdruck drin.
Ob Schlagzeugerin Sylvie Nehill wohl Fan von Earth' 
Adrienne Davies ist? Ich bin's jedenfalls ohne Frage von beiden! Dass Nehill die Band nach diesem Album, zumindest als tourendes Regulär-Kernmitglied verlassen hat ist schade, aber sie wird ihre Gründe haben.
Zurück zum Album: Geloopte Saxophon-Einlagen und kammermusikalisch anmutende Passagen verweben sich  wie gewohnt mit wuchtigst-kantigen Lärmereien von ganz eigener Handschrift, mit noch mehr Dringlichkeit als beim Vorgängeralbum.
Eher Genre-untypisch bleibt der längste Song dabei trotz aller Lautstärken-Epik unter der Sieben-Minuten-Marke, die meisten Tracks wollen sowas wie punkige Ausrufezeichen sein. Zwischendurch ein lyrischer Gastvortrag, dann wieder Zerstörung. Zerstörung mit Feeling und Seele.
Wie 
DIVIDE AND DISSOLVE's weiterer Weg nach Trennung des Gründungsduos aussehen und klingen wird, das muss die Zukunft zeigen. Als testamentarisches Abschlusskapitel ihres ersten Zyklus, oder wie auch immer man das nennen will, ist "Systemic" allerdings in seiner Konsequenz ein ohne Frage beeindruckendes Werk. 


DJ TRAX - Break from Reality 
(Over/Shadow) 
Eröffnen wir nun einen alphabetisch zufällig so fallenden Dreier-Lauf durch mein Lieblingsding abseits von Gitarrenlärm: Clubmusik wie eben Jungle/ Drum'n'Bass ist ja ein eher Singles-/ EPs-lastiges Musikgenre als ein Album-Genre, aber es gibt sie halt durchaus auch, die interessanten Langspielveröffentlichungen in diesem Feld.  
Over/Shadow haben 2023 direkt mal eben drei davon rausgetan. Die dritte war "Break from Reality" von David Davies aus Essex alias DJ TRAX (parallel zu einer ebenfalls empfehlenswerten 12” Single, die ihn nach Jaaahren auch mal wieder mit Paradox zu ihrem gemeinsamen Projekt Mixrace vereinte). 
Und "Break from Reality" ist tatsächlich auch eines dieser Alben, das vor allem auch als Album funktioniert. Dabei führt es uns in ein Territorium, welches früher nicht unbedingt meine Go-to-Variante derartiger Musik war, inzwischen aber doch eine Genre-Spielart ist, zu der ich eine stetig wachsende Zuneigung entdecke: Der eher luftig-atmosphärischere Rand eines old-schooligeren Jungle-Sounds. So geil ich vornehmlich düsterhart hämmernden Drum'n'Bass in der Natur der Sache (als Honk mit Metal-Sozialisierung) auch finde, zieht es mich in letzter Zeit recht deutlich doch auch immer mehr zu solchem, der einen eher etwas leichtfüßigeren Spirit versprüht.   
Ein paar Nummern der 2LP tackern zwar auch schon mal etwas wilder, die meisten der acht Tracks nehmen aber doch eher die eine oder andere Kurve zu Stimmungen mit fast schon Chillout-Vibes. 
Besonders hervorzuheben ist dabei z.B. das jazzsteppige ’Long Rhode Home’. Einfach nur wunderbar.  
An anderer Stelle sticht 'Reflections' als die Nummer heraus, die am wildesten flackert. 
Weitere Songs haben dann auch noch diese einerseits etwas dunkel-kühl umrandete, dennoch sehr soulfulle Aura, die eigentlich typisch für viele Metalheadz-Releases wäre. 
Was, ich wiederhole mich, lange nicht so wirklich das war, was ich von Drum’n’Bass gewollt habe, denn ich brauch(t)e es eigentlich kräftiger und düstere, oder auch mal im Ragga-lastigen Party-Mode.  Aber 2023 war dann irgendwie doch das Jahr, in dem auch meine Lust auf weniger hart und heftig kloppende Genre-Spielarten größer wurde. Altersmilde und so. 
Und da kam "Break from Reality" wohl gerade recht.  


