Freitag, 25. Mai 2018

25jähriges: Sound of White Noise

Vor 25 Jahren, am 25.05.1993, veröffentlichten ANTHRAX ihr sechstes reguläres Studioalbum „Sound of White Noise“. 
Vermutlich die längste Liebesbeziehung, die ich je hatte.

 
Darf ich mal ausholen? Okay:
Ich spare mir jetzt mal eine allzu autobiographisch abschweifende Einleitung, weil interessiert keine Sau, aber irgendwann waren es dann halt mal irgendwie ANTHRAX gewesen, die sich bei mir als Lieblingsband etablierten, als ich von der Welt des Hardrock und Metal in schon sehr jungen Jahren förmlich völlig aufgesogen wurde.
Es muss was mit ihrem Gesamt-Image und –Konzept zu tun gehabt haben, dass sie eher Batman-Boxershort als Schnürlederhosen trugen, dementsprechend eher auch schon mal Songs über Comicfiguren anstatt irgendeinen Satans-Quatsch schrieben ,einiges an ungeniertem Humor durchblitzen ließen und auch musikalisch schon mal einen Schritt weiter aus der Komfortzone raustraten als die anderen.
„Among The Living“ war zur damaligen Zeit ein unfassbar geiles Album, aber die Band blieb dort nicht stehen. Neben albernen Scherz-Songs wie ‘I’m The Man‘ passierte dann nämlich tatsächlich auch ein richtiger und ziemlich legendärer Rap-Metal-Crossover (‘Bring The Noise‘ mit Public Enemy), während man genauso Songs von Sabbath oder Kiss wie von Discharge coverte.
ANTHRAX hatten im Gegensatz zu diversen Peer-Bands so eine augenzwinkernd nach allen Seiten offene, statt in ihrem Ding eingefahrene Aura, die mich irgendwie ansprach.

1992 trennten sich ANTHRAX von ihrem Sänger Joey Belladonna. 1993 kam man zurück mit dem Sänger, um den auch Metallica zuvor schon mal erfolglos gebuhlt hatten: John Bush von Armored Saint.
Und irgendwann kurz nach Erscheinen des Teils kam ich mit der Totenkopfprägecover-Limited-Edition der CD aus einem kleinstädtischen Plattenladen…

Zu sagen, dass „Sound of White Noise“ sowas wie eine weitgehende stilistische Kurskorrektur war, wäre im Übrigen auch etwas übertrieben, denn 1.) gab’s darauf noch genug typisches Geriffe in höheren Tempolagen zu hören (was diverse Old-School-Metal-Nörgelköppe wohl nie so richtig wahrhaben wollten) und 2.) hatte sich schon das 1990er ANTHRAX-Album „Persistence of Time“ von etwas dunkleren und ambitionierteren Seiten gezeigt, die in ziemlichem Kontrast zum Vorgängerwerk „State Of Euphoria“ standen. (Welches sich wiederum etwas heiterer tönend auf der wenig originellen Thrash-Metal-Schiene festgefahren, und dabei die bissigeren Ecken und Kanten von „Among The Living“ etwas abgefeilt hatte.)
Aber: „Sound of White Noise“ wagte tatsächlich den Schritt in die 90er.
John Bush hat(te) eine dunklere und kraftvollere Stimme als sein zum Falsetto-Gejaule neigender Vorgänger, was der Band die Möglichkeit gab, sich in etwas „ernsteren“  Gangarten auszuprobieren und ein bisschen in die gerade cool gewordene Welt von Alternative, Grunge, Groove-Metal und Industrial-Rock aufzuschließen, ohne sich völlig ihrer Wurzeln zu entledigen oder einen peinlichen Zeitgeist-Stunt aufzuführen. Was auf eine sehr kohärente Weise gelang, denn „Sound of White Noise“ ist ein Album wie aus einem Guss.
Da kann auch der damals wie heute etwas seltsame Gitarrensound nix dran rütteln.

Der Album-Opener ‘Potter’s Field‘ ballerte nach dem etwa eigenwilligen Intro ziemlich gnadenlos, zeigte dabei aber direkt eine Marschroute auf, die nicht einfach nur gängigen Stilmustern folgte, sondern sich an einem interessanteren Aufbau versuchte.
Es folgt das hymnische ‘Only‘, wohl einer der bekanntesten Songs der Band.

 
(Dass sie den Song heutzutage Belladonna singen lassen ist ein Verbrechen an der Menschheit, aber wir kommen vom Thema ab…)
Das folgende ‘Room for One More‘ ist meiner Meinung nach so ein Song, aus dem man mit einer etwas kraftvolleren Produktion noch hätte mehr rausholen können, denn irgendwie fand ich die Nummer live schon immer noch mal einen ganzen Tacken bestechender als von Konserve.




Ein Song am energisch-härteren Ende der Albumbandbreite war dann außerdem noch die weitere Auskopplung ‘Hy Pro Glo‘.


Dann wären da z.B. auch noch ‘1000 Points of Hate‘ und ‘Burst‘ mit seinem etwas harcoreigen Wahnsinns-Refrain…
Der Song allerdings, der ANTHRAX wohl von Kuttenträger-Betonköpfen als verräterische Grunge-Annährung oder sowas übelgenommen wurde, war das ruhigere ‘Black Lodge‘, an dem David Lynch’s Hauskomponist Angelo Badalamenti mitwirkte.
Von der Nummer existiert im Übrigen eine noch viiiieel geilere Fassung als die Albumversion (veröffentlich auf einer EP für den japanischen Markt), die ganz ruhig startet und dann förmlich explodiert, welche man allerdings tatsächlich leider nicht (mehr) bei Youtube findet... Dann, wenn es wirklich mal drauf ankommt, wird man vom Internet im Stich gelassen.


Im Hier und Jetzt habe ich mich ja sogar irgendwie an die etwas seltsame (Gitarren-)Produktion gewöhnt, die für mich lange etwas ‘ausbaufähig‘ klang, aber eigentlich völlig in Ordnung ist.
Der 95er Nachfolger „Stomp 442“ ist ja im Übrigen ein ziemlich unterschätztes Album, aber darüber reden wir wann andermal.  

Summa summarum bin ich noch heute der Ansicht, dass die mit diesem Album startende und mit der 2004er Neuaufnahmen-Compilation „The Greater of Two Evils“ endende John-Bush-Ära von ANTHRAX zum besten gehörte, was Metal in den 90ern bzw. um die Jahrtausendwende zu bieten hatte, was aber so ein bisschen was von Perlen vor die Säue hatte.
Danach wurde die Bandbiographie bekanntlich eher so ein bisschen unrühmlich.
All jenen, die Joey Bellodonna‘s doppelt- und dreifache Rückkehr zur Band begrüßt haben, möchte man deswegen jedenfalls „Du hast sie doch echt mal nicht mehr alle stramm sitzen“ entgegenbrüllen. Und mit dem nach Zahlen gemalten Thrash-Retroversuchen im Plastiksound, an denen
sich die Band neuzeitlich versucht, will ich nix zu tun haben, denn sowas ist einfach nur langweilig und abturnend.  

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