Mittwoch, 29. April 2020

April, April (Aktuelle Alben und EPs)

Es ist halt echt ein Teufelskreis sisyphoschen Ausmaßes: Je mehr ich mir vornehme, mich ganz aufs wesentliche und subjektiv essenzielle zu konzentrieren, desto mehr „eigentlich ja ganz gut, sollte ich auch noch im Blog aufführen“-Neuerscheinungen tauchen im Laufe so eines Monats dann trotzdem noch spontan auf meinem Reinhör-Radar auf.  
Jaja, #FirstWorldProblems. 
Der erwähnenswerte Krach des Monats April 2020:

BOKEH - UVB76-015
Eine seltsame Dunkelgrauzone aus Dark-Ambient, Drum’n’Bass, Industrial-Vibes und Techno-Ansätzen? Ich steh‘ auf sowas! 
Das deutsch-japanische Duo BOKEH taucht auf diesem Release des Bristoler Label UVB-76 Music in wirklich ziemlich klaustrophobisch-düstere Untiefen elektronischer Musik ab, zeigt sich dabei im Laufe von vier Tracks allerdings alles andere als eintönig.


BOLT GUN Begotten
Das Konzept von BOLT GUN aus Australien besteht im Grunde genommen darin, als Post-Metal-/ Drone-Doom-Band vor allem die
Drone- und Postrock-Ansätze zu gewichten und erstmal geduldig mit Feedback-Texturen, Noise-Rauschflächen und „cinematischen“ Ambient-Songaufbauten zu arbeiten, bevor man dann passagenweise auch schon mal bei sowas wie harschem Industrial-Doom mit krassen Geschrei in der groben Nähe von The Body rauskommt. Nur nicht ganz so fett, sondern mit mehr Atemluft im Sound. 
Dass "Begotten" dabei, den Credits nach, tatsächlich in verschiedenen Aufnahmesessions eingefangen und dann zusammengestückelt wurde, das verwundert mich ehrlich gesagt ein bisschen, denn ich hätte jetzt eigentlich denken wollen, dass gerade so etwas vom Experiment und der Momentaufnahme des Live-Zusammenspiels lebt.
Als aktuelles Bespiel einer New-Breed-Doom-/ Noise-Metal-Band echt nicht ganz uninteressant. Wenn auch zugegeben nix, was ich die ganze Zeit laufen haben müsste. 


BULBUL Kodak Dream 
Die österreichischen Weirdo-Rocker BULBUL wecken bei mir ja immer so gewisse Mittneunziger-Assoziationen. Denn das war diese noch etwas unschuldigere, buntere Ära, in der es nicht nur Unikate wie Primus und Mr. Bungle gab, sondern in der Metal- und Alternative-Presse auch Bands wie Waltari mit grellem Funk-Rock und aberwitzigen Kombinationen aus harten Gitarrenriffs, Dance-Beats und Pop-Refrains durchgewunken wurden, bevor das vermeintliche Erwachsenenalter einschlug, die Zeiten trister wurden und man derart einfältige Absurditäten danach dann doch lieber in die Jugendsünden-Kiste wegschloss (ja, selbst schuldig im Sinne der Anklage).
BULBUL haben sich eine ähnlich kauzige Aura in die Neuzeit gerettet und machen sowas wie harten Disco-Funk zwischen ungenierter Heiterkeit und authentischer Verschrobenheit Marke Melvins. Sie haben nach wie vor Spurenelemente eigenwilligen Noiserocks und Anflüge von jazzigem Dadaismus Helge Schneider'schen Ausmaßes in der DNA, und wenn's kaputter kracht blitzen manchmal gar kurz Assoziationen in Richtung Neubauten auf, auf "Kodak Dream" durchbricht das Trio allerdings mehr als zuvor auch immer wieder mal die Mauer zu ihrer ganz eigenen Bizarroparallelwelt-Version von straightem Stadion-Hardrock und eigentlich schon Pop mit New-Wave-Einschlag. Sowas wie 'Orlac' oder 'Pumpgun Judy' könnte man sich nämlich fast schon im Radio vorstellen. Die glasklare Produktion des Albums tut ihr übriges dazu.
Wenn mir dann jetzt mal ein etwas rausgehendes Bild erlaubt sei, dann
sind BULBUL damit sowas der seltsam-schizophrene, weil genauso kultivierte wie unangepasst-schräge Freund, der Dich Miesepeter unerwartet auf eine Party mitnimmt, zu der Du eigentlich gar nicht wolltest, auf der Du dann aber doch ganz schön viel Spaß hast und den halben Abend grinsend tanzt
Und glaubt mir, manchmal braucht man sowas einfach! Manchmal braucht man tatsächlich und wirklich genau so etwas, auch wenn einem das vorher gar nicht so bewusst sein wollte!


