Donnerstag, 30. April 2009

Eisenvater - IV

In der ersten Hälfte der 90er waren EISENVATER eine Band, an der man sich z.B. in der RockHard-Redaktion die Zähne ausgebissen hat. Zu schwerverdaulich und eigenwillig war der Sound der Band selbst für so manch hartgesottenen Freund energischer Prügelmusik. Eine Einordnung zwischen Doom, Crust/Grind, Industrial und Ähnlichem fiel schwer, und neben ihrem generellen Stilmix war auch das Songwriting an sich eher unkonventionell. Rückblickend bin ich tatsächlich geneigt, die Hamburger als so was wie verfrühte Vertreter der aktuellen Spezies „Sludgecore und Post-Metal“ zu deklarieren.
Die Wechselwirkung zwischen originellen Bands unterschiedlicher Jahrgänge ist im Übrigen immer wieder interessant. Japanische Kampfhörspiele wurden bestimmt zu einem gewissen Grad von EISENVATER beeinflusst, sonst hätten die Grindcoreler diese wohl auch nicht auf „Deutschland von vorne“ gecovert. JaKa sind es nun auch, die ihrerseits die Hamburger ein wenig an die Hand nehmen, und mehr als eine Dekade später deren neues Album, nach gemeinsamen Livegigs und einer Split-Scheibe, auf dem eigenen Label Unundeux veröffentlichen.
Konzeptionell macht „IV“ ein bisschen da weiter (Album- und Songtitel etc.), wo man vor Ewigkeiten aufgehört hat. Die Musik in diesem Rahmen ist 2009 aber nicht mehr so nennenswert unverdaulich und eigenartig wie damals. Was nichts schlechtes sein muss. Wenn ich hier den schon anachronistisch abgelutschten Vergleich bringe, dass EISENVATER ja eigentlich verdammt viel Killing Joke und Voivod im Sound haben, ist das natürlich alles andere als abwertend gemeint. Diese durch stimmige Abfolge leicht dissonanter Akkorde erzeugte, und dabei schon als „psychedelischer Krach“ durchgehende Atmosphäre des Riffings kommt zweifelsohne aus dieser Schule, ist aber auch heute noch etwas, das nicht viele so gut hinbekommen, bzw. überhaupt machen. Problematisch wiederum könnte für den einen oder anderen Hörer sein, dass der Gesang so einer dadaistischen Form der Theatralik frönt.

Und obwohl es strraighter und zugänglicher ist, als die älteren EISENVATER-Werke, ist „IV“ zwischen den Stühlen. Noiserock? Deutschprachiger Industrial-Metal mit Punk-Kante? No Wave 2.0? Post-NDH einer Prä-NDH-Band? Meine Fresse, ich hab' echt keine Ahnung, in welche Schublade ich das einsortieren soll. Wer Killing Joke, Voivod, Prong, Unsane (naja), und vielleicht (ganz entfernt) Einstürzende Neubauten mag, der könnte hier richtig sein. Wer mit derartigen Bands nie was am Brett hatte, dem würde ich eher davon abraten.

Was mir an „IV“ gefällt ist, dass EISENVATER auf altbewärtes zurückgreifen, ohne dabei angestaubt zu klingen. Das Ganze hat was von einer noch nicht ausgereizten Nische des 90er-“Alternative Metal“, wirkt aber eben nicht wie ein Relikt aus vergangenen Tagen, von dem man erst mal die Spinnweben pusten muss, sondern schafft mit seiner eigenen Note den Sprung in die Neuzeit.
Gutes Album! Kein essenzieller Meilenstein, aber für Liebhaber einer bestimmten Nische doch sehr interessant!
(V.ö.: 15.01.)

Dienstag, 28. April 2009

Japanische Kampfhörspiele - Luxusvernichtung

Ich habe es ja schon öfter gesagt, aber was ich ja seit eh und je an JaKa schätze, ist ihre unverkrampfte Attitüde, die nicht eines gewissen Punk-Spirits entbehrt, dabei allerdings auf einen von jazziger Experimentierfreude zeugendem „künstlerischen Anspruch“ trifft - oder wie auch immer man das ausdrücken will. Jedenfalls trägt diese Herangehensweise immer wieder interessante Früchte.

