Dienstag, 22. Juli 2008

Klassiker (Teil 1)

In letzter Zeit war ich mal wieder ein wenig in Klassiker-Stimmung. Es gibt von Geheimtipps bis zu allgemeingültiger Rockgeschichte so manches Album, das ich auch heute noch gerne mal wieder rauskrame und dann tagelang dauerrotieren lasse. Mit diesem Post lasse ich Euch an meiner speziellen Ecke im CD-Regal teilhaben, in der die ewigen Lieblingsscheiben stehen, die nicht mehr wegzudenken sind (Reihenfolge einfach so aus dem Bauch heraus):

VOIVOD - Nothingface (1989)
VOIVOD - The Outer Limits (1992)

Wenn es um VOIVOD geht, nennen viele Freunde der härteren Rockmusik standardisiert das Album "Angel Rat" als wichtigsten Klassiker. Gerade unter wirklichen Kennern und großen Fans der Band hat sich aber inzwischen ein bisschen mehr der Konsens eingeschlichen, den Vorgänger und/oder den Nachfolger von "Angel Rat" noch mehr zu schätzen. Und da zähle ich mich auch dazu. Im Gesamtkontext ihrer musikalischen Entwicklung wirkt "Angel Rat" nämlich bei genauerem Hinsehen nur wie die zugänglichste, "rockigste" Zwischenstufe inmitten der beiden Meilensteile ihrer kreativ wohl wichtigsten und interessantesten Phase. Bei "Nothingface" entfalteten die ursprünglich mal punkigen Thrash rumpelnden VOIVOD ihr volles kreatives Potenzial. Psychedelisch, progressiv, melodisch und sehr eigen war der Sound, bei dem die Kanadier hier angekommen waren. "The Outer Limits" vereinte Elemente wie wütenden Metal und experimentellen Space-Rock dann endgültig zu einem Rockplatte gewordenem Science Fiction Epos, bei dem von fast simpel treibenden Rocksongs (Fix My Heart) über spannend-ruhigere Töne (Le Pont Noir) bis zum 17-Minuten-Mammutsong (Jack Luminous) einfach alles passt und sitzt. Dass gerade diese beiden Alben mit jeweils einem (sehr geil umgesetzten) Pink Floyd-Coversong aufwarten, ist dabei schon nur noch eine interessante Randnotiz.


AT THE GATES - Slaughter Of The Soul (1995)
Ein Album, zu dem man nicht mehr viel sagen müssen sollte. ATG 'erfanden' das Genre, das man allgemein als Melo-Death oder auch Göteborg-Stil bezeichnet und legten bei ihrem letzten Album im Jahre '95 noch mal eine Extra-Schüppe auf den Punkt gebrachtes Thrash-Riffing mit drauf. "Slaughter Of The Soul" gilt als stilistisches Lehrbuch für Billionen von Bands aus der Thrash-, Death-, oder Metalcore-Schublade. Völlig zurecht, denn Songs wie 'Blinded By Fear', 'Suicide Nation' oder 'Nausea' sind Metal-Hymnen für die Ewigkeit, rasant-aggressiv und hochmelodisch zugleich. Hier wurde musikalisch alles gesagt, was zig Bands immer wieder in langweiliger nachkauen.


THE POLICE - Outlandos d'Amour (1978)
THE POLICE - Reggatta de Blanc (1979)

Eigentlich höre ich nicht gerade viel Musik aus den 70ern, sieht man mal von Hardrock-Ikonen wie AC/DC, Kiss und Alice Cooper ab. Doch irgendwann fing ich an, mich für THE POLICE zu begeistern. Die Tatsache, dass ich anfing Schlagzeug zu spielen und Police-Drummer Stewart Copeland mitunter unglaubliches aufs Kit legt, hat bestimmt dazu beigetragen. Es muss diese Mischung aus virtuosem Spiel, hart nach vorne treibender Energie in Kontrast zu den zurückgelehnten Reggae-Einschüben, und kompakt-poppigen Ohrwurm-Refrains sein, welche die Musik von THE POLICE gerade auf den ersten beiden Alben für mich so unsterblich macht.