DOM & ROLAND - Against a Dark Background
+DOM & ROLAND - Eminence / Time to Change
(Over/Shadow)
Over/Shadow zum zweiten: Dominic Angas und sein S-760 alias DOM & ROLAND enttäuschen ja eigentlich nie. Während der passend betitelte, 1998er Langspieleinstand "Industry" auf dem legendären Moving Shadow-Label als einer der wegweisenden Subgenre-Referenzklassiker schlechthin gilt (obligatorischer „Habbich sogar original auf Vinyl!“-Klammerkommentar an dieser Stelle), gab's zwischen seinem sehr guten letzten Album, dem 2020er "Lost In The Moment" und diesem Nachfolger z.B. ein paar 12"-Singles über das Moving Shadow-Sequel Over/Shadow oder sein eigenes Label, die so viel Substanz in Form von originellen Ideen und Soundqualität demonstrierten, dass er sich damit in meiner Wahrnehmung sogar von vielen anderen Drum'n'Bass-Produzenten noch weiter absetzte. Denn gerade auch seine physisch veröffentlichten Tunes der letzten Zeit sind oft nicht einfach nur generische Positionen für DJ-Mix-Stücklisten, die man nächste Woche schon wieder vergessen hat, sondern kleine Kunstwerke für sich mit nicht zu verachtender Eigenidentität, obendrauf dann auch noch zugleich von einer beachtenswerten klanglichen Transparenz wie auch drückenden Schwere.
Interessanterweise neigte Dom gerade auf seinem aktuellen 2LP-Album dann doch wieder etwas mehr zu seiner Vision von straighter Genre-Arbeit als bei einigen seiner letzten Singles davor oder danach: 
"Against a Dark Background" enthält vor allem zeitlose Drum'n'Bass-Musik, die eine Spätneunziger-Techstep-Kante mit zeitgenössischer Produktionspräzision umsetzt.
Ein rausstechender Hit ist dabei im Albummaterial schnell ausgemacht, denn der Erstdurchlauf von 'Clash of the Titans' war noch nicht ganz vorbei, als mir schon klar war, es hier mit einem meiner Instant-Lieblingstunes des Jahres zu tun zu haben. So groß und mächtig wie es der Titel verspricht, auch wenn der Sound für Dom-Verhältnisse dabei fast schon ziemlich muddy ist.
Sicher könnte man argumentieren, dass die anderen sieben Tracks drumrum mit diesem Trompeten-Sample-Ohrwurm dann nicht ganz mithalten können, wie's ein Bandkollege von mir sogar tatsächlich tut. Grundsätzlich mag ich Dom's Stil mit sowohl Punch als auch Atmosphäre aber halt sehr, welcher hier wieder etwas mehr Kante und „Grit“ zeigt, auch deutlich düsterer ist als auf dem mitunter eher pittoresk-minimalistischem "Lost In The Moment". Und so finde ich auch Nummern wie etwa den auf der Mitte erst noch so richtig drauflos knallenden Opener, das kühl scheppernde 'Duttydrum' mit dem clever gesetzten „Whoo!“-Sample, das treibend drückende 'Reinforced' oder das auf einmal gröber Synthbass-brummbollernde 'Scatter
' ziemlich geil.
Die parallel veröffentlichte Bonustracks-Single "Eminence / Time to Change" gehört dann allerdings auch noch dazu und hat - während das zunächst unscheinbare, in der zweiten Hälfte unvermittelt auf einmal doch noch in 'ne Reese-Bassline ausbrechende 'Eminence' auch nicht ganz zu verachten ist - mit dem Big-Beat-/ Trip-Hop-Vibes im besten Sinne versprühendem Vocalsample-Halftime-Groover 'Time to Change', der thematisch eine Sehnsucht nach besseren Zeiten (für alle) behandelt, den Riesenhit des Wurfs zu bieten. Wow!
Durchaus ein sog. Grower und ohne Frage einer meiner persönlichen Jahresabschluss-Spitzenreiter, wohl kein Album habe ich 2023 öfter gehört!
Und dass es dabei nicht blieb, sondern Dom '23 noch so einiges an weiteren Singles/ EPs raushaute, das war dann obendrauf auch noch gerne mitgenommen. 


EUSEBEIA - X
(Samurai Music)
Seb Uncles veröffentlichte als EUSEBEIA über die letzten 7-8 Jahre ja auch nicht gerade wenig. Von Tapes auf seinem eigenen Label, über den gelegentlichen Digital-Release (darunter zunehmende Kollaborationen mit Aisatsaana) oder Compilation-Beitrag, bis zu Vinyl-Singles/ -EPs und halt sogar Alben über in ihrem Feld durchaus namenhafte Label wie Future Retro, RuptureRepertoireWestern Lore oder eben Samurai Music kommt da inzwischen schon so einiges zusammen. So viel, dass ich kürzlich ganz bewusst beschlossen habe - so albern das jetzt vielleicht auch klingt - über dieses Album hinaus eben nicht anhaltend sein größter Fan sein zu wollen, weil mich bei einer derartigen Schedule am Ball zu bleiben (und dabei dann auch noch irgendwelche UK-Importe auftreiben müssen etc.) leicht wahnsinnig machen könnte (#FirstWorldProblems).
