„Most rock journalism is people who can’t write interviewing people who can’t talk for people who can’t read.“
- Frank Zappa, 1977
Wobei... nicht nur „Alben“, sondern auch „Resteverwertungs-Compilations“ u.ä. …
Man merkt wohl jedenfalls wirklich mein Alter, wenn sich auf diesen Seiten jetzt mal wieder gehäuft die Namen diverser Neunziger-Jugendhelden tummeln. Die Zeiten, in denen ich mit Wonne irgendwelchen Drone-Doom-, Atonal-Metal-, Grindpunk- oder Noiserock-Nachwuchs entdeckt hätte, die sind eh vorbei. Im Grunde genommen überlege ich jetzt schon wieder, das hier nächstes Jahr dann mal wieder zu lassen, weil es ist ja auch irgendwie Quatsch. ;)
Jedenfalls muss ich dann jetzt auch noch gestehen, dass ich ein paar Sachen, die hier fast aufgetaucht wären, dann doch vorerst durch's Raster fallen ließ, etwa weil ich bei aller Liebe keinen Block mehr hatte, noch mehr teure Platten teuer direkt aus dem Ausland zu bestellen, oder auch weil ich mir so einige Meddl-Alben von Meddl-Bands, von denen ich mir neues früher im Autopiloten geschossen hätte, dann dieser Tage doch mal gespart habe, weil mir nach sowas im Moment anscheind einfach so gar nicht mehr der Sinn steht.
Dann wiederum tauchten doch noch ein paar Sachen auf dem Radar auf, für deren Schallplatten ich paar Euro mehr gelassen habe, als noch vor'n paar Jahren für sowas auszugeben gedacht hätte, weil's dann doch dieses eine oder jenes andere eine Album war, welches dann doch irgendwie sein musste.
#FirstWorldProblems hoch Zwölf schon wieder, das alles, "go figure" und so weiter, ja.
Immerhin haben wir hier allerdings jetzt dennoch den buntesten Strauß an musikalischen Gangarten von Ambient-Gesäusel über dann doch mal wieder die eine Altherren-Rockcombo bis zu brachialstem Getöse ...
16Pad Noise Terrorist – Unmute
(Hands Productions)
Industrial-Breakcoreler und Modular-Synthesist Candy Schlueer alias 16Pad Noise Terrorist trat letztes Jahr nach ein paar Jahren Pause mit der wirklich gelungenen "Return" 12" EP (DnB-Mix-taugliches Material und Pole-Remix? Sehr cool!) und einem wirklich toootaal geilen Live-Auftritt zurück auf die Bildfläche, nun gab's dann auch noch ein umfangreiches neues Langspielalbum auf CD dazu.
Mit der musikalischen Welt von 16Pad Noise Terrorist ist's jedenfalls tatsächlich so ein bisschen, als wäre man in ein Paralleluniversum gezogen worden, das dem gewohnten in seinen Einzelteilen nicht unähnlich, in der Zusammensetzung der Elemente dann aber doch etwas befremdlich ist. Neuro-Drum'n'Bass-Ansätze, Industrial-Soundästhetiken, gelegentlich sogar mal der Blade-Runner-eske Pad-Sound, glitchy Breakcore-Wahnsinn und sogar Metal-inspirierte Drumpattern sind Dinge, die man alle schon mal gehört hat, aber eben noch nie genau so zusammengewürfelt wie hier.
Und wenn ich mal gaaanz ehrlich bin, finde ich zwar nicht jeden der 16 Tracks total geil (davon 14 reguläre und zwei externe Remixe), aber ich trete schon seit Jahren dafür ein, dass Musikbegeisterung und Kunstverständnis eben nicht nur heißen sollte, sich den Kühlschrank in die Arktis stellen, sondern sich auch mal auf was ein zu lassen.
Wann wieder live?
72% – I’m Not Happy And That’s On You Three
(Other Shoe)
Wahrscheinlich
können sog. "neurotypische" Zeitgenoss*innen die spezialinteressierten
Begeisterungen für derartige Zusammenhänge, die jemand wie ich bei sowas
dann mitunter empfindet, null nachvollziehen, aber es ist halt so: Das
ganz neue Musiklabel Other Shoe wurde von keinem geringeren als Alan Moore („Writer / Wizard / Mall Santa / Rasputin Impersonator“) mitgegründet. Ich liebe einige seiner Arbeiten im Bereich der Comics
(nicht alle - seine allzu zynischen Anwandlungen an 1-2 Stellen, zu
denen er sich bei Frustrationen und Brüchen mit der Comics-Industrie
verleitet fühlte sollte man ignorieren können - aber doch so einige) und
bin sogar so großer Fan von ihm, dass ich mit ihm zu Büchern für
Erwachsene weitergezogen bin und mir auch etwa Kurzgeschichtensammlungen und epische Romane von ihm aus jüngerer Vergangenheit gebe.
Wie
und warum genau er eigentlich mit der wie er aus Northampton, England
stammenden Band 72% verbandelt ist, das muss man wahrscheinlich nicht
wirklich wissen.
72% (ehemals "72% Morrissey", zwischendurch auch
"Seventy Two Percent") wiederum sind ein mir vorher ebenfalls bereits
bekannt gewesenes, primär instrumentales Noiserock-Trio. Und
vorwiegend instrumentale Gitarrenlärm-Musik mit kantiger Kante ist dann halt
auch so ein Ding in der Top 5 meiner „genau mein Ding!“-Dinger.
Wobei
ich mir ehrlich gesagt nicht so sicher bin, ob ich das hier, bei dem
auch schon mal bei einem Track auf dem Punkt gehaltenes Einwort-Slogan-Geschrei
aufgefahren wird, wirklich noch als "Noiserock" eintüten würde. Wie wäre
es vielleicht eher mit metallisch-massiver Noiserock/ Post-Hardcore mit Math-Tendenzen oder sowas? Vergleichsreferenz etwa: Wie Dysrhythmia, wenn sie nicht sooo djentig geworden wären? Thinking Man's Metal in der „wir müssen so weit aufdrehen, weil man selbst spüren muss, dass man noch lebt“-Variante, mit dem rauen Charme bzw. der charmanten Rauheit, wie es eben nur Briten können und dürfen? Ja, irgendwie sowas, whatever.
Auf
der Gästeliste ist dann übrigens auch noch Ken Mode's Jesse Matthewson
als Vocalist bei der Nummer "First Time I’ve Felt Anything For A While"
dabei.
Die kanadischen Ken Mode sind ja auch eine dieser „obwohl ich aufgrund meines
altersbedingt sinkenden Testosteronspiegels ja eigentlich kaum noch
irgendwelchen Aggro-Krawall hören möchte, ist der metallische Noiserock/
Post-Hardcore dieser Kanadier von und für Nerds dann ja doch etwas, das
ich für immer zu schätzen wissen werde“-Bands. Hier kommt viel zusammen, das einfach passt.
