Freitag, 17. August 2018

25jähriges: Neurosis - Enemy of the Sun

Heute ein Vierteljahrhundert alt: NEUROSIS‘ "Enemy of the Sun"!

 
Hört, hört: Für mich ist gerade "Enemy of the Sun" ja tatsächlich so ein Album, bei dem ich Musik beschreiben wie zu Architektur tanzen wollen empfinde. 
Es ist sogar eines der Alben schlechthin für mich.  
Die emotional einnehmende und einen förmlich erschlagende Wucht, mit der mich die ersten beiden Songs (und davon ganz besonders "Raze the Stray") umhauten, als ich das zum ersten mal hörte, die kann ich bis heute nicht adäquat in Worte fassen.
Sämtliche abgelutschten Musikjournalistenfloskeln, die einem dazu einfallen könnten – etwa „apokalyptisches Inferno“ oder „urgewaltige Intensität“ oder „Trance-Zuständewären durchaus wie der Nagel auf den Kopf zutreffend, würden "Enemy of the Sun" dabei aber aufgrund ihrer Plattitüdenhaftigkeit heutzutage kaum noch gerecht.



Möglichst sachlich betrachtet sind ja gerade Mittneunziger-NEUROSIS auch fast schon so eine Art von Fetisch-Ding, das schon damals alles bediente, worauf ich bis heute stehe.
Und ich könnte mich endlos darin ergehen, mit vielen Worten im Endeffekt doch nur wenig auszusagen über ... 
...die Brachial-Gitarrenriffs im treibenden Midtempo und wuchtig-doomig stampfenden Passagen von unerreichter Intensität, begleitet von einem gewissen Willen zur Musikalität. 
...wie die Band immer wieder das Tempo anzieht und dann wieder einen Gang zurückfällt - das hat man mit so einer souveränen Natürlichkeit bei derartigem auch nur selten gehört. 
...diese Tendenz, Songs so viel Zeit zu geben wie sie brauchen, inkl. dichtem Gesamtwerk-Faktor (der Titeltrack, 'The Time of the Beasts' und das Finale 'Cleanse' fließen wie ein Song) - das wiedrum ist etwas, das in ähnlicher Form erst in jüngerer Vergangenheit bei vielen anderen (Post-)Black- und Doom-Metal-Bands Einzug gehalten hat.
...über das Geschrei und Gebrüll der Herren Kelly und Von Till, das authentisch statt aufgesetzt von ganz tief innen raus kommt.
...über die Akzente von Industrial-Noise, Gothic-Folk und dieses Tribaldrumming-Finale, was sich 25 Jahre später noch mal draufgeschaut fast schon wider Erwarten als tatsächlich recht zeitlos entpuppt.


Es ist eine weitere Floskel, aber die Band stand damit damals wie heute zwischen den Stühlen. Vielen 'Metalheads' war das zu Hardcore/ Alternative, vielen tatsächlichen Hardcorelern dabei aber auch too much, und von sowas wie Verwertungspotenzial für die breite Masse wollen wir bei derart extremer Musik erst gar nicht reden (auch wenn es zeitweise wohl durchaus Interesse seitens Majorlabels an NEUROSIS gab).

Dass die Band inzwischen so ein bisschen die Ernte einfahren konnte, heute als die Vorreiter und Unikate anerkannt zu werden, die sie schon damals waren, ist schön.
Und wenn man mal ganz ehrlich ist, reichen ihnen die meisten unter "Post-Metal" gehandelten Nacheiferer auch wirklich kein bisschen das Wasser, was auch moderne Wegweiser wie Isis oder Cult of Luna betrifft...





Randnotizen: Ab irgendeiner Version kamen mal zwei CD-Bonustracks dazu, mit "Cleanse II (Live in Oberhausen)" auch sowas wie eine Noise-Improvisation.
Ab der 2010er-CD-Version und somit auch der 2012 2LP-Reissue erschien das Teil auch noch mal mit einem variierten Coverartwork (siehe Bandcamp oben).

Dienstag, 14. August 2018

Dieser Tage raus (KW33)

Was für eine Woche schon wieder... wann soll man das alles hören...

ACID MOTHERS TEMPLE & THE MELTING PARADISO U.F.O. - In C & La Novia
Ein wirklich cooles Design hat dieses Tape der japanischen Psych-Rocker, das bei je einem Track pro Seite auf eine Gesamtspielzeit von ca. 95 Minuten kommt!


BIRUSHANAH -「灰ニナルマデ」 
Ein Youtube-Teaser-Trailer (was ich aufgrund der geringen Aussagekraft sonst eigentlich eher nicht verlinke) und der Label-Name Reiho Music sind alles, was ich bis jetzt über das neue Album der eigenwilligen japanischen Flaschenpercussion-Sludge-Metaller BIRUSHANAH weiß, das diese Woche erscheinen soll… 
Muss wohl für's erste reichen.



BUMMER - Holy Terror
'Highly anticipated': Der mit selbstironisch-neandertaliger Aura dahergekeulte Neunziger-Noiserock ihrer 2015er "Spank" EP und einer letztjährigen Split gab dem Rabiat-Trio BUMMER aus Kansas City direkt das Potenzial einer neuen Oberlieblingsband. 

Du hältst Tad, die frühen (!) Helmet und Fudge Tunnel schmerzlich-vermissterweise für die besten Bands aller Zeiten, aber es darf gerne auch noch mal 'ne Spur gröber sein? Dann lobe den Tag, denn Du hast ja jetzt BUMMER!
Diese Woche erscheint ihr Langspieldebüt über Learning Curve Records, die uns schon das Album des Jahres veröffentlicht haben und hiermit nun auch noch um den zweitplatzierten mitspielen…. 