In den Kosmos von EUSEBEIA gelegentlich mal einzutauchen lohnt sich allerdings dennoch, denn der Name steht für einen eigenen Stil: Atmosphärischer Neuzeit-Jungle, der an angrenzenden Stilstichwort-Regionen eher auch solche wie Ambient, Dub, meinetwegen auch Trip-Hop streift, als zu Szene-Subströmungen wie heiterem Retro-Rave, modernem Brostep-/ Neuro-/ Jump-Up-Bratzgeballer oder zum (eigentlich durchaus Label-typischenDüster-Halfstep zu neigen. Halt gerne auch mal tempomäßig einen Gang zurückgenommener anstatt zackigstes 175-BPM-Gekloppe aus der Hüfte zu schießen, eigentlich fast schon wieder mehr Wohnzimmer- als Clubmusik. Weswegen das gelegentliche Album da zwischen den ganzen EPs und Singles auch mehr als Sinn macht.
Unter den zwölf Tunes von "X" gibt es darüber hinaus allerdings doch auch schon mal das kräftiger tönende Breakbeat-Feuerwerk im Vordergrund, wie z.B. bei 'Incline', 'Internal Combustion Of Fear' oder 'Into The Unknown'. Auch eine Nummer mit etwas angenoisten Sounds wie 'The Crossing' zeigt EUSEBEIA auf diesem Album von einer etwas härteren Seite als bisher gewohnt, schreitet dabei allerdings trotzdem durch die SciFi-Pforte in eine surreale Paralleldimension.
EUSEBEIA's Sound ist auf den ersten Hinhörer abseits der Breakbeats oft eher minimalistisch, bei genauer Betrachtung dann aber immer wieder mal doch auch sehr detailreich.
Und es ist wohl nicht zu weit gegriffen jetzt mal langsam aber sicher damit anzufangen, den noch verhältnismäßig jungen EUSEBEIA in einer Reihe mit eigenständigen Vorbildern britischer Breakbeat-Musik wie Paradox oder Dom & Roland zu nennen, denn in deren Liga ist er mit "X" ohne Frage angekommen.


GASWAR - Girl Vanishes on Way To Jive Club
(Rock is Hell)
Für Aficionados originalen Noiserocks, und als solchen würde ich mich durchaus bezeichnen, hatte das österreichische Label Rock is Hell als Vertrieb diesseits des großen Teichs im Jahresendspurt dann noch mal eben ein richtiges Highlight für Spezialisten zu bieten:
Wahnsinnsdrummer Jeff Mooridian Jr. und seinen Saitenkollegen Apollo Liftoff kennt man natürlich von Hammerhead - meine absolute Lieblingsband aus der Amphetamine Reptile-Liga - sowie deren Duoformationsnachfolger Vaz (auch nicht ohne, besonders hoch ist "Dying to Meet You" bei mir im Kurs), Chefweirdo Kevin Rutmanis wiederum war natürlich bei den Oberweirdos Cows dabei und zeitweise auch mal Melvins-Basser gewesen. 
Ende der Neunziger jammten sie schon mal zusammen, Dekaden später beschlossen sie nun, die Sache noch mal aufzugreifen und die unvollendete Musik zu einem Album zu finalisieren.
Und e
s kam, wie es kommen musste, wenn diese drei zusammenkommen:
Die acht Songs von "Girl Vanishes on Way To Jive Club" sind ein herrlich entfesseltes, infernalisches, verschrobenes Fest an schrammeligem, quietschig-krachigem, immer wieder mal ungeniert völlig aushakendem, rabiat und wild um sich schepperndem und weird-psychedelischem LoFi-Noiserock, bei dem der Noise im Lauf der ersten Albumhälfte passagenweise immer wieder mal noch ein bisschen größer geschrieben wird als der Rock, auch wenn die kürzesten beiden Stücke gegen Ende (das gemäßigte 'Midnight at the Bush Foundation' und das punkige 'Mom and Dad and Father') mal kurz etwas mehr Struktur antäuschen, bevor die Schlussnummer einfach nur in sich zerfällt. 
Weder versuchen sie zugängliche Standard-Songs zusammenzuschustern, noch hat man das Gefühl, es hier mit einer Art von gewollter Antihaltung zu tun haben, man erlebt hier schlicht und ergreifend drei Veteranen unangepassten Krachs, wie sie ihren Spaß an eben solchem haben, und das vielleicht sogar mehr denn je. 
Wie genau man dabei Kelleraufnahmen von damals in der Neuzeit noch mal aufbereitet und vollendet hat ist von außen irgendwie egal, GASWAR ist Zeitkapsel und Neubeginn zugleich.
Wenige Tage vor Weihnachten wurde ich dann jedenfalls doch auf einmal noch von einem anti-audiophilen Grinch-Hörerlebnis auf der Grenze zum Sadomasochismus aus meinem davor noch angesagten Dub- und Atmospheric-Jungle-Kuschelkurs gerissen, der mich in eine fast schon Hippie-eske Grundhaltung versetzt hatte, um mich dann doch noch drauf zu besinnen, was ich eigentlich bin: Ich bin ein total beknackter, hässlicher Weirdo, der sich von total beknackter, hässlicher Weirdo-Musik am meisten verstanden fühlt. Back to nature where we can be faster and harder, louder and free.
