Mittwoch, 30. April 2008

Reviews! Neue Platten! Watweißich!

Es ist mal wieder Zeit für ein Update von in letzter zeit gehörten, weitestgehend aktuellen Scheiben:

RUSSIAN CIRLCES - Station
Diese Amis sind auf dem Sektor instrumentaler Postrock-Bands eine wohltuende Ausnahmeerscheinung. Anstatt lediglich orchestrale Arrangements psychedelischer Sphären aufzubauen, vermengen sie diese mit richtigem Metal-Riffing und fett verzerrten Gitarrenwänden. Während Opener und Abschlusssong mehr unter Schubladen-typische Chillout-Musik fallen und 'Versus' auch in erster Linie durch Shoegaze-/Dreampop-artige Gefilde schwebt, warten die anderen drei langen Tracks auch mit regelrechtem Testosteron-Geprügel auf. Hinzu kommt eine sehr gelungene Produktion, die druckvoll, aber höchst organisch und natürlich klingt. Sehr geil, auch wenn es sich bei Dauerrotation schon mal etwas abnutzt.

TESTAMENT - The Fomation Of Damnation
Lange hat es gedauert, bis man endlich das neuste reguläre Studio-Album der Thrash Metal-Legende um Frontmann Chuck Billy (aka "der dicke Indianer") vorgesetzt bekam. Aber das Warten hat sich definitiv gelohnt. Die Scheibe ist das Album des Monats in sämtlichen Metal-Gazetten und ich schließe mich hier ausnahmsweise mal an. Höchst ausgereifte Songs mit Gangarten von rockig bis Gebolze und einer saugeilen Schlagzeugarbeit von Paul Bostaph, der sich hier auch gerne mal verspielt gehen lässt, anstatt nur zu ballern. Nach dem enttäuschendem letzten Exodus-Album und dem indiskutablen Theater, dass Anthrax auf dem Sängerposten veranstaltet haben, darf man Testament somit gerne als die derzeit definitive No. 2-Band des Thrash-Olymps sehen!

SCOTT KELLY - The Wake
"Ein Mann und seine Akustikgitarre" ist normalerweise kein Genre mit dem ich bevorzugt mein CD-Regal fülle. Wenn dieser Mann allerdings Neurosis' Scott Kelly ist, den ich vor kurzem mit dem vorliegendem Material auch live in einer Kirche (!) erleben durfte, ist das schon wieder Ehrensache. Ähnlich wie seine Hauptband hat auch die minimalistische Unplugged-Ausgabe Kellys etwas sehr düsteres, hypnotisches, stimmungsvolles. Es ist fast schon etwas schade, dass dieses Album nur 7 Tracks mit einer Gesamtspiellänge von fast 35 Minuten aufweist, andererseits kann einen dieser sehr eigene, manchmal schon dissonant angehauchte Stil alternativer Folk-Balladen aber durchaus auch schon ein bisschen runterziehen, so dass ich danach lieber mal was schmissiges auflege. Womit Scott Kelly hier nicht nur den unzähligen Neurosis-Epigonen, sondern auch lachhaften Emo-Singer/Songwritern an Intensität um Welten voraus ist.

E-FORCE - Modified Poison
In den 90ern war Eric Forrest mal Sänger/Basser bei den kanadischen Space-Metal-Originalen Voivod, die mit ihm zwei ihrer aggressivsten und krachigsten Longplayer aufnahmen. Mit einer seiner neuen Bands unter dem Namen E-FORCE orientiert er sich weiterhin grob an dem, was er mit Voivod auf den Alben "Negatron" und "Phobos" gemacht hat - nur dass die ganze Sache noch etwas näher an klassischem Thrash Metal mit Rumpelpunk-Einschlag angelehnt ist, der sich mit schrägen Lärmwänden und Industrial-Anleihen vermengt. Was auch genau das 'Problem' ist, das ich mit dieser Band auf ihrem zweiten Album "Modified Poison" inzwischen habe. Wenn sich z.B. der Opener "Deviation" in einem ansprechendem Arrangement erlaubt, zwischen atmosphärischen Parts und räudigem Gepolter zu pendeln, kommt das in Verbindung mit Forrests Geschrei schon verdammt intensiv. Wenn bei anderen Songs dann aber schon wieder unentwegt die Doublebass rattert und das melodisch abgekantete Thrash-Riff schräddert, fängt die dadurch schon mal etwas altbacken, eintönig und zu „traditionell“ daher bollernde Scheibe irgendwann an, mich ein wenig zu langweilen. Fazit: An sich ein sehr geiles Album; für die Oberliga reicht das hier anno 2008 aber nicht mehr ganz.