CIRITH UNGOL Forever Black 
„Proto-Doom, Epic Metal, Kauzkram“… CIRITH UNGOL sind eines dieser ganz besonderen Heavy-Metal-Originale der ganz alten Schule, das man als Kenner und Szenechecker abseits von mainstreamigem Oberflächengekratze natürlich mit Fenriz zu goutieren hat wie sonst nur Manilla Road (sorry für diesen Anflug von Zynismus, aber mir geht die Meddl-Szene halt echt sowas von auffen Sack...). Fast dreißig Jahre (!) nach dem letzten regulärem Album gibt's nun tatsächlich doch noch mal ein neues.
Und "Forever Black" überrascht fast schon ein bisschen damit, für so ‘ne buchstäbliche Opatruppe ja doch relativ energisch und trotz zeitgemäß-druckvoller Produktion im positiven Sinne einen Hauch rumplig zu tönen. Dieser Power-Metal-Galopp von Nummern wie 'Legions Arise'' war zwar noch nie sooo meins und diesen Keifzwerg-Gesang kann man auch ein bisschen drüber bis unerträglich finden, aber jetzt mal ganz ehrlich: Verblüfft von der rauen Energie und dem Biss, den CIRITH UNGOL anno 2020 ausstrahlen, bin ich ja schon so ein bisschen beeindruckt. Ich hab‘ nämlich auch schon 'ne Menge an wesentlich lahmeren Metal von viel jüngeren oder eigentlich härteren Bands gehört! 
Von daher: Welcome back, Gentlemen!


CORIKY Coriky 
Ja krass, der Release des CORIKY-Albums wurde um einen weiteren Monat verschoben...

DARK SKY BURIAL De Omnibus Dubitandum Est 
Witze über die stetig wachsende Anzahl an Nebenbands und Projekten, die Napalm Death' Shane Embury so am Start hat, hat man ja schon vor Jahrzehnten gemacht. DARK SKY BURIAL kommt jetzt auch noch hinzu.
Und DARK SKY BURIAL ist ein instrumentales Ambient-/ Industrial-/ Trip-Hop-/ Soundtrackkompositions-Soloprojekt, von dem wir laut Embury in Zukunft noch mehr erwarten dürfen.
"De Omnibus Dubitandum Est" gefällt jedenfalls für das, was es ist, tatsächlich durchaus schon mal ganz gut! 

DEAD Raving Drooling
Die australischen DEAD waren schon immer gut mit der amerikanischen Szene von originalen Gitarrenkrachmacher-Weirdos vernetzt, und so gibt es auf "Raving Drooling" musikalische Gastbeiträge von u.a. Joe Preston (...) und Harvey Milk's Creston Spiers zu hören. 
Und auf "Raving Drooling" erinnert mich das Duo direkt beim ersten Song noch mehr an irgendwas zwischen Karp und Big Business, als es je zuvor tat, was aber natürlich nix schlechtes sein muss. Deartigen Neandertal-Noiserock zwischen rauem Sludge-Sound-Gerumpel, rhythmischer Post-Hardcore-Schlagseite und vielleicht sogar einer Brise Pop kann ich mir nämlich generell ganz gut geben. 
Die extralange Schlussnummer fällt vielleicht etwas aus dem Rahmen, aber nuja.