Wer könnte genau das nicht noch besser liefern als eine nicht so ganz nüchtern klingende Verschmelzung von Vaz mit Kevin Rutmanis
Es ist halt fast schon zuuu logisch...


GODFLESH - Purge
(Avalanche)
Kein Scheiß: Fast hätte ich "Purge" nach dem Motto „Joah, neuzeitliches GODLFESH-Album halt, was soll ich da jetzt sonst noch zu sagen, außer 'ich mag's'?“ unter etwaigen „Honorable Mentions“ abgetan. Und auch das mag jetzt von außen etwas albern wirken, aber als der Sommer in dunkelkühles Dauerregenwetter kippte, was meine zu der Zeit eh schon etwas gestresst-angeschlagene Laune weiter mit nach unten zerrte, da war ein  aktuelles GODLFESH-Album der genau richtige Soundtrack dafür.
Dass ich die tendenziell eher roughe anstatt geglättete Klangästhetik dieser Selbstwiederholung zwischen neandertalig-grober Brutalität, postpunkiger Dystopie und mitnehmend explosiven Maschinen-Rhythmen durchaus sehr ansprechend finde, was ich beim letzten mal halt auch schon festgestellt hatte, ist ja nichts neues.
Es ist allerdings irgendwie tatsächlich ein bisschen so, als würden die Herren Broadrick und Green sich mit jedem neuen Anlauf noch mal ein bisschen mehr dem Sound, Groove und Vibe nähern, der ihre Klassiker "Streetcleaner" und "Pure" zu bis heute unerreichten Dokumenten urban-tristesser Wutmusik macht, und mich damit jedes mal auch wieder ein bisschen mehr kriegen.  
Grundsätzlich höre ich einen auf dem Punkt gehaltenen Neumaterial-Nachschlag eines solchen Krachmacher-Originals auch eh nach wie vor schlichtweg lieber, als etwa den x-ten Häwie-/ Speed-/ Power-/ Thrash-/ Death-/ Bläck-Meddl-Klischeereiter-Aufguss, den nächsten substanzarmen Blackgaze-Screamometalcore-Ansatz, das neuste Dunkelpop-Nebenprojekt sonstiger Krawallmusikanten, irgendwelche Vintage-Hippie-Blues-Langeweile mit Schlaghose und Schnörres, durchironisierte Hipster-Funpunk-Dinger oder was sonst noch so um Aufmerksamkeit buhlen mag (jaja, ich bin der alte Mann, der über Wolken schimpft).
 „They play for the disenchanted Thrash fan who has grown bored of stage-diving and wearing crap T-Shirt“ hieß es über GODFLESH mal in einem eigentlich wenig wohlwollenden Live-Review des Kerrang!-Magazins anno 1992. Und was soll ich sagen: Wenn der Schuh passt, zieht man ihn halt an.
Die vorabausgekoppelte "Nero" EP, u.a. mit 'ner fast zehnminütigen "Dub"-Version des Stückes, kam dann natürlich obendrauf auch noch ins Plattenregal, denn für sowas habe ich schwer was übrig.


HACKEDEPICCIOTTO - Keepsakes
(Mute)
So ca. alle zwei Jahre gibt's ein neues Album von Danielle de Picciotto und ihrem Ehemann Alexander Hacke („of Einstürzende Neubauten fame“) unter HACKEDEPICCIOTTO-Banner und mit jedem mal finde ich ihre postapokalyptisch anmutenden Klagelieder und Beschwörungsrituale zwischen Folk-Grundsteinen, neoklassischen Schulterblicken, Tribal-Elementen, Postrock-Ansätzen, Drone-Versatzstücken und 'nem Hauch von Industrial eigentlich auch noch mal wieder eine Ecke spannender. 
Meine Wahrnehmung von "Keepsakes" ist dabei allerdings, dass die neun Stücke insgesamt, nun ja, 
etwas weniger „experimentell“ und dafür mehr „auf dem Punkt“ ausgefallen sind, das wiederum aber in verschiedene Richtungen, und dieses mal auch noch etwas positiver. 
Ja, a
uch das alles liest sich jetzt wie ganz schlimme Musikjournalisten-Floskeln von gestern, HACKEDEPICCIOTTO haben allerdings ohne Frage ihr eigenes musikalisches Vokabular gefunden, mit dem sie auf keinen Fall immer wieder die gleichen Geschichten gleich erzählen wollen. Diese mal sind die neun Stücke dabei eine Ode an die Freundschaft und Lieder über Dankbarkeit. 
