Montag, 23. April 2018

(Halbes) Roadburn 2018

Tja, dieses Jahr habe ich es tatsächlich wahrgemacht, mir wie angekündigt mal nicht die volle ROADBURN-Mayhem zu geben, sondern für nur zwei Übernachtungen nach Tilburg rüberzufahren.
Das Roadburn Festival hat nämlich was ambivalentes an sich: Einerseits ist es der Musiknerd-Event mit einer wie für mich gemachten Stilschnittmenge zwischen Rock/ Metal, Avantgarde, Krach und Psychedelic und das dann auch noch mit einem allgemeinen Vibe, der unvergleichlich ist, andererseits nervt die Tatsache, dass dauernd drei gutgefundene Bands parallel spielen ziemlich,
ferner sind die kleineren Locations ständig viel zu überfüllt und außerdem ist’s körperlich mitunter ziemlich erschöpfend sich das von Anfang bis Ende komplett anzutun. ..

Den Donnerstag wollte ich mit YELLOW EYES beginnen. Irgendwie sympathisch, dass es die erste Band seit langem ist, die keinen Pedalboard-Gear-Porn veranstaltet, sondern bei der wirklich jeder der drei Saiteninstrumentalisten nur ein (!) Effektgerät zwischen Gitarre/ Bass und Amp liegen hat. Leider haut es den US-Black-Metallern trotzdem gleich mal eben nach fünf Minuten schon den Strom weg.
Da sich die Problemlösung hinzieht, wechsle ich noch in den Green Room, um ein bisschen SANNHET zu gucken. Wie erwartet ist deren Instrumental-Blackgaze ganz cool, aber auch nicht übermäßig geil.
Auf der Hauptbühne treten Oranssi Pazuzu und Dark Buddha Rising zusammen als WASTE OF SPACE ORCHGESTRA auf, eine vom Festival in Auftrag gegebene Kollaboration. Ich finds gut, aber so "unvorbereitet" irgendwie auch etwas anstrengend, mir das in einem derartigen Festivalrahmen komplett reinzufahren…
In KHEMMIS gucke ich kurz rein, aber nach US-Doom mit Sing- und Gröl-Wechselspiel steht mir gerade doch nicht so der Sinn.

UNIFORM finde ich ja eigentlich ganz witzig, aber irgendwie verliert deren eigentlich simpler Noiserock-/ Industrial-Metal-Punk-Bastard (Big Black meets Nailbomb), neuerdings mit einem versierten Live-Drummer um die Industrial-Kante subtrahiert ein bisschen an Witz. Immerhin rettet’s das abschließende Cover von ‘Symptom of the Universe‘ in einem geil-asozial runtergerotztem Stil.
Rüber ins Patronaat zu ÅRABROT. Die eigentlich unter „Noiserock“ gehandelten, inzwischen aber längst irgendwas anderes machenden Norweger spielen viel Material des mir ziemlich geläufigen aktuellen Albums „The Gospel“ und gefallen.

Keine Zeit zum zwischenzeitlichen durchatmen allerdings, denn es geht nahtlos zur natürlich unerträglich überfüllten Kneipe Cul de Sac, wo Dana Schechter und ihre Schlagzeugerin als INSECT ARC mit eigenwillig-minimalistischem Kraut-Drone-Rock verzücken, bei dem Steelguitar-Loops erzeugt und dann von Rumpelbassläufen gestützt werden. 
Dafür lasse ich gerne mal Converge sausen, die eh noch nie so meine Band waren. Danach erstmal Smalltalk- und Bierpause, bis es mit CULT OF LUNA & JULIE CHRISTMAS weitegeht. Tolle Light-Show, ganz coole Performance!
Dass Cult of Luna ja prinzipiell ganz gut sind, aber was denn das Micky-Mouse-Gequietsche von der Ollen sollte und wer die ist und ob man die kennen muss fragt mich danach die irritierte Lebensgefährtin eines gewissen Götz K… 

Ich habe natürlich keine Zeit das auszudiskutieren, weil ich das nächste gucken muss. Ehrlich gesagt habe ich immer noch nicht ganz geschnallt, was genau dann eigentlich an Bong-Ra-Projekten im Green Room auftreten sollte oder wollte, und dann doch nicht tat, woraufhin irgendein anderes Projekt von Jason Köhnen einsprang und wie das hieß und was überhaupt los war… aber Köhnen alias Ra am Bass und Drummer Balázs Pándi führten (Turbane tragend) instrumentalen, geil knallenden Rumpel-Drone-Sludge-Doom mit jazzy Akzenten und Konservenunterstützung auf. JA doch, das war wirklich ziemlich cool!

