Donnerstag, 29. Oktober 2009

Neurosis' Nebenschauplätze: Blood & Time + Harvestman

Man könnte schon sagen, dass NEUROSIS in den letzten Jahren noch mal einen erheblichen Popularitätsschub erfahren haben. Aus der Nische eigenwilliger Krachmacher für die Thinking Men unter den Lärmfreunden zu den regelrechten Gottvätern einer Szene, dessen Kinder Früchte von psychedelischem Postrock bis zu fies brachialem Sludgecore ernten. Irgendwo schwingen die Einflüsse oder Ähnlichkeiten zu den Dinosauriern des „Post-Metals“ in diesem breiten Feld immer wieder durch, was auch NEUROSIS selbst schlussendlich noch mal etwas mehr an die Oberfläche spülte.
Seit Anfang der 90er loten sie Extreme aus, vereinen Einflüsse aus Doom, (Post-)Punk, Hardcore, Metal, Prog- und Spacerock, und selbst Folk zu ihrem eigenen atmosphärischem Gebräu. Das Machbare an Aggression und Lärm hat man dabei ebenso schon erreicht („Though Silver And Blood“), wie über Entzerren durch das Lassen von mehr Luft im Sound eine packende Atmosphäre zu kreieren („The Eye Of Every Storm“).

Interessant ist es mal einen Blick auf die weniger beachteten „Nebenprodukte“ der Band zu werfen. Dass beide Gitarristen/Sänger, beim Namen genannt STEVE VON TILL und SCOTT KELLY auch schon akustische Solo-Alben veröffentlicht haben (ersterer 3, zweiter 2), ist halbwegs bekannt. Gerade der raue Minimalismus, der dem 2008er Kelly-Solowerk „The Wake“ innewohnt, ist dabei meiner Meinung nach nicht zu verachten und kann einem in der falschen Stimmung schon ganz schön mit runterziehen.
Dass Josh Graham, ihr Mann für's Visuelle, mal bei den Instrumental-Postrockern RED SPARROWES mitspielte, ferner BATTLE OF MICE und A STORM OF LIGHT gegründet hat, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass es außerdem noch den Ambient-Ableger der Band namens TRIBES OF NEUROT gibt.

Es gibt da allerdings auch noch zwei weitere, etwas weniger im Fokus der Öffentlichkeit stehende Spielwiesen, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt:

BLOOD & TIME sind eine fast schon etwas mysteriöse Angelegenheit. Unter diesem Namen veröffentlichen Kelly, Graham und Keyboarder Noah Landis 2003 ein Album namens „At the Foot of the Garden“ und 2007 eine selbstbetitelte EP. Die Musik ist hier dem der Solo-Outputs von Kelly zumindest in einer Facette sehr ähnlich: Getragen werden die Songs primär von Akustikgitarre(n) und seiner Stimme, etwas verzerrte oder Steel-Gitarren und Keys sind ausschmückendes Werk. Zwischen den sehr meditativen Songs, die man als düsteren Folk bezeichnen könnte, stehen aber auch instrumentale Zwischenstücke orchestraler Ambient/Drone-Arrangements, die sich auch schon mal unter einen der richtigen Songs legen, welcher dadurch eine faszinierend lebendige Grundierung erhält.

HARVESTMAN ist ein Pseudonym von Steve von Till, der hier sozusagen die letzte Lücke zwischen Neruosis, Tribes of Neurot, Blood & Time und den besagten Solo-Alben schließt. Steve verzichtet im Gegensatz zu seinen Veröffentlichungen unter eigenem Namen weitgehend auf Vocals und präsentiert Musik, die Akustikgitarren und Folk-/Ethno-Einflüsse genau so beinhaltet, wie minimalistisch wabernde Harmonien schwer definierbarer Klangsphären. Dann auf ein mal folgt auf ein ruhiges Ambient-Stück doch wieder ein Track mit Schlagzeug(/Drumconputer), verzerrten Gitarren, markantem Raungesang, seltsamen Geräuschen, einer rockigen Solo-Einlage hier und einer Rauschlärm-Eskapade dort, den man in so einem eigenwilligen Produktions-Klangbild noch nie gehört hat. Auch hier losgelöst von konservativen Rockmusik-Strukturen, repetetiv auf einem Fluss an Variationen eines einzigen Themas aufgebaut. Einen Song weiter haut auf ein mal dissonanter Feedback-Lärm in orientalisch klingendes Harmlosgeklimper rein, und im nächsten Moment belohnt einen Steve dafür, das ausgehalten zu haben dann doch wieder mit einem angenehm hymnischen Stück auf E-Gitarre interpretierter Weltmusik, oder lässt einen Teppich orchestraler Grundharmonie mit einem entspanntem Gitarrensolo und subtilen Einschüben elektronischen Lärms zusammenfließen.
„In A Dark Toungue“ erschien dieses Jahr (und hat irgendwie was von NIN's „Ghosts“-Sache), zuvor wurde bereits ein HARVESTMAN-Album unter dem Titel „Lashing The Rye“ veröffentlicht.