Die Art und Weise, wie die Stücke 'Anthem' oder 'Schwarze Milch' mit Jazz-Elementen spielen hat dabei was von alten J.G. Thirlwell-Werken, 'Aichach' und 'Mastodon' wecken vage Filmscore-Assoziationen, vor allem 'Song of Gratitude' klingt auch wie etwas, das Denovali Records vor 10-15 mal rausgebracht hätten (was ich durchaus als Kompliment meine) und dazwischen betört das Paar dann auch noch mit ein paar lytischen und musikalischen Geschichten auf der Folk-lastigen Seite ihrer Stilbandbreite, abgerundet (oder vielleicht auch am Ende etwas offengelassen) durch ein irisches Traditional.
Was ich persönlich an 
HACKEDEPICCIOTTO dabei einfach irgendwie gut finde, das ist wie sich die Beiden ihr ganz eigenes musikalisches Universum erschaffen; mit nicht zu komplizierten Mitteln ziemlich Interessantes umsetzen; eine eigene, durchaus weitgefasste künstlerische Sprache haben, deren Erzählung keine ist, wie man sie jede Woche hört.   
So war es schon die letzten drei Alben davor, wie auch bei diesem, und mutmaßlich auch wieder beim nächsten... 



LOUD AS GIANTS - Empty Homes
(Consouling Sounds)
Musik 2023 war aus meiner persönlichen Konsumentenperspektive nicht immer ganz einfach. Offensichtlich durchlaufe ich derzeit eine Phase, in der ich von Jazz-Dub über Bigroom-Dance-Music 
bis zu dem einen Abrock- oder Ballerbrüll-Album der Saison, in das ich dann doch mal wieder reinhören möchte, zwar so einiges unterschiedliches mal anchecken wollte und das eine oder andere davon dann auch durchaus für den Moment goutieren konnte, dann wiederum aber eigentlich nicht mehr so wirklich von irgendwas überrascht oder mal so richtig eingenommen werde. Ja, sehr wahrscheinlich liegt das einfach nur an mir selbst, meinem abgeklärten Alter inkl. recht domestiziertem Mindset und Lifestyle, den entsprechenden Alltagsgewohnheiten meiner aktuell schon mal etwas Restfreizeit-defizitären Lebensphase, whatever.
Jedenfalls ist’s mehr und mehr so, dass „neue“ Bandnamen in der Playlist dann oft eigentlich auch nur Mogelpackungen der immergleichen Referenzen sind. Das neuste Nebenprojekt von Leuten, deren Kram ich seit meiner Jugend verfolge, die man jedes Jahr auf einem Event wie dem Roadburn sehen kann, die teilweise sogar irgendwie mit persönlichen Umfeldern von mir verwoben sind, und manchmal auch mehreres davon gleichzeitig.
"Empty Homes" ist so ein Fall, denn hinter LOUD AS GIANTS stecken der auf diesen Blogseiten relativ inflationär auftauchende Justin Broadrick (s.o. Godflesh, The Blood of HeroesJK FleshJesuTechno Animal bzw. ZonalTech Level 2 etc. pp.) und der belgische Ambient-Drone-Vorreiter und zuletzt immer mehr Richtung Jazz gegangene Gitarrist Dirk Serries (auch Continuum, Fear Falls Burning, Vidna Obmana usw.), welcher wiederum u.a. auch ein gelegentliches Impro-Kollaborationsprojekt mit jemanden betreibt, der tatsächlich außerdem in einer Band mit mir spielt. Und irgendwie sind's dann heutzutage häufig doch auch solche Verstrickungen, die den Hauptimpuls für einen Plattenkauf geben.
Diese LP habe ich z.B. tatsächlich eine Woche vor offiziellem Release mit nach Hause nehmen können, als Serries beim Moving Noises Festival auftrat. 
Das Teil enthält vier instrumentale Stücke interessanter Freiform-Musik, jeweils um die elf bis zwölfeinhalb Minuten, die dabei stilistisch garnicht mal sooo einfach einzutüten sind:
Gitarren und Synths verweben sich um rhythmische Elemente wie auch mal angezerrte Konserven-Kickdrums, so dass von Ambient/ Drone über sowas wie Postrock und ein bisschen Doom bis zu Anflügen von industriellem Broken-Beat-Techno und glitchy IDM irgendwie alles mit drinsteckt.  
Tatsächlich kommt derartiges meinen musikalischen Interessen dieser Tage eigentlich sogar ziemlich gut entgegen. Denn mal ganz abgesehen davon, dass diese Stichworte stilistischer Versatzstücke den zunehmenden Vorlieben fetischistischen Ausmaßes von mir entsprechen, finde ich Musik garnicht mal so selten halt gerade dann ansprechend, wenn sie einem einen gewissen Raum zur Ergründung lässt. Sie eben nicht aus generischen Strophe-/ Refrain-Standardmustern besteht, die man mit einem Durchlauf erfassen und abhaken kann, sondern dazu einlädt, immer wieder mal zu ihr zurückzukommen, weil das bessere Kennenlernen dann irgendwie doch schon mal ein bisschen länger brauchen kann. 