ECHO BENDS - Buried Language
Diese Woche scheint ein bisschen auch im Zeichen von sowas wie einem Frühneunziger-Industrial-(Metal-)Revival zu stehen, denn nicht nur Unfiorm hauen ‘ne neue raus (s.u.), sondern das eh schon nicht so uninteressante Label The Flenser hat dann auch noch den zweiten Langspieler von ECHO BENDS am Start.
Jener ist ein Experiment, in puncto Equipment und Songwriting umzudisponieren und improvisieren, nachdem die US-Regierung mal hart durchgegriffenen hatte, gegen von Künstlerkollektiven besetzte Häuser u.ä. vorzugehen, und dabei auch den Inhalt des ECHO-BENDS-Proberaums konfiszierte. Womit die Realität dann wohl auch erschreckend deutlich das Cyberpunk-Narrativ der Musik eingeholt hat. High Tech, Low Life. 

Was für Fans von Skinny Puppy und co.!



DEAD OTTER - Bridge Of Weird
Riot Season Records holen diese Woche die angeblich schon seit 1995 existenten (!) DEAD OTTER mit personellen Überschneidungen zu The Cosmic Dead aus der Mottenkiste, die uns auf ihrem ersten (!) Langspielalbum Spacerock von wabernden Improvisationen bis zu noisigen Volloffensiven kredenzen.



FORMING THE VOID - Rift
Psychedelic Stoner-Rock/ Doom Metal, der sowohl relativ heavy tönt, als auch sonor-poppige Tendenzen mitbringt, präsentieren uns FORMING THE VOID aus Louisiana auf ihrem nicht erst ersten Album.
Kann man machen!


HUFFDUFF – HF/DF
Auf Spuren von Jesus Lizard und Shellac meinen die norddeutschen HUFF DUFF zu wandeln, die dem teilweise noch 'ne Spur Schraddel-Rock'n'Roll dazugeben.
Haut mich nicht um, ist aber auch nicht verkehrt.

JOHN MULHEARN - Pipes
Rettet den Dudelsack! Ja, das ist mein voller Ernst! Der Dudelsack ist ein wirklich tolles Instrument, das völlig zu Unrecht von Vielen als ohrenfeindlich empfunden wird und inzwischen in dieser Klemme steckt, dass vor allem unsägliche Mittelaltermarkt-Kapellen davon Gebrauch machen.
Das Konzept des schottischen Produzenten und Musikers John Mulhearn ist, traditionelle Musik zu modernisieren, wozu nun auch ein Album gehört, auf dem er sich ganz den Great Highland Bagpipes widmet. Ich salutierte im Kilt!


PRIVATE LIFE - Silent Partner
Christopher Royal King von der Postrock-Hausnummer This Will Destroy You und Drummer/ Multiinstrumentalist Sam Chown (Shmu) ergehen sich als PRIVATE LIFE in einer „Mixtur aus Cyberpunk, Dream Pop, 70er-Psych/ Prog/ Kraut, ein bisschen Thrash und moderner Modularsynthie-Elektronik“.
Nein, so wirklich richtig vorstellen kann ich mir das irgendwie auch nicht.



TILE - Come On Home, Stranger 
Dafür, dass das Pennsylvania-"Dirty Sludge Garage Punk Noise Heavy Vandalism"-Trio TILE immerhin auch schon seit 11-12 Jahren aktiv ist, dafür blieb es bis jetzt ja ziemlich unter dem Radar von Rabiatrockmusik-Freunden wie mir. 
Vielleicht liegt’s daran, dass ihre Mischung aus Sludge-Gechleppe, Noiserock-Weirdness und tendenziell eher punkig auf den Punkt kommenden Songs zwar gar nicht mal so verkehrt tönt, dabei in letzter Konsequenz aber trotzdem nicht so ganz in Ausmaßen von Oberligapotenzial geil kommt.
Und das pseudoironische Hochglanzcoverartwork ist eher ziemlich furchtbar.


TUSCOMA - Arkhitecturenominus
Hier wird’s interessant: Krachig-aggressiver (Post-)Hardcore-Punk, der mit gehöriger Black-Metal-Schlagseite rasant nach vorne peitscht, sich dabei aber fest auf seiner Schiene nicht beirren und die Kvelertak’sche Stadtionrock-Variante von derartigem genauso links liegen lässt, wie man nix mit diesem ganzen Screamo-/ Hipster-/ Blackgaze-Kram am Brett hat, der von da aus auf dem Papier sooo weit auch nicht mehr weg sein mag… 

So in der Art würde ich mal die Musik des neuseeländischen Duos TUSCOMA eingrenzen.
In dieser Gegend der Kugel kriegt man die LP über Antena Krzyku. Außerdem auch hierzulande auf Tour!




UNIFORM - The Long Walk 
Eigentlich müsste man mit Musik, die sowas wie die rotzig-simplistische Punk-Version von Frühneunziger-Industrial-Metal à la Ministry ist, sehr direkt bei mir landen können…. Leider laufen UNIFORM aber regelrecht vor mir weg, denn in dem Moment, wo ich Bock habe mich auf ihr Drumcomputer-Getacker einzulassen, addieren sie einen „dafür viel zu guten“ Drummer ins Line-Up und stocken den Saitensound auf, um endgültig in einer eigenen Grauzone zwischen stumpfem Punk, breitbeinigem Metal und übersteuertem Industrial-Charakter zu lärmen, was in Kombi mit den gewöhnungsbedürftigen Plärr-Vocals vielleicht schon etwas too much ist, um sich das wirklich anhören zu wollen.
Auf der anderen Seite bin ich trotzdem einfach nur froh, dass es in einer Welt, in der viele Bands sich damit begnügen wie das noch uninspirierter wiedergekäute Abziehbild irgendwelcher in sich schon nicht originellen Vorbilder zu klingen, auch doch noch ohrenzerfetzende Zeitgenossen mit "Scheiß auf alles!"-Aura wie UNIFORM gibt.