Das mit dem Coverartwork üben wir trotzdem noch mal.
Big | Brave - In Grief Or In Hope
(Thrill Jockey)
Was ich an Big | Brave ja schon länger besonders schätze ist, dass sie sowas wie "Forschungsreisende" anstatt einfach nur Performende sind.
Während sie auch schon mal verblüffende Sidequests wie Country-Music-Kollaborationen mit anderen Krachmaten oder ein Album voller Geräuschexperimente statt Songs im konventionellerem Sinne durchziehen, zog sich durch ihre regulären Alben bisher so eine klare Linie, die ganz eigene Ausdrucksform immer weiter und tiefer auszuformen. Dazu gehört dann wohl auch schon mal den gelegentlichen Quantensprung zuzulassen, anstatt sich nur um Nuancen zu verschieben: Mündete dies schon beim 2024er "A Chaos Of Flowers" in mehr fließendem Drone und noch viel mehr Gefühl in der Folk-geprägten Gesangsmelodiefürung, so geht "In Grief Or In Hope" nun einen vielleicht etwas unerwarteten, dann wiederum aber eigentlich doch auch irgendwie konsequent-logischen Schritt weiter, denn es ist ein Album ohne Schlagzeug!
Ja, richtig gelesen, diese speziellere Rhythmusarbeit, die auf so geilen Alben wie "Vital" oder "nature morte" ein nicht ganz unwichtiger Teil der Bandidentität war, ist hier eine "freiflächigeren" Herangehensweise gewichen.
Ob bzw. warum Drummerin Tasy Hudson aus dem zwischenzeitlichen Quartett (und nun wieder Trio, nur anders?) auf einmal ganz raus ist weiß ich nicht wirklich, aber es scheint so.
Die gelegentlichen, zuvor ja eher hinkenden Sunn o)))-Vergleiche dürften jedenfalls mit diesem Album mal wieder verstärkt auf den Plan kommen.
Acht Songs lang wird die Stimme von Robin Wattie auf "In Grief Or In Hope" von flächig fließenden Saiten- und Tastenlärm getragen, tief eingebettet, herausschneidend (ist das da beim groooßartigen "an uttering of antipathy" eigentlich Autotune?) oder auch schon mal passagenweise ganz ausgelassen, von einer wirklich faszinierenden Soundwelt, die atmosphärisch wabert, schroff dröhnt und immer wieder auch wie kaputt in sich zusammenfällt.
„Haha, gerade Du als Schlagzeuger und Beatbastler findest das gut?“ höre ich von da hinten schon wieder die Häme von dem einen Musiknaziklugscheißer, der dem unbedingt einen mitgeben muss, nur weil es überhaupt nichts für ihn ist.
Die Antwort darauf ist schlicht und ergreifend: Ja. Tatsächlich. Einfach nur ja.
dälek – Brilliance of a Falling Moon
(Ipecac)
Das ging schnell! Aus 2025 heraus überraschte das Kooperationsalbum von MC dälek und This Heat-Drummer/ Solokünstler Charles Hayward noch
mal eben als unerwartetes Highlight - was mir tatsächlich auch so eine
Art von, auch mal wieder Public Enemy und Saul Williams auspackender „krachiger Hip-Hop“-Phase verursachte - da schoben Will Brooks und sein
Mitstreiter Mike Mare nun auch noch mal eben ein reguläres neues
dälek-Album mit in dieses Frühjahr, bevor es kurz danach auch mal wieder auf die Roadburn-Bühne ging.
Die gleichermaßen von Einstürzende Neubauten, My Bloody Valentine und Public Enemy beeinflusste Musik von dälek ist ja irgendwie auch schon so eine gewisse Konstante in meinem Leben, denn ich verfolge das seit mich das 2005er Album "Absence" damals mit seinen Industrial-esken Klangflächen verblüffte und begeisterte.
"Brilliance of a Falling Moon" bringt keine wirklichen Überraschungen, aber wenn man vom Drei-Dekaden-Meilenstein kreativer Aktivität unter einem Bandbanner nicht mehr so weit entfernt ist, dann ist auch das gelegentliche, "typisch" klingende Album irgendwie schwerstens okay.
Ich persönlich finde die acht Nummern relativ zugänglich, allerdings ist wieder mal kein so catchy-hittiger Track wie "(Subversive Script)" oder "Gutter Tactics" geglückt.
Einerseits schade, andererseits macht's auch nicht wirklich was.
"Brilliance of a Falling Moon" funktioniert nämlich ohne irgendeinen Track hervorzuheben als Allbum in seiner Gänze ziemlich gut und hat über die letzten 3-4 Monate nicht aufgehört immer wieder mal auf dem Plattenspieler zu landen.
DUG – Mule
(The Ghost Is Clear Records)
Ja puh, hier dann noch mal der Kurzabriss: Vor Jaaahren spielte ich mal mit meiner inzwischen nicht mehr aktiven Noiserock-/ Weirdo-Metal-Duoformation ein gemeinsames Konzert mit dem amerikanischen Noiserock-Trio Buildings zusammen. Und das irgendwie witzige daran ist, dass aus dem Noiseorck-Trio Buildings dann mit DUG ein Duo mit weirden Sludge-/ Drone-Doom-Tendenzen hervorging, während ich inzwischen mit einem Trio in Drone-/ Sludge-/ Noise-/ Whatever-Doom-Gefilden unterwegs bin. Irgendwie gleicht das Universum ja doch alles aus o.s.ä. (Buildings gibt es im Übrigen nun auch doch wieder, Travis und Mike führen Dug aber mindestens gleichwertig weiter).
Dug's 2022er Zweitwerk "Pain Machine" ist jedenfalls wohl eines meine bisherigen Lieblingsalben dieses Jahrzehnts. Was eine gewisse Aussagekraft hat, bedenkt man, dass ich über die letzte sieben Jahre oder so ja wirklich immer weniger superbrachiale Musik mit Grölvocals goutiren wollte. Aber es ist wohl so, dass etwas, womit man mich auch in einem derartigem Kontext immer wieder kriegen kann, halt so eine gewisse Weirdness ist. Etwas anders machen als alle anderen - nicht um des anders sein und weird rüberkommen wollen willens, sondern weil's halt ein Ausdruck des authentischen Selbst ist, anstatt sich Wiederkäuer-mäßg in dem einzureihen, was einem die ganzen phantasielosen Spießer da draußen so als das normale und richtige einreden wollen. I can relate.
