Ja, den machen wir auch wieder.
Neujahrsansprache? Jahresrückblick? Introspektion?
Kürzlich fragte mich ja ein Bekannter im Zusammenhang, was genau denn meine „aktuellen musikalischen Obsessionen“, wie ich es durchaus selbst ausdrücke, so wären.
Und nach meiner Antwort, in etwa „vor allem auch britische Clubmusik im Stammbaum jamaikanischer Soundsystemkultur, sprich Jungle/ Drum’n’Bass, proper Dubstep, durchaus auch Dub ohne -step, auch ein bisschen abseitigerer Techno und Industrial-eskes, was Richtung Ambient kann genauso schon mal vorkommen wie 'ne Postrock-Phase, zuletzt war ich daneben dann außerdem auch mal wieder sehr ins Thema Komisch-Kosmisch-Krautrock eingetaucht, hab‘ viel Can, Faust, Neu!, frühe Tangerine Dream und so weiter gehört, Doom-metallisches geht natürlich auch irgendwie immer und zwischen all dem wird dann auch schon mal das eine Bauhaus-Album, das mir noch fehlte ins Plattenregal geschoben oder sowas...“, während der das Gesicht meines Gegenübers immer irritierter und gegen Ende dann schon fast leer dreinschaute, musste ich mich dann durchaus schon selbst fragen, ob ich da nicht irgendwie bei irgendwas in meinem Leben so ganz allgemein und generell völlig übertreibe.
Die tendenzielle Antwort ist mit Sicherheit eher "wahrscheinlich ja" als "nö, kann nicht sein", die Ursachenforschung führt einen schnell ins Thema „neurodivergenter Interessenshyperfokus“, aber whatever.
Eigentlich habe ich auf das hier (gemeint ist krachundso.blogspot) dann ja auch immer wieder mal doch nicht mehr so wirklich Bock, tu's dann aber trotzdem doch wieder weiter, denn manchmal braucht man einfach auch die Möglichkeit von Notizen an sich selbst (ich habe wohl auch einfach das Alter erreicht, in dem man sonst vieles direkt wieder vergisst).
Allerdings passiert's immer dann, wenn ich anfange das zu hinterfragen, dass mir der Algorithmus auf einmal, regelrecht beängstigend gedankenlesend sowas in die Aufmerksamkeit spült wie eine Rock-/ Metal-Musik-begeisterte Psychologin, die tatsächlich über neurowissenschaftlich nachgewiesene Vorzüge der Musikobsession doziert.
Na dann ist das ja wohl alles doch nicht so schlimm?!?
'25er Jahresrückblick?
Ja puh. Irgendwie keinen Bock auf was noch ausführlicher ausartendes oder gar Ranglisten, denn Musik sollte kein Wettbewerbssport mit Liga-Tabellen sein.
Eine interessante Selbstbeobachtung ist allerdings wohl die Erkenntnis, dass trotz aller Clubmusik- und Soundsystemkultur-Zuneigungen, die sich in den letzten Jahren noch mal stetig gesteigert, in den Fokus gerückt und tatsächlich auch noch mal etwas erweitert hatten, dann an Gitarrenlärm eben doch noch mal wieder alles von dem einen Altherren-Rotzrock-Album der Saison (I really, really, really like Beer!) bis zu 'ner Handvoll Doom-Metal-Bands jedweder Subsubstil-Nischenecke (Cathedral, Conan, Divide and Dissolve, Evoken) ging.
2025 hatte eine weniger eindeutige Hauptrichtung als andere Jahre. Die sich im Laufe der Dekaden immer wieder mal neu sortierende musikalische Selbstfindung ist inzwischen wieder bei so einem "everything goes"-Ding angekommen.
Zu den Überraschungen des Jahres für mich persönlich gehörte dann wohl vor allem, dass ich das aktuelle Peter Murphy Soloalbum, das ja doch relativ "poppig" ist, dann eigentlich doch öfter gehört habe als etwa die von Cosey Fanni Tutti, Steve Von Till oder Adrian Sherwood, und dass ich an einem UKG-Release wie Introspekt's Langspieldebüt auf einmal mindestens genauso viel Spaß hatte wie an neuen Alben von den steinzeitlichen Industrial-Rock-Unikaten The Young Gods bzw. auch von den Noiserock-Experimentalisten Ramleh.