Ein bisschen wird man das Gefühl nicht los, dass die Herren Kelly und von Till hier von der Resterampe aller Ideen und spontaner Eingebungen zusammenwürfeln, was weder ein Song ihrer Hauptband, noch ein Track für Tribes Of Neurot wurde, und auch nicht so recht in die Schiene der Solo-Alben mit dem Motto „ein Mann und seine Akustikgitarre“ passen wollte. Gerade die aktuellen Scheiben dieser beiden Nebenspielwiesen haben als jeweiliges Gesamtwerk etwas aus diesem Umfeld ungewohnt unvollkommenes – fällt Blood & Time’s selbstbetitelte zum Beispiel mit nur fünf Tracks sehr kurz aus, wirkt Harvestman’s „In A Dark Toungue“ wie eine lose Ansammlung „einfach mal gemachter“ und dann gesammelt veröffentlichter Klangexperimente, die nicht noch weiter zu konventionelleren Songs ausgebaut werden mussten. Aber der Punkt ist: Ich finde da wirklich „kann man so machen“. Da promomäßig kaum Bohai um diese Projekte gemacht wird, stellen sie für Follower wohl schlichtweg eine willkommene Komplettierung der NEUROSIS’schen Klangwelt dar, deren Protagonisten hochkreative und experimentierfreudige Künstler sind. Denn faszinierenderweise scheinen auch solche etwas „mühelos“ inszeniert wirkenden Veröffentlichungen immer noch mehr Substanz und Seele zu besitzen, als der Kram vieler anderer, die sich an ähnlichem versuchen...

Dienstag, 27. Oktober 2009

Shrinebuilder

Okay, hier also die Supergroup. Al Cisneros, bekannt durch die Doom/Stoner-Band Band SLEEP (die vor allem mit ihrer einstündigen Single „Dopesmoker“ für Aufsehen sorgte) und deren Zweimann-Nachfolge-Act OM, bewog Robert Scott Weinrich alias Wino, legendär u.a. durch die Doom-Urgesteine SAINT VITUS und THE OBSESSED, zu einem gemeinsamen Projekt.
Hinzu kamen mit Scott Kelly einer der zwei Gitarristen/Sänger von NEUROSIS und MELVINS-Drummer Dale Clover; Band wie Album dieser Zusammenkunft heißen SHRINEBUILDER.

Interessant ist vor allem, dass dieses Album nun tatsächlich von allem etwas hat, ohne konstruiert zu wirken. Während die Musik vor sich hinfließt, darf nicht nur der Hexenmeister-artige Gesang von Wino erklingen, auch das markante Raunen von Scott Kelly steht oft im Zentrum der Songs. Der Musik wohnt spürbar genau so viel Seele des ursprünglichen Hippie-Dooms für den Wino steht inne, wie auch Sound-/Stilelemente Neurosis’scher Avantgarde-Moderne rauszuhören sind. Hier dürfte der gelegentlich ebenfalls mitsingende Bandgründer Cisneros, dessen OM eh zwischen genau diesen beiden Stühlen stehen, eine nicht zu unterschätzende Rolle als Bindeglied der beiden Genre-Unikate spielen. Wie ein heimlicher Puppenspieler muss er hier die Fäden durch satt groovende Riffwände, Abflüge in psychedelische Sphären und Talfahrten durch den brodelnden Lavastrom dirigiert haben.

Etwas seltsam fühlt sich dabei an, wie die Platte als retro klingendes Wino-Ding kickstartet, dann aber schnell primär eine Scott Kelly-Vorstellung wird. Auch wenn die Grundstimmung vieler Riffs näher an der alten Schule rockt, erinnert es ja doch primär an Kelly’s Combo, wenn dieser kratzig zu schweren Grooves grölsingt, bevor sich die Band dann auch mal für Passagen epischer Länge vom schweren Felsen zu atmosphärischem Postrock-Geschwebe loslöst.