Wenn sowas wie Sludge-Doom mit der punkigen Rauheit und vage-nonkonformistischen Weirdness einer Noiserock-geschulten Slackertyp-Attitiüde zum Besten gegeben wird, dann ist das jedenfalls total mein Ding ("duh"?!?).
Im Laufe der vier Tracks des vierten Albums "Mule" halten sich die Experimente in Grenzen, sieht man mal etwa vom atmosphärischeren Intro ab, bevor die Eröffnungsnummer in Riffgewalt übergeht, oder davon, dass die instrumentale Schlussnummer dann wirklich wie Sunn o))) mit Drums klingt, aber eben genau diese etwas weirde Mischung aus Sunn o)))-Soundwucht und Helmet-Kante ist halt exakt das, was das geile an Dug ist.
Und jetzt bitte endlich mal zu 'nen paar Euro-Dates 'rüberkommen, Jungs!
Eraserhead – Violence
(Love Love Records)
Tatsächlich hatte ich mich bis gerade eben noch nie so richtig damit beschäftigt, dass der unter dem Banner Jim'll paint it einigen Internet-Fame habende MS Paint (!)-Künstler James Murray aus Bristol auch Musiker ist, in der Vergangenheit u.a. schon Gabba-Breakcore-Irr- und Mashup-Blödsinn fabriziert hatte und bei einigen digitalen EP-Veröffentlichungen in jüngster Vergangenheit nun eher zu Ambient neigt.
Das alles ist mir so sympathisch, dass seine aktuelle 2LP-Veröffentlichung über Love Love Records schon mehr aus so einer prinzipiellen Sache heraus anstatt vor allem wegen der Musik ins Haus kam.
Allerdings lässt sich die Liste gastierender Mitwirkender dann auch noch sehen:
Nicht nur naheliegende Breakcore-/ Bassmusic-Kollegen wie Enduser und Gore Tech sind bei je einem Track dabei, sondern dann u.a. auch noch der für dubby Clubmusic auf höchsten Niveau bekannte Om Unit (a.k.a. Philip D Kick)!
Weil "Monsters of Mashup" 2005 war, wirkt so ein Album-Konzept wie "Violence" zwar auch schon wieder ziemlich aus der Zeit gefallen, aber da uns die Naturgesetzmäßigkeiten der Retrowellen-Kreisbewegungen zuletzt auch schon sowas wie ein vermeintliches (Proper) Dubstep-Revival beschert haben, ist's wohl auch einfach nur logisch, dass derartiges dann jetzt auch noch mal wieder 'rankommt.
Wobei die durchaus "seriöse" Bandbreite der 2LP dann doch ein bisschen überrascht:
Nach dem Ambient-Introtrack mit ogligatorischem Cyberpunk-Vibe rappt Gastvocalist Beans über 'ne ziemlich weird-wild flirrende Nummer, die folgende Om Unit-Zusammenarbeit groovet mit gemäßigtem Garage-Vibe plus Acid-Synth, mit Enduser zusammen gibt's natürlich sowas wie Drum'n'Bass, und Nadia Rose rappt dann wieder über einen Trap-ig fräsenden Headnodder.
Es folgen sowas wie weirder Techno, Kram mit Dacehall-/ Bassmusic-Schlagseite, auch mal ein Dubstep-Stampfer oder der derbere Techno-Klopper, zwischendurch und zum Schluss wieder Ambient-esques.
„'Violence' is the culmination of a bitter wave of inspiration, initially conceived in the wake of a personal tragedy that quickly grew into a broader polemic about the state of the world.” sagt der Erklärungstext aud der Bandcamp-Seite.
Frustration führt ja manchmal zu Kunst, die von außen sehr unterhaltsam sein kann. Eraserhead's "Violence" ist ohne Frage so ein Fall!
Fugazi – Albini Sessions (Benefit for Letters Charity)
(Dischord Records)
Steve Albini (R.I.P.) zum ersten von drei malen in dieser Auflistung, und ich packe selten rein digitale Releases mit in eben solche, aber diesen gibt's halt nur als Bandcamp-Download.
Und ja, im Grunde genommen hätte es somit vielleicht besser unter die Digtial- oder auch Reissue-Auflistungen in der epischen Halbjahresbilanz-Einleitung gepasst, aber whatever.
Die gesamten Hintergründe dazu kann man auf eben jener Bandcamp-Seite nachlesen.
Was später mal das dritte Fugazi-Langspielalbum "In on the Kill Taker" wurde, das gab es zuvor schon mal als bei Steve Albini in Chicago angegangene Aufnahme, die dann abgesehen von später mal kursierenden Bootleg-Kopien aber doch nie veröffentlicht wurde, weil beide Parteien etwas unzufrieden mit dem Ergebnis waren.
Fugazi hauten das Ganze dann jetzt 34 Jahre später doch noch mal raus und geben jeden damit eingenommenen Dollar an Letters Charity, eine wohltätige Organisation, die Albini am Herzen lag.
Und dafür kann man dann halt auch glatt mal den Zehner dalassen, um sich mit gutem Gewissen ganz offiziell an der Roughness dieser Rarität zu erfreuen!
Killing Joke – Extremities, The Albini demos and live beginnings '88
(Overdrive)
Veröffentlichungen, die einen posthumen Resteverwertungs-Charakter haben (und dann auch noch nicht gerade als „Schnapper“ kommen...) lege ich mir eigentlich wirklich nur von inspirativen Bands zu, von denen ich wirklich sehr, sehr großer Fan bin.
Und Killing Joke, deren einzigartiger Gitarrist Geordie Walker 2023 diese Welt verließ, sind für mich halt echt eine der wenigen Bands in dieser Kategorie (klar).
Außerdem würde ich mich durchaus auch als Fan des außerdem bald schon zwei Jahre nicht mehr unter uns weilendem Toningenieurs, Musikers, passioniertem Kochs und Profipoker-Champions Steve Albini bezeichnen.
Bei jenem kehrten Killing Joke 1988 tatsächlich mal ein und nahmen Demo-Versionen von Songs auf, die dann später auf dem 1990er Album "Extremities, Dirt and Various Repressed Emotions" landeten - ein besonders raues Comeback kurz vor ihrer nächsten temporären Implosion.
Die A-Seite der LP enthält besagte Instrumental-Demos von "Extremities (...)" Material.
Darunter "Money" in zwei Versionen,von denen eine eigentlich lediglich ein paar zusätzliche Sounds mehr hat, und ein "Unreleased" Stück, das ein wirklich sehr, sehr geiler Postpunker ist.