DEV/NULL – Pocket Selector
Ist ‘ne Weile her, dass DEV/NULL sein Breakcore-Magnum-Opus "Necrobestial Sadobreaks" leider nur rein digital veröffentlichte, das u.a. mit einem gelungenen
Voïvod-Sample-Einsatz aufhorchen ließ. Zwölf Jahre um genau zu sein. Und es ist ja jetzt auch nicht so, dass er in der Zwischenzeit gar nicht mehr in Erscheinung getreten wäre, aber irgendwie war das alles eher Low-Profile. 
Wozu sich auch dieser Release einreiht: Die mit dem PO-33-Taschengerät zusammengedrehten Jungle-Tunes haben einen gewissen Skizzencharakter und sind in der Natur der Sache fast schon eher niedlich als wild. Aber irgendwie sympathisch und als sowas wie eine dokumentierte Fingerübung auch gar nicht mal so uninteressant…

DIASIVA Microplastic EP 
MONOLOG Everything at Zero
Es gibt sowas wie einen interessanten Subsubgenre-Bereich, der zwischen Dark-Ambient, Industrial-Techno, Drum’n’Bass und IDM, Einflüssen aus Jazz, Metal und Noise, zwischen Studio-Soundexperimenten und trotzdem auch Clubfloor-Schulterblicken stattfindet. Mads Lindgren alias Monolog und Simon Hayes alias Swarm Intelligence loten derartiges nicht nur jeweils solo in eigenen Nischen aus, sondern auch mit dem gemeinsamen Projekt DIASIVA. 
Nach Veröffentlichungen auf Ohm Resistance und Instruments Of Discipline geht ihre gemeinsane Klangreise mit der "Microplastic" EP über das Berliner Label Arboretum weiter, die dem Titel entsprechend die Zerstörung der Natur durch den Menschen zum Thema hat, mit wummernden Broken Beats, brummenden Bässen und rauschenden SciFi-Sounds, die sich ihren avantgardistischen Weg durch eine dystopische Düsteratmosphäre bahnen.
Im thematischen Zusammenhang „gefällt mir zu äußeren wirkt irgendwie unangebracht, aber musikalisch tut es das!
Und wo wir gerade dabei sind, kann man das auch mal eben in einem abfrühstücken, dass MONOLOG diesen Monat auch noch eine Veröffentlichung über das relativ irre japanische Label Murder Channel raus hat!  
Auch "Everything at Zero" ist von aktuellem Zeitgeschehen beeinflusst und von der Wut, die der in Berlin lebende Däne Lindgren fühlt, weil die Menschheit neue Tiefstände an Empathie- und Ahnungslosigkeit, an unreflektiertem Konsum samt willenloser Selbst- und Umweltzerstörung erreicht hat.  
Auf sechs reguläre Tracks seiner basslastigen Musik, die ähnlich eigenwillig, aber doch etwas straighter, schmutzig-dunkler und dickeiriger treibend als Diasiva durch abgelegenere Industrial-/ DnB-/ Halfstep-/ Fett-IDM-Regionen stampfen, folgen dann noch drei Remixe (einer von End.User!) und als Download-Bonus noch ein ganzer Live-Set.

