Sonntag, 1. Juli 2018

Halbjahresbilanz

Dass ich Jahrescharts und Bergfestbestandsaufnahmen eigentlich eher albern finde, betone ich ja immer wieder mal. Ich find’s pointless, denn Musik ist kein Wettbewerb, während Veröffentlichungsdaten und Jahreszahlen eben auch nur Zahlen sind.
So richtig albern finde ich vor allem auch Blogs, die Mitte Juni Listen a la "die bisher 50 besten Metal-Alben des Jahres" veröffentlichen. Wer hört sich denn bitte daraufhin 43 ihm noch unbekannte Veröffentlichungen an?

Hier jetzt zur zweiten Halbzeit aber trotzdem mal eben in loser Reihenfolge die sechs Alben (weil sechs Monate), die bei mir aus dem Jahrgang 2018 bisher am meisten Eindruck hinterlassen haben:

 

TONGUE PARTY - Looking for a Painful Death
In jüngerer Vergangenheit hat schon länger kein Baller-/ Krach-Rockmusikalbum mehr so meine Welt gerockt, wie "Looking for a Painful Death" von TONGUE PARTY.
Das junge Trio aus
Minneapolis macht irgendwo zwischen Noiserock, Hardcore-Punk und einer nicht zur verachtenden Portion Thrash Metal wirklich einfach nur alles richtig.
Als hätte man eine Zeitreise in die frühen Neunziger gemacht, um sich dort mal eben die perfekte Melange aus Helmet, Prong, Karp und Unsane zusammenzustellen, die mit dem Extra-Kick an jugendlicher Frische Arsch tritt. Wieder und wieder. Mit Schmackes und Tempo. Und dabei völlig drauf scheißend, ob die knackigen Songs durch vorgefertigte Schablonen Anderer passen.
Ich bin auf meine alten Tage tatsächlich noch mal einfach nur noch hin und weg, wie unfassbar geil dieses Teil ist. 

Vinyl ist trotz Import-Preis bestellt.
Und jetzt bitte nachziehen, Bummer (deren neue in Kürze über das gleiche Label kommt) und Ken mode (deren Vorabhörproben schon vielversprechend sind)!



SEVEN THAT SPELLS - The Death And Resurrection Of Krautrock: Omega
Kein Scheiß, sondern mein voller Ernst, die ganze Wahrheit und schiere Realität: "(…) IO", den zweiten Teil von SEVEN THAT SPELLS‘ "The Death And Resurrection Of Krautrock" Trilogie, fand ich ja schon ziiiiemlich super. Der Nachfolger "(…) Omega“ allerdings ist sooooo gut geworden, dass ich "IO" nicht mehr hören kann, weil “Omega“ noch mal sooooo viel geiler ist.
Auch wenn ich normalerweise kein Prog-Typ bin ist das, was mich an diesem Album besonders an King Crimson erinnert das i-Tüpfelchen und vor allem das extra etwas in den Mittelpunkt gesetzte Drumming von Blake Fleming (Dazzling Killmen, Laddio Bolocko, gelegentlich mal bei The Mars Volta oder Omar Rodríguez-López und sogar mal bei den japanischen Zeni Geva dabei) könnte ich mir alleine schon für sich nur in Endlosschleife anhören.
Noch dazu sind Mammutkompositionen wie 'Omega' oder 'Future Lords' in dieser Form wirklich total mein Ding.
Wahnsinnsalbum!



COILGUNS - Millennials
That Shape of Punk arrived: Nach einer, sagen wir mal "okayen, aber nicht wirklich mitreißenden" Livebegegnung vor ein paar Jahren und aufgrund nur mäßiger Begeisterung für ehemalige Betätigungsfelder und weitere Projekte beteiligter Musiker hätte ich das eher nicht so unbedingt gedacht, aber COILGUNS konnten sich diese Saison ja bei mir zu so einer "Band der Stunde" mausern...
Post-Hardcore? Noiserock?
Math'n'Roll? Was auch immer. Beim Karfreitagskonzert in Wuppertal waren die Schweizer dann nämlich auf ein mal das beste und kurzweiligste, was ich seit längerem auf einer Bühne sehen durfte und das aktuelle Album "Millennials" hat alles, was ich von solcher Musik will: Energischen Punch von roher Energie und Köpfchen. Unkonventionell arrangierte Brachial-Abfahrten in den Wahnsinn. Krach, Geballer und Geschrei ohne wichtig genommene Stilschublade. 
Und überhaupt ist vieles hieran noch sympathischer, als ich es anfänglich wahrhaben wollte.
Super Band!



INKASSO MOSKAU - Die Sünde
Bei allem, was die Grindcore-Ecke in letzter Zeit so an interessanten, stilistisch weiteres auslotenden Bands zu bieten hat, sind es ausgerechnet drei Jungs aus Osnabrück, die für mich gerade am Großteil der internationalen Konkurrenz vorbeiziehen. 
An dieser Stelle zitiere ich mich dann einfach nur noch mal selbst: 
"Schon das 2015er Album "Motorsäge“ fand ich mit seinem deutschsprachigen Punk-Grind ganz cool, mit "Die Sünde" setzten die Osnabrücker kürzlich allerdings noch mal gehörig einen drauf. Sie sind metallischer geworden, das aber im allerbesten Sinne. Es schwingen Post-Punk- und Black-Metal-Vibes in der atmosphärisch inszenierten Gitarrenarbeit mit, die sich oft im eher disharmonischen statt melodiösem bewegt. Die Midtempo-Passagen braten fett, die Vocals klingen manchmal schon einen Hauch irre und die Songarrangements sind interessant und eingängig zugleich."
Damit wäre alles gesagt und ich schenke es mir jetzt auch einfach mal, um den Albumtitel herum noch irgendwie einen kalauernden Fazit zu bauen.