Am 15. Mai erscheint über das von den Jungs selbst frisch gegründete Label Unundeux „Luxusvernichtung“. Eine Vertonung von 54 (!) Kurzgedichten. Oder genauer gesagt: Eine Sammlung auf Halde gelegener Lyrik aus der Feder von Mastermind Kather, aus der bisher keine JaKa-Songs wurden, die hiermit aber nun einfach mal dazu gemacht wurde.
Nur 11 der 54 Songs erreichen oder überschreiten dabei die 30 Sekunden-Marke! Musikalisch ist das Material auch als Abfolge von Quickies durchaus typisch, aber doch etwas „stipped down“ und in einem etwas roheren, punkigerem Sound gehalten, als auf jüngeren regulären Alben wie „Rauchen & Yoga“. Im Grunde genommen aber wird die gewohnt verspielt arrangierte Mixtur aus Grindcore-Geschrote und Zutaten anderer Metal-Spieltarten geboten. Auch textlich geht es nicht unbedingt untypisch zu, aber hier sollte jeder selbst mal das Textblatt zur Hand nehmen, bevor ich aus dieser Gesamtcollage mitunter recht ironisch-gesellschaftskritischer Texte irgendwas hervorhebe. Zu meinen persönlichen Highlights gehört auf jeden Fall der Song ‚Metallica‘, der nicht nur lyrisch zum schmunzeln ist, sondern auch gleich die passende, etwas zitierte Musik mitbringt.

„Luxusvernichtung“ ist mit seinen 54 Kurztracks in 19 Minuten so eine Art Mammut-EP, die ich eher denen ans Herz legen würde, die eh schon Fans der Band sind und auch ihre klanglich ähnlich gearteten Split-Veröffentlichungen (etwa mit Poostew, Bathtub Shitter, Das Krill) schätzen. Oder Leuten, die für Späße wie A.C., S.O.D., und neben konventionellerem Extrem-Metal vielleicht auch für Fantomas, Naked City und Melt Banana zu haben sind. In einer Rangliste der JaKa-Discographie ganz oben mitspielen wird es langfristig wohl eher nicht, bis dahin macht es aber durchaus Spaß.

Als unbetitelter 55. Track wird das komplette Teil dann übrigens noch mal als Instrumental-Version durchgejagt, was ich mit meinem Instrumental-Faible ja mal ganz witziges und gern gehörtes „Füllmaterial“ finde.

Montag, 27. April 2009

ROADBURN Nachlese

Liebes Tagebuch,
tja, das hätte ich dann auch überlebt: Mein erstes Roadburn Festival im niederländischen Tilburg.
Ein ursprünglich aus der Stoner Rock-Szene gewachsenes Indoor-Festival für die alternative Nische harter und psychedelischer Musik, das mir musikalisch heutzutage sehr viel mehr bietet, als z.B. irgendein Metal- oder Indie-Open Air. Ich versuche mich im folgenden nun so kurz wie möglich zu fassen und auf die gebotene Musik zu konzentrieren, denn das komplette Wochenende Revue passieren zu lassen, könnte episch ausarten.

Mittwoch
...ging es zum Aufwärmen erst mal zum Konzert von BARONESS und den SAVIOURS in meine (Achtung, Ironie) Lieblingsstadt Köln. Während letztere mit ihrem 08/15-Metalgerumpel samt eher schwachbrüstigem Sänger eher so lala waren, wussten BARONESS auf ganzer Linie zu punkten. Meine Güte, diese Band hat regelrechtes Stadionformat. Ihre neumodische, sich aber nirgendwo wirklich anbiedernde, spielerisch atemberaubende Vermengung aus Etiketten wie Sludgecore und Post-/Prog-Rock/Metal entfaltet sich live zu einem schieren Feuerwerk. Als Zugabe gab es dann sogar noch mal was von ihrer ersten EP zu hören, als die Band noch etwas mehr in hardcoreigem Gerumpel verwurzelt war. Der frenetische Jubel am Ende, er war verdient.
Angenehm fand ich im Übrigen auch diese herrlich rustikale Bruchbude „Gebäude 9“, in dem der Spaß stattfand. Super Ambiente für ein derartiges Konzert.