„Wenn WEEDEATER ihr ‘God Luck And Good Speed‘ Album spielen wird der Wehrmutstropfen daran ja dann sein, dass ich meinen Lieblingssong, den ‘Jason...The Dragon‘ Titeltrack nicht zu hören bekommen werde“ denke ich daraufhin, als wir natürlich zum „God Luck And Good Speed“-Set des etwas irren North-Carolina-Stoner-Sludge-Metal-Trios vor der Hauptbühne stehen. Doch Irrtum: Zwischen „God Luck And Good Speed“-Knallern wie dessen Titelsong („Mankind is unkind, man!“), ‘Weed Monkey‘ oder dem herrlichen Lynyrd-Skynyrd-Cover ‘Gimme Back My Bullets ‘ ist tatsächlich noch Platz dafür, auch ‘Jason...The Dragon‘ trotzdem zu spielen. Boah, danke, Jungs, das war geil!
Auch ansonsten schon allein aufgrund der Kauzigkeit der Protagonisten mal wieder kurzweilig hoch zwölf.

 

Freitag in der dieses Jahr neu dazugekommenen, angenehm großen Location Koepelhal mit MUTOID MAN zu starten, entpuppt sich dann erstmal als eher semigute Idee. Irgendwie ist mir die Gesamtaura des Powertrios mit personeller Converge- und Cave-In-Überschneidung so früh am Tach echt viel zu aufgedreht und der Poppunk-meets-Prog-Metal-Faktor ihrer Musik auch ganz schön grell.
Also stolpere ich nach einem Song schon wieder über die Straße in den Green Room des 013, um mir dort THE RUINS OF BERVERAST zu geben. In die souverän dargebotene Dunkelheit, Härte und Hypnotik der Avantgarde-Black-Metal-Band um den Aachener Mainman Alexander von Meilenwald lässt sich generell gut eintauchen und das dargebotene „Exuvia“-Material funktioniert mit seiner atmosphärischen Tiefe im Roadburn-Kontext wunderbar.
Die Umbaupause im Green Room wird danach mit ein bisschen MOTORPSYCHO auf der Hauptbühne überbrückt (kann man machen, aber noch nie sooooo meins), bevor es mit SCATTERWOUND weitergeht. Dabei handelt  um ein Kooperationsprojekt des Belgiers Dirk Serries und des Dortmunders „N“, die ihre Kompetenzen als Ambient-Drone-Gitarristen zusammenlegen und 40 Minuten lang durch dichte Soundsphären führen, Wellen aus Lärm auftürmen und unwirkliche Klanglandschaften erschaffen. Leider schafft es der offiziell als Mitwirkender angekündigte Justin Broadrick (Godflesh) aufgrund seines verspäteten Fliegers nicht rechtzeitig nach Tilburg, weswegen sein mitaufgebauter Amp ungenutzt bleibt.
Zeit sich darüber zu ärgern gibt‘s nicht wirklich, denn man hat gerade mal zehn Minuten, bis es auf der Hauptbühne schon wieder mit CROWBAR weitergeht.  

Vom Nola-Original wird heute das 1998er Album „Odd Fellows Rest“ in Gänze live aufgeführt, also bekommt man die Gänsehautnummer ‘Planets Collide‘ gleich als Opener (was andererseits auch heißt, das man danach auch schon wieder gehen kann).
Für etwas unfreiwillige Komik sorgt dabei allerdings der Backliner (?) der Band, der die ganze Zeit in einem langen, bunten Bademantel und eine extradicke Zigarre (?) rauchend hinter Boxen und Schlagzeug rumturnt. Ähm ja…


Weil ich danach ‘ne Pause brauche, flaniere ich erstmal ‘ne Weile unentschlossen durch die Gegend und gucke in die nächsten Sachen nur jeweils kurz rein: FURIA bringen Black Metal in die Koepelhal, wonach mir gerad‘ nicht so der Sinn steht. Die Plattenstände von Southern Lord, Svart, Burning World und Exile on Mainstream um die Ecke riechen nach meinem finanziellen Ruin.  