Ein Nine Inch Nails Soundtrackalbum ging auch super ohne den Film dazu tatsächlich zu sehen, das Hayward x Dälek Teil ist geil, genauso wie Godflesh's "A World Lit Only By Dub" noch weit mehr als die Reguläralbumversionen, und der zufällig auf dem Geburtstag meines nicht mehr unter uns weilendem Vaters unter dem Titel "Thundermother" veröffentlichte Einstand des Eisenvater-verwurzelten Familienunternehmens Karla Kvlt brachte dann doch einen größeren Grower als erwartet, der auch ganz unzusammenhängend mit diesem Umstand tatsächlich ohne Frage zu meinen persönlichen Highlights '25 zählt.
"Honorable Mentions"? Die neue Swans ist ein solides neues Swans-Album und wahrscheinlich auch nicht gerade das schlechteste neuzeitliche Swans-Album der letzten 15 Jahre, und ich komme tatsächlich aktuell immer noch gelegentlich dazu zurück, irgendwie war es im vergangenen Jahr aber dennoch nicht so ein Dauerrotator wie manch anderes neuzeitliches Swans-Album seinerzeit.
Elektroniker-Alben wie die von Ancestral Voices, Eusebeia, Technical Itch, The Untouchables oder auch Mick Harris oder Espectra Negra liefen auch alle phasenweise nicht wenig und laufen teilweise immer noch immer wieder, so ein richtiges Jahrgangs-Highlight mit allgemeinerem Klassikerpotenzial kristallisierte sich aus diesen dann aber irgendwie doch nicht so wirklich heraus. Würde man mich mit 'ner Pistole am Kopf dazu zwingen, eine Jahrgangs-Top-10 oder Top-15 aufzustellen, wären so ein, zwei davon allerdings wahrscheinlich wohl doch mit drin!
Absolut erwähnenswert wäre dann allerdings auch noch das Manslaughter 777 Album, das mit seiner rauen Punk-/ Außenseitermetaller-Handwerks-Version von Club- & Soundsystem-inspiriertem Break/beat- und Zerrbasss-Lärm meinen, sagen wir mal „aktuellen Gesamt-Vibe“ schon regelrecht zusammenfassend treffen konnte wie kaum was anderes und dann auch noch dieses schlechte Klischee verursachte, dass meine Hipster-Nachbarin tatsächlich mal mit der Bemerkung anklingeln musste, dass ihr der bis in ihre Wohnung durchdringende Tiefendruck dann jetzt leider echt mal too much wär'.
Wenn wir über elektronische Tanzmusik-Singles und -EPs von Dub bis Breakcore reden, muss Dom & Roland's (offiziell Ende 2024 veröffentlichter) "Cold Summer" als Lieblingssong der Saison hervorgehoben werden (und seine "Dedication" EP kam dann aus dem Jahr raus auch noch mal geil), Vocal-Dubstepper wie "Dark & Heavy", "Bury Dem / Deep in a Mud" oder "Militant Don" wären nach wie vor auch noch in Heavy Rotation, und dass sich einige mit min. einem Bein in der Industrial-Ecke steckenden Protagonisten etwas Floor-tauglicheren DnB-Gefilden näherten (16 Pad Noise Terrorist's "Musical Perspectives") bzw. in überraschendem Kontext dazu zurückkehrten (New Frames' noch ziemlich frische EP via PRSPCT) ist auch besonders hängengeblieben. Für's weitere wüsste ich jetzt gerade aber nicht so wirklich, wo ich da dann anfangen und aufhören wollen würde.