ZEVIOUS - Lowlands
Die Frage, wie ZEVIOUS, die immerhin von 2008 bis 2013 auch schon drei Alben veröffentlicht haben, bis eben unter meinem Radar bleiben konnten, muss man auch mal stellen, denn mit Drummer Jeff Eber macht schließlich jemand von Dysrhythmia mit, die ich ja schon seit Jaaaaahren alles andere als verkehrt finde. Und auch diese andere Trioformation von ihm hat sich dem instrumetalen Prog-Metal /
Jazzy-Doom-Lärm verschrieben. 


Splits...
...kommen diese Woche auch einige:

Z.B. auf Corpse Flower Records zwei Singles mit toll bunten Covern: 
Eine teilen sich die finnischen Noiserocker THROAT mit den mir bisher unbekannten GREAT FALLS...

...und dann gibt's noch eine mit den soliden Psychedelic-Sludge-Punks BARDUS und MULTICULT, die wiederum - das kann man ja bei der Gelegenheit noch mal erwähnen - Anfang des Monats live der absolute Wahnsinn waren

Die Derbst-Doomer PRIMITIVE MAN und die Sludge-Metaller UNEARTHLY TRANCE hauen dann diese Woche außerdem ein geteiltes Album über Relapse Records raus.

Und sont noch?

"Vinyl Noise Beer Vol.3" ist eine programmatisch betitelte Compilation für das Triple Eye Industries Fest III mit BUILDINGS, THORAT, HAAN, HIGH PRIESTS und vielen anderen…

Wer JULEE CRUISE ist, braucht man wohl vor allem Twin Peaks-Fans nicht zu erklären.
Diese Woche erscheinen bei Sacred Bones Records 1.) eine 'Deluxe Reissue'-Version ihers zweiten Albums "The Voice of Love" (featuring David Lynch and Angelo Badalamenti!) und außerdem 2.) mit "Three Demos" (auch bei Bandcamp) genau das, sprich drei alte Frühstadium-Demosongs der Dreampop-Sängerin.


Irgendwie durchgegangen war mir am vergangenen Freitag, dass an jenem auch die Debüt EP "Drift" von BLISS SIGNAL via Profound Lore erschien, einem Projekt von James Kelly (ALTAR OF PLAGUES,
WIFE) und Techno-Typ MUMDANCE, das den Spirit des Black Metal von der elektronischen (und instrumentalen) Seite aus einzufangen versucht.

Ebenfalls bei Profound Lore erscheint diese Woche dann ein neues Album der Death-Metaller INNUMERABLE FORMS.

Ich hab‘ ja nix gegen Metal-/ HC-/ Punk-Bands, bei denen auch ein gewisser Spaßfaktor im Vordergrund steht, und man hat auch ohne Frage schon so mancher Stoner-Band so einiges an albernen Wortspielen durchgehen lassen, aber bei TRAPPIST – u.a. mit Chris Dodge of Spazz- und Infest-Fame! - die sich auf ihrem Relapse-Album "Ancient Brewing Tactics" mit Songs wie 'Giving The Boot To Reinheitsgebot', 'No Corporate Beer', 'To The Pint' oder 'Wolves In The Taproom' allzu plakativ-humoristisch das Motto auf die Fahne schreiben, Craft-Beer-Connaisseure zu sein, wird’s mir jetzt dann doch mal irgendwie zu albern... Hørm und Reissnauer, das hier ist für Euch!

"Heavy Psychedelic Stoner Rock" bieten BLEETH aus Miami auf "Geomancer”, ihrem neuen Album via Anti-Language.

Eine tatsächlich ganz nette Mischung aus Pantera'schem Groove-Metal, Sludge und 'ner gewissen Hard-/ Grind-/ Mathcore-Kante bietet das am vergangenen Wochenende in den digitalen Äther geschickte MOAT COBRA-Debüt "Deimos".

Auf dem Wiener Label Trost Records erscheinen diesen Freitag "Musik der 135. Aktion" von Hermann Nitsch ("Die Geburt des Dionysus" als eingefangene 150-Musiker-Performance in Kuba), sowie eine für Vinyl geremasterte Version von "Fisherman's​.​com" der Herren Akira Sakata / Bill Laswell / Hamid Drake / Pete Cosey.

Donnerstag, 9. August 2018

Reptilian Records @ Bandcamp

Die Namensverwandtschaft zum Amphetamine Reptile kommt bei Reptilian Records, dem Anfang der 90er mal als logische Erweiterung eines (2009 nach zwanzig Jahren wieder geschlossenen) Plattenladens in Baltimore gegründetem Label, mutmaßlich nicht von ungefähr.
(Ex-)Ladenbesitzer und Labelbetreiber Chris X gehört z.B. auch zu den interviewten, die in der Doku The Color of Noise über die early days of AmRep reden.


Auf seinem eigenen Label erschien im Laufe der Jahre dann durchaus auch das eine oder andere nicht ganz unlegendäre:
Z.B. die Debüt-Single der großartigen VAZ (Nachfolgeband der AmRepper Hammerhead), Siebenzöller von den wegweisenden Sludge-Metal-Punks BUZZOVEN und den Grindcore-Unikaten PIG DESTROYER, Veröffentlichungen der DWARVES, oder ein AC/DC-Tributsampler mit typisch anrüchigem Teufelinnen-Artwork von Kustom-Kulture-Künstler Chris "Coop" Cooper.
Viele Bands, die sonst auch über AmRep, Alternative Tentacles oder Sub Pop veröffentlich(t)en, haben auch irgendwann mal irgendwas via Reptilian rausgekriegt.