Neben diesen Demos enthält die Platte dann außerdem auf der „B wie Bootleg“-Seite auch noch Mitschnitte eines Geheim-Konzerts, bei dem die postapoklyptischen Postpunk-Pioniere (ganz ohne musikjournalistische Floskel-Alliterationen geht's halt nicht, sorry) im gleichen Zeitraum in Birmingham erstmals "Extremities (...)"-Neumaterial spielten.
Darunter u.a. auch der Titeltrack, sozusagen Killing Joke's Blastbeat-Song.
Sicher, dieses Zeitdokument ist wirklich nur was für nerdige Über-Fanboys der Band. Höchstwahrscheinlich bin ich halt einer.
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Kim Gordon – Play Me
(Matador Records)
Hier wird’s jetzt echt ein bisschen ambivalent für mich, weil: Das letzte Kim Gordon Album "The Collective"
fand ich ja wirklich sehr (!) geil. Aber alle Fans, die sich die eh
schon nicht so günstig kommende LP im März '24 direkt zugelegt haben damit
zu ärgern, dass es dann so sieben Monate später auf einmal auch noch
eine „Deluxe Edition“
mit Bonus-7" gab? Muss man sich jetzt echt schon von den integeren „Indie-Ikonen“ regelrecht
verarschen lassen? Ärgerlich, wirklich.
Die gute Kim tat jedenfalls
wohl auch tatsächlich ganz gut daran, hier mal wieder in andere und weitere Richtungen zu experimentieren, als diesen
völlig geilen Trap-Rock-/ Industrial-Dub-/ Noise-Hop-Style des
Vorgängerwerks, den ihr Produzent Justin Raisen zusammendrehte, einfach nur zu wiederholen, auch wenn sie es über eine sehr weite Strecke des Albums dann beim genaueren Hinsehen ja eigentlich doch fast tut.
Zumindest von der musikalischen Farbpalette her ist "Play Me",
sozusagen der Abschluss ihrer ersten Soloalben-Trilogie (dessen Titel passend dazu auch auf einen Track auf ihrem ersten anspielt), daher auch ein etwas weiter angelegtes Werk.
So vereint der eröffnende Titeltrack etwa einen entspannteren Hip-Hop-Beat mit Jazzband-Samples und ist auf einmal ziemlich schnell vorbei, die Videosingle "Not Today" wiederum führt einen „Krautmotorik“-Schlagzeugrhythmus mit dieser gleichermaßen sweeten wie kratzigen Art von Indierock nach Sonic Youth'schem Ur-Rezept zusammen.
An den Stellen, an denen das Material wieder zu sowas wie weirden Trap-Nummern mit bollernder 808 neigt, was ja wie etwa auch bei "Busy Bee" (mit Drumgerumpel von Dave Grohl) oder "Subcon" (geil fräsender Bass!) irgendwie dennoch einen Großteil der LP ausmacht, finde ich es glaube ich am besten - das dringliche Feuer des Vorgängers verläuft sich hier allelrdings so ein bisschen in die Richtung „schon mal gehört“.
Und tatsächlich muss ich gestehen, "Play Me" zwar „ganz gut“ zu finden, das Album dann aber nach ein paar Rotationen eher in die metaphorische Schublade eines Werturteils a la „wenn ich mal gaaanz ehrlich bin, hätte ich das jetzt wohl trotzdem nicht sooo wirklich dringend gebracht“ absortiert zu haben.
Man kann das ohne Frage auch so unter dem Motto dieser ollen Plattitüde "Meckern auf hohem Niveau" verbuchen, denn das Album ist ganz cool und gefällt, aber so sehr das Material zwar erstmal direkt ganz gut reinfließt, läuft ein Teil des Albums irgendwie auch genauso ohne Umwege direkt wieder (r)aus. Hm.
Master’s
Ashes - How The Mighty Have Fallen
(Time To Kill Records)
Normalerweise bin ich ja heutzutage oft erstmal eher
raus, was Releases von so zusammengepuzzelten Underground-Allstars aus den
zweiten und dritten Reihen angeht, die mit Projektcharakter substilistisch
zusammengepuzzelte Knüppelgröl-Metal-Musik machen, aber hier hat’s mich dann
doch mal im richtigen Moment erwischt:
Eric Forrest, über die zweite Hälfte der Neunziger mal der Shouter und Basser
der Originale Voïvod (s.u.) gewesen, gibt hier seinen Schreigesang her, an den
Gitarren gibt's die Crust-/ Sludge-erprobten Dan Kaufman (Ex-Dystopia) und Afzaal
Nasiruddeen (Crisis – deren Ex-Drummer Fred Waring hier auch dabei ist), Basser Jeff Golden war u.a. mal auf
einem Crowbar-Album zu hören und obendrauf ist mit Katie Golden dann auch
noch ‘ne ausschmückende Keyboarderin am Start.
Fast schon wie erwartet ist die Musik hier sowas wie Kreisklassen-Neurosis,
während mir die Produktion gerade im Gitarrenbereich gerne noch etwas dreckiger
und druckvoller hätte sein dürfen, aber wisst Ihr was? Ich find’s okay! Was vor
allem auch dran liegt, dass Forrest’s prägnante Stimme das Ganze auf eine Art
und Weise dominiert und zusammenhält, die mit einer gewissen Dringlichkeit funktioniert. Und sicher hat diese Personalie dann zugegeben auch genrrell was damit zu tun, dass mir sowas 2026 dann überhaupt noch mal ins Haus
kommt, denn eigentlich sind die Zeiten von solchem „AZ-Metal“ in der Ami-Version
bei mir schon 'ne Weile eher vorbei, aber here we are.
Und eines muss man der ganzen Sache dann generell noch lassen: Groove haben sie!
Melvins & Napalm Death – Savage Imperial Death March
(Ipecac)
Noch 'ne Ambivalenz: Hätte ich mir letztes Jahr tatsächlich die Hazelmyer-Artwork-AmRep-Edition von "Savage Imperial Death March" direkt aus den USA als relativ teure LP plus günstige CD bestellt, wenn ich da schon gewusst hätte, dass eine hier regulär vertriebene Ipecac-Version mit zwei Songs mehr drauf in Planung ist? Wahrscheinlich nicht, nein. Komme ich mir deswegen verarscht vor? Irgendwie wohl weniger als ich sollte. Die Welt da draußen ist so beängstigend dystopisch geworden, dass ich mich bei den eskapistischen Altherrenhobbys, wie Schallplatten von Altherrenkrachmachern zu akkumulieren, halt nicht auch noch ärgern möchte. Es war dann allerdings wahrscheinlich dennoch das letzte mal, dass ich mir was aus diesem Umfeld so unhinterfragt luxusmäßig direkt via "Shoxop" schießen musste...