THE DITCH AND THE DELTA – The Ditch And The Delta
Auf dem Weg vom vorletzten Jahrzehnt in das gerade vergangene (…Leute, wo ist die Zeit geblieben…) erlebten wir so eine Art von „Peak Prog-Sludge“, der seine Wurzeln vor allem im US-Staat Georgia hatte: Mastodon starteten auf ihem Weg
zur Prog-Metal-Band ursprünglich mal als krasser, origineller Frickel-Sludgecore-Brocken, Baroness waren für mich in der zweiten Hälfte der Nuller eine der interessantesten und besten Bands überhaupt und "Static Tensions" von den gefühlt alle drei Monate in der Gegend spielenden Kylesa war sowas wie der nicht wegzudenkende Dauerbrenner-Soundtrack der Sommer ’09 und ‘10. Danach entwickelten sich Mastodon dann allerdings in eine etwas nichtssagendere Riffrock-Richtung weiter, die mir nicht mehr viel gab, Baroness wurden zu sowas wie gemäßigter tönenden Alterna-Rock-Songwritern ("Yellow & Green" fand ich dabei tatsächlich erst noch ziemlich toll, aber danach ging man dann eher getrennte Wege) und die generell ziemlich tagesformabhängigen Kylesa schienen schon wenig später beim nächsten Album übern Zenit, wurden sogar irgendwie so’n bisschen zu ‘ner Farce. Außerdem veröffentlichten Keelhaul 2009 ihr wohl schwächstes Album (aus dem bizarrerweise dennoch ihr vielleicht bester Song herausstach) und man hörte bald gar nichts mehr von ihnen... Und Bands wie Knut, Light Pupil Dilate oder Swarm of the Lotus sind auch schon länger Vergangenheit...
Seitdem habe ich derartiges ja durchaus ein wenig vermisst. Du auch? Dann gibt es jetzt eine gute Nachricht für uns, denn das selbstbetitelte Album von THE DITCH AND THE DELTA aus Salt Lake City ist draußen!
Schon deren 2017er "Hives In Decline" fand ich recht vielversprechend, da auf jenem kantiger Sludge-Metal der verspielteren Art auf Stilelemente aus der Touch-and-Go-geschulten Post-Hardcore-/ Noiserock-Kiste traf. Und "The Ditch And The Delta" zeigt nun die Schüppe drauf, die es vom Anstandsapplaus zur nach oben gereckten Faust noch gebraucht hat. 
"The Ditch And The Delta" ist ein bisschen komplizierter, aber auch mächtig kräftig. Man fußt breitbeinig sowohl in Sludge-Metal-Fettheit mit grölendem Punch in die Fresse, als auch in spielerisch fortgeschrittener Mathcore-Substanz. Passagenweise kommt die Metal-Kante sehr stark durch, gelegentlich taucht man aber auch fast schon mal in sowas wie derberen Post-HC mit einem dezenten Hauch von Emo ein ('Exile').
Vor 5-7 Jahren hätte ich vermutlich direkt sowas wie „genau mein Ding, Album des Jahres, können die bitte beim Roadburn spielen?“ gerufen, inzwischen bin ich allerdings so alt, dass ich ein derartiges Getöse je nach Tagesform auch schon mal etwas zu anstrengend finden kann. Dass die inzwischen nur noch generische Gerne-Landschaft von Post-Metal-Langweilern und Sludgecore-Klonen aber gelegentlich auch doch noch mal von einem mächtigen Panzer wie diesem überrollt wird, das macht mich tatsächlich einen Hauch euphorisch!


END.USER Timeline EP
END.USER / TERROR CELL KORRUPT Absence​/​ We Are All Evil   
Was in Kürze wohl auch noch als Tape über das Rotterdammer Label Inverted Inhumation Records rauskommen soll, kann man schon jetzt auch für nichts bzw. das, was man dafür zahlen möchte von END.USER's Bandcamp-Seite runterladen: Die "Timelime" EP bietet zwei viertelstündige Mix-Tracks mit seinem Signature-Stil, der atmosphärische Synth-Teppiche mit etwas komplizierterer Drum'n'Bass-Rhythmusarbeit kombiniert und hier vor allem auch in eher etwas gemäßigteren Stilregionen bleibt, anstatt zu wilderer Breakcore-Härte zu neigen, die er bekanntlich ebenfalls drauf hat. 
Und wo wir dabei sind gibt's außerdem auf Suicide Audio 'ne aktuelle Split-Single von END.USER und TERROR CELL KORRUPT, deren beiden Tracks ebenfalls ziemlich geil reingehen.
Auf der ebenfalls neuen "SYNONYMS LP" Compilation von besagtem Label ist END.USER dann neben einer Reihe weiterer guter Drum'n'Bass-/ Techstep-/ Breakcore-Künstler dann noch ferner mit einer sehr coolen Nummer vertreten.


FREDDY V-C Oscar The Dog Presents: Slango & Enchango
Freddy Vinehill-Cliffe ist Frontmann der Mega-Band Thank, sowie Gitarrist der doomigen Post-Punks Beige Palace und legt mit den vier Songs dieser Solo-EP sowas wie in Konzept-Minialbum über seinen Hund vor. Und in Kombination mit dem diplomatisch ausgedrückt etwas schief geratenen Indie-Hardrock, mit dem das Ganze vorgetragen wird, ist das gar nicht mal so unamüsant.
Download-Einnahmen kommen der Location Chunk in Leeds zugute, in der die erwähnten Bands neben einem Haufen weiterer Weirdo-Punks und Noiserocker aus dieser spannenden Szene auch proben.