Reptilian Records sind ferner irgendwie auch sympathisch old school. Als ich z.B. den Download-Code des 2016er UXO-Albums eingelöst habe, musste ich dann ja doch ziemlich darüber schmunzeln, das Ganze in einem recht antiken statt zeitgemäß-gängigem Audio-Digitalformat rübergesendet zu bekommen.
So ganz ohne mit der Zeit zu gehen geht es dann ja doch nicht, muss sich Chris gedacht haben, als er kürzlich dann doch auch mal mit einer Bandcamp-Seite seines Labels online gegangen ist.


Und auch wenn die aktuell weit von vollständig ist, gibt darauf natürlich dann auch so einiges an Interessantem an Rockmusik der härteren und /oder eigenwilligeren Gangart aus den Neunzigern und Nullern zu entdecken, das man noch gar nicht kannte: Von Detroit-Garagerock (Easy Action) über speckigen Stoner (Ironboss) bis zu Screamo-Hardcore (Flowers in the Attic, The Exploder). 
Gehen wir ruhig auf mal ein paar Sachen noch etwas mehr im Detail ein:

CLOCKCLEANER - Nevermind
Sie gehörten nicht unbedingt zu den bekanntesten Gallionsfiguren der Punk-/ Indie-Szene der Nuller Jahre, aber Übersee dabeigewesene schwören retrospektiv natürlich größte Stücke auf die ca. 2003 bis 2008 aktiven CLOCKCLEANER.
Der Legende nach sollen sie z.B. ihren letzten Gig im Vorprogramm der damals frisch reunierten Hardcore-Punks Negative Approach bestritten und dabei dann eine endlos lange, zäh-langsame Sludge-Doom-Version deren Hits 'Ready To Fight' gespielt haben, woraufhin das Publikum not amused war.
Auch der Titel ihres 2005er Langspieldebüts "Nevermind" (CD über Reptilian Records, LP über Fan Death) hatte viel mit einer gerne Leuten ans Bein pissen wollenden Attitüde zu tun und Bandleader John Sharkey III erging sich in Interviews gerne mal in Nirvana-Diffamierungen.
Musikalisch neigte man recht zeitlos in aggressiv lärmende LoFi-Punk-/ Noiserock-Gefilde, zeigte dabei aber auch Post-Punk-Einflüsse à la Bauhaus oder Acid-Rock-Anwandlungen Richtung Chrome.


THE CUTTHROATS 9 - Anger Management
Ursprünglich wurden THE CUTTHROATS 9 von Gitarrist/ Schreihals Chris Spencer mal als Nachfolgeband der um die Jahrtausendwende ein paar Jahre auf Eis liegenden Unsane gegründet (anfangs gar mal mit dem gleichen Basser). Am Schlagzeug dann irgendwann ein gewisser Will Carroll, den man auch von Metal-Bands wie Hammers Of Misfortune, Death Angel oder Vicious Rumors kennt.
Um das selbstbetitelte Album (ursprünglich) auf Man's Ruin Records herum gab es dann auch eine 7" und die EP "Anger Management" über Reptilian.
Weit weg von Unsane war das Ganze natürlich nicht gerade (was ja absolut nichts schlechtes sein muss) und witziger Weise konnte man eine gewisse Parallelentwicklung feststellen, als die CUTTHROATS 9 dann 2014 auch noch mal mit dem sehr guten "Dissent" zurückkamen (dessen CD-Version ebenfalls über Reptilian Records erschien), denn ähnlich wie das 2012er Unsane-Werk "Wreck" zeigte sich dieses sehr gelungen mit einer noch etwas rockigeren Schlagseite.


HABERDASHER - Songs on Love nos 48602-48608
Über HABERDASHER, die 1997 eine 7“ und dieses eine Album veröffentlichten, um dann schon wieder weitgehend in der Versenkung völliger Unbekanntheit zu verschwinden (von lediglich einem der vier Mitglieder hört man als Elektroniker Novo Line immer noch was), ist nicht wirklich viel überliefert. 
"Songs on Love nos 48602-48608" ist allerdings immerhin ein gutes Beispiel dafür, wie “Postrock” klang, als man diesen Begriff noch vor allem mit Slint‘s "Spiderland" assoziierte: Keine reine Schönmalerei, sondern interessante, narrative, mal ruhigere und mal härtere Musik mit Stilbestandteilen von Jazz bis Post-Hardcore, sowie Ecken und Kanten. 


HATEBEAK - Number of the Beak 
Ich bin ja meistens echt kein allzu großer Fan von lustigen Geschichten, die eigentlich eher als so ‘ne Art von Wegwerf-Gag starten, dann aber längerfristig eine solche Eigendynamik annehmen, dass sich das Ganze zum Running Gag einer mehr oder minder richtigen Band
mit Gimmick-Charakter steigert… Immerhin auf dem Papier ‘ne gute Geschichte ist es trotzdem: 
Zwei (ehemalige) Typen von Triac (s.u.), einer davon inzwischen auch bei Pig Destroyer, lassen einen Papagei über Wohnzimmer-produzierte Death-Metal-Musik quäken und nennen das ganze HATEBEAK.
Man hätte es ja bei den drei Splitsingles, die 2004-2007 über Reptilian Records erschienen, belassen können, aber legte 2015 dann tatsächlich auch noch mal ein ganzes Langspielalbum nach...