Donnerstag
...erfolgte dann natürlich der Aufbruch gen Holland im geräumigen VW Bus. Schnitt. Im 013 angekommen, wurden als erstes die Festival-Eröffner UFOMAMMUT gecheckt. Die Halle der Mainstage war schon proppevoll, als dieses Trio ihren Doom-Kram zwischen wuchtigen Riffmauern und krautrockigen Psychedelic-Zutaten auffuhr. Ganz cool irgendwie, dann aber auch auf Dauer etwas zu monoton.
Ihnen folgten BARONESS, die auf der riesigen Bühne noch mal den Beweis meiner These antraten, dass sie inzwischen eine heimliche Stadionband sind. Fuckin' huge, was diese vier Amis da wiederholt abgeliefert haben. Was für eine unfassbar gute Band.
Das kleine Batcave war so gnadenlos überfüllt, dass ich die stimmungsvolle Singer/Songwriter Sensation ROSE KEMP und die Hasskappen-Noiserocker BLACK SUN leider nur im Vorbeigehen kurz mitnehmen konnte, ohne mir ein tatsächliches Urteil bilden zu können. Auf der Bühne des Green Rooms spielten dann außerdem noch MINSK. Jene sollten eigentlich mein Ding sein, aber dass der Sänger hinter einer Keyboardburg stand und ferner ein Saxophonist mehr bangte als Saxophon spielte, hat mich dann irgendwie irritiert.
Ein Saxophon gab es auch bei ZU. Und dieses italienische Trio war dann mit seinem kraftvollen, verzerrtem Prügel-Jazz dann sogar eher mein Ding. Ihnen folgten die angesagten Alternativ-Black Mealler WOLVES IN THE THRONE ROOM, die ebenfalls zu gefallen wussten, was unter anderem an dem hier sehr gelungenen Sound lag. Auf der Hauptbühne langweilten derweil die Krautrock-Pioniere AMON DÜÜL II und auch MOTORPSYCHO wussten mich nicht so wirklich zu kicken.

Freitag
... ging es dann gleich los mit BOHREN UND DER CLUB OF GORE, was man sich in der noch nicht übermäßig gefüllten Haupthalle super auf den Stufen sitzend als Start in den Tag geben konnte. Vor allem die schon mehr in Richtung Drone als SloMo-Jazz tendierenden Sachen haben mir wirklich gefallen, aber auch letztere überzeugte auf seine angenehm warme, gemächliche Art. Geil auch, wie bei einem sehr Bass-lastigen Track wirklich Gegenstände in der Halle vibrierten.
Unterbrochen von der NWOBHM-Band ANGEL WITCH (was hatten die da eigentlich zu suchen?), konnte man das Ritual, im Sitzen gebannt zu lauschen, dann auch gleich noch mal bei den Japanern MONO wiederholen. Wenn jene wunderschöne ruhige Musik mit orchestralem Touch immer wieder zu mächtigen Lärmwänden hochziehen, kommt das manchmal schon etwas gleichförmig, gefallen tut die melancholisch veranlagte Musik trotzdem sehr. Den Typen, der währenddessen einfach mal schräg gegenüber von mir telefonierte, hätte ich am liebsten aus der Halle geleitet, aber das ist eine andere Geschichte.
Zuvor hatte ich versucht STEVE VON TILL im Green Room zu gucken, aber sobald er loslegte, wurde es so unerträglich voll, dass ich flüchten ging. Ich bereue meinen verfrühten Abgang ein bisschen, denn eigentlich konzentrierte er sich wohl mehr auf seine unter HARVESTMAN laufenden Drone/Noise-Klamotten, als auf seinen Akustik-Kram.
Abgerockt wurde dann ein wenig zu CATHEDRAL. Die Briten nutzten die Gunst der Stunde, auf der riesigen Videoleinwand alte Horrorfilm-Szenen laufen zu lassen. Und apropos Abrocken: In THE ATOMIC BITCHWAX habe ich auch mal reingeschnuppert. Manchmal war's nett, vor allem die Solo-Parts, manchmal aber auch etwas fad.
Danach entpuppte sich ausgrechnet die ärgerlichste Überschneidung des Festivals als Parade der Enttäuschungen: Die eigentlich herausragenden Schweizer Instrumental-Progrocker SHORA spielten im mal wieder im hemmungslos überfüllten Bacave auf und hatten einen derart suboptimal dröhnigen Sound, dass ich nach einer Weile keine Lust mehr drauf hatte. Auf der Hauptbühne blamierten sich SAINT VITUS parallel dazu bis auf alle Knochen, zumal der in die Jahre gekommene Oberposer-Schlagzeuger nahezu sämtliche Fills versemmelte und der Musikerpolozei mit seinem katastrophalen Timing Kopfschmerzen zufügte. Das hätten sie mal lieber gelassen.
Von den live wie immer großartigen COLOUR HAZE sah ich leider nur den Anfang, denn danach galt es sich nebenan CHURCH OF MISERY zu geben. Die japanischen Brachial-Doomer können nämlich gottverdammt noch mal echt alles.
Riesen Respekt übrigens noch an die Knalltüte von ORANGE GOBLIN, die von Nachmittags bis in die Nacht im Vorraum den Metaldisco-DJ gemacht hat. Geiler Typ.