Die zusammen fast 40 Minuten füllenden 5 Tracks dieses Werks kommen dabei wie aus einem Guss daher – ja, beinahe wie eine Aneinanderreihung von Variationen eines eigentlich einzigen Liedes.
Zu behaupten, dass dem Allstar-Projekt hier ein magisches Meisterstück epochaler Größe geglückt ist, wäre mit Fanbrille gelogen. Eine herausragende Offenbahrung ist das selbstbetitelte Debüt von SHRINEBUILDER nicht, totales Excitement geht anders. Was es jedoch ist, möchte ich als ein mit positiven Déjà-vu Momenten gespicktes, mehr als solides Album einer zeitlosen Doom/ Stoner/ Sludge/ Post-Rock/ Metal-Schnittmenge bezeichnen, in dessen dichter Stimmung man sich wunderbar verlieren kann.
Für Fans der beteiligten Musiker wohl außerdem so oder so eine Pflichtveranstaltung ..

Montag, 26. Oktober 2009

Rise Up!

Die Grindcore-Urgesteine PHOBIA haben einen Videoclip zum Song "Rise Up" gemacht. Jener ist als Hyperblast-freier Hardcore-Klopfer zum mitgrölen und Faust in die Luft strecken zwar nicht wirklich repräsentatives Material, aber ein kleiner Hit ist das auf seine stumpf bollernde Art ja schon …


Sonntag, 25. Oktober 2009

John Bush ...

Soeben lief das Interview mit ihm beim Rock-Radiosender knac.com.

Erkenntnisse:

  • Sein Fokus liegt derzeit ganz klar auf ARMORED SAINT, deren Album-Aufnahmen in den letzten Zügen liegen. Er betont, wie sehr das Ganze mittlerweile auf einer Art Hobby-Status ist, man aber doch sehr hart und kreativ dran gearbeitet hat, ein gutes Rock/Metal-Album zu machen.

  • Bei ANTHRAX sieht es so aus, dass er sich gerne für Konzerte zur Verfügung stellt, weil ihm diese Spaß machen und auch für ihn in dieser Konstellation zu gut funktionieren, um es nicht zu machen, alles weitere wird man allerdings abwarten müssen. Etwas vorsichtig gibt Bush zu Protokoll, dass er selbst hier lieber mit kleinen Schritten ohne jedweden Druck oder festgefahren repetetive Bandalltags-Routinen erst mal gucken will, wohin sich das Ganze so entwickeln könnte.

Kommentar: Das macht er schon richtig. Ian und Benante brauchen ihn und wissen es. Nachdem sie eine Old School Reunion durchgezogen und den Reboot mit einem Kanonenfutter-Nobody am Mikro vor die Wand gefahren haben, gibt es eigentlich für sie keine andere Möglichkeit mehr weiterzumachen, als sich Bush wieder ins Boot zu holen. Das weiß auch er, genau so wie die Tatsache, dass er am längeren Hebel sitzt und einfach keinen Bock hat, sich von jetzt auf gleich für ein Full Time Commitment herzugeben. Mal sehen, was noch so passiert ...

Samstag, 24. Oktober 2009

Das vierte Reich

Irgendwie habe ich jetzt erst mitbekommen, das WARRIOR SOUL zu 'Fourth Reich' von ihrem letztjährigen Album (vertrieben in verschiedenen Versionen unter "Chinese Democrazy" und "...And We Rock And Roll") einen Videoclip gemacht haben:

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Sollte das hier tatsächlich das nächste große Ding werden

... höre ich mit dem Musik hören vielleicht generell ganz auf.

Die schon seit den 90ern existenten UNEXPECT aus Kanada sind in der Szene gerade „auf dem Sprung“ und eklektisch as eklektisch can be. In ihrer Musik kommen Nu Metal-Gehüpfe mit angejazzt epileptischem Weirdo-Getue a la System Of A Down (oder meinetwegen auch Fantomas), Frickel-Death Metal mit Gegrunze, Zirkuspolka-Geschunkel und Gothic-Schmonz mit Keyboardgeklimper und Streichergefidel zusammen.

ADS-Musik für den harten Düsterromantiker mit einem Sinn fürs Ausgefallene. Ich finds zum Wegrennen!





Dienstag, 20. Oktober 2009

Montag, 19. Oktober 2009

Sachen gibt's ...

Das längste und langsamste Musikstück der Welt läuft seit 2001 und noch bis 2639:
http://de.wikipedia.org/wiki/ORGAN%C2%B2/ASLSP

p.s.: Sie auch mal http://longplayer.org/

Freitag, 16. Oktober 2009

Baroness - Blue Record

Irgendwie finde ich es ja witzig, dass BARONESS das Paradebeispiel einer Band sind, bei der frühe Fans schon zum Logpplay-Debüt „Früher waren die besser!“ schrien. Natürlich bewegte sich das sehr Progrock-lastige „The Red Album“ von den vorangegangenen Kleinformaten, die noch tiefer im Sludgecore steckten, etwas weg. Hauptkritikpunkt der Nichtmehrgutfinder hierbei vor allem auch die Vocals, die sich von stumpfem Bellgebrüll zu einer Art melodischem Brüllgesangs entwickelt hatten. Dessen Gewöhnungsbedarf ich zugegeben einsehe. Auch ich wollte besagtes Album ja erst nicht so gut finden wie etwa den Jahrhundertsong 'Vision' von ihrer zweiten EP oder das mit Maiden-Fußnoten versehene 'Cavite' von der Split mit den Unpersons. Aber, ohne mich jetzt in zu detaillierten Ausführungen zu verlieren: Das Album ist groß. Nicht perfekt, aber schon verdammt groß und reift tatsächlich mit der Zeit in den Gehörgängen.