THE CROWN - Hell Is Here (Ende '98)
THE CROWN - Crowned in Terror (2002)

Kurz vorm Millenium tauchten THE CROWN (ehemals "Crown Of Thorns") mit einem Album names "Hell Is Here" auf der Bildfläche auf. Geboten wurde schwedischer Death Metal, der wüst mit ultraschnellen Blastattacken in Kombination mit eingängigen Melodieläufen verzückte. In einem irgendwie schrottigem, dann aber eben so doch gut funktionierendem Sound kloppt sich der Drummer unfassbar irrsinnig einen ab, während aus Klischee-Slogans wie "1999 Revolution 666" (basierend auf einer Nostradamus-Prophezeiung) eingängige Mitgröl-Killer entstanden. Und wenn die Band mal nicht in wahnwitzigem Tempo alles plattmäht, haben langsame Passagen wie der gottgleiche Mittelteil von 'At The End' oder das abschließende 'Death By My Side' schon was erhaben-episches. Auch wenn das Folgewerk "Death Race King", das die schmutzigen Rock'n'Roll-Anleihen im Crown'schen Prügel-Inferno weiter ausbaute, ebenfalls nicht von schlechten Eltern ist, sollte sich bei mir allerdings erst das darauf folgende Werk "Crowned in Terror" wieder in der Langzeitrotation etablieren. Warum das so kam, weiß ich auch nicht. Auf jeden Fall schreit auf jenem Album kein geringerer als Tompa Lindberg (At The Gates) ins Mikro, während Songs wie 'Drugged Unholy' noch ein ganzes Stück punkrotziger und noch hektischer und aggressiver kommen als vorangegangenes der Band, ohne dass die melodischen Abrundungen des "krönenden" Stils dabei verloren gingen. 'The Speed Of Darkness' wurde zudem ein kleiner Szenehit, weil die Band hier mal eben die Titelmusik von 'Knight Rider' als Mittelteil nachspielt.


NINE INCH NAILS - Broken (1992)
Klar, wer NIN sagt, muss auch "The Downward Spiral" sagen. Doch zwischen dem Synthiepop-lastigem Debüt-Album "Pretty Hate Machine" und dem nicht in wenige Worte zu fassendem 94er-NIN-Meisterwerk lag noch die EP "Broken". Sie besteht aus vier 'richtigen Songs', zwei kurzen Instrumental-Tracks und zwei Hidden Songs, von denen einer eine Adam & the Ants Coverversion und der andere eine von Pigface ist, eine Projekt-Band mit ständig wechselndem Personal, in der auch Trent Reznor damals selbst mitwirkte (neben einer unfassbar langen Liste an weiteren höchst prominenten Musikern). Und was dabei abgeliefert wurde, überzeugt auch heute noch (mit minimalen Abstrichen im Sound) im Dreieck Noiserock, Industrial und "Industrial-Metal". Reznor gelingt es, das dreckige, räudige und lebendige des Rock'n'Rolls mit der kühl und maschinell stampfenden Präzision der Industrial-Musik zu vereinen, den Hörer brachial in der Mitte zu zersägen, dabei aber doch genug Raum für Songs zu lassen, die als straighte Hits funktionieren. Im Rahmen des späteren Soundtüftelei-Perfektionismus zeigten NIN eigentlich nie wieder eine derartige Kompromisslosigkeit, primär in die Fresse zu hauen (sieht man von vereinzelten Songs wie 'March of The Pigs' auf der "Downward Spiral" oder 'Letting You' auf "The Slip" ab). Jetzt, wo sich Ministry gerade auflösen, muss man es mal aussprechen: Musik wie diese gibt es heute ja eigentlich gar nicht mehr. Zumindest nicht in so gut.


KONG - Push Comes To Shove (1995)
KONG - Earmined (1997)

Es ist schwierig eine Band in Worten zu beschreiben, bei der das eigens erfahrene Schlüsselerlebnis eines Live-Konzerts essenziell ist, um sie komplett zu 'verstehen'. KONG-Gigs waren immer mehr wie ein eigenwilliger Rave, denn wie ein Rock-Konzert. Ihre rein instrumentale Musik ist ein homogen umgesetzter Mischmasch aus harten Metal-Gitarren, tanzbaren Rhythmen, eingebetteten Ambient-Sphären, sowie Elektronik-Zusätzen und Samples, der viel logischer und natürlicher klingt, als es sich schriftlich beschrieben anhören mag. KONG waren dabei keine elektronischen Tanzmusiker, sondern durch und durch eine experimentierfreudige Rockband, deren Musik wiederum dann in so etwas wie elektronisch angehauchter Tanzmusik mit hartem Rocksound ausartete. Dass sie es im Zuge des kurzen Hypes um Big Beat und Rock-Techno in den späten Neunzigern nicht schafften, sich dort als Marke zu etablieren, ist wohl der Fluch dem viele wirkliche Pioniere zum Opfer fallen ...


