Dienstag, 29. Mai 2018

Author & Punisher, Hey Colossus, Sumac, Trepaneringsritualen

Derartiges hätte ich ja genau so gerne mal öfter direkt vor der eigenen Haustür:
Gleich zwei Tourneen treffen sich an einem Samstagabend im gleichen Club: Die beiden, mehr oder minder szenisch übergreifend für Aufsehen sorgenden Industrial-Einmann-Bands AUTHOR & PUNISHER und TREPANERINGSRITUALEN auf der einen Seite, auf der anderen die etwas ungleiche Gitarrenmusik-Paarung von SUMAC und HEY COLOSSUS.
Für nur 15€ Eintritt im Vvkf und dann auch noch, um diesen Fazit direkt vorweg zu nehmen, mit einer perfekten Orga, bei der alles anfängt und aufhört wie geplant und angekündigt…
Dafür kann man sich dann auch schon mal aussem Pott ins nicht wirklich weit niederländische Nijmegen aufmachen, das knapp hinter der Grenze liegt (und wenn man genug Zeit und Geld hat, lohnt sich durchaus auch eine Plattenladentour durch das nette Städtchen).

Da es irgendwie passt, ist zu Beginn das Equipment aller vier Acts (!) auf der Bühne.
Keine Ahnung, ob es irgendwie dem heißen Wetter geschuldet ist, aber als TREPANERINGSRITUALEN im wie angekündigt straff durchgezogenem Zeitplan um 19:30 loslegen, ist das direkt neben dem Nijmeger Hauptbahnhof gelegene Doornroosje (zunächst) noch nicht so richtig voll.

 
Plural im Übrigen, weil Thomas Martin Ekelund bei seiner Halbplayback-Show neuerdings von einem Live-Percussionisten begleitet wird.
Der Schwede hat die erste Hälfte des Gigs einen Sack auf dem Kopf.
Von 'Death & Ecstasy' dem Opener/ Intro des aktuellen Albums "Kainskult" gibt’s ‘ne etwas verkürzte Fassung, die direkt in 'Maðr Malformed' übergeht.

 
Ein paar Nummern mit Gewaber aus der Konserve, Ekelund’s Gegrolle und Getrommel seines Sidekicks später landet der schweißtriefende Sack irgendwann auf dem Boden und der halbstündige Auftritt endet mit einer Nummer, die im Gegensatz zum ansonsten dargebotenen Material nicht "Kainskult" stammt und eine sehr treibende Note hat.
Es war auf jeden Fall eine unterhaltsame Sache.

 
Den Trepaneringsritualen-Stuff von der Bühne zu entfernen geht schnell, auch wenn sich einige Stagehands etwas sträuben.
AUTHOR & PUNISHER ist als nächstes dran.
Tristan Shone hat seine allgemeine Konfiguration an Gerätschaften inzwischen etwas umgebaut und dabei einen Hauch abgespeckt, aber das tut dem Ganzen keinen Abbruch.
 
Und es ist ja irgendwie echt ein bisschen so eine typische Ungerechtigkeit des Universums, dass Tristan Shone mit seinem spezielleren Ding mutmaßlich nie ein größeres Publikum finden wird,  denn was er als AUTHOR & PUNISHER ist nicht nur anders als anderes, sondern dabei auch generell einfach nur geil.
Wenn er mit Hebeln, Pedalen und Kehlkopfmikro  mit seinem selbstgebauten Kram Lärm macht ist das Industrial-Musik im buchstäblichsten Sinne, aber das Ganze wird durch die manuelle Komponente mit Mensch im Zentrum (Rhythmen z.B. sind ja nicht programmiert, sondern werden von Shone mit einer Art Joystick rausgehämmert) zu faszinierendem Cyborg-Metal, der mehr Seele und Authentizität  besitzt als jedwede Retrorock-Retortentruppe, epischer und brachialer ist als die meisten Metal-Bands und eben auch „natürlicher“ als das meiste an anderweitiger Maschinenmusik.
Ich find’s ja super.

 
Danach gibt’s wieder eine zackige Umbaupause von nur einer Viertelstunde, denn es steht ja eh schon alles auf der Bühne…
 
Für eine Band, die etwas übertrieben ausgedrückt gefühlt fast schon zu den Urgesteinen der britischen Weirdo-Rock-Szene oder wie auch immer man das nennen möchte gehört (ihre ersten Veröffentlichungen erschienen 2004), sehen die Jungs von HEY COLOSSUS teilweise übrigens noch ganz schön jung aus. Und für eine Band, die mitunter auch unter „Noiserock“ eingetütet wird, sind sie ja dann doch die mit Abstand unkrachigste Band des Abends.
Mein Kollege nimmt das Ganze als sowas wie eine Mischung aus Polvo und Grinderman wahr, mich wiederum erinnert der Frontmann an Pissed Jeans‘ Matt Korvette.
Die drei Gitarristen der Band ergänzen sich auf interessante Art und Weise, die Band startet mit dem Opener des aktuellen Albums "The Guillotine" auch eher dunkel-ruhig und schräg, aber gelegentlich wird’s auch mal lauter oder schneller.
Summa summarum eine seltsame Band, aber das im besten Sinne!

 
Mit lediglich ca. fünf Minuten Verspätung bei Blick auf die veröffentlichte Timeline schließen SUMAC den Abend ab.
 
Da der eigentliche Basser des 'Powertrios' (Brian Cook von Russian Circles) anderweitig verpflichtet ist, hilft live mal wieder kein Geringerer als Joe Preston (Thrones, Ex-Melvins u.a.) aus, dessen Präsenz allein ein Happening aus dem Auftritt macht.
Genauso wie andere Bands und Projekte von Aaron Turner (u.a. Isis, Mammifer, Old Man Gloom, …) werden SUMAC in diesem Leben keine Lieblingsband mehr von mir werden - den immer wieder mal in kontrolliertem Chaos ausartenden Prog-Sludge der Band live zu sehen und hören ist allerdings dennoch ‘ne Nummer für sich.
Der Drumsound hätte ruhig noch etwas druckvoller und ausdifferenzierter aus der PA kommen können, gerade auch weil Nick Yacyshyn (außerdem bei Baptists) ein wild draufkloppender Könner vorm Herrn ist, abgesehen davon war’s aber ‘ne kurzweilige Stunde Lärm.

 
Und wie gesagt: Die Orga im Doornroosje war genauso super, wie dieses bunte Package etwas abseitigerer Musik. Wieso kriegt man sowas bei uns in der Gegend nicht auf die Kette?

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