HEAVY HARVEST Iron Lung
Das 2017er "Rats" der Schweizer HEAVY HARVEST fand ich seinerzeit beim Reinhören ja „ganz nice, aber jetzt auch nicht wirklich muss-ich-noch-öfter-hören-nice“. Das Teil weckte ferner gewisse Jugenderinnerungen, denn es gab mal eine Zeit, in der sich jede zweite Provinzband zwischen Rheinufer und Hermannsdenkmal, vom Rest der Welt weitgehend unbeachtet, an einer ähnlichen Mixtur aus Alternative-Rock und Neunziger-Hardcore-Groove in grober Richtung Quicksand probierte.
"Iron Lung" wird nun dem Anspruch, sowas wie Noiserock zu machen, doch noch mal etwas gerechter, denn man neigt inzwischen in noch etwas kerniger und kantiger krachende Heavyness-Regionen von Unsane-/ Surgery-/ Party-Diktator-Kaliber und hat die etwas poppigeren Momente des Vorgängeralbums weitgehend hinter sich gelassen. 
Womit man wirklich alles richtig gemacht hat! Das Quäntchen Alleinstellungsmerkmal, das HEAVY HARVEST dabei irgendwie noch so ein bisschen abzugehen scheint, das machen sie immerhin dadurch wett, derartigen Brachial-Rock mit Hardcore-Rückgrat neuzeitlich so gut auf den Punkt gebracht zu haben.

 

HIGH PRIESTESS Casting the Circle
Wenn es um „Desert Fest-/ Freak Valley-mäßige Musik“ geht, bin ich ja wirklich komplett übersättigt und gelangweilt von den ganzen Fransenjackenträgern, die in letzter Zeit so ins Mittelfeld der RockHard- wie Visions-kompatiblen Liga gespült wurden. Es ödet mich echt nur noch an und ich brauche wirklich keine Hipster-Deppentruppen, die letzte Woche Blue Öyster Cult als modisch-kultige Einflussreferenz für sich entdeckt haben oder meinen, dass ein Orange-Amp alleine schon das halbe Sabbath-Riff ausmacht. Und bittebittebitte geht mir endlich weg mit so schwachbrüstiger Retro-Schnarchnasenmusik wie Blues Pills, Rival Sons und Kadavar.
Gelegentlich schlüpft dann aber doch mal eine Band durch, die etwas aus dieser groben Richtung so derart charmant umsetzt, dass ich trotz dumpfer Verweigerungshaltung dann doch mal zu 'nem Lächeln fähig bin...

HIGH PRIESTESS aus L.A. z.B. strahlen bei ihrem nicht unoriginellen Grenzgang zwischen Psychedelic-Rock und Stoner-Doom durchaus schon mal was irgendwie ziemlich poppiges aus, das erstaunlich gut funktioniert. Ihr Sound ist nicht retro oder übermäßig fuzzy, sondern zeitgemäß-zeitlos und ziemlich transparent. Und selbst wenn man sich episch und wuchtig inszeniert, heben die äußerst sonoren, ausholenden Lead- und Backing-Vocals das Ganze in eine eigene Liga. Was der abschließende A-Cappella-Track dann auch noch mal unterstreicht.
Wenn die das live auch so gut hinkriegen sollten, dann gehören die ganz ohne Scheiß auf größere Bühnen!  