THE HEROINE SHEIKS - Rape On The Installment Plan
Ja, Cows-Frontmann Shannon Selberg war schon immer etwas spezieller und schräghumoriger. Mit gewisser Reputation als eh schon ziemlicher Weirdo seine nächste Band THE HEORINHE SHEIKS und das Langspieldebüt "RAPE on the Installment Plan" (
2000) zu nennen… ja puh.
Im ersten Drittel der Bandkarriere übrigens an der Gitarre: Norman Westberg of Swans-Fame!
Interessanterweise bekam der, Veröffentlichung von vier Longplayern und zwei Singles umfassende Art-Punk/ Weirdo-Noiserock der Band auf "Rape…" und ihrem anderen Album via Reptilian Records, "Out of Aferica" (sic!), wohl die besten Resonanzen.
Beim Ende der Band veröffentlichte Selberg im Übrigen dann noch ein recht ausführliches und äußerst sachlich formuliertes Schreiben, in dem es im Grunde genommen darum ging, dass die Zeiten, als Künstler mit derartigem überleben zu können, vorbei sind.


SINKING SUNS - Bad Vibes
Der aktuellste Release des Labels ist mal wieder ein gutes Beispiel dafür, dass Chris X ein gewisses Händchen hat, brauchbare Bands zu entdecken, die irgendwie durchaus im Zeitgeist liegen, dabei aber alles andere hip und trendy wirken.
Die SINKING SUNS aus Wisconsin machen nämlich Post-Punk/ Noiserock, der auf Pfaden von Steel Pole Bathtub, God Bullies u.ä. eine leicht experimentell anmutende Aura hat, dabei aber dennoch recht songorientiert-straight daherkommt.
Cooles Teil! 


TRIAC - Dead House Dreaming
Wer diesen Blog schon länger verfolgt, weiß natürlich um meine relativ hohe Grindcore-Affinität, und so nehme ich sowas wie TRIAC auch allzu gerne mit. 

Deren Debütalbum "Dead House Dreaming" erschien 2005 via Reptilian und dürfte mit Hyperblast-Geschepper, kantigen Riffs und deftigsten Gröl-Vocals zu den extrem-metallischsten Veröffentlichungen des Labels gehören, auch wenn die Truppe aus Baltimore trotz gewisser Thrash-/ Death-Elemente in der Gitarrenarbeit der recht ausgetüftelten Arrangements klar eher zum Powerviolence/ Fastcore als Richtung Deathgrind o.ä. neigt.
Und das ist Krach und Geballer ganz in meinem Sinne! 


UXO - Uxo
Noch mal Chris Spencer: Im Rahmen von oben erwähnter "Color of Noise" Doku muss es irgendwie passiert sein, dass er und Steve Austin von Today Is The Day sich mal wieder in die Arme liefen.
Produkt der üblichen "Mensch, wir müssen doch eigentlich mal wieder was zusammen machen"-Floskeln, die man bei solchen Gelegenheiten zwischen dem dritten und fünften Bier dann schon mal austauscht war, dass die beiden – plus Rhythm-Section aus dem weiteren Label-Umfeld - dann tatsächlich
als UXO ein gemeinsames Album mit geteiltem Gesang fabrizierten.
Dabei trifft die unverkennbare Songwriting-Handschrift mit harter Kante von Spencer auf das leidende von Austin.
Mission geglückt!


Zu aktuelleren Reptilian-Releaes, die man (noch?) nicht in der Bandcamp-Auflistung des Labels aber bei den entsprechenden Bands findet, gehören dann im Übrigen z.B. auch noch die Debüt-EP der unsanigen Jungspunde Plaque Marks, die in der Metal-Blogosphäre einiges an Aufmerksamkeit bekam, die letzte 7“ von KEN mode (mit Steve Albini-Sound) und das aktuelle Multicult-Album ('ne Wahnsinns-Liveband übrigens!!).

Mittwoch, 8. August 2018

Snob Club / Terra Flop (New Old Heroes of Noiserock(5))

Über was man mal wieder so alles eher beiläufig-zufällig im Netz stolpert…
Remember Party Diktator? Jene wirklich recht legendäre Frühneunziger-Noiserock-Band aus Bremen, die u.a. zwei 7''-Singles über Amphetamine Reptile Records und 1996 sogar ihr zweites und letztes Langspielalbum über Roadrunner veröffentlichte? 

(Was als Band aus hiesigen Breitengraden eine durchaus beachtenswerte Sache ist! Beides..)
Und aus denen dann u.a. noch Chung hervorgingen?
Party Diktator-Basser Matthias Weishoff hat neben den 2010 rum gegründeten TERRA FLOP inzwischen jedenfalls noch eine weitere Band namens SNOB CLUB am Start und als ersten Release letzterer hat man vor ca. eineinhalb Monaten ‘ne Split mit ersteren rausgetan:




SNOB CLUB rumpeln sich dabei instrumental durch sechs rasant-brachial-disharmonische Noiserock-/ Prog-Punk-Tracks, während man sich mit TERRA FLOP in der Tradition von Wire oder Gang of Four sieht.
Da man auf offizielle Social-Media-Präsenzen u.ä. weitgehend verzichtet, wird’s jedenfalls relativ spannend, die Bands im Auge zu behalten…  


Dienstag, 7. August 2018

Dieser Tage raus (KW32)

...

FISCHESSEN - Der Tote Winkel
Bereits einen Tag nach dem Ableben von Guido Lucas letztes Jahr fing sein langjähriger musikalischer Weggefährte und bester Freund, Schlagzeugvirtuose Jörg A. Schneider (u.a. Les Hommes Qui Wear Espandrillos, Nicoffeine, Jealousy Mountain Duo, …) an, mit seinem Projekt FISCHESSEN an einer Art Tributalbum für den Musiker, Produzenten und Labelbetreiber zu arbeiten.
Vergangenen Sonntag erblickte es digital das Licht der Welt und beinhaltet an Mitwirkenden außerdem die Gitarristen Soheyl Nassary (Nicoffeine) und Sharco von Clarkys Bacon, Gesang von David Russel von den Clevelandern Murderedman, die Guido sehr schätzte, und beim letzten Track wirken zwei Jungs von Pendikel mit.
Bye Guido! 