Und so war auch "Empty Homes" eines dieser Alben, das im Laufe des Jahres immer wieder mal rotierte und faszinierte.


MAGGOT HEART - Hunger
(Rapid Eye/ Svart)
Die Wahlberliner:innen MAGGOT HEART sind ein echt spezieller Fall. Einerseits tat ich den involvierten Musiker:ïnnen früher wohl etwas Unrecht damit, ihnen so eine Aura von Trve-Gehabe anheften zu wollen und einige ihrer ehemaligen Betätigungsfelder prinzipiell unsympathisch finden zu müssen, andererseits tourte man dann allerdings u.a. mit 
Voïvod oder Unsane, positionierte sich also in der Total-mein-Ding-Ecke. Einerseits neigt ihre Musik durchaus so ein bisschen in den klassischen Hardrock, den ich irgendwie lange hinter mir gelassen zu haben meine, andererseits sorgen Postpunk-, Noiserock- und Schräg-Metal-Tendenzen Richtung Killing Joke oder eben Voïvod dafür, dass sie sich aus dieser Total-mein-Ding-Ecke eben auch nicht mehr vertreiben lassen wollen.
Sie sind eine Heavy-Metal-Band mit experimentellen Ecken und Kanten, 
auf diesem durchaus existenten Knotenpunkt von Alice Cooper und Amphetamine Reptile, zwischen Motörhead'scher Sex-, Drugs- und Rock'n'Roll-Zeitlosigkeit, old-school-feministischer Mittelfingerattitüde, der korrodierenden Atmosphäre urbaner Dystopie im Schatten Berliner Bunker, einer ordentlichen Portion an skandinavischem Black-Metal-Spirit, dem gelegentlichen Tritonus-Quietschriff mit Salut in Richtung Denis "Piggy" D'Amour (Rest in Power) und einer Tendenz, trotz aller Liebe für Musik von Blue Öyster Cult bis Celtic Frost z.B. auch mal 'ne Noiserock- oder Weirdo-Krach-Band auf dem eigenen Label rauszubringen, oder das Record-Release-Konzert mit 'nem Industrial-Techno-Abend zu kombinieren (finde 
im Netz gerade irgendwie nicht mehr sowas wie einen Flyer dazu, bin mir aber ziemlich sicher, dass sowas in der Art mal stattfand).
Kennt man die Metal-Fan-/ Hobbykünstler-Kreise, in denen ich mich früher viel bewegt habe, dann ist diese Offenheit in die wirklich abseitigeren Richtungen durchaus erwähnenswert. 
Es wirkt vielleicht ein bisschen klischeehaft konstruiert, wenn ich das so aufrufe, aber in einer Welt, in der sich die meisten Rock'n'Roll-People und Meddlkudde-Träger da draußen nur noch nach Zahlen gemaltes und nach Regeln gespieltes vorsetzen lassen wollen, und das halt auch von vielen uninspirierten Wiederkäuerkapellen bekommen, in der sind MAGGOT HEART eine der letzten Lederjacken-Bands, der tatsächlich noch eine gefährliche, unzähmbare Ausstrahlung anhaftet, die dieser satten, müden, durchgenormten Spießer-Szene ansonsten weitgehend abhanden gekommen ist.
D
eswegen kam auch ihr dritter Longplayer selbstverständlich wieder ins Plattenregal. 
Das Cover ist komisch, dafür überzeugen die acht Songs aber um so mehr.
Und seht es mir 
bitte nach, jetzt eben doch nicht im Detail darauf einzugehen, wie die eine Nummer wilder abgeht und die andere getragener ist, die jeweiligen Schlussnummern von A- und B-Seite gelungen gesetzt sind; dass man, wenn man sie hören möchte, sogar Jesus-Lizard-artige Momente ausmachen kann, und so weiter und so weiter... Denn über pure Rockmusik zu reden ist etwas, das ich sehr müßig finde. Hier greift nämlich schlicht und ergreifend diese "I know it's only Rock'n'Roll (but I like it)"-Sache (auch wenn ich wirklich kein Stones-Fan bin).
Man munkelt ja, Bandleaderin Linnéa wär' ein bisschen wahnsinnig, aber vielleicht muss man das ja auch einfach sein, um 2023 ein aufbegehrendes, kathartisches Rockmusikalbum von kreativer Substanz und künstlerischer Relevanz abzuliefern, das sogar einem inzwischen komplett Nischenkrachfetisch-versautem, müden, altem Nerd wie mir gefällt.
Dass Linnéa hier mit ihrer Rhythm Section hörbar weiter zusammengewachsen ist, das schadet als abschließende Feststellung dann wohl ebenfalls nicht.