KOOL KEITH x THETAN Space Goretex
Eine eigentliche Grindcore-/ Powerviolence-Rumpeltruppe als Backing-Band eines Rappers? Interessant! 
Man sollte nicht missverstehen, wie THETAN normalerweise klingen, wenn sie sich als Selbstdeklaration das Etikett "Hardcore Drum n' Bass" anheften, denn das Duo Nashville, Tennessee fabriziert hauptsächlich Highspeed-Geballer mit Geschrei in minmaler Bollerbass-und-Schlagzeug-Besetzung. 
"Space Goretex" ist allerdings eine Kooperation mit dem New Yorker Rapper KOOL KEITH, seinerseits bekannt für einen etwas exzentrischen Stil und am bekanntesten wohl durch die von The Prodigy gesamplte und zur eigenen Hitsingle weiterverwursteten Textzeile "Change my pitch up, smack my bitch up".
Wer im Rahmen dieser Paarung Blastbeats und Brachialinfernos erwarten möchte, der wartet vergeblich, denn Drummer Chad und Basser Dan grooven tatsächlich eher laid-back als nach vorne flüchtend ein hip-hoppiges Fundament unter die Rap-Vocals von Keith.  
Was dann auch gar nicht mal so uncool ist!




THE KRONK MEN 3
Der Gitarrist von Scary Busey - die wirklich jeder, der diesen Blog schon mal ansteuert, kennen und abfeiern sollte - hat mit seiner eigentlichen Hauptband THE KRONK MEN dann auch noch ein neues Album über Forbidden Place Records draußen. 
Und die erinnern mich mit ihrem Instrumental-Krach ja ein wenig an die frühen Dysrhythmia, als jene noch ein bisschen mehr zu sowas wie Surfgitarren-Sounds als zu djentigem Breitwand-Metal und zuletzt gar völligen Dudel-Orgien neigten. 
Die Frage „ist das hier schon Prog-Metal oder würd man’s noch unter sowas wie Psych-Punk/ Noiserock eintüten“ drängt sich mir dabei auf, aber wisst Ihr was? Dieses nervige Schubladendenken wird mir immer scheißegaler. 
THE KRONK MEN hauen auf jeden Fall in eine Lücke, die gerade frei war, wobei diese „Instrumental-Powertrio“-Nummer an der punkigeren Grenze zum Mathrock vielleicht sogar ein bisschen mehr mein Ding ist, als ich mir eingestehen wollen würde.

LEAKY MEAKS Social Pugilism EP
Was seltsameres aus Minneapolis‘ Noiserocker-Szene: Zum Postpunk von High Marks gesellt sich mit LEAKY MEAKS noch ein weiteres Soloprojekt von C Drew Haddon, der dafür Buildings-Drummer Travis Kuhlman akquirierte.
Die Schlagzeug-Parts, die jener einspielte, wurden von Haddon dann nachbearbeitet,  verfremdet und in Klangszenarien zwischen Bass-Dröhnen und Noise-Rauschen eingebettet.
Sicher ist das mal wieder einer dieser Fälle, wo mich einer der Metal-Bauern fragen wird, ob das Autodradio kaputt ist…


MASERATI Enter The Mirror
Die Instrumental-Postrocker MASERATI sind ja auch eine einer dieser Bands, die ich tendenziell super finde, aber irgendwie nicht mehr so wirklich oft höre. Ihr 2007er Album "Inventions for the New Season" gefiel mir damals ziemlich und hat mir für immer eine Szene im Kopf eingebrannt, wie ich bei einer Autobahnfahrt in der Abenddämmerung an einem Feuerwerk in der Ferne vorbeikam, während der Song 'Inventions' dazu lief. Die Split mit Zombi fand ich auch gelungen und als die Band auf "Pyramid of the Sun" dann noch mehr Richtung Krautrock-Einflüsse und Dance-Music-Stilistiken driftete, fand ich das auch super. "Maserati VII" war zwar auch gut, man konnte aber auch unken, dass MASERATI stilistisch fast schon so ein bisschen zum One-Trick-Pony verkamen.
Havin' said that said, ist es doch recht interessant, wohin sie sich inzwischen noch so weiterentwickelt haben. Ihr Spiegeluniversum, das man mit diesem Album betrifft, ist mehr denn je ein retrofuturistisches, irgendwo zwischen Neokrautrock und den Soundtracks von 80er-Genre-Serien aus dem US-TV, zwischen heiterem Disco-Dancefloor und gelegentlicher Hardrock-Pose. In einem Moment klopft das kräftigere fast-schon-Metal-Uptempo, im nächsten pluckert ein elektronischer Beat, 'Der Honig' ist die allzu offensichtliche Neu!-Hommage, 'Empty' wiederum spielt mit EBM-Aspekten (sowas wie Skinny Puppy war wohl durchaus ein Einfluss).
Das ist schon alles ziemlich cool und legt erstaunlich viel Facetten frei. Und sollten die mal wieder in der Gegend spielen, würde ich sogar das Tanzbein dazu schwingen. Wenn ich ansonsten aber mal gaaaanz ehrlich bin, verspürte ich nach dem 1-2 mal online anhören dennoch keinen Drang, mir die Platte dringend ins Regal stellen zu müssen. Dafür wiederum klingt das Ganze nämlich doch ein bisschen zu sehr danach, dass hier jemand zwischendurch ein bisschen Spaß mit einer bunten Kiste alter Spielzeuge hatte. Was ich zwar sympathisch finde, aber der Stoff, aus dem Klassiker sind, ist ein anderer, um es mal so zu sagen.