NAPALM DEATH – Diatribes (1996)
Der Name NAPALM DEATH übersetzt sich auch in “Godfathers Of Grind” und steht musikalisch für kompromisslose Raserei. In den 90ern zeigten sich Barney, Shane und co. aber auch mal von einer sehr experimentierfreudigen Seite, die nach dem sehr sperrigen 94er Werk „Fear, Emptiness, Despair ” in „Diatribes“ gipfelte, bevor sich die Band dann schrittweise doch wieder mehr und mehr in Richtung Blastbeat-Musik bewegte. Wovon auf dem 96er Album kaum die Rede sein kann. „Diatribes“ wird von groovenden, atmosphärischen Songs dominiert. Nur selten wird wirklich mal „der Knüppel aus dem Sack geholt“, wie man so schön sagt. Aus heutiger Sicht könnte man das Album sogar neben Godflesh und Neurosis als frühen Auswuchs der „Post-Metal“-Szene sehen. Und auch wenn mir die rasant grindenden NAPALM DEATH vor allem live natürlich eigentlich lieber sind, ist es vor allem dieses, aus dem Rahmen fallend schleppende Album, welches zu Hause eher ein gern gesehener Gast im CD-Player ist, als die rumpligen Frühwerke oder die noch extremer ballernden Scheiben jüngeren Datums.


... to be continued ...

Sonntag, 20. Juli 2008

Zwei Lieblingsmusiker mit ihren neuen Alben

...wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten:

SCOTT HULL - Requiem
SCOTT HULL war mal kurze Zeit Mitglied bei der kontroversen Kult-Schrammelcombo ANAL CUNT. Er spielte sogar, neben Phil Anselmo (ja, dem von Pantera und Down), auf meinem Lieblings-A.C.-Album "40 More Reasons To Hate Us" mit.
SCOTT HULL tobt sich ferner seit seinem Ausstieg bei A.C. mit eigenwilligen Grindcore-Bands wie PIG DESTROYER, AGORAPHOBIC NOSEBLEED und JAPANESE TORTURE COMEDY HOUR aus. Gerade PIG DESTROYER sind bei mir mit ihrem unkonventionellen Extrem-Metal, der mit Melvins-artigen Elementen aus der Noise/Sludge/Proglärm-Ecke durchsetzt ist, hoch im Kurs.
Mit "Requiem" veröffentlicht der 'nebenbei' noch als IT-Spezialist für die Regierung (!) arbeitende Gitarrist nun sein erstes Solo-Album. Welches überhaupt gar nix mit ohrenzerfetzendem Gitarrengeschrammel und hyperschnellem Blast-Drumming zu tun hat, sondern mit so etwas wie Score-Musik aufwartet. Einige Tracks wabern entspannt als minimalistische Ambient-Elektronik daher, andere sind tatsächlich stark an orchestrale Film-Untermalung angelehnt, und weitere driften auch schon mal klanglich ins jazzige.
Das dürfte eigentlich nix für den durchschnittlichen Fan seiner Ballerkapellen sein und ist auf dem tendenziell für alles offenem Spartenlabel Relapse Records auch fast schon etwas deplatziert. Auch ich muss zugeben, hierfür zwar einen anerkennenden Applaus übrig zu haben, aber mal ganz ehrlich: Wann und wie oft hört man sich so was schon wirklich mal an? Ich hoffe dennoch, dass der Gute sich noch öfter zu derartigen Experimenten hinreißen lässt - wer weiß, was für weiteres kreatives Potenzial noch in ihm schlummert.