Was „Blue Record“ betrifft, so hat man es hier vermutlich mit einem ähnlichen Grower zu tun, der sich einem erst im Langzeit-Hörtest wirklich erschließt. Einige Songs stechen erst mal heraus, ein paar andere nimmt man verhaltener wahr, im Laufe der Rotationen fällt aber auch irgendwann auf: Man hat es hier nicht nur mit einer Sammlung von Songs zu tun, sondern mit einem ambitioniertem (ungleich prätentiösem) Gesamtwerk. Nicht nur kleine instrumentale Interludien greifen musikalische Themen anderer Songs wieder auf, manchmal bilden mehrere Songs zusammen Einheiten, die sich wiederum mit den anderen in einem großen Ganzen vereinen.
Diese, bei Rock-Bands insgesamt schon recht unübliche Herangehensweise, die ich gerne mit Klassik-Symphonien vergleiche, hat über den Einfluss klassischer Rock-Opern und Prog-Konzeptalben inzwischen wohl schlussendlich wieder den Einzug in zeitgenössische harte Musik erhalten.

Hatten BARONESS schon auf „The Red Album“ derartig einrahmende Momente eingebaut (wer z.B. die Songs 1, 5, 6 und 10 mal wirklich ganz aufmerksam hört, wird wissen was ich meine), legen sie es dieses mal völlig drauf an, auch wenn das bei den ersten Höreindrücken insgesamt manchmal etwas konfus wirkt.
Die folklorische Akustiknummer „Steel That Sleeps the Eye“ z.B. nimmt die Melodieführung des folgenden „Swollen and Halo" einfach schon mal vorweg. Und auch das Solier-Intermezzo „Ogeechee Hymnal“, die treibende Hymne „A Horse Called Golgotha“ und das mit dezenten elektronischen Einsprengseln versehene Instrumental-Stück „O'er Hell And Hide“ wirken ein bisschen wie drei Kapitel aus dem gleichen Grundmotiv, die man nicht so richtig in einen Rahmen bekommen wollte.

Zwischen allen Versatzstücken aus Stoner/ Prog/ Psychedelic/ Classic Rock, Einflüssen aus der Folk/ Southern-Ecke, traditionellem wie brachialem Metal und Sludgecore sind BARONESS hier aber vor allem eins: Verdammt hymnisch. Das trotz Tempo etwas getragene „Steel That Sleeps the Eye“ /„Swollen and Halo"-Doppel, als auch das clever zweistimmig rausgebrüllte „A Horse Called Golgotha“ überdrehen fast schon die Pathos-Schraube. Selbst das derbe Riffinferno "The Sweetest Curse" wird beim Wiederholen des Refrains auf der Lead-Gitarre ein bisschen cheesy ... dennoch geht das Ganze einfach auf. Auch wenn ich manchmal denke „jetzt übertreiben sie es aber doch“, überwiegt die Begeisterung dafür, dass auch eine verspielte wie harte Band dann auch noch ein Händchen für packende Melodien hat.

Und genau da liegt der Clou. Im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen, die sich an eklektischen Musikgebräuen versuchen, funktioniert der Stilmix bei BARONESS halt völlig: Filigrane Gitarrenwichserei, ruhige Momente, energische Kraftmeierei, erhabene Hymnenhaftigkeit, Retro-Elemente und Vorreiten der aktuellen Moderne – all das fließt bei BARONESS völlig natürlich ineinander über.

Zwei Sachen noch. Erstens: Reviewer, die dazu schon was von „fühlt sich wie eine EP an ... zu wenig richtige Songs“ schrieben, haben die Platte einfach nicht oft genug gehört, um sie wirklich zu erfassen. Denn wie auch dem Vorgänger muss man „Blue Record“ den gebührenden Reifeprozess gönnen. Dann ist das Album nämlich irgendwann sogar ohne jegliche Einschränkung einfach nur geil und katapultiert sich an den Jahresspitzenplatz.
Zweitens: Nicht nur das Artwork ist wieder mal phantastisch, der Special Edition der CD liegt zu allem Überfluss auch noch eine Bonus-CD mit Aufnahmen ihres grandiosen Auftritts beim diesjährigen Roadburn Festival bei.