Samstag
... stand im Zeichen von „Beyond The Pale“, dem von NEUROSIS mitgestaltetem Tag.
Zuvor konnte man den Endspurt aber in einer Kneipe um die Ecke beim Frühschoppen mit BEEHOOVER-Showcase einläuten. Und die waren mal wieder großartig. Ich wünschte, sie würden ihr äußerst versiertes Stonergerocke in ungewöhnlicher Duo-Besetzung auch mal auf Platte so geil klingen lassen, wie es im Live-Kontext kommt.
Auf der Hauptbühne ging es dann erst mal wieder mit instrumentalem Postrock los. GRAILS sind schon eine ziemlich coole Band, das muss man mal feststellen. In ihren Songs finden sich exotische Versatzstücke und interessante Ideen, die anderen Genre-Vertretern völlig abgehen. Irgendwann musste ich aber rüber zum Green Room, mir mal wieder AMEN RA angucken. Die Belgier spielen zwar irgendwie einen ganzen Gig lang das gleiche Riff, aber der Post-Metalcore von ihnen funktioniert live einfach super.
Wieder zur Hauptbühne gewechselt, wurde ein bisschen in EARTH reingeschnuppert, aber nach ein paar Songs war dann auch gut. Oxbow's EUGENE ROBINSON war danach bei unserer Ankunft im Batcave schon am Ende seines Spoken Word Vortrags angekommen. Was ehrlich gesagt nicht weiter schlimm war, denn irgendwie ist er kein wirklich mitreißender Spoken Word Perfomer und außerdem war die Story, die er gegen Ende zum besten gab, nicht gerade zur Nachahmung geeignet. Es war dennoch gut, vor Ort zu sein, denn als Finale gab er mit BLACK SUN zusammen einen Song zum besten, und der ging ganz gut rein.
Danach hechtete ich als einziger meiner Reisegruppe zu den YOUNG GODS. Denn während es die Anderen vorsichtig ausgedrückt nicht so mit Elektronik haben, stehe ich ziemlich auf so was wie den Industrial-Rock der Schweizer. Zwar wirkten sie mit ihrer zur Hälfte aus Konservenlärm bestehenden Musik auf diesem Event fast etwas deplatziert, aber Neurosis' persönlicher Einladung sei Dank, kam ich erstmals in den den Live-Genuss dieser Truppe. Und fand es ziemlich gut. Hammer-Show, egal was die Rock'n'Roll-Puristen sagen.
NADJA und U.S. CHRISTMAS fielen mir an diesem Tag leider irgendwie durchs Raster, die kurz begutachteten OM waren ehrlich gesagt nicht so wirklich prall, dafür konnten mich dann aber ZENI GEVA sehr begeistern. Schwierig auf den Punkt zu bringen, was genau die Nippon-Noiser eigentlich machen. Ein zufällig neben mir stehender Brite dichtete ihnen nicht ganz zu Unrecht Voivod-Ähnlichkeiten an, und verließ den Green Room kopfschüttelnd mit den Worten „What is it with this japanese people?“. Das irgendwie souveräne, dann aber doch beknackte Trio überzeugte als eine der härtesten Bands des Festivals jedenfalls mit eigenwilliger Lärm- und Geprügelmusik einer schwer definierbaren, tedenziell progressiven Noiserock/Grindcore-Schnittmenge. Werde ich mir definitiv noch die eine oder andere Scheibe von zulegen müssen.
Und dann war es endlich soweit: NEUROSIS! Die Dinosaurier unter den Post-Metallern eröffneten mit „A Sun That Never Sets“ und legten „Given To The Rising“ hinterher. Auftakt nach Maß. „Stones From The Sky“ wurde überraschend in der Mitte des Sets verschossen, denn als Abschluss brach nach einer kurzen Pause, in der Percussion-Sets auf die Bühne gekarrt wurden, der Titeltrack von „Throgh Silver In Blood“ über Tilburg herein. Ja meine Fresse. Ein apokalyptisches Monstrum von einem Song, dessen abschließendes Percussion-Geballer das perfekte Finale darstellte.
Die letzten Stunden des Festivals verliefen äußerst schizophren. Während der DJ im Vorraum anwesende Rocker mit diversen Altmetall-Hits - darunter auch unerwartete Perlen wie Voivod's „Tribal Convictions“ - zum tanzen brachte, spielten auf der Hauptbühne als Überbrückung zunächst SKULLFLOWER. Was man als Freund von experimentellem Krach vielleicht mal gesehen haben sollte, man meiner persönlichen Meinung nach an dieser Stelle allerdings eigentlich auch nicht wirklich hätte müssen.
Dann kamen NEUROSIS mit etwas Verspätung noch mal auf die Bühne, um den Kram von ihrem TRIBES OF NEUROT-Nebenprojekt zum besten zu geben. Eine wohl seltene Gelegenheit. Interessant war es ja schon. Mit Gitarren, Effektboards und Keys hüllten sie alles und jeden in wabernde Drone-Soundscapes ein, und führten das Ganze hin und wieder auch mal zu so etwas wie Postrock mit tatsächlichen Drumrhythmus. Musik für geduldige Menschen, denen ein Chillout auf den Treppen mehr lag, als die Rock'n'Roll-Party im Vorraum, wo gestandene Stonerrocker auch schon mal zu Manowar oder den Suicidal Tendencies abhotteten. Wie gesagt, etwas schizophren, dieser Endspurt.