GAD WHIP- Post Internet Blues
Bei eigentlichen Release in der letzten Woche ging es mir irgendwie durch, also holen wir es nach: Über das hiesige Label X-MIST kommt die neue LP der britischen Altherren-Art-/ Post-Punks GAD WHIP.


GOTH GIRL - 1000 Cuts
Kann man natürlich auch von halten, was man will, aber es gibt diese Dinge, die in erster Linie gemacht werden um gemacht worden zu sein: Noise(core)-/ Industrial-Artist GOTH GIRL hat mit "1000 Cuts" eine Veröffentlichung raus, die aus 1000 jeweils einsekündigen Tracks besteht, tatsächlich jeder einzelne anders, durchaus auch unter Einsatz von Drums und Vocals.
Laut Künstler selbst soll man den digitalen Release den digitalen Release sein lassen, und zum wahren Hörvergnügen eher zum physikalischen Tonträger via Contradiction Tapes greifen. 


HAAN - By the Grace of Blood and Guts
Erstes Langspielalbum der New Yorker Noiserock-Band HAAN, das auf dieser Seite des großen Teichs mal wieder vom finnischen Label und Mailorder Kaos Kontrol vertrieben wird (Übersee von Aqualamb).
Den ersten Hörproben nach scheint sich die partielle Sludgecore-Brutalität ihrer Debüt-EP noch ein bisschen zu einem eher Richtung Post-HC neigendem Sound verschoben zu haben, der nicht ganz so plakativ aggro, aber nicht minder energisch tönt. 

Gut so!




HERMANN - disart brut: mausoleum
Bei der Kombination vom Bandnamen HERMANN, dem Albumtitel "Prinzhorn Kolloquium" und einer Persiflage des Relapse-Logos auf dem Backcover war ich umso überraschter, dass hinter besagtem Debütalbum keine totale Hipster-Comedyveranstaltung steckte, sondern durchaus brauchbare Musik in der Death- und Black-Grauzone mit Doom-Momenten und Crust-Kante, die dem jüngeren Trend hellhämmernd Hall-lastiger Produktionen folgte. 
Mit dem Drummer der unterhaltsamen Berliner Grind-Weirdos 100000 Tonnen Kruppstahl im Übrigen.
Diese Woche ist Album Nummer zwei raus.



MACHINEFABRIEK WITH SIGNOR BENEDICK THE MOOR - IX
Mit dem kalinfornischen Signor Benedick the Moor als Kollaborateur am Mikrofon hat der Rotterdammer Soundtrüftler Rutger Zuydervelt alias MACHINEFABRIEK tatsächlich etwas gemacht, das sich dem Thema Hip-Hop von der abstrakten Ambient-/ Noise-/ IDM-Seite aus nähert.
Und das ist wirklich nicht uninteressant, gerade auch aufgrund dieser eher etwas dezent klingenden anstatt irgendwie laut rummsenden Art und Weise…


NOMADIC WAR MACHINE - Always /​/​/ Forever 
Über die Hintergründe des NOMADIC WAR MACHINE Comebacks hatte ich im Mai schon mal was geschrieben...
Das neue Album "Always /​/​/ Forever" ist jetzt raus!

An den interessanteren Stellen hält der Post-Industrial auch schon mal einen Zeh in den Ambient-Drone oder schielt vage Richtung 'IDM', an anderen wiederum bin ich persönlich allerdings von futurepoppigem Autotune-EDM-Kram wie 'It's Only a Matter of Time' ja ehrlich gesagt eher weniger begeistert.


RADIANT KNIFE - Science Fiction
Die Vergleichsreferenzen, die Andere schon diesem Duo aus Louisiana angedichtet haben, können verwirren: Da ist auf der einen Seite gar von Prog Richtung Rush und neuzeitlichem wie Intronaut und Mastodon die Rede, auf der anderen aber auch von altehrwürdigen Krawallmachern wie Today Is The Day, Zeni Geva und den eben eher frühen Mastodon. Letzterer Ecke fühle ich mich generell zugeneigter als ersterer, aber irgendwie trifft es das hier auch mal so gar nicht wirklich.
Vielleicht verkörpern RADIANT KNIFE in etwa das, was Gojira hätten werden können, wären sie eben doch ein bisschen mehr Sludge als Djent. Oder so. Keine Ahnung... 



SUPER CHIEF - Eating Alone In My Car EP
Es kann nie genug Noiserock/ Post-Hardcore/ Schräg-und-laut-Indie/ Punk sein? Here we go again: Learning Curve Records haben mit dieser EP den Vinyl-Einstand der zuvor schon mit einigen Tape-Releases in Erscheinung getretenen SUPER CHIEF aus Austin, Texas zu bieten.
Man gibt als Einflüsse Jesus Lizard, Shellac und Sonic Youth an.
Ab Freitag dann wohl auch bei Bandcamp.


TRANSIENT + BASTARD NOISE - Sources Of Human Satisfaction 
Die Portlander Grindcore-Truppe TRANSIENT hat auf Albumlänge mit Noise-Guru Eric Wood alias BASTARD NOISE kollaboriert.
Das Teil hat ein ziemlich cooles s/w-Comic-Coverartwork und der Album-Stream wird bei Release am Freitag wohl mutmaßlich noch bei Bandcamp online gehen.


v.a. - It Came From The Abyss (Volume 1)
Compilation mit diesem und jenen an Resteverwertung von verschiedensten Bands: Die Hardcore-Thrasher POWER TRIP covern Prong, DILLINGER ESCAPE PLAN nehmen sich Blag Flag vor, die Postrock-Originale THIS WILL DESTROY YOU sind mit einem brandneuen Song vertreten (s.u.), diverses rares von IRON REAGAN, den DOOMRIDERS, INTEGRITY und wasweißich was noch...
Wie was warum genau eigentlich - I don't know. Gibt's aber Freitag bei Bandcamp.