Interessanteste Randnotiz dazu: bei EoM gab’s u.a. auch Platten von Pelagic Records und jene haben gerade presswerkfrisch Reissues der Whores.-EPs „Ruiner“ und „Clean“ beigehabt. Vor allem „Clean“ gehört meiner Meinung nach in jedes halbwegs Noiserock-affine Plattenregal und fehlte im meinigen bis gerade eben noch…

Im Green Room unterhalten die japanischen MINAMI DEUTSCH mit ihrem Ansatz einer ganz coolem Krautrock-Interpretation, aber auch nicht sooo sehr, dass ich mich dazu länger mit reinquetschen muss, und auf der Hauptbühne geht’s mal mit CONVERGE weiter. Auch zum heute komplettaufgeführten Album „You Fail Me“ habe ich in dem Fall keinen nennenswerten Bezug, aber als Finale ein Entombed-Cover kredenzt zu bekommen stellt die gemeinsame Schnittmenge dann aber doch noch her, um es mal so zu sagen.
Im viel zu stickig-heißen Het Patronaat kann man sich daraufhin mal einen Eindruck der passend pastoralen Performance von FATHER MURPHY FEAT. JARBOE verschaffen. 

Die beide jungen Italiener fabrizieren sowas wie eine interessante Mischung aus dunkel-psychedelischem Neofolk und minimalistischen Post-Industrial-Akzenten. Oder sowas. Jarboe kommt dann zum Messe singen auch noch hinzu.
Danach ist es endlich soweit: Für den Verfasser dieser Zeilen mündet ein halbes Jahr Vorfreude im reellen Erleben: GODFLESH spielen ihr 1994er Überalbum „Selfless“ komplett.  
Schon der göttliche Opener ‘Xynobis‘ rumpelstampft alles über den Haufen und seinen Höhepunkt erreicht der Aufenthalt im Krachparadies mit dem rasant treibenden und noisig sägenden ’Crush My Soul‘. Und wie die immer wieder auch mal mit melodiösen Hoffnungsschimmern durchsetzte Wut-Musik in Maschinen-gestützter Minimalbesetzung aber mit maximaler Brachialwirkung fast zweieinhalb Dekaden später noch mal von müden alten Männern wiederaufgegriffen wird, gibt dem Ganzen tatsächlich sogar eine erstaunlich gut funktionierende Extradimension.  Hammer! Einfach nur Hammer.
 
Alles, was danach kommt, kann eigentlich nur noch verlieren, und so ist’s auch nicht so schlimm, dass der Andrang zur IGORR -Show so groß ist, dass ich nur ein bisschen davon höre, anstatt wirklich was zu sehen (auch das gehört mit zum Roadburn).
Zum Abschluss auf der Hauptbühne tauscht Wahlkarlsruher Mat McNerney bei der Gothrock-Truppe GRAVE PLEASURES mal wieder seinen Hexvessel-Hippiehut gegen Lederjacke und Handschuhe. Sorry für’s Lästermaul sein, aber das Ganze klingt halt wie es klingt, wenn Metallica-Überfanboys versuchen auf Joy Division zu machen. Handwerklich gutgemacht und energisch dargeboten ist das Ganze ja schon irgendwie, und immerhin sind GP auch nicht ganz so glatt wie es die weitgehend zu Unrecht so gehypete Vorgängerband Beastmilk war, aber irgendwie ist das Ganze ja doch etwas aufgesetzt und affektiert, musikalisch arm an interessanten Eigenaktzenten und somit ziemlich unnötig.
Aftershow-Feiereien klemme ich mir trotz ursprünglich anderer Vorhaben, denn ich bin müde und kaputt und das Bier schmeckt am Ende des zweiten Tages auch schon nicht mehr so wirklich.  


Am früheren Samstagnachmittag haue ich mit einem Plattenkauf-Zwischenstopp in der Koepelhal (s.o.) ab, und es ist zugegeben auch ein weinendes Auge involviert, dass es dann doch so schnell vorbeiging, aber auch ein lachendes, da es mir altem Mann auch nach zwei Tagen derartigen Overkills dann auch irgendwie schon reicht.
Nächstes Jahr wieder? Mal sehen. Immerhin sind ja die reunierten niederländischen Instrumental-Krach-Pioniere Gore schon bestätigt, was in diesem Zusammenhang wohl auch nur eine Frage der Zeit war…

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