Puh.

Montag, 20. April 2009

TRICLOPS!

Letztes Jahr auf dem Konservensektor nicht so richtig zur Zündung bringen konnte ich TRICLOPS!, die eigenwilligen Psychedelic-/Prog-Punker beim traditionsreichen Label Alternative Tentacles. Als sich kürzlich die Gelegenheit bot, sie im Nachbarort in einer gemütlichen Eckkneipe live begutachten zu können, hat mich davon dann allerdings dennoch nix abgehalten. Und es hat sich gelohnt. Ja, ich möchte hiermit die Werbetrommel für diese Band rühren. Spielrisch versiert wie kraftvoll, generell augenzwinkernd wie anspruchsvoll, energiegeladen wie eigenwillig, boten diese Amerikaner dem Vorstadtpublikum eine Show, die man in Größenordnung so manch schwereren Kalibers kaum bekommt. Ein komplett becheuerter Frontmann und eine hässliche, in ihr Ding vertiefte, dabei aber doch wild abrockende Band. Klingt jetzt so auf dem Papier bzw. Monitor vermutlich nicht sonderlich ungewöhnlich, aber die Musik irgendwo zwischen The Jesus Lizard, Jane's Addiction, At the Drive-In/Mars Volta, Melvins, Cameran, These Arms Are Snakes (... you get the idea) hat es in sich.
Unbedingt mal checken, Leute!