ALICE COOPER - Along Came A Spider
Der Altmeister ist einer meiner letzten wenigen großen Jugendhelden, für die ich nach wie vor immer noch große Verehrung übrig habe und mir jedes Album auch immer wieder sehr interessiert anhöre. Was ich beileibe nicht mehr bei jeder Altmetall-Legende so praktiziere.
Ende des Monats erscheint sein neustres Album "Along Came A Spider", das man derzeit schon komplett auf myspace hören kann. Fast schon traditionell wird die musikalische Kursrichtung mal wieder etwas modifizert. Der auf dem 2003er Album "The Eyes of Alice Cooper " mehr in Richtung Garage Rock eingeschlagene Stil ist eine Dekade weiter gewandert und man oriniert sich jetzt wieder etwas stärker an 80er-Metal/Rock'n'Roll. Was im Prinzip genau die Ecke ist, in der ich ALICE COOPER seit eh und je am liebsten sehe bzw. höre. "Along Came A Spider" ist übrigens auch mal wieder ein Konzeptalbum, dieses mal eine Story über einen Serienkiller. Und damit auch überhaupt nix mehr schief gehen kann, wird er bei jeweils einem Song dann auch noch von Slash und von Ozzy Osbourne unterstützt. Ein Cooper-Album nach Maß also. Vielleicht schon etwas zu kalkuliert nach Maß, aber mir gefällt's sehr gut!

Mittwoch, 16. Juli 2008

Neue Kost in Scheiben

Aktuell gibt es u.a. mal wieder einiges neues aus dem Hause Relapse Records. Wovon ich kurz abhandeln möchte, dass sich AGENDA OF SWINE vor allem zwischen Grind und old schooligem Hardcore-Thrash der Marke D.R.I. und co. mit einem klitzekleinem Schuss Death Metal durch die Botanik rumpeln. Was Spaß machen kann, mir persönlich aber schon wieder einen Tick zu sehr auf Retro geeicht ist. HERO DESTRYOED wiederum bewegen sich im Fahrwasser der Math-/Chaoscore-Schublade, gehen dabei allerdings wesentlich zugänglicher und moderater zu Werke als diverse Genre-Zugspitzen und geben noch einen Schuss Bollo dazu. Was man sich anhören kann, aber auch nicht gerade preisverdächtig kommt. Interessant wird es jedoch bei …

FUCK THE FACTS – Disgorge Mexico
Wenn jemand den Witz mit dem Albumtitel wirklich verstanden hat (jaja, mir ist schon klar, wo er herkommt) soll er/sie ihn mir bitte erklären, aber wie dem auch sei: Im Direktvergleich zum Vorgängerwerk „Sitgmata High Five“ hat sich beim aktuellen Album nicht wirklich viel geändert, dennoch ist man versucht von gereifter Weiterentwicklung oder so was zu sprechen. Die Truppe um die fies keifende und grunzende Frontfrau bewegt sich hier und da zwar immer noch in Brutalst-Grind-Gefilden mit Prog-Death-Ecken und Mathcore-Kanten, bricht im Verlauf der Scheibe aber immer mehr in noch zugänglichere, Song-orientierte Bereiche aus. Einige Tracks driften dabei schon in traditionell beeinflussten, Melodie-betonten Death Metal, ‚ während ‘La Culture Du Faux‘ wiederum sehr Rock’n’Roll-lastig angehaucht ist. Dass die Kanadier ihre experimentelle Schlagseite dafür ein bisschen beiseite gelegt haben kann man sehen wie man will, „Disgorge Mexico“ ist für sich genommen jedenfalls ein absolut empfehlenswertes Extrem-Metal-Album, eigenständig und gut.

HARVEY MILK - Life... the best game in town
Da sie in Kürze bei mir um die Ecke zusammen mit Oxbow live spielen werden, musste ich mir aus Interesse natürlich unbedingt mal die aktuelle Scheibe der Noiserock/Doom-Legende HARVEY MILK anhören, von der ich zugegeben noch nie zuvor gehört hatte. Was für ein Versäumnis! „Life... the best game in town” überzeugt mit einem unfassbar massiven Sound, dem abgelutschte Etikette wie „schwerer Brocken“ oder „heavy“ gar nicht gerecht werden könnten. In diesem Rahmen drücken, schleppen, braten und grooven HARVEY MILK mit eigenwilligen Songstrukturen ohrenzerfetzend laut einen rockigen Doom/Noise/Stoner/Sludge-Bastard nach dem anderen raus, der sich als eigene Hausmarke irgendwo zwischen Bands wie Melvins, Unsane und Todd setzt. Sehr, sehr geil!