Re-Release

PENNY RIMBAUD - Oh Magick Kingdom
Ursprünglich 2011 in einer auf 60 Stück limitierten CD-Auflage erschienen, hat Cold Spring diese Woche eine Wiederveröffentlichung von "Oh Magick Kingdom" am Start.
Auf jenem verwendet Penny Rimbaud von der britischen Punk-Legende Crass Aufnahmen, die das New Yorker Noiserock-Duo Japanther mal für ihn eingelärmt hat, und um die herum er dann mit Produzent Tony Barber und weiteren Gastmusikern irgendwas ambitioniertes gebastelt hat.
Shakespeare soll auch ein Einfluss dabei gewesen sein.



Und sonst noch?

Okkulten Blackened Thrash Metal zwischen Absu und Melechesh versprechen die britischen COILS OF DELPHYNE in Bezug auf "Dios Apate".


Das programmatisch betitelte "Destroyed in a Second" von den italienischen DOUBLE ME bietet derbes Grind-/ Fastcore-/ Powerviolence-Gekloppe, Geröchel und Geschrei für die potenzielle Handwedel-Circlepit-Fraktion. 

Die Londoner SKELETAL SERPENT kredenzen uns auf ihrer selbstbetitelten Debüt-EP brachialen Death-Doom.

Kreisklassen-„Post-Metal“, die x-te: TONGUE EATING LOUSE‘s "Voidwalker" auf Sludgelord Records bietet 10- bis 15minütige Song-Epen mit doomigen Arrangements, hardcoreigen Ausbrüchen und Gurgelkeif-Vocals. 

Die beiden Chicago-Hardcore-Bands THIEVES und THE OX KING haben Ende der Woche ‘ne Split 12” über Hand of Death Records raus.

Und VIVIANKRIST haut wie gewohnt generell nicht wenig raus

Montag, 6. August 2018

Majority Rule, Multicult, Kishote

Meine Fresse, was waren MULTICULT großartig am vergangenen Samstag!
Aber der Reihe nach…
Die sympathische Konzertorga-Gruppe "Fiducia" hatte im AZ Mülheim mal wieder was nettes zur Abendgestaltung herbeigezaubert.

 
KISHOTE aus Bielefeld eröffneten das Ganze mit brauchbarem Screamo/ Emoviolence-Kram zwischen ausholenden Songarrangements mit auch mal ruhigen Momenten und Blastbeatrgeballer und Gebrüll.
Der Frontmann taumelte manchmal etwas unbeholfen wirkend durchs AZ, ging
dabei allerdings augenscheinlich voll in seiner Rolle auf…
Nicht sooo meins, aber wie gesagt durchaus brauchbar.

Dann war es soweit: MULTICULT!
Das Trio aus Baltimore entpuppte sich mit seinem Noiserock, der live Assoziationen Richtung Big Black, Jesus Lizard, Distorted Pony und Helmet weckt, als regelrechte Offenbarung.
Da ist sowas
fast schon mechanisches an ihrem auch schon mal kantige Stakkato-Riffs rauskeulendem Stil, während dem wild draufkloppendem Drummer Jake die zerberstenden Sticks um die Ohren fliegen (I can relate!) und der schnarrend verzerrte Sound, den Bassistin Rebecca mit einer gewissen Präsenz durchdrückt, das treibende i-Tüpfelchen ist.
Gitarrist/ Sänger Nick strahlt derweil die entspannt-nerdige Aura eines alterndem Indie-Typen aus, der auch bei Sonic Youth reinpassen würde.
Die gleichsam völlig unprätentiöse wie unglaublich infernalisch-brachiale Performance des Trios zauberte mir durchweg ein glückshormonbefeuertes Grinsen ins Gesicht, und da war ich nicht der einzige.
Traf sich gut, dass ich ihr aktuelles Reptilian Records-Album "Position Remote" sowieso schon länger besitzen wollte, denn ich klemmte mir die entsprechende LP, plus der des Vorgängers "Variable Impulse" vor der Heimfahrt noch wie mit der Begeisterung eines Kindes für Weihnachtsgeschenke untern Arm, und auch da war ich nicht der einzige.


MAJORITY RULE, wohl ursprünglich von 1996 bis 2004 aktiv und frisch reuniert, beendeten den Abend.
Der Screamocore des Trios ist nicht unbedingt meine Go-to-Art-von-Musik - ich kann sowas allerdings seit eh und je durchaus auch genießen und würdigen, wenn es tight dargebotener Lärm mit hohem Energiepegel und interessanten Songarrangements ist. 

De facto ist mir sowas, obwohl ich mich eigentlich schon lange aus dem Alter für sowas  raus wähne, ja doch wesentlich sympathischer als irgendwelches Metal-Gerumpel von der Stange, wie es in weiten Teilen der hiesigen Szene sonst so an der Tagesordnung ist.
Von daher: Gelungenes Finale!
Generell sehr kurzweiliger Abend mit Livemusik und Hansa Pils, und ich sach’s jetzt noch mal: Meine Fresse, was waren MULTICULT großartig!

Freitag, 3. August 2018

25jähriges: Voïvod - The Outer Limits

Heute eïn Vïerteljahrhundert alt: VOIVOD’s "The Outer Limits"!



Dass dem 1993er "The Outer Limits" - quasi das Finale der „klassischen Phase“ VOIVODs - allgemein so ein leicht stiefmütterlich-unterbeachteter Status anhaftet, während nerdy Fanboys wie ich immer wieder gern mal betonen, wie gut es dabei doch eigentlich ist, das hängt wohl vor allem auch damit zusammen, wo die Band damals stand...