TREPONEM PAL - Weird Machine
Endlich mal zu Gemüte geführt habe ich mir das neue Album der französischen Industrial-Urgesteine, die sich hier von Uhrwerk-Drummer Ted Parsons (Swans, Prong, Godflesh, Killing Joke, Jesu, Teledubgnosis) und dem während der Produktion tragisch verstorbenem Basser Paul Raven (Killing Joke, Prong, Ministry, ...) unterstützen ließen. Der Albumtitel ist Programm, so wie die Franzosen schon immer ein bisschen anders getickt haben. Auch wenn ihre stilistische Grundlage maschinell stampfender, brachialer Industrial-Metal ist, fungiert dieser nur als Basis verschiedenster musikalischer Versatzstücke, die auch gerne mal funky oder psychedelische 70ies-Vibes versprühen oder in bluesigen Pop driften. Hier gilt etwas ähnliches wie bei E-Force: Vor ein paar Jahren noch hätten sie mich damit wohlmöglich gekriegt, heute klingt mir das aber doch ein bisschen zu angestaubt und trotz allem Exotenbonus ein bisschen zu unspektakulär.

BAD DUDES - Eat Drugs
Ich muss dem Kölner Knallkopf, der unter dem Namen Daghoti selbst recht eigenwillige Musik macht erwähnen, der nicht müde wird, einem diese Band nahelegen zu wollen. Die BAD DUDES machen Sommermusik für anspruchsvolle Bekloppte. Hier treffen Funk, Prog/Mathrock, trashige 80er-Synthies und klassischer Rock'n'Roll aufeinander. Meistens instrumental, mal mit verqueren Vocals hat ihre Musik Eier, positive Vibes, einen gewissen Witz und ist zudem äußerst versiert und verspielt eingehämmert worden. Großartig z.B. der Song 'Better Than Nature' der von housigem Pornofunk mal kurz dazu übergeht, den Jam einer laut verzerrten Rockband zu präsentieren, oder auch der leicht verfrickelte, hart knallende Mitsing-Funk’n’Roll vom Titelsong. Hat was!

VENOMOUS CONCEPT- Poisoned Apple
Da Buzz Osborne (ja, der von den Melvins) gerade keine Zeit hatte, an zweiten VC-Album auch wieder mitzuwirken, holte man sich Danny Lilker (S.O.D. und so …) mit ins Boot, womit dieses Projekt nun zur einen Hälfte aus Napalm Death-Mitgliedern (Shane Embury, Danny Herrera) und zur anderen aus Brutal Truth-Leuten (Kevin Sharp, Lilker) besteht. Mehr gibt es dazu eigentlich schon gar nicht mehr zu sagen, oder muss ich tatsächlich mit einer antiquierten Phrase a la „hier werden keine Gefangenen gemacht“ noch betonen, dass die vier Herren hier mit rasantestem Crustcore-Geballer von höchster Brutalität verzücken?

SCORN – Stealth
Apropos Napalm Death: Deren früherer Drummer Mick Harris macht ja bekanntlich schon seit Jaaaahren nur noch Elektronikmusik. Hauptsächlich unter dem Namen SCORN, aber auch mit einigen anderen Projektnamen haut er kontinuierlich Releases raus, die eigenwillig irgendwo zwischen Düster-Ambient, Dub, Industrial, Trip Hop und Ähnlichem angesiedelt sind. Den 2007er Longplayer „Steatlh“ habe ich mir inzwischen mal zu Gemüte geführt und kann dem Gewummse gegenüber nicht eine gewisse Faszination absprechen. Minimalistisch, aber trotzdem atmosphärisch dicht ballern sich laaaaangsam groovende Beats ihren Weg aus den Boxen heraus, während monotone Waber-Sounds an Mr. Oizo erinnern. Wenn ich im Zustand schlaftrunkener Apathie auf dem Weg zur Arbeit bin. ist das hier manchmal genau der richtige Soundtrack dazu!

PROTEST THE HERO – Fortress
Mir wurde nahegelegt, mir diese Band mal anzuhören. Was ich mittlerweile 2-3 mal getan habe. Jedes mal mit der Erkenntnis, noch mal reinhören zu müssen, bis ich eine definitive Meinung dazu habe. Denn PTH machen es mir persönlich nicht einfach. Sie gehören zu der neuen Welle amerikanischer Metal-Bands, bei denen starke Ironie in Bezug auf Szene-Klischees ebenso an der Tagesordnung ist wie ein musikalisches Selbstverständnis, das die Grenzen scheinbar unvereinbarer Schubladen verschwimmen lässt. So prügeln sich PTH mit einem Punk/Hardcore-artigen Spielgefühl durch Songs, die zwischen Versatzstücken atonal-abgehackter Mathrock/core-Kloppereien und traditionellem Melodikgeriffe pendeln, während sich der Sangesknabe auch gerne mal in die Eier zwickt. Das macht zwar einerseits Laune, verlangt von einem andererseits aber auch mit entsprechend augenzwinkernder Coolness an die Sache rangehen zu können, wenn hier auf einen Fantomas-artigen Klapsmühlenpart auf ein mal der ganz große Cheesy Metal-Refrain mit Plastikschert in die Höh‘ folgt …