Sowohl die amerikanischen Sludge-Rock-/ Alternative-Metal-Weirdos Melvins als auch die englischen Grindcore-Urväter Napalm Death sind jedenfalls Bands, die ich dafür sehr schätze selbst im Altherrenspätwerk noch, nun ja, sowas wie „experimentelle Tendenzen“ zu zeigen.
Auch wenn bei den Melvins gelegentlich schon Dad-Rock-Anwandlungen durchschimmern und Napalm Death im Grunde genommen auch nur noch alle paar Jahre mal ein Album machen, das dann dem Vorgängerwerk eigentlich sehr ähnlich nur minimale Nuancen der musikalischen Herangehensweisen verschiebt, sind beides Bands mit jeweils unverkennbarer Eigenidentität, die bis heute wie keine anderen klingen, und eben auch doch Bands, die gelegentlich doch noch unerwartete Sachen machen, wozu dann auch dieses Kollaborationsalbum gehört.
Und sicher ist "Savage Imperial Death March" zugegeben wirklich kein Machwerk, auf das man in ein paar Jahren noch mal als modernen Spätwerk-Klassiker dieser Ära rückblicken wird oder sowas, aber in der völlig chaotischen Aura von dem, was die beiden Krachmacher-Titanen hier als gemeinsame Kakophonie zusammengepuzzelt haben, lässt sich tatsächlich auch sowas wie ein Spiegelbild der heutigen Zeit finden, wenn man eben sowas darin finden möchte.
Die „neuen“ Tracks sind das kurze, etwas alberne "Awful Handwriting" und das besonders schräge "Comparison Is The Thief Of Joy", die mit Einsatz von Synthesizern und Samples noch mal ein ganzes Stück weiter von Krawallmusikstrukturen zu völliger Weirdness abdriften.
Tatsächlich sind wir an dieser Stelle, so sehr man es aus einer stockärschigen Spießerperspektive auch als völligen Quatsch abtun könnte, allerdings genau bei dem Grund, warum ich die schon immer auch etwas ungenieret-dadaistisch agierenden Melvins und die all die Jahre mehr oder weniger experimentierfreudig gebliebenen Verästelungen des kompletten, komplexen Napalm-Death-Stammbaums so schätze.
Allein in der fragend formulierten Feststellung „wer macht sowas schon sonst so?“ steckt ein gewisser Wert.
Die Produktion ist nach wie vor etwas komisch, kommt mir muffig und flach vor, aber auch das macht nix, denn mir persönlich ist das lieber als „überproduziert“.
Mick Harris – Culvert Dubs Session 7
(L.I.E.S. Records)
Tja, „apropos Napalm Death“...
Keine Ahnung, was die Auswahlkriterien dafür sind, welche "Culvert Dub Sessions" rein digital auf Harris' Bandcamp-Seite landen und welche das New Yorker Label L.I.E.S. Records auch in Form physischer Platten unters Volk bringt, aber nach "(...) Four" letztes Jahr gab's dieses dann "7" mit umplatzierten s als 2LP.
Die mir hierzu einfallende Bezeichnung „Heavy Industrial Dub Techno“ fühlt sich vielleicht wie ein Oxymoron an, weil man mit dem Begriff Dub-Techno vielleicht was leichter klingendes assoziieren möchte, aber es ist wohl genau das was es ist.
Hatten die Tracks auf "(...) Four" durchgängig vor allem so einen, wie aus einem Guss fließendem, hypnotischen Flow im Niedrigtempo, so ist "7" interessanterweise in meiner Wahrnehmung das noch etwas weirdere, rauschendere auch krasser bassigere Teil.
Manchmal sind die Drum-Beats gebrochen und manchmal gehen sie völlig hinter einer megaverhallen Dicknebelwand von Surreal-Soundwirrwarr in Echospiralen unter, manchmal pumpt auch einfach der Bass als eigentlicher Rhythmusgeber.
Ich hatte ja außerdem auch schon immer eine Schwäche für Alben, die anstatt stark anzufangen und dann nachzulassen, ins Finale dann noch mal so richtig alles reinwerfen.
Und die Schlussnummer ist hier dann zum Ende hin echt noch mal ganz besonders geil!
Dass es von Harris' Ambient-/ Drone-/ Noise-Alias Lull außerdem eine neue 2LP gibt, da kann man an dieser Stelle dann wohl genauso auch noch hinweisen, wie dass von seinem wiederholt ad acta gelegten Scorn Projekt mit der "Anamnesis+" 4LP-Compilation gerade auch noch mal ein Abschluss-Statement in die Welt entlassen worden ist.
Nadia Struiwigh – Ikigai
(Distorted Wave☡)
Die niederländische Wahlberlinerin und Hardware-Synthusiastin Nadia Struiwigh ist fast schon eher auch sowas wie eine „Internet-Persönlichkeit“ als „nur“ Musikerin, die wirklich jeden an ihrem alltäglichen Leben und aktuellen Befindlichkeiten teilhaben lässt, aber ihre Vita spricht mit Ambient-/ Downtempo-Alben via Denovali oder Dekmantel, Techno-EPs bei The Third Room oder Bluepint, DAWless-Live-Auftritten während der Superbooth oder der Ruhrtriennale und DJ-Sets im Tresor oder bei der Fusion auch so schon mehr als für sich.
Ihr viertes (oder fünftes?) Langspielalbum "Ikigai" ist ein sehr persönlich inspiriertes Werk, auf dem sie verschiedene musikalische Vorlieben von Ambient bis Jungle-/ Techno zusammenführt.
Und auch wenn die Vinyl-Version nur 8 Tracks des 16 Nummern umfassenden Digital-Albums enthält, zeigt der LP-Preis von nur €16.99 dann auch noch, dass es durchaus noch geht.
Und es ist durchaus erfrischend aus solchen Umfeldern auch mal mit einer rundum etwas helleren Ästhetik konfrontiert zu sein, die auf jeder Ebene was ganz anderes sein möchte als den nur in schwarzen Klamotten existenten, kinky Goth-Pseudopunk im K-Hole zu mimen, wie es in der Berliner Technoszene über Jahre der obligatorische Standard war. Ja, hier bei "Krachundso" können wir halt Country und Western, und dann auch noch Folk.
Jedenfalls ist "Ikigai" sowohl in seiner verlängerten Digitalversion als auch perfekt ausarrangiert „auf Platte“ ein wirklich geil klingendes Downtempo-/ Electronica-Werk mit dem ein bisschen an Big-Beat-/ Trip-Hop-Zeiten erinnerndem und dabei doch sehr Ambient-esque ausgemaltem "Kokoro" als Höhepunt. Höre ich wirklich gerne!
Neurosis – An Undying Love for a Burning World
(Neurot Recordings)
Sehr,
sehr unerwartet und überraschend gab es am 21.03. diesen Jahres dann
auf einmal ein neues Neurosis Album zum Pre-Order der physischen Versionen direkt komplett zu hören und es gibt wohl viel dazu zu sagen.