OPETH – Watershed
Ich möchte über dieses Album, das ich in den letzten Wochen in teilweise exklusiver Dauerrotation hatte, eigentlich gar nicht zu viele Worte verlieren. Was die Schweden hier an einer niemals konstruiert wirkenden Vermengung von brachialem Düster-Metal und klassischem Progrock hinlegen, ist schlichtweg unglaublich. Denn wenn selbst mich zart-melodische Passagen mit Folk-Einschlag uneingeschränkt begeistern (so wie z.B. beim Opener ‘Coil‘), ist das schon etwas ganz besonderes.

AMENRA – Mass IIII
Diese Belgier bewegen sich ja in ähnlichen Sludge/Doom/Post-Metal-Bereichen wie Cult Of Luna oder Tephra. Schleppend rekursive Riffläufe, fieses Geschrei, mit Crescendo in die nächste Attacke leitende atmosphärische Ruhig-Zwischenparts – das volle Programm halt. Was live immer wieder sehr gut funktioniert, wofür ich auf Konserve aber in der richtigen geduldigen Stimmung sein muss. Denn da, wo andere diesen Stil schon auf Anhieb packender hinbekommen haben, da muss man sich auf AMENRA mit dem richtigen Grad an Muße einlassen können, damit die Sache aufgeht.

Der neue ANTHRAX-Sänger

Bei einschlägigen Videoclip-Seiten wie Youtube sind bereits Konzert-Mitschnitte online, wie der neue ANTHRAX-Sänger Dan Nelson Standard-Songs sowohl der Belladonna-Ära (Caught In A Mosh, I Am The Law, ....), als auch aus der Phase mit John Bush (Room For One More, Only, ...) zum besten gibt. Als Frontmann gibt er dabei eine souveräne, wenn auch nicht gerade erwähnenswert charismatische Figur ab.
Schlimm wird es jedoch, wenn man sich den im Netz zu findenden Audio-Mitschnitt einer Live-Version von 'Safe Home' mal zu Gemüte führt. Mit seiner zwar kraftvollen, rabiaten dabei aber vor allen melodisch doch nicht so wirklich begabten Stimme braucht sich der gute Herr Nelson nur ein mal an Strophe und Refrain vergangen haben, bis es einem als Hörer ziemlich vergangen ist. Viel zu tief und auch 1-2 Notenschritte neben dem passen Ton grölt Nelson diesen ursprünglich großartig emotionalen Song mal eben komplett leidenschaftslos und talentbefreit den Bach runter.
Dass man gerade eine Ausnahme-Stimme wie John Bush nicht ersetzen kann, war ja von vorne herein klar (von seiner Bühnenpräsenz und höchst sympathischen Ausstrahlung ganz zu schweigen). Dass ANTHRAX jedoch nach ihrer überflüssigen Old School Reunion-Aktion inzwischen wohl den letzten Grad an gesunder Selbsteinschätzung eingebüßt haben, ihren (ehemaligen) Fans jetzt tatsächlich auch noch gesanglich drittklassige Coverversionen ihrer eigenen Songs zuzumuten, entsetzt sogar einen längst vergraulten Ex-Verehrer wie mich noch.

With Full Force 2008

Das WFF '08 aus diversen Gründen eines der entspanntesten und entspannendsten Festivals aller Zeiten. So relaxt, dass ich gegen Ende schon anfing, mich zu langweilen. Aber das tut nix zur Sache, hier eine Zusammenfassung nach dem Motto "on stage gesehen":

JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE
Da musikalisch wie persönlich bei mir ja eh hochgeschätzt im Prinzip völlig außer Konkurrenz, aber es war umwerfend, wie die Zeltbühne komplett Kopf stand. Um mich herum fanden sich zig apeshit drehende Leute ein, die jede Textzeile mitschreien konnten. Währenddessen standen auch auf ein mal Bekannte aussem Pott neben mir "Is doch klah, dat wa bei unser' Jungs geschlossen am Start sind odda wat". Ja, so muss das sein, Alter. Der Gig war dann auch bis auf die bei JaKa fast auch schon etwas üblichen 1-2 gröberen "Nimmt nur die Musikerpolizei wahr"-Patzer selbst wenn man sie schon x-mal gesehen hat absolut super.

