Donnerstag, 9. August 2018

Reptilian Records @ Bandcamp

Die Namensverwandtschaft zum Amphetamine Reptile kommt bei Reptilian Records, dem Anfang der 90er mal als logische Erweiterung eines (2009 nach zwanzig Jahren wieder geschlossenen) Plattenladens in Baltimore gegründetem Label, mutmaßlich nicht von ungefähr.
(Ex-)Ladenbesitzer und Labelbetreiber Chris X gehört z.B. auch zu den interviewten, die in der Doku The Color of Noise über die early days of AmRep reden.


Auf seinem eigenen Label erschien im Laufe der Jahre dann durchaus auch das eine oder andere nicht ganz unlegendäre:
Z.B. die Debüt-Single der großartigen VAZ (Nachfolgeband der AmRepper Hammerhead), Siebenzöller von den wegweisenden Sludge-Metal-Punks BUZZOVEN und den Grindcore-Unikaten PIG DESTROYER, Veröffentlichungen der DWARVES, oder ein AC/DC-Tributsampler mit typisch anrüchigem Teufelinnen-Artwork von Kustom-Kulture-Künstler Chris "Coop" Cooper.
Viele Bands, die sonst auch über AmRep, Alternative Tentacles oder Sub Pop veröffentlich(t)en, haben auch irgendwann mal irgendwas via Reptilian rausgekriegt.


Reptilian Records sind ferner irgendwie auch sympathisch old school. Als ich z.B. den Download-Code des 2016er UXO-Albums eingelöst habe, musste ich dann ja doch ziemlich darüber schmunzeln, das Ganze in einem recht antiken statt zeitgemäß-gängigem Audio-Digitalformat rübergesendet zu bekommen.
So ganz ohne mit der Zeit zu gehen geht es dann ja doch nicht, muss sich Chris gedacht haben, als er kürzlich dann doch auch mal mit einer Bandcamp-Seite seines Labels online gegangen ist.


Und auch wenn die aktuell weit von vollständig ist, gibt darauf natürlich dann auch so einiges an Interessantem an Rockmusik der härteren und /oder eigenwilligeren Gangart aus den Neunzigern und Nullern zu entdecken, das man noch gar nicht kannte: Von Detroit-Garagerock (Easy Action) über speckigen Stoner (Ironboss) bis zu Screamo-Hardcore (Flowers in the Attic, The Exploder). 
Gehen wir ruhig auf mal ein paar Sachen noch etwas mehr im Detail ein:

CLOCKCLEANER - Nevermind
Sie gehörten nicht unbedingt zu den bekanntesten Gallionsfiguren der Punk-/ Indie-Szene der Nuller Jahre, aber Übersee dabeigewesene schwören retrospektiv natürlich größte Stücke auf die ca. 2003 bis 2008 aktiven CLOCKCLEANER.
Der Legende nach sollen sie z.B. ihren letzten Gig im Vorprogramm der damals frisch reunierten Hardcore-Punks Negative Approach bestritten und dabei dann eine endlos lange, zäh-langsame Sludge-Doom-Version deren Hits 'Ready To Fight' gespielt haben, woraufhin das Publikum not amused war.
Auch der Titel ihres 2005er Langspieldebüts "Nevermind" (CD über Reptilian Records, LP über Fan Death) hatte viel mit einer gerne Leuten ans Bein pissen wollenden Attitüde zu tun und Bandleader John Sharkey III erging sich in Interviews gerne mal in Nirvana-Diffamierungen.
Musikalisch neigte man recht zeitlos in aggressiv lärmende LoFi-Punk-/ Noiserock-Gefilde, zeigte dabei aber auch Post-Punk-Einflüsse à la Bauhaus oder Acid-Rock-Anwandlungen Richtung Chrome.


THE CUTTHROATS 9 - Anger Management
Ursprünglich wurden THE CUTTHROATS 9 von Gitarrist/ Schreihals Chris Spencer mal als Nachfolgeband der um die Jahrtausendwende ein paar Jahre auf Eis liegenden Unsane gegründet (anfangs gar mal mit dem gleichen Basser). Am Schlagzeug dann irgendwann ein gewisser Will Carroll, den man auch von Metal-Bands wie Hammers Of Misfortune, Death Angel oder Vicious Rumors kennt.
Um das selbstbetitelte Album (ursprünglich) auf Man's Ruin Records herum gab es dann auch eine 7" und die EP "Anger Management" über Reptilian.
Weit weg von Unsane war das Ganze natürlich nicht gerade (was ja absolut nichts schlechtes sein muss) und witziger Weise konnte man eine gewisse Parallelentwicklung feststellen, als die CUTTHROATS 9 dann 2014 auch noch mal mit dem sehr guten "Dissent" zurückkamen (dessen CD-Version ebenfalls über Reptilian Records erschien), denn ähnlich wie das 2012er Unsane-Werk "Wreck" zeigte sich dieses sehr gelungen mit einer noch etwas rockigeren Schlagseite.