Groß, meine Damen und Herren, wiederum wirklich ganz, ganz groß! Sogar noch viel größer.

Grind Madness at the BBC - Peel Sessions!

In Zeiten, in denen im extremen Metal bzw. Grindcore und gerade auch in der britischen Szene noch eine Art avantgardistische Aufbruchstimmung herrschte, war es vor allem das Label Earache, das den neuen krassen Kram unters interessierte Subkulturvolk brachte, und ferner auch der inzwischen leider verstorbene Radio-DJ JOHN PEEL, der immer wieder neue alternative Strömungen in der Musikszene mit aufgriff und in seiner Sendung auch live im BBC-Studio spielen lies.

Zu den legendären „Peel Sessions“ gesellten sich somit auch Bands wie NAPALM DEATH, EXTREME NOISE TERROR, CARCASS, BOLT THROWER oder das von Ur-Napalm Death-Mitglied Justin K. Broadrick (heute auch Jesu) gegründete Groovemonster GODFLESH.

Heute (!) veröffentlichte Earache mit „Grind Madness at the BBC (the Earache Peel Sessions)” ein 3CD-Boxset, das einem diese von Sammlern teilweise fanatisch gesuchten Peel Sessions noch mal gebündelt präsentiert. Was für ein geiles verfrühtes Weihnachtsgeschenk!

Die Tracklist:

Disk 1:
1. Napalm Death - The Kill
2. Napalm Death - Prison Without Walls
3. Napalm Death - Dead
4. Napalm Death - Deceiver
5. Napalm Death - Lucid Fairytale
6. Napalm Death - In Extremis
7. Napalm Death - Blind To The Truth
8. Napalm Death - Negative Approach
9. Napalm Death - Common Enemy
10. Napalm Death - Obstinate Direction
11. Napalm Death - Life?
12. Napalm Death - You Suffer Pt.2
13. Napalm Death - Multi National Co-Operations
14. Napalm Death - Instinct Of Survival
15. Napalm Death - Stigmatised
16. Napalm Death - Parasites
17. Napalm Death - Moral Crusade
18. Napalm Death - Worlds Apart
19. Napalm Death - MAD
20. Napalm Death - Divine Death
21. Napalm Death - CS
22. Napalm Death - Control
23. Napalm Death - Walls
24. Napalm Death - Raging In Hell
25. Napalm Death - Conform Or Die
26. Napalm Death - SOB
27. Napalm Death - Unchallenged Hate
28. Napalm Death - Mentally Murdered
29. Napalm Death - From Enslavement To Obliteration
30 Napalm Death - Suffer The Children

30. Napalm Death - Retreat To Nowhere
31. Napalm Death - Scum
32. Napalm Death - Deceiver
33. Napalm Death - Social Sterility
34. Extreme Noise Terror - False Profit
35. Extreme Noise Terror - Another Nail In The Coffin
36. Extreme Noise Terror - Use Your Mind
37. Extreme Noise Terror - Carry On Screaming
38. Extreme Noise Terror - Human Error
39. Extreme Noise Terror - Conned Through Life
40. Extreme Noise Terror - Only In It For The Music Part 2
41. Extreme Noise Terror - Take The Strain
42. Extreme Noise Terror - Murder
43. Extreme Noise Terror - No Threat
44. Extreme Noise Terror - Show Us You Care
45. Extreme Noise Terror - Propaganda
46. Extreme Noise Terror - System Enslavement
47. Extreme Noise Terror - Only In It For The Music Part 3
48. Extreme Noise Terror - Work For Never
49. Extreme Noise Terror - People Not Profit
50. Extreme Noise Terror - Punk Fact Or Faction
51. Extreme Noise Terror - I Am A Bloody Fool
52. Extreme Noise Terror - In It For Life
53. Extreme Noise Terror - Deceived
54. Extreme Noise Terror - Shock Treatment

Disk 2:
1. Carcass - Crepitating Bowel Erosion
2. Carcass - Slash Dementia
3. Carcass - Cadaveric Incubator Of Endo Parasites
4. Carcass - Reek Of Putrefaction
5. Carcass - Empathological Necroticism
6. Carcass - Foeticide
7. Carcass - Fermenting Innards
8. Carcass - Exhume To Consume
9. Bolt Thrower - Forgotten Existence
10. Bolt Thrower - Attack In The Aftermath
11. Bolt Thrower - Psychological Warfare
12. Bolt Thrower - In Battle There Is No Law )
13. Bolt Thrower - Drowned In Torment
14. Bolt Thrower - Eternal War
15. Bolt Thrower - Realm Of Chaos
16. Bolt Thrower - Domination
17. Bolt Thrower - Destructive Infinity
18. Bolt Thrower - Warmaster
19. Bolt Thrower - After Life
20. Bolt Thrower - Lost Souls Domain