Ich hätte eigentlich auch noch auf der imaginären ToDo-Liste, in der Hinsicht vielleicht selbst mal einen Best-of-'25-Mix aufzunehmen, der Alltag meiner vollgepackten Sieben-Tage-Wochen hielt mich davon aber bisher zu sehr ab und im Weihnachtsurlaub verlangten auch noch andere kreative Betätigungsfelder nach fokussierterer Aufmerksamkeit.
Eine ganze Menge DJ-Sets/ Mixe usw. gehört habe ich auch 2025 wieder, allerdings lag der Fokus da aus dem diesem Jahr raus dann auf einmal nicht mehr ganz so stark drauf, wie es hinein erst noch der Fall zu sein schien. So Mitte September war das sogar auf einmal so'n bisschen gekippt, als mich die Partizipation an einem etwas chaotischen Daytime-Soundsystem-Event zum Mitmachen und anstrengender Sozialinteraktion in dem Rahmen dann irgendwie in den autistischen Burnout trieb und ich von derartigem dann mal eine Pause brauchte.
Aus der vergangenen Saison hängengeblieben sind in der Hinsicht daher vor allem auch die irgendwie abseitig rausstechenden, wie etwa Tim Reaper's Multi-Genre-Mix in irrer Siebeneinhalb-Stunden-Länge oder Submerged's "Mixtape 07", das sich auf industrielle Midtempo-Gangarten konzentrierte.
2026 dann jetzt so?
Diese Art von Vorsatz hatte ich die letzten Jahre auch schon immer wieder mal etwas vager, aber aufgrund der immer noch immer weiter steigenden Plattenpreise meine ich das diesen Jahreswechsel auch wirklich so wie ich es jetzt sage: Ich werde 2026 in Bezug auf Musikneuerscheinungen evtl. mal etwas weniger „am Ball bleiben“ und tatsächlich weniger Platten kaufen.
Es gab Zeiten, da hat man schon gestöhnt, wenn an einem LP-Preis die 2 vorne stand, inzwischen sieht man schon viel Neuware in Mailordern für um die 30 Euro. Für 'ne Einzel-LP. Und da ist jetzt echt der Punkt erreicht, wo ich sagen muss: Nö, es geht so jetzt mal echt nicht mehr weiter.
Ja, das mit dem allgemeinen Werteverlust von Musik als Kulturgut und allen Auswirkungen davon ist ein größeres Thema für sich, auch Presswerke haben steigende Kosten usw., wir müssen allerdings vielleicht auch mal drüber reden, wie es Vertriebsmargen für alle versauen, dass die EU ab Sommer diesen Jahres schon wieder Importzölle erhöhen will, und uns dann mal anschauen, wie Künstler/ Bands in schwarzen Zahlen rauskommen können ohne dass geneigte Endkunden ihre Kohle für Liebhaber-Luxusgüter zusammenkratzen müssen, bei denen man sich bald gar nicht mehr traut, auch tatsächlich die Nadel auf eine so teuer erstandene Kleinauflagen-Platte drauf zu legen.
Die Antwort auf die Frage, was sich da wie ändern kann oder muss, die habe ich nicht, ich stelle sie hier nur mal.
Dennoch: Was haben wir für dieses Jahr denn schon so an kommenden Musikneuerscheinungen auf dem Radar?
Traditionell listen wir auch das im Neujahrs-Post auf:
- Keine Ahnung, was genau außer irgendeinem Zufall geographischer Nähe eigentlich dazu geführt hat, dass die brtischen Instrumental-Noiserocker 72% irgendwie mit Alan Moore verbandelt sind, aber Other Shoe ist tatsächlich das neue Label von letzterem, über das erstere im Februar ihr neues Album "I’m Not Happy And That’s On You Three" raushaben werden!
- Hipster-Doom aus Portland: Die neue Blackwater Holylight kommt Ende diesen Monats.
- Die mehrfach aufgelösten und dann doch immer wieder auftauchenden Death Grips haben was neues auf der Startrampe.
- Kollege Dom & Roland hat die nächste EP unterwegs, dieses mal sind's Zusammenarbeiten mit Mando, Kemal, Gridlok und Presha!