CRIMINAL BODY - s/t
Dieses Debüt, das kein wirkliches ist, ist immer noch eine ziemliche Überraschung. 
Zumal die ehemaligen Neocrusties Jungbluth aus Münster (die wiederum schon die Nachfolgeband der gigamächtigen Alpinist waren) jetzt auf ein mal unter neuem Namen sowas wie Post-Punk mit cheesy Hymnenhaftigkeit, gelegentlichem Discobeat, Anflügen von retrofuturistisch anmutendem 80er-Pop-Kitsch im Sound und auch schon mal etwas danebenliegenden Vocals machen, was einige male gefährlich nah daran vorbeischrappt zu was eher unsäglichem zu kippen, dabei aber doch so geil die Kurve kriegt, dass ich  es ehrlich gesagt kaum abwarten kann, mir das live möglichst bald wieder anzugucken und -hören!


NOISEPICKER - Peace Off
Harry Armstrong ist tief in der britischen Stoner-/ Doom-Szene verwurzelt. Man findet seinen Namen z.B. auch ziemlich weit vorne im Stammbuch von Electric Wizard.
Mit End of Level Boss hatte er eine dieser Bands am Start, die zwar super war, aber leider kaum jemanden interessiert hat. Schon "Inside the Difference Engine" hatte 2007 schwer was ('Mr. Dinosaur Is Lost'!), das 2011er "Eklectric" setzte dem allerdings in rundumerneurtem Line-Up mit verspieltem Faktor und Killer-Drumming noch einen drauf. Dann schien das Thema aber wohl auch irgendwie durch zu sein.

Armstrong’s Musik hört man jedenfalls gerne mal ein bisschen an, dass er ziemlicher Voivod-Fan ist. Was bei seinen jüngeren Bands/ Projekten wie The Earls of Mars oder eben NOISEPICKER jetzt noch ferner durchschimmert ist, dass er sich scheinbar ein bisschen was von Tom Waits abgeguckt hat.
So ist “Peace Off” mit coolem Gesamtwerk-Fluss eine interessante und packende Mixtur aus Metal der wuchtig groovenden, dabei gerne mal etwas angeschrägt gerifften Sorte, psychedelisch-atmosphärischen Akzenten und bluesiger Geschichtenerzählung mit dunkel-rauer Stimme. 
Der Hauch von Gospel bei 'He Knew It Would All End In Tears' winkt fast schon etwas in Richtung Zeal & Ardor, das bedächtig groovende und dann noch im Noise-Inferno mündende 'This Is How The World Will End' ist Musik wie für mich gemacht und das Schlussdoppel mit dem verhältnismäßig knackig rockenden 'All Hope Died' und der Blues-Ballade 'I Stood By Her Grave' ist in seiner Traurigkeit perfekt.
Ein ganz, ganz starkes Album, das ich seit Erscheinen wieder und wieder höre.

 
Bonus-Song:
GEWALT - Guter Junge / Böser Junge
Das ist gut!



Honorable Mentions - auch nach wie vor immer wieder mal zurück komme ich noch zu...
  • ABJECTION RITUAL's Neurosis-Worship "Soul Of Ruin, Body Of Filth" war mir ja auch glatt schon mal einen ausführlichen Einzelpost wert
  • CHRISTIAN FITNESS' "Nuance - The Musical" macht mit seiner Mischung aus schrägem Noiserock, Hip-Hop-/ Pompös-Pop-Elementen und jeder Menge Ironie, gerade auch für sowas wie ein Wohnzimmerprojekt, sehr viel Spaß. Vor allem die supertolle Schlussnummer.
  • ELEPHANT RIFLE's "Hunk" trifft mit seinem ins leicht bekloppte driftendem Neandertal-Noiserock ebenfalls ganz gut meinen Nerv.
  • Wenn die neue GNOD nach dem Überkiller von fünfzehnminütiger Eröffnungsnummer das Niveau halten würde, wäre sie mit Sicherheit auch in den ausführlichen Highlights gelandet. So geil die Viertelstunde ‘Donovan's Daughters‘ ist, gerade auch wegen den noch mal gewaltig anziehenden finalen Drittel, so sehr lässt mich der Rest des Albums dann aber leider doch eher so ein bisschen unbeeindruckt...
  • H E X' monolithischer Industrial-Postrock verlangt förmlich nach noch weiteren Durchläufen.
  • WILL HAVEN gibt's auch noch. Um die Jahrtausendwende fälschlicherweise so halb mit in die Nu-Metal-Szene gesteckt, kann man sie rückblickend eigentlich schon als Vorreiter des heute inflationär boomenden Metals und Hardcores der wuchtig-schleppenden Natur eintüten. Auf "Muerte" will das 2018 noch mal erstaunlich gut funktionieren, was auch ein Gastauftritt von Mike Scheidt (Yob) zementiert.
    (PS: Vielleicht auch mal "Heavy Trip" von Horseneck, mit WH's Anthony Paganelli checken.)

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