Freitag, 3. April 2009

Verkannte Genies

Sie sind zahlreich, die sträflich unterbewerteten Künstler der Musikhistorie und ihre Werke, die einfach ihrer Zeit voraus waren.
Hier meine persönliche Top 3:

3.) MR. T
Über das herausragend schauspielerische Talent des T-Mans muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren. Was die Wenigsten wissen: Er versuchte sich in den 80ern auch an einer musikalischen Karriere, aber man war noch nicht bereit für sein bahnbrechendes, rückblickend prohpetisch zitloses Konzept. Seht selbst:



MR. T erfand damals den revolutionären, familiär-moralinen Tough Guy-Hip Hop! Eine Abrechnung mit der gerade unter heutigen Rappern beliebten „Deine Mudda“-Diss-Unart, Dekaden bevor diese zum Trend wurde! Eine Fusion aus wichtigen Bill Cosby Messages und dem Image eines mit Gold behangenem, bulligen Schläger-Pimps. Noch dazu Rhymes und Stage-Posen, die ihresgleichen suchten. Das war in den bunten und sinnfreien 80ern zu viel für die Spaß-betonte Crowd. Zu viel Ernsthaftigkeit, zu viel Innovation und zu viel Stilbruch. Kein Wunder also, dass sich der missverstandene T aus dem Musikbiz zuürckzog, anstatt weitere Perlen vor die Säue zu werfen.

2.) TEX HAPER
Ein weiterer Crossover-Pionier aus den 80er kommt aus deutschen Landen! TEX HAPER schaffte mit seinem „New Wave Country“ schon damals einen „Eclectic Music“-Grenzgang, dem heute mehr Bedeutung denn je anhaftet! Nahezu alles, was uns Indie-Postillen in den letzten Jahren als heißen Scheiß verkaufen wollte – er hatte es damals schon kombiniert im Sound! Ein begnadeter Contry/Folk-Songwriter, der nicht davor zurückschreckte britische New Wave/Rave/Dancepop-Elemente in sein auch auf dem Dacnefloor funktionierendes Zeitdokument musikalischer Innovation zu integrieren. Wieso wurde das damals kein Hit? Vermutlich nur, weil die stumpfe breite Masse es nicht vestanden hat ...





1.) JONATHAN FIN
Singer/Sonwriter-Musik, wie sie sein sollte: Bewegende Protest-Lyrik in Tradition eines Bob Dylan. Und dieser Song ist zu berührend, um noch mehr Worte darüber zu verlieren:

Technischer Fortschritt und so

Bei Amazon kann man jetzt auch mp3s kaufen. Ganze Alben für 5 Euro, einzelne Songs unter einem Euro. Mal eben aus dem virtuellen Einkaufswagen direkt auf die Festplatte.

Auch wenn ich eigentlich noch zur „ich besitze schon gerne ein physisches Produkt mit Booklet zum anfassen etc.“-Generation gehöre, finde ich das ja super.

Warum? Weil andererseits selbst ich über die ketzten Jahre längst ein Stadium erreicht habe, bei dem ich eine neue CD als erstes sofort mal eben rippe, am Computer laufen und narzisstisch von lastfm „scrobbeln“ lasse, während die defekte Stereoanlage gerade in der Ecke verstaubt. Weil ich mittlerweile tatsächlich damit leben kann, Musik auch mal wirklich nur als digitale Datei zu besitzen, anstatt eine weitere Hülle irgendwo einsortieren zu müssen, da ich eh schon zwichen unüberschaubaren Bergen aus Promo-CDs aus meiner Musikjournalisten- und DJ-„Laufbahn“ untergehe (jaja, Luxusproblem, ich weiß). Weil ich beim Sport Musik auf einem mp3-Player höre, und in mein mp3-fähiges CD-Radio im Auto auch bevorzugt CD-Roms schiebe, auf die ich gleich mehrere aktuelle Lieblingsscheiben gepackt habe.

Dabei verstehe ich die alte Garde ja voll und ganz. Verfechter des Vinyls, Freunde des künstlerischen Gesamtwerks, immer noch nicht ganz im IT-Zeitalter angekommene Altrocker – die Liste der Kritiker oder hierbei einfach noch nicht mitziehenden ist evtl. sogar größer als manch „mit der Zeit gehender“ denken mag.

Und es stimmt ja sogar ein wenig: Als immer weniger „physisch greifbares Produkt“ verkommt Musik tatsächlich so ein bisschen zu körperloser Wegwerf-Unterhaltung. Da wo man früher Plattenladen-Einkäufe rückblickend romantisieren konnte, wenn man die Black Sabbath-Schallplatte oder Prong-CD noch mit einem Hauch Erfurcht und unbändiger Vorfreude vom Regal zur Kasse trug, da wird heute von Jungspunden eine Band emotionslos bei myspace oder lastfm angecheckt und dann das Album gesaugt und auf den iPod gezogen.