Zunächst mal ist es beachtlich, dass sie es tatsächlich geschafft haben, das bis zum Moment der Veröffentlichung geheim zu halten, denn damit hatte wohl wirklich niemand gerechnet.
Dass Jason Roeder noch letztes Jahr einige seiner Schlagzeug-Sachen über Instagram feilbot und zumindest vorerst mit dem Musizieren durch zu sein schien, das schien die Vermutung zu bestätigen, dass die Band nach dem 2022 publik gewordenen Rausschmiss von Scott Kelly bereits drei Jahre zuvor nun mutmaßlich generell ad acta gelegt wird.
Letztes Jahr sinnierte ich beim Besuch eines wirklich tollen Steve Von Till Konzerts gar noch, dass seine (Dark-)Folk-lehnenden Solo-Werke und seine experimentelleren "Harvestman"-Sachen zwischen Drone, Dub und Kraut, von denen ich großer Fan bin, ja irgendwie auch ein würdiges Spätwerk von jemandem hergeben, der in seinem Alter vielleicht ja, verständlicherweise gar nicht mal mehr so das große Bedürfnis verspürt allzu inbrünstig-infernalische Brachialmusik zu wüten.
Da habe ich mich dann wohl aber doch mal ziemlich geirrt und ich bin irgendwie auch froh darüber!
Nun müssen wird natürlich noch auf die neue Personalie in der Band eingehen: Aaron Turner. Ehrlich gesagt habe ich jenen zwar als Label-Kurator (der mit HydraHead Records so geile Bands wie Keelhaul, Craw, The Austerity Program, Big Business, Cavity, Harvey Milk usw. usw. rausbrachte) immer geschätzt, war aber noch nie wirklich ein großer Fan von ihm als Musiker. Ich hab' mich nämlich nie übermäßig für Isis begeistern können, habe nie wirklich groß Old Man Gloom gehört und auch Sumac hauen mich nicht so wirklich vom Hocker (und immer, wenn ich die mal live gesehen habe, war ich eigentlich vor allem wegen den anderen Bands da....). Irgendwie kamen mir seine eigenen Bands immer wie eine flachere Version von etwas, das ich andernfalls geil finden könnte vor. Und das soll jetzt auch wirklich kein Diss sein, es ist einfach nur eine nüchterne Feststellung.
Dieser Mann ist nun also aus Neurosis' Fußstapfen heraus an Gitarre und Co.-Gesang in die Vorbilder rekrutiert worden? Die Diskussion, ob das der Band dann jetzt die – auch so eine schlimme Musikschreiberlings-Floskel aus der Neunziger-RockHard-Schule – „revitalisierende Frischzellenkur“ gebracht hat oder ihre Eigenidentität und über die Jahrzehnte eh schon etwas aufgeklarte Ursubstanz doch eher noch weiter verwässert, die überlasse ich dann allerdings mal den ganzen anderen Experten da draußen.
"An
Undying Love for a Burning World" ist wohl jetzt schon so eine Art von
Konsens-Klassiker der dystopischen Mittzwanziger. Das eine Album, das sich alle in die
Jahre kommenden Krachmusik-Nerds dann doch mal wieder religiös
angehört haben wie nix anderes seit sehr langer Zeit. "An Undying Love for a Burning World" ist in Zeiten, in denen so viel anderes irgendwie egal scheint, ein regelrechtes Ereignis
, das man nicht nach einem sporadischen Anzappen dann wieder beiseite
schiebt, sondern dem man sich so richtig widmen möchte.
Nun aber mal endlich zum Albummaterial selbst: Beim ersten Durchlauf machte es ja mit mir ganz ehrlich gesagt erstmal nicht so wirklich viel. Kann aber vielleicht auch daran liegen, dass der erste Durchlauf unter so einer Motivation nach dem Motto „naja, dann muss ich mir jetzt wohl auch mal Neurosis‘ neues Überraschungsalbum mit Aaron Turnoff anhören“ geschah und ich irgendwie nur so halb bei der Sache war. Zwei,drei weitere, etwas aufmerksamere Durchläufe weiter fand ich dann doch immer mehr rein, in diese einerseits gewohnte, andererseits trotzdem nun andere Klangwelt von Neurosis.
Im Gesamtpaket und von seinem Flow und Vibe her ist's meiner bescheidenen Meinung nach ja tatsächlich ein bestechenderes Album als die letzten zwei von Neurosis, die jeweils 'n paar geile Momente hatten, aber echt nicht der Stoff waren, aus dem Instant-Spätwerkklassiker sind ("Honor Found in Decay" empfand ich ja mal ganz ehrlich gesagt sogar als ziemlichen Tiefpunkt, von dem mich irgendwie nur eineinhalb Songs wirklich begeisterten).
Die reflexartigen „Album des Jahres!!!1“-Enthusiasten liegen allerdings genauso falsch wie die von irgendeinem, vermeintlichen Hype hier drum abgeturnten „so geil wie damals isses dann ja donnich und sie hätten's dann jetzt auch einfach ma' ganz sein lassen können“-Nöler.
Grundsätzlich lebe ich allerdings lieber in einer (rundherum brennenden) Welt, in der Von Till, Roeder, Edwardson und Landis einen Weg gefunden haben, unter bekanntem Banner weiterhin die Katharsis für eben diese zu sein, als in einer, in der das dann auch noch fehlt...
Nine Inch Nails – Tron Ares: Divergence
Nine Inch Noize – Nine Inch Noize
(The Null Corporation & Walt Disney Records)
Die zwei, drei Verfechter der ach so handgemachten Echtmetall-/ Rockmusik oder
gröbsten Rohbrei-Gurgelgrunz-Knüppelei als einzig wahre Lehre, die sich tatsächlich
noch mal gelegentlich hierhin verirren, um sich über meine fehlgeleitete
Perspektive zu amüsieren, irritieren und/ oder echauffieren, die müssen
jetzt mal wieder ganz stark sein, wenn ich folgendes sage: Ja, es gab
Zeiten, in denen alles, was irgendwie nach Goth-Disco,
Drumcomputer-Soundschrauberei und/ oder dabei dann auch noch nach
Stadionrock-Pose müffelte bei einer gewissen Musiknerd-Generation durch
einen großen Querschnitt der Indierock- und Posthardcore-, Metal-,
Stoner- und sonstigen Gitarrenmusik-Szene/n dann ja doch als eher
ziemlich uncool galt. Inzwischen hat sich das allerdings wieder gedreht,
denn irgendwelche Dark-Wave- und EBM-Acts sind schon wieder eine Weile
etwas übergreifender der heiße Underground-Scheiß, womit ich ganz ehrlich gesagt tatsächlich
auch eher leben kann als etwa mit diesem ganzen
80er-Metal-Revival-Karneval nach dem Motto „Hauptsache nix unter der
Lederweste“, der gerade in anderen Kreisen mal wieder gepusht wird.