HABERDASHER - Songs on Love nos 48602-48608
Über HABERDASHER, die 1997 eine 7“ und dieses eine Album veröffentlichten, um dann schon wieder weitgehend in der Versenkung völliger Unbekanntheit zu verschwinden (von lediglich einem der vier Mitglieder hört man als Elektroniker Novo Line immer noch was), ist nicht wirklich viel überliefert. 
"Songs on Love nos 48602-48608" ist allerdings immerhin ein gutes Beispiel dafür, wie “Postrock” klang, als man diesen Begriff noch vor allem mit Slint‘s "Spiderland" assoziierte: Keine reine Schönmalerei, sondern interessante, narrative, mal ruhigere und mal härtere Musik mit Stilbestandteilen von Jazz bis Post-Hardcore, sowie Ecken und Kanten. 


HATEBEAK - Number of the Beak 
Ich bin ja meistens echt kein allzu großer Fan von lustigen Geschichten, die eigentlich eher als so ‘ne Art von Wegwerf-Gag starten, dann aber längerfristig eine solche Eigendynamik annehmen, dass sich das Ganze zum Running Gag einer mehr oder minder richtigen Band
mit Gimmick-Charakter steigert… Immerhin auf dem Papier ‘ne gute Geschichte ist es trotzdem: 
Zwei (ehemalige) Typen von Triac (s.u.), einer davon inzwischen auch bei Pig Destroyer, lassen einen Papagei über Wohnzimmer-produzierte Death-Metal-Musik quäken und nennen das ganze HATEBEAK.
Man hätte es ja bei den drei Splitsingles, die 2004-2007 über Reptilian Records erschienen, belassen können, aber legte 2015 dann tatsächlich auch noch mal ein ganzes Langspielalbum nach...


THE HEROINE SHEIKS - Rape On The Installment Plan
Ja, Cows-Frontmann Shannon Selberg war schon immer etwas spezieller und schräghumoriger. Mit gewisser Reputation als eh schon ziemlicher Weirdo seine nächste Band THE HEORINHE SHEIKS und das Langspieldebüt "RAPE on the Installment Plan" (
2000) zu nennen… ja puh.
Im ersten Drittel der Bandkarriere übrigens an der Gitarre: Norman Westberg of Swans-Fame!
Interessanterweise bekam der, Veröffentlichung von vier Longplayern und zwei Singles umfassende Art-Punk/ Weirdo-Noiserock der Band auf "Rape…" und ihrem anderen Album via Reptilian Records, "Out of Aferica" (sic!), wohl die besten Resonanzen.
Beim Ende der Band veröffentlichte Selberg im Übrigen dann noch ein recht ausführliches und äußerst sachlich formuliertes Schreiben, in dem es im Grunde genommen darum ging, dass die Zeiten, als Künstler mit derartigem überleben zu können, vorbei sind.


SINKING SUNS - Bad Vibes
Der aktuellste Release des Labels ist mal wieder ein gutes Beispiel dafür, dass Chris X ein gewisses Händchen hat, brauchbare Bands zu entdecken, die irgendwie durchaus im Zeitgeist liegen, dabei aber alles andere hip und trendy wirken.
Die SINKING SUNS aus Wisconsin machen nämlich Post-Punk/ Noiserock, der auf Pfaden von Steel Pole Bathtub, God Bullies u.ä. eine leicht experimentell anmutende Aura hat, dabei aber dennoch recht songorientiert-straight daherkommt.
Cooles Teil! 


TRIAC - Dead House Dreaming
Wer diesen Blog schon länger verfolgt, weiß natürlich um meine relativ hohe Grindcore-Affinität, und so nehme ich sowas wie TRIAC auch allzu gerne mit. 

Deren Debütalbum "Dead House Dreaming" erschien 2005 via Reptilian und dürfte mit Hyperblast-Geschepper, kantigen Riffs und deftigsten Gröl-Vocals zu den extrem-metallischsten Veröffentlichungen des Labels gehören, auch wenn die Truppe aus Baltimore trotz gewisser Thrash-/ Death-Elemente in der Gitarrenarbeit der recht ausgetüftelten Arrangements klar eher zum Powerviolence/ Fastcore als Richtung Deathgrind o.ä. neigt.
Und das ist Krach und Geballer ganz in meinem Sinne! 


UXO - Uxo
Noch mal Chris Spencer: Im Rahmen von oben erwähnter "Color of Noise" Doku muss es irgendwie passiert sein, dass er und Steve Austin von Today Is The Day sich mal wieder in die Arme liefen.
Produkt der üblichen "Mensch, wir müssen doch eigentlich mal wieder was zusammen machen"-Floskeln, die man bei solchen Gelegenheiten zwischen dem dritten und fünften Bier dann schon mal austauscht war, dass die beiden – plus Rhythm-Section aus dem weiteren Label-Umfeld - dann tatsächlich
als UXO ein gemeinsames Album mit geteiltem Gesang fabrizierten.
Dabei trifft die unverkennbare Songwriting-Handschrift mit harter Kante von Spencer auf das leidende von Austin.
Mission geglückt!


Zu aktuelleren Reptilian-Releaes, die man (noch?) nicht in der Bandcamp-Auflistung des Labels aber bei den entsprechenden Bands findet, gehören dann im Übrigen z.B. auch noch die Debüt-EP der unsanigen Jungspunde Plaque Marks, die in der Metal-Blogosphäre einiges an Aufmerksamkeit bekam, die letzte 7“ von KEN mode (mit Steve Albini-Sound) und das aktuelle Multicult-Album ('ne Wahnsinns-Liveband übrigens!!).

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