Disk 3:
1. Godflesh - Tiny Tears
2. Godflesh - Wound (Not Wound)
3. Godflesh - Pulp
4. Godflesh - Like Rats
5. Unseen Terror - Incompatible
6. Unseen Terror - Burned Beyond Recognition
7. Unseen Terror - Oblivion Descends
8. Unseen Terror - Divisions
9. Unseen Terror - Voice Your Opinion
10. Unseen Terror - Strong Enough To Change
11. Unseen Terror - Odie¹s Revenge
12. Unseen Terror - It's My Life
13. Heresy - Flowers (In Concrete)
14. Heresy - Belief
15. Heresy - Network Of Friends
16. Heresy - Sick Of Stupidity
17. Heresy - Too Slow To Judge
18. Heresy - A Sense Of Freedom
19. Heresy - Consume
20. Heresy - Face Up To It
21. Heresy - Into The Grey
22. Heresy - When Unity Becomes Solidarity
23. Heresy - The Street Enters The House
24. Heresy - Cornered Rat
25. Heresy - Open Up
26. Heresy - Everyday Madness Everyday
27. Heresy - Break The Connection
28. Heresy - Ghettoised
29. Heresy - Network Ends
30. Heresy - Release
31. Heresy - Genocide
32. Intense Degree - Hangin' On
33. Intense Degree - Vagrants
34. Intense Degree - Skate-Bored
35. Intense Degree - Intense Degree
36. Intense Degree - All The Guys
37. Intense Degree - Daydreams
38. Intense Degree - Take No Chances
39. Intense Degree - Future Shock
40. Intense Degree - Politician
41. Intense Degree - Allegiance
42. Intense Degree - Bursting

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Dyse - Lieder sind Brüder der Revolution

Jaaaa, DŸSE!
DŸSE sind der Wahnsinn in Tüten. DŸSE sind die Apeshit-Armada vom Osten. Und DŸSE sind highly recommended von mir!

Wo das Noiserock-Duo auftaucht, da liegen Clubs in Schutt und Asche, verursachen sie schon beim Erstkontakt frenetische Jubelstürme. Überhaupt sind DŸSE ein Gemeinschaftserlebnis, das auch aus Konsumentenperspektive erst mit Live-Erfahrung so wirklich komplett ist.
Zwei Jungs, eine Gitarre, ein Schlagzeug. Eigenwillige Musik - laut, krachig, rockig, mitreißend, verquer, hart und heavy. Mit Hirn, Herz und Humor.

Genug Phrasen. Altherrenrock- und Metal-Puristen, die bei Helmet die Stirn in Runzeln legen, bei Primus kotzen gehen und noch nie was von Big Black, Hammerhead, Unsane oder Todd gehört haben, brauchen jetzt eigentlich auch nicht mehr weiter lesen. Freunde frischer Stromgitarren-Unterhaltung, die einen gleichermaßen zum reflexartigem Abrocken wildester Natur wie gelegentlichem Schmunzeln bringt, während man auch gerne mal überraschend aus dem Takt gebracht wird, sind hier allerdings richtig.

Es ist schwierig zusammenzufassen, was genau an ihrem zweiten Longplayer „Lieder sind Brüder der Revolution“ anders als beim ersten ist. Ich könnte da jetzt viele Worte drüber verlieren, die dann doch nur bedingt zutreffend wenig aussagen, daher lass ich's. DŸSE klingen auch hier wieder manchmal fett-brachial, manchmal rockiger, mal sehr verspielt und auch mal straight, hier sehr wütend und dort dann wieder augenzwinkernd.

Bemerkenswert auch, sowohl am Schlagzeug als auch bei der Gitarre, das spielerische Vermögen und die spürbare Spielfreude.
Schlussendlich findet es selbst ein notorischer Musikanalytiker wie ich inzwischen müßig die wüsten, partiell regelrecht punkjazzigen Noiserock-Jams dieser infernalischen Zweimann-Armee in nüchternen Worten abbilden zu wollen.
Nur so viel: Das, was Japanische Kampfhörspiele auf dem Grindcore-/ Extremmetal-Sektor, Keelhaul in der Sludge-Ecke und die Melvins als alles überschattende Urgesteine sind, das sind DŸSE in der Liga der Minimalbestzungs-Noiserocker. Als Tabellenführer.
Ich habe jetzt gerade jedenfalls erst zwei Durchläufe hinter mir und bin mir ziemlich sicher, dass der währenddessen empfundene Spaß auch die nächsten zehn noch nicht abflauen wird.