Ein wenig, nein, eigentlich schon ziemlich „entzaubernd“ ist das ja schon, wie sich Musik als Medium gerade entwickelt. Ich will nicht so ein Statement abliefern, wie dass hier gerade eine Kunstform den Bach runtergeht, aber das sich ändernde Konsumverhalten im Internet-Zeitalter verändert schon irgendwie den „Wert“ von Musik-Alben, ideell wie in anderem Sinne auch. Sowohl als Produkt/Medium, aber irgendwie auch als „künstlerisches Werk“ verändert sich der allgemeine Stellenwert von („populärer“) Musik derzeit.

Ich erinnere mich an ein Gespräch Mitte der 90er mit einem Kumpel von mir. Er: Ziemlicher Computerfreak. Eine Gattung, deren damalige Form heute ebenfalls so gar nicht mehr existiert, aber das aufzuschlüsseln würde jetzt zu sehr vom Thema ablenken. Er jedenfalls Computerfreak, immer an neuen IT-Erfindungen für den verspielten Endnutzer interessiert. Ich: Musikfreak, immer an den neusten Alben diverser Alternative- und Metal-Bands interessiert. Das Audiodaten auf bahnbrechend kleine Dateigröße komprimierende Format „mp3“ war gerade „rausgekommen“. Er schwärmte mir davon vor, sich meine CD-Sammlung jetzt einfach auf die Festplatte ziehen zu können, ohne dass es viel Platz wegnimmt. Mal eben ganz viel Musik in CD Qualität haben, ohne sie sich selbst kaufen zu müssen. Daraufhin zeigte ich ihm den Vogel. Mein Argument, dass man doch auch eine CD, die man wirklich sehr mag auch besitzen möchte, und dass es nicht angehen kann. sich alles als Kopie aneignen zu wollen, aber selbst keine Musik im Original besitzen zu müssen, hatte er gar nicht so richtig verstanden.

(Das andere Extrem ist ein Kumpel, der sich jahrelang geweigert hatte, in die für ihn zum testen als Audio-CDs auf Rohlinge kopierten Alben von Geheimtipps überhaupt reinzuhören, wenn man nicht zumindest das Cover/Booklet kopiert dabeigelegt hatte. Locker getoppt durch den, der im Jahr 2007 ernsthaft aus voller Überzeugung behauptete, dass mp3-Fassungen Songs ihrer Seele berauben)

Bevor ich in Gefahr laufe, jetzt auch noch das vielschichtige Thema „Musikindustrie vs. Piraterie“ aufzugreifen, mal wieder zurück zum Punkt: Ja, es stimmt. Die „Beziehung“ zur Musik direkt aus dem Datenstrom ist heute allgemein eine etwas andere, als sie es noch vor 10-15 Jahren war. Und ja, irgendwie hat das so einige Schattenseiten. Allerdings mag ich zwar ein alter Sack sein, jedoch bin ich eher ein praktisch veranlagter als reaktionärer alter Sack. Und dieser praktisch veranlagte alte Sack weiß den technischen Fortschritt, den er vielleicht nicht immer so früh aufgreift wie die vorderste „Early Adopter“-Front, als partieller IT-Nerd aber doch oft noch früher als die breite Masse, sehr zu schätzen. Denn was ist praktischer, als geliebte Musik mit einem schlichten Mausklick hören zu können? Oder Musik unterwegs mit einem kleinen, leichten Gerät hören zu können, ohne dass der Walkman leiert oder der Discman springt? Ja, ich weiß sie zu schätzen, die Sonnenseite des mp3-Zeitalters. Und deswegen werde ich mir gleich 1-2 Alben vom Amazon downloaden, auch wenn es sich für mich dann immer noch etwas komisch anfühlt, diese gegen Geld „metaphysisch“ auf den Rechner zu bekommen, anstatt drei Tage später aus dem Briefkasten zu fischen und freudig auszupacken.

Song zum Blogpost: Bob Dylan - The Times They Are a-Changin