MININISTRY
Dass die Band in den ersten 2/3en nur neueres spielte, zum Schluss ein paar wenige Evergreens rausholte (NWO, just one fix & und das von mir bis zur totalen Heiserkeit mitgebrüllte Thieves hinereinander weg) und damit einiges an Klassikern hintern rüberfiel, was ich (Psalm 69, Lava) oder andere (Jesus built my hotrod, schnarch) noch gerne gehört hätten, fand ich nicht weiter schlimm. Zumal ich die Band früher schon gesehen habe und es auch mal geil war, von einigen der aktuelleren Sachen in der Mitte zersägt zu werden (LiesLiesLies, Rio Grande Blood, NoW ). Runde Sache und sehr, sehr geil. Ich nahm nach zwei Songs meine doch etwas zu sehr abschottenden Ohrstöpsel raus, damit ich dieses Krachinferno ein letztes mal noch mal richtig genießen konnte.

ENTOMBED
Endlich mal wieder Entombed! Alleine durch diese Tatsache konnte da nix schief gehen. Diverse Lieblingssongs waren im Set (Out Of Hand, Damn Deal Done, Chief Rebel Angel) und als Finale gabs wie immer den anbetungeswürdigen 'Left Hand Path-Mittelteil-Jam'. Gut, gut.

A.O.K.
Ja nu, ich bin wirklich Fan von dem Schwachsinn. Machen auch zur Hälfte den gleichen Scheiß wie immer, aber sie bringen mich trotzdem immer noch zum Lachen.

ILLDISPOSED
...waren schon mal spektakulärer, was sowohl Songauswahl als auch das Drumherum betrifft. Immer noch nett, aber eben inzwischen leider nicht mehr der Überflieger Der Seitenhieb auf Hatesphere als Poente eines EM-Resümees war allerdings für einen Lacher gut.

JOB FOR A COWBOY
Ich hatte zwar gerade irgendwie keinen Trieb die komplett zu gucken, was ich da im Vorbeigehen für ein paar Songs lang sah und hörte war aber wieder sehr gut.

The CAVALERA CONSPIRACY
Sehr durchwachsen. Man kann nicht sagen, dass es schlecht war. Man kann nicht darüber meckern, dass es einen NAILBOMB-Song zu hören gab (!). Man mag darüber schmunzeln, dass Kelly Family-mäßig auch schon mal Sprösslinge des Rastamanns beim musikalischen Geschehen mitwirkten. Man kann schon etwas die Stirn darüber runzeln, dass das CC-Album viiiieel zu kurz kam und man stattdessen en masse Sepultura-Essentials rausgeballert bekam (Troops of Doom, Inner Self, Arise/Dead Embroynic Cells-Medley, Refuse/Resist, Biotech is Godzilla, Territory, Propaganda, Roots Bloody Roots), auch wenn so was ja auch nicht wirklich überraschend kommt. Was mich allerdings etwas ankotzt ist die Gewissheit, dass Max Cavalera's gemutmaßt nicht mal eingestöpselte Gitarre bei einem Soulfly-Gig, den ich damals sah, kein Einzelfall einer technischen Panne oder so etwas war, denn hier gab es das gleiche Spiel. Bei 2-3 Songs hörte man, während sich der Mann neben ihm bei den Soli ziemlich geil einen abonanierte, manchmal ganz leise im Hintergrund eine Rhythmusgitarre. Bei einem Großteil des Sets jedoch überhaupt gar nicht. Und wenn man mal genau drauf achtete fiel sogar auf, dass Herr Cavalera oft einfach nur einhändig irgendwelche rudimentären Rhythmusmuster auf dem Brett runterschrubbte, anstatt wirklich Gitarre zu spielen. Was war das denn bitteschön? Igor am Kit allerdings absolut auf der Höhe.

MACHINE HEAD
Wie immer halt. Die Soundverhältnisse waren nicht optimal, wenn man nicht gerade mittig vorne drin war, worauf ich in dem Moment aber keinen Bock mehr hatte. Bis auf ein leicht versemmeltes 'Hallowed Be Thy Name'-Cover gewohnt souverän, aber eben auch nix beeindruckend besonderes.

