Mittwoch, 28. Mai 2008

okay, es wird mal wieder Zeit

hier mal wieder Urteile zu ein paar gehörten Scheiben:

MINUS - The Great Northern Whalekill
Etwas spät tauchten die Isländer MINUS noch mal auf meiner Rechnung auf. Früher mal dem lärmigen, progressiven Hardcore verschrieben, fabrizieren sie inzwischen wesentlich rockigere Klänge. Das aber immer noch mit gewaltigem Wumms und spielerischer Raffinesse. Ihr Rock'n'Roll hat Stoner/Noiserock-Anflüge auf der einen, versiert-verspielte Ecken und Kanten auf der anderen Seite (originelles Drumming!) und erinnert an die Melvins, Kyuss/Queens Of The Stone Age und bei temporeichem Krach als Grundlage für melodische Vocals irgendwie manchmal sogar an so was wie eine maskuline Rocksau-Version von Muse. Wenn sie bei 'Rip It Up' mal richtig rasant abgehen hat es sogar was von Motörhead und ‚Rhythm Cure‘ kommt gar als fetter Metalrock-Groover daher. Womit MINUS beweisen, dass sich prolliger Testosteron-Rock mit jeder Menge Dampf nicht mit verquerem Alternative samt Köpfchen beißen muss. Sehr, sehr geiles Album!

KATAKLYSM - Prevail
Zu den Kanadiern habe ich seit eh und je ein gespaltenes Verhältnis. Zwar hat sich die ehemalige Poltergrind-Combo in den letzten Jahren zu einer wesentlich songorientierteren Band gemausert, was aber andererseits dann aber auch schon mal in fast kitschig-pathetischem Melo-Death ausartet. Von den Texten fang ich erst gar nicht an. Am schlimmsten fand ich bisher aber die übertrieben voluminös getriggerte Drumproduktion und albernes Schlagzeugspiel der Make "Blastbeats auf der Snare, Viertel mit der Bassdrum". Bei "Prevail" ist jedoch alles anders. Der Drumsound klingt im Gegensatz zu vorangegangenen Scheiben organisch und zurückhaltend und somit sehr untypisch. Auch vom Songwriting her scheint der Truppe gerade weniger daran zu liegen, simpel 'ohrwurmiges', melodisch abgerundetes Riffing mit Grind- und Walz-Passagen zu Songs aneinanderzureihen - auch wenn es diese gewohnten Momente und Trademarks nach wie vor gibt . Man versucht sich inzwischen stellenweise aber auch mal an atmosphärisch bollerndem Old School Death Metal. Trotz der sympathischen Kursänderung und dem als Opener gut durchstartendem Titelsong ist "Prevail" allerdings leider kein Genre-Highlight und wandert mit der aktuellen Illdisposed* in die die Mittelmaß-Versager-Kategorie "hätte mehr drin sein können/müssen".
(*p.s.: Kann mir mal bitte jemand erklären, warum vom popeligen Webzine bis zur großen Printpublikation wirklich jeder "The Prestige" abfeiert? Ich verstehe es nicht, Das Album kann doch echt mal gar nix?!?!)

NINE INCH NAILS - The Slip
Gerade noch machten Trent Reznor und NIN mit einem experimentellen Instrumental-Album mit Mammut-Überlänge von sich reden, da gibt es auch schon das nächste reguläre Album hinterher. Und das komplett völlig kostenlos zum Download, nachdem bereits eine Vorab-Gratis-Download-Single kurz zuvor angetäuscht wurde. Eine normale Laden-Version soll es später dennoch geben. Die Art und Weise wie Meister Reznor hier die allgemeine Misere der Musikindustrie als großer Act völlig auf den Kopf stellt ist bewundernswert. Was das Album an sich betrifft: Es scheint ähnlich wie die klanglich sehr unterschiedlichen "With Teeth" und "Year Zero" seine eigene Nische zwischen Elektroniktüftelei und griffigem Songwriting finden zu wollen, ohne dabei gänzlich auf die experimentelle Schiene von "Ghost I-IV" zu verzichten. Letzteres macht sich in der zweiten Hälfte mit dem ruhigen Klavierstück 'Lights In The Sky'', der langen Sondcollage 'Corona Rabiata' und dem folgendem, ähnlich gearteten, äußerst abgehobenen 'The Four of Us Are Lying' bemerkbar, während auch der Abschlusssong sehr ungewöhnlich klingt. In der Hälfte davor jedoch dominieren so was ähnliches wie Rocksongs. Solche, die auch gerne mal elektronischen Krach in den Vordergrund stellen, (wie das geil rasante 'Letting You') und selbst, wenn sie moderator zum Tanze bitten (wie bei 'Disciple') zumindest knallend treibende Drums im Scheppersound zu bieten haben. Auch wenn das Vergnügen etwas kurz und flüchtig ist: So frisch haben NIN auf regulären Alben schon lange nicht mehr geklungen!

Und zum Schluss noch mal einen wieder rausgekramten Klassiker aus dem Jahr 2002:

NOSTROMO - Ecce Lex
Du stehst auf zeitgenössischen Lärm? Auf klassische Bands, die derbes Geprügel einen Schritt weiter brachten/bringen als Andere? Kram wie Nasum, Unsane, Botch, Refused, Disbelief, Converge, Napalm Death, Neurosis, Dystopia, Meshuggah und so weiter? Noch nie von NOSTROMO gehört? Nun ja, jetzt ist es eigentlich auch zu spät dafür, denn die Truppe hat sich schon vor Jahren ausgelöst, dennoch ist dieses Album in der Schublade sträflich unbeachteter Kracher nicht zu unterschätzen. Frönte die Band, die sich nach dem Raumschiff im Filmklassiker "Alien" benannte, ursprünglich mal eine Form von Grindcore, die neben Blastbeats in eher (Neo-)Thrash/Hardcore-lastigen Gefilden wilderte, legten sie mit dem folgenden Longplayer "Ecce Lex" eine wesentlich originellere Geschichte hin, bei der Genre-Grenzen zwischen Schubladen wie Grindcore, Noiserock, progressivem Death Metal, Mathcore, Post-Metal/Hardcore und ähnlichem völlig verschwimmen. Zwischen Blastparts zieht die Band hier sämtliche Register von spannend aufgebauten Lärmwänden, über treibendes Metal-Riffing, bis zu vertrackt-abgehacktem Gerumpel, angereichert mit ein paar ungewöhnlichen, jazzig-verspielten, leiseren Passagen. Geiler Bass-Sound, geile Schlagzeugarbeit - hier stimmt einfach alles. Die äußerste lebendig knisternde, dennoch irgendwie sehr düstere Produktion dieses intelligenten Brachialmassakers erledigte übrigens kein geringerer als der inzwischen tragisch verstorbene NASUM-Bandkopf Mieszko Talarczyk.
Wie gesagt: Ein sträflich unbeachtetes Zeitdokument eigenständiger Extremmusik!