Dienstag, 24. Juli 2018

Pinkus Abortion Technician

Ist ja schon irgendwie seltsam: In der Vergangenheit gab es MELVINS-Alben, die zu lang für eine LP waren und Ipecac Recordings haben die Vinyl-Version dann einfach um ein paar Songs gekürzt und diese in der Download-Version mitgeliefert. So war es z.B. bei "Hold It In". Wer die fehlenden Songs trotzdem für den Plattenteller haben wollte, musste sich eine Amphetamine Reptile Special Edition 10‘‘ namens "Bride of Crankenstein" sichern.
Jetzt ist dann mit "Pinkus Abortion Technician" mal ein Album raus, das ganz sicher auf eine LP passt und Ipecac verzichten auf die Vinyl-Version. Dafür gibt’s allerdings mal wieder limitierte Amphetamine Reptile Spezialpressungen davon... 
Verstehen muss man das alles nicht so wirklich und dieser ganze Sammlerscheiß geht mir ja auch weitgehend am Arsch vorbei, denn ich will
eigentlich einfach nur den physikalischen Tonträger von einer Band die ich mag abspielen können, aber ja, ich habe mir dann auch mal eine dieser schnell ausverkauften AmRep-Editionen mit alternativem Coverartwork* von „Haze XXL“ gesichert (und habe dabei die pissgelbe erwischt).
*Falls tatsächlich unklar, mache ich ausnahmsweise gerne mal eben den Erklärbär dazu: Genauso wie der Titel des Albums natürlich eine Anspielung auf den 1987er Butthole Surfers Klassiker "Locust Abortion Technician" ist, ist das Haze-Alternativcover (s.o.) eine coole Bizarro-Variation des entsprechenden Originalcovers (s.u.):
Da hört die Surfers-Connection aber noch lange nicht auf: Bereits auf dem schon erwähnten "Hold It In" bestand das Rotations-Line-Up der Band ja schon mal zur Hälfte aus Butthole Surfers-Mitgliedern.  
Basser Jeff Pinkus ist nun auf diesem ein zweites mal auf ganzer Albumlänge dabei, erstmals als Zweit-Basser.
Damit setzen die MELVINS ihren 'Bass-lastigen' Trend von 2016 fort, als sie erst mit dem auf die Neunziger zurückgreifendem Mike and the Melvins Album "Three Men And A Baby" eines mit Doppel-Bass-Besetzung raushauten und dann noch mit "Basses Loaded" eines, auf dem sich von Kernmitgliedern bis Gastmusikern verschiedene Personen am Bass abwechselten  - neben dem aktuellen "Hauptbasser" Steve McDonald (Redd Kross, OFF!) und Teilzeit-Melvins wie Jared Warren (Big Business) oder Trevor Dunn (...) übrigens ebenfalls auch Pinkus bei einer Nummer. 
Aber wir schweifen ab (bei dieser Band leicht)...  

Zum eigentlichen Thema: Einen weiteren Trend, den die MELVINS auf "Pinkus Abortion Technician" fortsetzen ist, immer mehr zu ihrer Variante klassischen Hardrocks zu neigen.  
Schon zur "Nude With Boots"/ "The Bride Screamed Murder"/ "The Bulls & The Bees"-Phase (zu der Zeit hatte man im Übrigen bekanntlich zwei Schlagzeuger im Line Up…)  neigte man vermehrt zu Kiss-artigen Gesangsharmonien und nahm sich hier und da u.a. auch Material von Queen, The Who, den Beatles und ähnlichem an. 

Da es bei Osbourne, Crover und co. so ganz ohne doppelte Böden dann irgendwie auch nicht geht, fängt ihr aktuelles Album mit einer Kombination von James Gang’s “Stop” (was dann eigentlich sogar schon das Cover von einem Cover ist) und “Moving To Florida” von Butthole Surfers an. 


Mit 'Embrace The Rub' folgt 'ne kurze, rasante Nummer, bevor man mit 'Don’t Forget To Breathe' einen wirklich coolen Psychedelic-Rocker am Start hat, zu dem es einen Videoclip von Tom Hazelmyer’s Tochter Ava gibt: 



Das Album hat dann im weiteren Verlauf noch weitere eher entspannte Nummern zu bieten (Flamboyant Duck, Prenup Butter), die auch Teil der ersten Hälfte von "A Walk With Love & Death" sein können, man wird zwischendurch natürlich auch noch mal schmissiger (Break Bread – hat irgendwie was von The Who), streut völlig ungeniert auch noch das nächste Beatles-Cover ein und schließt den Kreis mit noch einem Buttholes Surfers Cover, natürlich vom “Locust Abortion Technician“ Album, und macht sich den Song dabei zugänglich-melodischer ziemlich zu eigen.
 
Was man mutmaßlich bei den meisten anderen Bands als auswimpen, als seltsam-zerfahren, vielleicht auch als ganz schön gefälliges Album empfinden würde, das drehen die MELVINS dann mal wieder zu so einer Sache, die jetzt vielleicht nicht als potenziell essenziellster Klassiker der Dekade ins Jahrbuch eingehen wird, aber doch zu einer überraschend runden Ansammlung von Songs, wie nur sie es hinkriegen.
Das Band-eigene Charisma und der eigentlich schon poppige Happy-Hardrock-Faktor machen "Pinkus Abortion Technician" sogar regelrecht zu sowas wie ‘nem ganz geilen Sommeralbum, während Buzz Osbourne’s grundsätzliche Haltung, allzu F-schematische „Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Gitarrensolo, Refrain“-Songarrangements eher zu vermeiden, das Ganze interessant hält.
Abschließend stellt man dann ferner noch fest, dass der doppelte Basser kein Gimmick ist, den man dabei irgendwie groß wahrnehmen würde.


Ich hätte es ja echt nicht gedacht, aber diese Classic-Rock-Inkarnation der MELVINS gefällt mir fast so gut wie die Doppelschlagzeug-Besetzung, die mich vor elfeinhalb Jahren mit dem Return-to-Form-Überalbum "(A) Senile Animal" mal völlig umhaute.

Und der Fan ist nun gespannt, wo die Reise beim nächsten mal hingehen wird. Ein Big-Band-Line-Up mit 2-3 Bassern und 2-3 Schlagzeugern? Dann auch doch mal wieder einer etwas experimentelleren Phase? Oder wird man irgendwann gar unerwartet doch noch mal völlig ins noch poppigere kippen?
We’ll see…

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