LIFE OF AGONY
Als Opener gleich River Runs Red. Gut, klar, mit einem Gassenhauer anfangen nie verkehrt. This Time direkt hinterher. Haha, wollen die sämtliches Pulver sofort am Anfang verschießen, damit die Leute auch ja sofort abgehen? Mit Method of Groove auch noch sofort die dritte Nummer vom Debüt als nächstes, die wollen es wohl echt wissen. Dann gleich sofort mal eben noch den bollernsen und abgesehen vom Coversong einzigen Hit vom zweiten Album nachschieben. War klar. Huch, da kommt ja mal eine aktuelle Nummer. Gar nicht mal schlecht. Der ja nicht immer verlässliche Sangesknabe Caputo war völlig okay, aber mit seinen durchgängig betont variierten Einsätzen etc. auch etwas albern. Nicht schlecht, aber auch nix umwerfendes. Wer's braucht ...

ENEMY OF THE SUN
Ohne Erwartungen irgendeiner Art bin ich mal zur aktuellen Band von Waldemar Sorychta (Despair, Grip Inc.) hingegangen und vom ersten Song sofort mal eben komplett weggeblasen worden. Was für ein Hammer-Thrash-Brett. Mit echt gutem Refrain noch dazu. Sänger startete als Leistungssport-Vortuner gleich von 0 auf 200 durch. Auch Waldemar mit sichtlich viel Spielfreude und Bock am Start. Was da am Anfang versprochen wurde, konnte zwar nicht jede folgende Nummer halten, aber doch: Das war schon absolut cool.

BIOHAZARD
Man muss schon sagen, die "Manowar des Hardcore", wie ich sie jemandem erklären musste, bringen es noch. Da ist alles tight auf dem Punkt, da fühlt man sich groovy mindestens zum mitschunkeln animiert, und eigentlich sogar wesentlich unpeinlicher als man es gerne darstellen würde, macht das Hüpfcore-Gepolter wirklich schlichtweg Spaß.

Ferner liefen:
MESHUGGAH: Kurz vor JaKa mal zwei Songs geguckt. War ganz witzig, aber so richtig umhauen wird mich dieses Band wohl einfach nicht mehr.
DEATH BY STEREO: Hat Laune gemacht.
LAGWAGON: Haben mich nicht wirklich überzeugt.
PÖBEL & GESOCKS: Kurz reingeschnuppert, aber gleichermaßen grinsend wie kopfschüttelnd schon früh wieder gegangen.
VOLBEAT, weil in den letzten 2 Jahren inzwischen zwölf mal gesehen, nur im Vorbeigehen mitbekommen. Wie immer halt.
MOONSPELL eher unfreiwillig ein bisschen mitgenommen. Kann mir so was heute nicht mehr geben.
MORBID ANGEL am Rande auch mal reingeschnuppert, kann aber nicht wirklich viel dazu sagen, genau so wie ich von BRUTAL TRUTH leider nur noch den Anfang mitbekommen konnte.
IN FLAMES sind immer noch die langweiligste Band der Welt.
CALIBANs Dörner sieht mit seinem tuntigen Geschminke immer noch bescheuert aus.
Bekam außerdem am Rande mit, dass AVENGED SEVENFOLD etwas gebracht haben, auf das noch keiner zuvor gekommen ist: Einen der wenigen guten Maiden-Song aus der Blaze-Phase covern. amüsiert-anerkennder Applaus dafür, aber die Stimme von dem Typen geht echt null.

Schönsten Momente des Festivals: Wie ich mit den Jakas in einer entspannten Liegestuhl-Sitz-und-Trinkgruppe in der Sonne schmorte und uns AOK-Jochen Graf himself in dem Moment mit einem Bulli voller Bühnenrequisiten (=Kistenweise Salatköpfe, Baguettebrote etc.) quasi direkt vor die Füße fuhr. Und als Mambo Kurt bei seinem traditionellem Auftritt zu später Stund im Pressezelt South Of Heaven, Paradise City, diese "it's getting hot in here, so get off all your cloth"-Sache (Interpret vergessen) und ein 3/4tel-Enter Sandman/Wiener Walzer-Meldey spielte und diverse Ami-Musiker deswegen etwas irritiert über entsetzt bis dann irgendwann doch amüsiert aus der Wäsche guckten.