Nach den punkig-rumpligen Anfängen hatten die Frankokanadier ihren Thrash Metal auf den Mörderalben "Killing Technology" (1987) und "Dimension Hatröss" (1988) in immer experimentellere Bahnen gelenkt. Progressiv-komplexe Songstrukturen, schräg-dissonante Gitarrenriffs und spaceig-atmosphärische Anwandlungen waren bei aller aggressiven Rasanz mehr und mehr an der Tagesordnung.
Was ’89 im von Vielen als ihr Magnum Opus angesehenem "Nothingface" mündete, welches - u.a. auch von Igor Stravinsky beeinflusst - endgültig dahin abrauschte, sowas wie die VOIVOD-Variante eigenwillig-hartkantigen Progrocks zu sein, der im Kern aber die kauzigen Punk-/ Metal-Wurzeln der Band intakt ließ.

Im nächsten Jahrzehnt sollte der durchaus etwas stilbrechende Nachfolger "Angel Rat" allerdings nicht nur auf Gegenliebe stoßen. 

Mit dem vor allem auch für seine Arbeit mit Rush bekannten Produzenten Terry Brown hatten VOIVOD ihren Sound sozusagen gehörig geglättet.
"Angel Rat" kam ‘91 als interessantes Teil zwischen Psychedelic-/ Progrock, eher klassischem Hardrock/ Heavy Metal und in der Wahrnehmung Einiger auch Alternative daher.
Es war allgemeinverträglich-zugänglicher, melodischer, atmosphärischer, verlor dabei aber irgendwie wohl auch so ein bisschen den Anschluss an den Zeitgeist (obwohl man sooo weit weg von etwa 'Come As You Are' dann ja bei genauerer Betrachtung eigentlich auch nicht wirklich tönte). 
"Angel Rat" blieb hinter den kommerziellen Erwartungen der Plattenfirma zurück, die Kritiken waren nicht durchgängig so gut wie beim Vorgänger und natürlich war das Ganze so manchem daraufhin „$ellout“ murmelndem Metal-Fan nicht mehr hart genug.
Band-intern hatte es eh bereits gekriselt, denn Bassist Jean-Yves Thériault alias Blacky verließ die Band zwischen Produktion und Veröffentlichung.

U.a. auch, da man ihn nicht direkt mit einem festen Nachfolger ersetzen wollte, stellte man erstmal sämtliche Live-Aktivitäten ein und arbeitete am achten Album mit einem Session-Basser (Pierre St-Jean).

Und "The Outer Limits" nahm dabei dann tatsächlich auch noch mal eine interessante, kleinere Wendung:
Der Opener 'Fix My Heart' ist sowas wie eine schmissige Rock’n’Roll-Nummer, die ein bisschen den Eindruck erweckt, als wolle man den die "Angel Rat"-Wolkenstadt schnell wieder verlassen, allerdings auch nicht so ganz ohne was aus ihr mitzunehmen. Das folgende 'Moonbeam Rider' schlägt in eine ähnliche Kerbe, irgendwie schon beschwingt-poppig, aber clever arrangiert, und mit diesen um den schief tönenden Akkord aufgebauten Riffs, wie sie eben nur der 2005 leider verstorbene Ausnahmegitarrist Denis "Piggy" D'Amour gespielt hat.
'Le Pont Noir' dürfte mit seinen ruhigeren Parts und Steigerungen der "dramatischste" Song der Band sein.
Danach wird's richtig heavy, denn sowohl das Pink Floyd-Cover 'The Nile Song' (im Original vom 1969er "More" Soundtrack), als auch das direkt folgende 'The Lost Machine' (mit megageilem Riff und zunächst herrlich krummer Taktart) grooven mit massiver Schwere.
Außerdem erwähnenswert: Das Prog-Epos 'Jack Luminous‘ bringt es mal eben auf 17:26 Minuten.
'We Are Not Alone' (mit funky Basslauf und ins jazzige driftendem Part gegen Ende) beendet das Album dann auf einer eigentlich schon heiter-versöhnlich anmutenden Note.

Dabei ist das Album natürlich nicht so scharfkantig-hart wie die 80er-Referenzwerke der Band, wenn man allerdings "The Outer Limits" die Chance gibt, es tiefer zu ergründen, stellt man schnell fest, dass sich hinter der vermeintlich zugänglich-rockigeren Oberfläche doch auch so viel Finesse steckt, so viel Substanz mit Ecken und Kanten, dass es umso schmerzlicher ist, wie früh  D'Amour diese Welt verlassen musste.

The Rest is History, wie man so schön sagt.
Auch der damals u.a. mit Depression kämpfende Frontmann Denis "Snake" Bélanger verließ kurz danach
dann die Band.
Bekanntlich kamen Piggy und Drummer Denis "Away" D'Amour 1995 in einem anderen Line-Up mit generalüberholtem VOIVOD 2.0-Sound zurück, aber das ist eine Geschichte für wann andermal.
Der Fazit, um den es hier geht, ist natürlich, dass "The Outer Limits" trotz seiner etwas schwierigen Position als Krisenzeiten-Album der Band mit Sturm- und Drang-Phase hinter sich, und trotz seines musikhistorischen Kontexts, in dem es schon damals nicht mehr so ganz zeitgemäß schien, ein wirklich, wirklich tolles Album ist, das daher vielleicht nie so ganz die eigentlich gebührende Würdigung erhielt.


Als abschließende Randnotizen sollte man natürlich noch erwähnen, dass es CD-Versionen mit Brille für’s 3D-Booklet-Artwork gab…
 
...genauso wie eine einzige LP-Pressung mit gänzlich anders koloriertem Cover, für die man heute natürlich entsprechend tief in die Tasche greifen muss.
Reissue also mehr als überfällig.