MORNE - Engraved with Pain (Metal Blade) Dass ich abgesehen vom gelegentlichen Voïvod -, Napalm-Death- oder meinetwegen auch Carcass-Album Musik kaufe, die über eine traditionellere Meddl-Plattenfirma erscheint (wie im Falle dieses Albums via Metal Blade Records, die immerhin wiederum mit Armored Saint und Sacred Reich zwei wichtige “Alteisen-Marken” im Programm haben, die ich auch nach wie vor noch mehr oder weniger verfolge), das kommt heutzutage ja auch nur noch selten vor. MORNE wiederum sind allerdings auch eine Band auf dieser sympathischen Schnittstelle von Metal-Musik und Punk-Attitüde, auf der sie die Dunkelrock-, Doom- und Proto-Death-/ -Bläck-Metal-Tendenzen aufgreifen, die im Grunde genommen schon urzeitlich parallel in Crust-Pionieren wie Amebix und Düsterrumpel-Ikonen wie Celtic Frost steckten, um das Ganze neuzeitlich eingeordnet weiter zu stricken. Mit einem Schulterblick ins “Epic Crust”-Subgenre kommen bei den Bostonern Elemente aus kühl-atmosphärischem New-Model-Army-Postpunk, zähem Neurosis-Doom und bollerndem Bolt-Thrower-Groove zusammen. Und da, wo mir eine Band wie die At-the-Gates- und Martyrdöd-verbandelten Agrimonia eine derartige Mixtur zuletzt leider ein bisschen zu sehr in die Richtung des Göteborg'schen Dudel-Deaths gerückt haben, da haben MORNE einfach diese raue Kante, die nicht ganz untypisch für eine Band von der US-Nordostküste ist. Schon der eröffnende Titeltrack holte mich nach dem etwas zu lang geratenen Rausch-Intro auf so einer, wie gesagt rauen wie epischen, bollernd groovenden Bolt-Thrower-/ Neurosis-/ Amebix-Schnittstelle direkt wieder ab und nahm mich dann auch über die folgenden Songs komplett mit. Gerne auch auf Repeat, wie man es im CD-Zeitalter mal ausgedrückt hat. Das Ende mit Gitarrensolopart-Fadeout ist dann zwar leider etwas unglücklich-antiklimaktisch, was aber auch wirklich das einzige ist, das ich am verhältnismäßig kompakten "Engraved with Pain" auszusetzen hätte. Dass sich hier so 41 Minuten Gesamtspiellänge auf vier Tracks aufteilen, weil gut' Dinge manchmal eben doch Weile haben will, eine Platte dann aber auch reicht anstatt unbedingt eine 2LP vollmachen zu müssen, das ist dann nämlich tatsächlich auch eine Sprache, die ich verstehe. Und nein, es ist nicht so, als hätte man sowas noch nie gehört, aber für mich ist das hier einfach - vielleicht etwas trockene Produktion hin oder her - so eine „ungekünstelte“ Art von ((Crust-)Doom-)Metal, die mir eben weder klischeehaft übertrieben, noch uninspiriert nach Zahlen gemalt vorkommt, sondern eine wirklich authentische Aura mitbringt. Etwas, das man im Metal™ (und von modernem „Metalcore u.ä. fangen wir garnicht erst an) ansonsten ja leider weitgehend verlernt hat.
"Engraved with Pain" ist eines dieser Alben, das nicht wirklich irgendwie auffällig spektakulär wäre, sondern eigentlich schon verhältnismäßig „Meat and Potato“ ist, mir aber gerade auch deswegen in seiner eigenen Altherrenwutmusik-Nische, abseits von sowohl abgelutschten Schablonen-Subgenres als auch hippem Zeitgeistlärm, mehr oder weniger konkurrenzlos scheint.


NADIA STRUIWIGH - Birds Of Paradise
(Dekmantel)
Die aus Rotterdam stammende NADIA STRUIWIGH ist ein gutes Beispiel für eine Künstlerin, die einen interessanten Cross-Promotion-Spagat zwischen alter Schule und sog. neuen Medien hinbekommt. Auf der einen Seite veröffentlichte sie schon ein Album auf dem Bochumer Boutique-Label Denovali, kann sich einen Central Processing Unit Release in die Vita schreiben und legt auch schon mal DJ-Sets in namenhaften Techno-Clubs oder beim Fusion Festival auf, auf der anderen kennt man sie außerdem als „Synthtube-Persönlichkeit“, die einer nerdigen Special-Interest-Klientel für Gear-Präsentationen, Hardware-Jams, Musikproduktions-Tipps u.ä. im Internet geläufig ist, und dann z.B. auch mal im Rahmen der Superbooth vor eben dieser auftritt.