Die
meisten von Euch Möchtegerns und Kreisklassen-Halbprofis, die außer
gerne auch mal 'n Musikinstrument ins sozialmediale Profilbild zu halten selbst nie viel interessantes gebacken gekriegt haben wäre tatsächlich froh, auch nur den Bruchteil des Talents und weitsichtigen
Musikverständnisses eines Trent Reznor zu besitzen, aber stattdessen tut
Ihr Dinge, die Ihr nicht hundertprozentig verstehen könnt halt als
"prätentiös" ab oder ähnliches. Sage ich im Übrigen als jemand, der
jetzt auch nicht mal wirklich unbedingt ein riesigster Fanboy wäre, aber
in einen mittelmäßigen NIИ Release reinhören finde ich dennoch immer
noch interessanter, als reflexartig beim nächsten Retrorock- oder
Traditionsmetall-Hype der Saison dabei sein zu müssen.
Anyway. Die "Tron Ares: Divergence" 2LP ist jedenfalls eine ziemlich coole Erweiterung des ziemlich coolen Soundtracks eines wohl ziemlich schlechten Films mit ziemlich firchtbarem Hauotdarsteller (ich hab's nicht gesehen), mit ein paar zusätzlichen Originaösongs und vielen Fremd-Remixen, die eigentlich noch mal geiler durchzuhören ist als das reguläre Soundtrack-Alben.
Unter den Remixern finden sich Namen wie Arca, Chilly Gonzales, Jack Dangers (Meat Beat Manifesto) oder die junge Band Working Men's Club ein, und die Richtungen, in die das Material durch diese so gezogen wird, sind durchweg sehr cool.
Eine interessante Sache war dann außerdem noch, dass eine reduzierte Nebenkonfiguration der Band unter dem Namen Nine Inch Noize für einen Festival-Auftritt und einnen Digital-Release auftauchte, bei dem neben den beiden Kernmitgleidern Reznor und Ross nicht nur der seit jüngerer Zeit zum NIИ-Line-Up gehörende Hamburger Alexander Ridha alias Boys Noize dabei ist, sondern auch mal wieder Reznor's Ehefrau Mariqueen Maandig.
Dazu mehrere Sachen: Das erste How to Destroy Angels-Minialbum war ja eigentlich ganz geil und schreit genauso nach einer Reissue-Version wie Boys Noize' überteuertes/ ausverkautes RSD Edition Remix-Album zum Reznor/ Ross Soundtrack "Challengers".
Wie man die Interpretationen teilweise alter Hits, die im "Nine Inch Noize"-Modus zunächst nur digital veröffnelticht worden sind so findet, das sei jetzt mal jedem selbst überlassen, genauso wie die Frage, wie sehr oder doch nicht man den aktuellen „Ableton-Rock-Sound“ von NIИ so mag.
2013 fand ich persönlich das Album "Hesitation Marks" ja eher ziemlich "Meh", inzwischen bin ich aber wieder rumgekommen, Nine Inch Иails als das eine Ding zwischen Soundtüftler Stadionformat zu schätzen, mitzunehmen und zu feiern, das eben auch wie kein anderes ist. Und an der Attitüde passt dann auch noch viel.
The Light Below – Georgia
(My Proud Mountain)
Wo soll man hier jetzt wieder anfangen und aufhören... The Light Below ist ein Projekt von Basser Frank Binke, u.a. mitwirkend beim Grammy-nominierten The String Theory Orchester und 'ne Weile bei den Hamburger Hardrock-Opas Kingdom Come gewesen (und apropos Kingdom Come: Wer kann schon von sich behaupten, in einem Disstrack von keinem Geringeren als Ozzy besungen worden zu ein?). Mit Gitarrist Dominique Braun und Drummer Nader Rahy (in dessen Vita dann u.a. auch der Name Nena auftaucht) hat er die Instrumentalaufnahmen zum, über das Neurosis-verbandelte Label My Proud Mountain veröffentlichte "Georgia" schon vor zwei Jahren bei Steve Albini gemacht, als jener noch auf dieser Welt weilte.
Und damit ist das Namedropping dann eigentlich auch immer noch nicht durch, denn der Postrock-/ Metal-Krach der Band wird durch den georgischen Frauenchor Akhla ergänzt, und das hier interpretierte Traditional "Tsinskharo” kam schon 1979 in Werner Herzog’s "Nosferatu" zu besonderen Ehren.
Aber puh, soweit hätten wir das alles dann jetzt erst mal.
Ach ja, auf die Musik eingehen müssen wir dann jetzt auch noch, was?
"Georgia" hat auf instrumentaler Ebende einen wirklich geilen Sound (nun ja, Electrical Audio halt...) mit dem das etwas sehr ambitioniert wirkende Konzept auch hervorragend funktioniert.
Im Review beim nur noch ärgerlichen Visions Magazin wurde “Georgia” übrigens als „nischiges, schwer verdauliches Album“ mit 7/12 Punkten abgespeist. Und wenn das mal kein Grund mehr ist, sich das hier zu geben... Ich find's echt ganz geil!
Octo – Idyll
(Mörtel Sounds)
Ja, hier bin ich befangen, denn die Kölner Octo sind nicht einfach nur 'ne geile Band, sondern auch beste Menschen! Aber eben auch 'ne echt geile Band!
Ihr Instrumental-Noiserock mit zwei Bassgitarren und Schlagzeug kommt gleichermaßen, na sagen wir mal „kompositorisch augeklügelt“ wie durckvoll und schroff direkt aufs Brett daher, hat genauso so atmosphärische Tiefen wie eine raue Oberfläche, groovet tight a.f., und was auch immer einem noch so an Floskeln aus dem Setzkasten des uninspirierten Musikjournalismus einfallen mögen, mit denen man eigentlich nur ganz aufrichtig seine ungefilterte Begeisterung zu Protokoll geben möchte.
Octo machen einfach vieles sehr richtig und sehr gut. Das längere Rumreiten auf einem simplen Motiv, bis man es noch geiler als eh schon findet gehöt dann genauso schon mal dazu, wie die etwas angekrümmt-unerwartete Wendung im rhythmischen Weg, die dann auch schon mal eingeschlagen wird.
Die Schlussnummer fährt Gastvocals auf.
Es ist schön zu hören, dass sich die Band nach einem Personalwechsel inkl. Duophase dazwischen wiedergefunden hat und jetzt neun Jahre nach dem letzten auf ihrem dritten Album mehr Esprit und Power denn je ausstrahlt.
