Montag, 9. April 2018

Grindcore 2018

Grindcore ist ja mitunter sowas wie eine meiner liebsten Populärmusik-Subsparten (obwohl unpopulär? Obwohl Unmusik?), allerdings bin ich auch hier ein bisschen picky: Ich mag wohl vor allem Grind, der 1.) in seiner gesamten Ästhetik nicht zuuu sehr in einem Stil-Schwerpunkt ausartet, der weit in die Richtung generischer bzw. modernerer Death-Metal-Auswüchse abgedüst ist, sondern sich die Crust-Punk- und Thrashcore-Wurzeln des Genres ein bisschen bewahrt hat (Ausnahmen/ Regel, etc.). 2.) sollte er - gerade auch wenn er stilistisch vielleicht eben doch recht weit in den Metal reicht - dabei dann aber auch den Mut zu Experimentierfreude und Eigenständigkeit zeigen, den Einflüsse aus Post-Punk, No Wave, Industrial, Jazz u.a. auf eine Band wie Napalm Death oder Brutal Truth von Anfang an hatten und/ oder 3.) idealerweise musikalisch auch noch ein bisschen mehr zu bieten haben, als einfach nur ein sportliches Dauerfeuer an straighten Hyperblasts. 
Die mit Sludge-Metal und Noiserock flirtende Kaputtheit von Pig Destroyer, die etwas jazzy neben der Spur knatternde Schrägheit späterer Brutal Truth, die progressive Herangehensweise von Fuck The Facts, die intensiv und eigen am 'Emoviolence' agierenden Cloud Rat, junge Kartenneumischer wie Diploid, der allgemeine Kifferhumor-meets-Tech-Death-Irrwitz von Cephalic Carnage, die etwas verquere Eigendynamik von Japanische Kampfhörspiele in ihren besten Momenten und nicht zuletzt auch der unvergleichlich ureigene Stil, in dem sich die o.g. Originale Napalm Death neuzeitlich gefunden haben - das sind Beispiele für Bands, die Grindcore in meinem Sinne entsprechen.
Transgressives wie The Locust, komischer Nintendocore oder Japanoise-Crossover? Immer her damit! Und selbst Grindcore mit Komik kann man richtig machen, wie z.B. Steve Austin oder Entrails Out! bewiesen haben. Dass man relativ puristisch sein und dabei trotzdem interessante Songkompositionen rausballern kann, haben wiederum Phobia schon das eine oder andere mal bewiesen.

Havin‘ said that: In besagter Szene-Ecke tut sich in jüngerer Vergangenheit allgemein sehr viel. Alleine im ersten Quartal diesen Jahres sind schon wieder mindestens drei, vier Alben rausgekommen, die man auf dem Plan haben sollte…



GREBER - Cemetary Preston
Basser/ Gröler Marc kennt man auch von der zuletzt eher inaktiven Prog-Grind-Übermacht Fuck The Facts und Drummer Steve trommelt außerdem noch bei der ebenfalls ganz coolen noisey Derbcore-Truppe The Great Sabatini. Beide schon keine unoriginellen Bands. Bei ihrer Drums’n’Bass-Duoformation GREBER wird’s mit einer Nagel auf den Kopf treffenden Kategorisierung dann aber noch mal 'ne Spur schwieriger...
Für's Etikett Grind bewegt sich der Lärm der beiden nämlich fast schon zu viel in Midtempo- und auch mal doomigen Regionen, für die Schublade Death Metal tönt man viel zu unkonventionell, für Sludge klingt das Ganze wiederum viel zu eckig dahergehämmert und für irgendwas mit Hardcore oder Noiserock dann doch zu metallisch.
Dennoch ist der Krach ihres aktuellen Albums irgendwo zwischen all dem
angesiedelt. In der Weirdo-Nische, die von den meistens Metal-Fans eher gemieden wird, in genau der ich mich dann allerdings irgendwie recht wohl fühle.
Dass sie im Vergleich zu vorangegangenen Veröffentlichungen einen ganzen Ticken düsterer geworden sind, scheint ein allgemeiner Trend zu sein, der auch auf einige der weiter folgenden Einträge zutrifft…



HOLY GRINDER - Cult Of Extermination
„Queer Grind“ aus Kanada. Antifaschistisch und misanthropisch. Mit doomigen Noise-Einschüben, mega Groove-Parts, Gurgel-Vocals und geil verzerrt rumpelndem Bass ballert man eigentlich relativ straight, hat dabei aber doch eine ganz cool drückende Stilformel gefunden.
Gemischt und gemastert von Fuck The Facts‘ Topon Das.
Mehr weiß ich darüber bisher nicht, aber das reicht ja eigentlich auch erstmal.



INKASSO MOSKAU - Die Sünde
Schon das 2015er Album „Motorsäge“ fand ich mit seinem deutschsprachigen Punk-Grind ganz cool, mit „Die Sünde“ setzten die Osnabrücker kürzlich allerdings noch mal gehörig einen drauf.
Sie sind metallischer geworden, das aber im allerbesten Sinne. Es schwingen Post-Punk- und Black-Metal-Vibes in der atmosphärisch inszenierten Gitarrenarbeit mit, die sich oft im eher disharmonischen statt melodiösem bewegt.
Die Midtempo-Passagen braten fett, die Vocals klingen manchmal schon einen Hauch irre und die Songarrangements sind interessant und eingängig zugleich.
Absolut „international konkurrenzfähig“!



INTERCOURSE - Everything Is Pornography When You've Got An Imagination
Ob sich diese Truppe aus New Haven, Connecticut wohl nach meinem Lieblingssong von Zeni Geva benannt hat?
Jedenfalls sind INTERCOURSE mit ihrem stark Richtung Powerviolence mit Noiserock-Vorlieben neigendem Atonal-Gelärme 1.) die unmetallischste Band dieser Auflistung und 2.) dann auch noch die allgemein wahnwitzigste.
In Sachen Veröffentlichungs- und Songtitel ist man mit einer Melange aus nihilistischem Galgenhumor und selbstironischer Beklopptheit nämlich immer wieder mal ganz weit vorne.


 
WAKE - Misery Rites
Noch mal Kanada und noch mal eine Band, die zuweilen immer mehr in den dunklen Abgrund abtaucht.
Zwei Alben zuvor waren WAKE noch mehr oder minder auf der Schiene straighter Hyperblast-Ballerei aus der Nasum-Schule unterwegs, mit „Sowing The Seeds Of A Worthless Tomorrow“ folgte dann allerdings ein musikalischer Quantensprung zu mehr Atmosphäre und komplexeren Songarrangements.
Das aktuelle Werk setzt nun weiter dort an, zeigt Black-Metal-Anflüge und präsentiert Riffs von Voivod’scher Schrägheit, ergeht sich auch schon mal im doomigen Zähfluss und lässt an anderer Stelle dann auch noch durchblitzen, dass man sowas wie komplizierten Brutal-/ Tech-Death durchaus machen könnte, wenn man wollte.
Manchmal habe ich wie schon beim Vorgänger das Gefühl, dass eine differenziertere Produktion das Ganze vielleicht noch mal ein Stück anheben könnte, auf der anderen Seite trägt der etwas dicht-trübe Sound dann wiederum aber auch noch was zur kaputten Aura und pessimistischen Weltanschauung der ganzen Sache bei.



to be continued


 

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