Ach ja, Punk-Opa Rachut macht übrigens bei einem Song mit und die „limited fan edition“ in eigenwilliger Verpackung umfasst 777 Exemplare.

Ich kann nur jedem Freund harter Musik eindringlich nahelegen, sich DŸSE bei Gelegenheit mal live zu geben, um zu erfassen what the hell all those fuzz is about.

In diesem Sinne: Auch Du bist Zebramann!

Dienstag, 13. Oktober 2009

things to come

Am vergangenen Freitag wurde übrigens das neue Langspielwerk von DŸSE veröffentlicht. Hoffe, es bald im Briefkasten zu haben, um dann zeitnah meinen Senf dazu ins Internet schreiben zu können.
Neben den neuen Alben der RUSSIAN CIRLCES, MASERATI und BARONESS (offizielle Streams zu allen habe ich hier ja schon verlinkt) kann man sich derzeit übrigens auch die kommende CONVERGE-Scheibe auf deren Myspace-Profil komplett anhören:
www.myspace.com/converge

Montag, 12. Oktober 2009

Mal wieder ein Album für lau

WIZARD SMOKE stammen aus dem personellen Umfeld der Postrocker MASERATI, die schon mit A.ARMADA ein nettes (wenn auch stilistisch nicht gerade sonderlich originelles) Side-Projekt abwarfen. Im Gegensatz zu diesen beiden verwandten Bands frönen WIZARD SMOKE allerdings keinem rein instrumentalen "Rockband-Formation macht orchestral arrangierte Psychedelic-Soundwände"-Kram, sondern Doom Metal mit Geschrei!

Auch das ist vielleicht nicht wirklich originell, geht im vorliegenden Fall aber tatsächlich ganz gut rein und außerdem schaut man dem geschenkten Gaul bekanntlich nicht ins Maul.

Das etwas verquere Mini-Album "Live Rock In Hell" (vier richtige Songs, zwei mal seltsame Füllware hintendran) gibt es hier zum Download:
www.wizardsmoke.net

Sonntag, 11. Oktober 2009

Auch mal gehört ...

... habe ich inzwischen zwei Alben aus der „Alternative Rock“-Ecke, die unterschiedlicher nicht hätten ausfallen können:

MUSE – The Resistance

Hier war ich zwar nie Fan, fand das eine oder andere von ihnen als Late Adopter dann aber irgendwann doch mal ganz ansprechend, nachdem ich über meinen Metallerschatten gesprungen war, mich mal mit diesen Vocals anzufreunden. Leider ist das mit der neuen dann aber wohl auch wieder vorbei. Das Trademark der Band, auch mal ordentlich Krach zu machen, kommt nur beim verzerrten Bass des Openers 'Uprising' und dem relativ langen 'Unnatural Selection' , das so was wie Metal-Riffing auffährt durch. Originell sind diese Songs nicht, aber immerhin ganz nett. Lassen wir das ambitionierte dreiteilige Finale 'Exogenensis' jetzt mal ein bisschen außen vor, pendelt sich der Rest irgendwo zwischen (zu) sehr nach Queen klingenden Versatzstücken und kitschigem Bombast-Pop ein, dessen Plastik-Instrumentierung nicht selten in etwas ausartet, das ich eher als Act beim ZDF Fernsehgarten als von einer Rockband erwarten würde. „Human or Dancer“ auf ganzer Linie. Nennt mich einen reaktionären Altrocker, aber dass sich die Indiekiddies von heute so was vorsetzen lassen, werde ich nie verstehen ...