- "On The Verge Of An Entirely New World" ist der Titel eines schon länger angekündigten Langspielwerks (und dabei Teil 2 einer Trilogie) von Elektroniker DYL, das im April erwartet wird.
- E-Force, die Band von Eric Forrest, der bekanntlich in der zweiten Hälfte der Neunziger für zwei Alben plus weiteres Basser/ Shouter von Voïvod war, wird dieses Frühjahr tatsächlich ein "Voivod Revisited" Album veröffentlichen.
Natürlich kann man das als 'ne weitgehend unnötige Sache ansehen, aber erwähnt werden muss es.
- Von Breakcore-/ Industrial-Drum'n'Bass-Hausnummer Enduser steht uns nach längerer nicht so produktiver Phase ein neuer Longplayer ins Haus und ich habe durchaus Bock drauf.
- Ein neues Faust/ Irmler Album ist laut Hans-Joachim Irmler bereits auf der Startrampe.
- Von Jarboe ist ein neues Album namens "Sightings" unterwegs.
- Das Coverartwork der kommenden Kaleidobolt ist echt mal komplett furchtbar, aber die King Crimson inspirierten Finnen, die ich vor zehn Jahren oder so mal ein Konzert in einem winzigen Plattenladen spielen sah, mag ich irgendwie.
"Karakuchi!" wurde von Niko Lehdontie (Oranssi Pazuzu) produziert und erscheint im März über Svart Records (kommt allerdings ziemlich teuer). - Bei mir als Fanboy schon auf dem Einkaufszettel ist, was uns von Killing Joke ins Haus steht:
"A journey into the raw and visceral origins: from the demo sessions mixed by Steve Albini to the night of the very first secret show on December 20th, 1988." - Die Post-Rock/-Metal-Band The Light Below (mit Kingdom Come-Connection) veröffentlicht ihr Debütalbum "Georgia" am 23.01. über das Neurosis-verbandelte Label My Proud Mountain.
Bemerkenswert ist daran, dass es mit "Tsinskharo" ein in georgischer Gesangstradition stehendes Stück zu hören gibt, das durch den 1979er Werner Herzog Film "Nosferatu" zu gewisser Bekanntheit kam.
Im Übrigen ebenfalls beim nicht mehr unter uns weilenden Steve Albini aufgenommen.
- Die Badenwürtenbeger Neunziger-Noiserocker Mink Stole haben sich reuniert und in Kürze ein neues Album am Start.
Als ich daaaamalas ein paar Berührungen mit ihnen hatte, fand ich die ja irgendwie nicht so gut (lag vielleicht auch eher an mir als an ihnen) und heutzutage geht mir einer von ihnen als „Internet-Persönlichkeit“ mit Debilo-Aura irgendwie eher so ein bisschen auffen Sack (sorry to say, Keule, es ist halt einfach so), aber. Aber? Keine Ahnung. Ich werde mir das auf die alten Zeiten wohl trotzdem mal angucken/ anhören. - Synthesizer-Liferin Nadia Struiwigh wird dieses Frühjahr ihr neues Album "IKIGAI" mutmaßlich übers eigene Label Distorted Wave☡ veröffentlichen.
Ob nur digital oder auch physisch wird sich zeigen. - Es wird gemunkelt, dass jetzt bald auch 'ne neue Octo kommt. Vorfreude!
- "Paper Marks", ein Kollaborationsalbum von Phew and Danielle de Picciotto erscheint am 20.02. via Mute.
- Pullman's "III" erscheint ein Vierteljahrhundert nach dem letzten Album schon dieser Tage jetzt via Western Vinyl.
- Neue Sleaford Mods auch direkt noch diesen Monat.
- Neue Zu via House of Mythology.
- [Noch offene Fragen:]
Erscheint die seit Jaaaahren in Mache befindliche "Eisenvater V" in diesem Leben denn dann eigentlich doch noch mal? Ich wär' bereit!
Und warum hat noch niemand was von der neuen OM gehört, die angeblich ebenfalls seit Jahren fertigproduziert sein soll?



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