Natürlich könnte man das auch einfach als 
zwei Seiten der eigentlich gleichen Medaille abtun, dennoch bin ich der Meinung, dass auf eben dieser Schnittstelle beider Schienen gleichermaßen wahrgenommen zu werden gar nicht mal so alltäglich ist. Und eben diese Schnittstelle ist sowas wie die Einflugschneise zur Nische, in der meine „Hobby-Interessen“ der letzten Jahre am meisten zusammenkamen, zu denen neben drehenden Schallplatten eben auch gedrehte Synth-Knöpfe zählen.
Nadia's neue 2LP "Birds Of Paradise" ist jedenfalls ein Album mit gelungen ansteigender Spannungskurve:
Zunächst taucht man in Ambient-Gangarten mit obligatorischer "Blade Runner"-Aura ein, um im weiteren Verlauf der zwölf Tracks dann immer mehr von technoiden IDM-Elementen und Halftime-Broken-Beats irgendwo zwischen FSOL und Aphex mitgenommen zu werden, bis die letzten beiden Tracks sogar sowas wie flotte Jungle-Vibes mitbringen.
Womit auch hier vieles von dem zusammenkommt, was ein alter Typ mit neuentdeckter Synthesizer-Liebe 
wie ich an elektronischer Musik gut finden kann und tut.
Zusammen mit Drumcorps' nicht ganz unähnlichem, leider rein digitalen Minialbum “Night Ride” war "Birds Of Paradise", so wie im Jahr davor die immer noch aktuelle Tangerine Dream und das Ambient-Album von Blood Incantation, irgendwie interessanterweise genau die Art von Musik, die 2023 in so eine vage „genau sowas möchte ich im Moment hören“-Kategorie fiel.


SANDRIDER - Enveletration
(Satanik Royalty Records)
Etwas, das gerade auch auf Rock-/ Punk-/ Metal-Bands im weitesten Sinne, die mich besonders ansprechen immer wieder zutrifft ist, dass man ihnen diese Floskel attestieren kann, "zwischen den Stühlen zu stehen
".
Und dass sie halt keine generische Bedienung für irgendeine Subszeneschublade abspulen, sondern sich durch ein Freistil-Bermurdadreick, in ihrem Fall irgendwo zwischen Punkrock/ Post-Hardcore und Sludge'n'Stoner-Metal lärmen, das ist in der Tat auch beim Akimbo-Ableger SANDRIDER so.
(Dabei ist es im Übrigen wirklich nicht so, dass ich mir eine Band wie diese deswegen bewusst als Lieblinge aussuchen würde, sondern viel mehr so, dass mich eine solche komischerweise einfach am direktesten anspricht, ohne dass ich das eigentliche Warum wirklich benennen könnte...)
Trotz allem Gelärmes, Gepolters, Gestampfes und Geklöppels ist da so eine gewisse Leichtigkeit in der spielerischen Attitüde des Trios, die man von vielen anderen Bands so nicht kennt. Es werden keine Aggro-Klischees gepflegt, oder gekünstelt der ganz harte Macker markiert, hier wird kein Krach und/ oder Geballer um des Krachgeballers Willens fabriziert - die energische Aura dieser Band ist einfach authentisch und dabei irgendwie auch eher positiv. Schon ziemlich Rawk'n'Roll, aber mit so einem ganz speziellen Vibe und mit ganz eigenem Verve.
Genau das machte schon aus ihrem 2013er Zweitwerk "Godhead" einen regelrechten Lebensretter und genau das funktioniert auch eine Dekade später beim vierten Longplayer wieder mal ausgezeichnet. 
"Enveletration" hat dabei dieses mal keine direkt rausstechenden Hitsongs, wie es das insgesamt nicht ganz so starke "Armada" 2018 mit dem dem Fast-schon-Emorefrain-Groover "Banger" hatte, aber über eine regelrecht elektrisierende Gesamtlaufzeit jede Menge erbaulicher Momente im Gib-Stoff-nach-vorne-Modus voller roher Energie. 
Von der ersten bis letzten Sekunde ist "Enveletration" einfach nur großartig, ein Gute-Laune-Album der rabiateren Natur. 
Und ich sag's dann mal ganz ungeniert: Ich liebe diese Band und habe in diesem Fall den schon leicht wehtuenden Importpreis für die Platte (in "White & Blue Handpour") tatsächlich bezahlt. Wenn ich mich dafür entscheiden müsste, nur 5 Platten aus diesem Jahr zu behalten, wäre "Enveletration" tatsächlich die erste Wahl.
Das Weihnachtsgeschenk der Alternative-Tentacles-7" "Aviary/ Baleen" sollte man außerdem natürlich nicht unerwähnt lassen.
Können wir jetzt noch 'ne Europatour bekommen? Einen Roadburn-Auftritt? Irgendwie sowas, um das ein mal in diesem Leben live genossen haben zu dürfen?

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