THRICE – Beggars

Das Zweitwerk „The Illusion Of Safety“ hat mich ja damals total weggeblasen. Die Art und Weise, wie die Band ein perfektes Album mit einem Stilmix aus flottem Punkrock, Hardcore-Wutausbrüchen, Heavy Metal-Dudeleien und einer komplettt unpeinlichen, wirklich ernstzunehmenden Emo-Stimmung hinlegte, kann mich auch heute noch begeistern. Der Nachfolger „The Artist In The Ambulance“ war als Gesamtwerk vielleicht nicht ganz so unantastbar, bot dafür aber ein paar noch großartigere Hits. Das über weite Strecken weitaus ruhigere „Vheissu“ ist kein Album, dass jemand wie ich wirklich oft hört, allerdings ist auch dieses mit geringfügigen Abstrichen absolut toll. Bei dem auf zwei Alben verteilten 4-EP-Konzeptwerk „The Alchemy Index“ habe ich dann aber so ein bisschen den Faden verloren. Irgendwie wollte ich mich da nicht so recht reinhören können.
Bei „Beggars“ macht die Band nun wieder etwas anderes. Die 10 Songs der Scheibe präsentieren Thrice mit trocken reduzierter Instrumentierung als eine nachdenlich-melancholisch klingende Band, die vereinzelt noch zu etwas energisch rockenden Vorstößen neigt ('At the last'), insgesamt aber doch einen Kurs eingeschlagen hat, der ruhig und stimmungsvoll klingt, das dann allerdings mit Substanz und auch schon mal Tempo. Die Gesangsmelodien klingen traurig, das Schlagzeug darunter manchmal ganz schön verspielt (super!), und die Gitarren tönen dazwischen meistens clean. Die Band hat immer noch gewaltig Soul und Blues (besonders stark beim abschließenden Titeltrack), steht gelegentlich mit einem Bein im Postrock (z.B. 'Circles'), und kann damit zuweilen sogar schon an Radiohead oder Eels erinnern.
Respekt. Vor allem für zwei Dinge: 1.) Dass eine Truppe, die mal als Chucksträgerrocker mit Maiden-Leads und Metallica-Riffs angefangen hat inzwischen da angekommen ist, wo man überstrapazierte Adjektive wie „reif“ oder „erwachsen“ tatsächlich völlig ernst gemeint als positives Qualitätsurteil anbringen möchte und ihnen das Ganze einfach abnimmt. 2.) Dafür, dass nach dem doch etwas bemühten „Alchemy Index“-Zeugs ein so natürlich anmutender, simpel-genialer Schritt zu einem kompakteren Werk mit kreativem Momentaufnahmen-Charakter geglückt ist, der voll und ganz aufgeht.
Wie schon bei „Vheissu“ gilt: Wohl kein Album, das ich dann tatsächlich oft hören werde, aber eines für das ich nur Anerkennung übrig habe. Es ist schon sehr beachtlich wie THRICE mit jedem Stilsprung wieder höchste Qualität und Eigenständigkeit abliefern.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Komplett streamen

… kann man vor Release übrigens gerade das neue BARONESS-Album auf deren Myspace-Seite und die neue Scheibe der RUSSIAN CIRCLES unter diesem Link.

Dienstag, 6. Oktober 2009

You gotta have the love in this fucked up world

Eigentlich wollte ich einen längeren Blogpost über die FUN LOVIN' CRIMINALS machen, habe dann aber beim Schreiben und Clips rauspicken irgendwie den Faden verloren. Deswegen mache ich es jetzt etappenweise und fange unkommentiert mit meinem Lieblingssong von ihnen an ...


... von dem man aufgrund des grandiosen Finales vor allem auch mal diese Fernsehauftritt-Version gesehen haben sollte, den man leider nicht einbetten kann: www.youtube.com/watch?v=0l3OFWNDp_8

Musik(er) und Comics

Der Schein mag zufällig trügen, aber in Bezug auf o.g. Kombination scheint es in letzter Zeit eine Häufung zu geben. Nachdem ich hier schon Phonogram und Simon Bisley thematisiert habe, TORI AMOS schon ihren eigenen Comicwälzer bekam, und der Typ vom MY CHEMICAL ROMANCE mit The Umbrella Academy recht erfolgreich ist, steht da noch einiges interessantes an:

  • Diesen Monat erscheint das Graphic Novel „One Nation“, geschrieben von DANDY WARHOLS Frontmann Courtney Taylor, welches im Übrigen in Deutschland spielt und sich thematisch u.a. auch um Musik drehen soll...

  • Nächsten Monat wird das erste von zwei Heften veröffentlicht, in denen sich ANTHRAX-Gitarrenglatze Scott Ian an DC Comics’ Rocker Lobo vergehen darf, optisch umgesetzt von Zeichengott Sam Kieth („The Maxx“).

  • COHEED AND CAMBRIA Kopf Claudio Sanchez schreibt parallel zu den Songs seiner Band auch eine SciFi-Comicserie, die sich um die gleiche Geschichte dreht wie die Texte der Co&Ca-Alben. Im Dezember erscheint bereits die zweite Trade Paperback Sammlung von "The Armory Wars". Ein weiteres Comicprojekt von Sanchez ist Kill Audio.

Montag, 5. Oktober 2009

Neue Musik-Communities im www

Selbst habe ich mir davon zwar noch nichts im Detail angeguckt, aber interessante Web-2.0-Modelle, bei denen es sich im Kern um Musik dreht, schießen derzeit vermehrt aus dem Boden.

Dazu gehören u.a.

  • Ciiju: Eine Art „legale Tauschbörse“.
und
  • MyLabel: Der Versuch, das Internetcommunity-gelenkte Musiklabel reell werden zu lassen.

Mal sehen, ob sich davon etwas etabliert …