Keine
Ahnung übrigens, warum ich mich derzeit mal wieder so aufs Visions Magazin einschieße,
aber auch für "Idyll" gab es in der einfach nur noch ärgerlich-profillosen
Gazette übrigens kein wirkliches Verständnis. Was im Umkehrschluss ein sehr deutliches Zeichen dafür ist, dass man hier einfach richtig liegt...
Denn auch hier: Ich find's ja wirklich ziiiemlich geil!
Seefeel – Sol.Hz
(Warp)
Das Ganze am Release-Tag im spezielleren Clubkontext des Wuppertaler Open Ground mit seinem bereits jetzt als legendär geltendem Soundsystem live zu sehen und hören hat - so abgedroschen sich das jetzt vielleicht auch anfühlt - tatsächlich dazu beigetragen, dass ich Seefeel vielleicht überhaupt erstmals wirklich gerafft habe. In speziellerer Duoformation mit Saiteninstrumenten und Laptop-Beats aus der fetten Anlage hatte die relativ eigentümliche, einen Bogen von Ambient-Drone über Dub-eskes bis zu irgendwie sowas wie Shoegaze/ Postrock mit technoider "IDM"-Kante spannende Musik der Band gerade auch im Lowend-Bereich eine durch den Köprer vibirerende Schallmasse, die von Platte nicht unbedingt in so einem Ausmaß 'rüberkommt.
Diese Dimension muss ich mir jetzt tatsächlich irgendwie dazudenken (wobei es so ganz untenrum ja durchaus etwas drückt und schiebt...), wenn Seefeel inzwischen gewisse Standard-Moves haben, die sie auf diesem Album in reduzierter Kernbesetzung auf den Punkt durchexerzierten.
Musik, die irgendwo hinter ihrer verhallten Gitarren-Soundwand, die man manchmal kaum noch als solche identifizieren möchte auch auf Dub-Einflüssen fußt und sich mit typisch-Warp'schen Elektroniker-Experimentalismus verwebt, ist im Fall von "Sol.Hz" wie Musik, die all meine musikalischen Sidequests im Laufe der Jahre kompakt in sich vereint. Und dann ist's halt auch irgendwie wieder so, dass es den sowas überanalysierenden Autisten, der ich nun mal bin, in der Summe der jeweils interessanten Einzelteile sehr anspricht und inspiriert.
Und ich will ja jetzt nicht mit dieser alten „…zu Architektur tanzen“-Phrase kommen, aber darüber hinaus kapituliere ich tatsächlich direkt davor, die Klangwelt dieses Albums tiefer seziert zu beschreiben versuchen.
Vielleicht ist da ja dann tatsächlich sogar das größte Kompliment, das man so einer Band machen kann.
Voïvod – Symphonique
(Century Media)
Wenn ich mir das jetzt mal von oben bis hier so angucke... Neurosis, Killing Joke, Melvins, Napalm Death, Nine Inch Иails, Fugazi... und eben Voïvod... dann ist das diese Saison ja mal wieder ein Who-is-who des „alter Mann rattert einfach nur noch seine alten Helden runter, als wären die letzten dreißig Jahre nicht gewesen“. Naja.
Ich hab’s jedenfalls an anderer Stelle bestimmt schon mal so ähnlich gesagt und muss es dann jetzt auch noch mal so sagen: Auch wenn die kanadische SciFi-Metal-Marke Voïvod in ihrer aktuellen Inkarnation der „Post-Piggy-Ära“ durchaus noch neue Alben macht, die manchmal sogar noch mal ziemlich gut sind (das sehr proggy lehnende "The Wake" dann ja z.B. doch mehr als etwa die etwas generischere "Synchro Anarchy" Songansammlung, welche in sich jetzt zwar auch nicht schlecht war, aber....), sind sie halt inzwischen eine dieser alternden Metal-Bands in der Kategorie „Legacy Act“.
Und bei einer Metal-Band, die schon fast viereinhalb Dekaden existiert, die Rück- und Schicksalsschläge erleben musste und inzwischen eher schon so eine Art von szenischem, ja meinetwegen auch "kultigem" Trademark mit ganz besonderer Aura ist, ist's dann auch völlig okay so eine Karte zu ziehen wie die, tatsächlich die Nummer mit dem Sinfonieorchester bringen zu müssen, anstatt regelmäßig weiteres Neumaterial auszuschwitzen (auch wenn das obligatorische Neuaufnahmen-Best-of "Morgöth Tales" gerade mal drei Jahre her ist und es drei Jahre davor noch ein Live-Album gab, wiederum nachdem es u.a. auch schon ein Roadburn-Live-Album gab, während Ex-/Ur-Bass Blacky dann auch noch am laufenden Meter irgendwelche unautorisierten Resteverwertungen veröffentlicht...).
Bei anderen Bands würd' mich das null interessieren, aber von Voïvod kommt halt auch das fanboyisch mit ins Plattenregal. Und ich wünschte selbst ich wär' nicht so, aber ich bin's halt.
Warum man das Ganze nicht auch mit einem DVD-Release kombiniert hat wundert mich zwar, aber vielleicht kommt das ja noch, um die treuen Fans in Etappen abzumelken, während die Band selbst davon dann eigentlich gar nicht mal sooo viel Geld sieht...
PS: Century Media Records wurde schon vor 11 Jahren (!) an Sony verkauft, dann natürlich schrittweise vom ursprünglichen Standort abgezogen, personell ausgedünnt, und ist somit schon lange kein eigenständiges Label mehr, sondern nur noch ein in den Major-Industriekonzern absorbiertes, assimiliertes und immer mehr zurechtgestutztes Brand. Dass man erst 2026 auf ein mal eine Bandcamp-Seite hat, obwohl man sich gegen genau das über Jaaaahre völlig gesträubt hat, auf der man sich nun auch noch pseudotraditionsbewusst mit "a metal label with diverse tastes, Century Media arose from humble origins as a bedroom label based out of Dortmund, Germany in 1989 and have expanded greatly over the past 30+ years. (...)" brüstet, das ist echt eine Farce. Sorry an die mir persönlich bekannten bis befreundeten Mädels und Jungs, die da nach wie vor noch für arbeiten, aber sorry. Es ist echt ein bisschen albern, auf die gute alte Hippie-Zeit auf Coruscant vor "Order 66" zu pochen, wenn man inzwischen Unteroffizier des Todessterns ist, auf dem man demnächst mutmaßlich dazu abkommandiert wird Droiden-KIs darauf zu trainieren, sich der rebellischen Musiker als Handwerkslieferanten zu entledigen... Bäm.