METH LEPPARD  Woke 
Die Wahl des abschließenden Coversongs alleine macht METH LEPARD's "Woke" erwähnenswert, denn 'Honey Bucket' ist der Song, der mich einst zum Melvins-Fan machte (auch wenn ich das Original einer Grunz-Grind-Version nach wie vor klar vorziehe...).
Dabei hätte es so eine Randnotiz zum anfixen gar nicht gebraucht, weil das australische Duo bei den Eigenkompositionen dieses Langspieleinstands viel richtig macht: Ihr Grindcore ist von der infernalisch-brutalen Sorte, neigt mir aber trotz fetter Motorsägen-Riffs skandinavischer Prägung nicht zu sehr in den Death Metal, es gibt ferner auch Groove und schräg-atmosphärische Schraddel-Parts.
Erklärte Freunde der Nasum-/ Rotten-Sound-Schule werden bei diesem Teil Glückshormonexplosionen erleben, denn in so gut ist mir sowas echt schon länger nicht mehr untergekommen!


N + [BOLT] play 15 Amps
Uuund eine weitere Veröffentlichung wandert vor allem auch deswegen ins Plattenregal, weil ich mir Live-Alben von Events, denen ich selbst beiwohnte ja auch immer ganz gerne ins selbige schiebe.
Der Stereo-Mix der reellen Surround-Experience ist dabei tatsächlich recht gelungen!
Die Deluxe-Version bietet gegenüber der regulären zusätzlich zur Bochumer Peformance noch dein Bonus-Tape mit einer Aufnahme der Düsseldorfer Wiederholung und sowas wie Remixe von Lowering und Capac.

NANORISK AKATSUKI – Prehistorical Revolutions
Bei Veröffentlichung im März war’s mir irgendwie durchgegangen, soll aber nicht unerwähnt bleiben: Der in Bielefeld geborene Franzose, der als Einmannband unter NANORISK AKATSUKI firmiert, ist ein wirklich sympathischer Vollverstrahlo. Und die Musik, die er alleine und in Echtzeit mit an seinem Schlagzeug getriggerten Modularsynthies fabriziert, versprüht gewisse Nintendocore-Vibes, driftet hier aber auch schon mal ins regelrecht jazzige ab. 

Man muss das Ganze mutmaßlich aber wohl eigentlich mal live gesehen haben, um es auch von Konserve wirklich begreifen und schätzten zu können…



ORANSSI PAZUZU – Metarin kynsi 
"Metarin kynsi" war wohl kein einfaches Album für ORANSSI PAZUZU, denn der Qualitätssprung "Värähtelijä" war auch einer in puncto szenischer Aufmerksamkeit und die Roadburn-Auftragsarbeit als erweitertes Waste of Space Orchestra öffnete dann ferner noch mal ganz andere Bombast-Perspektiven.
Die Herangehensweise an "Metarin kynsi" war daher von Band-Seite aus wohl realtiv bewusst sehr „stripped down“ und ich bin verblüfft und begeistert, was für ein verhältnismäßig krudes, kaputtes Teil das Ganze doch geworden ist: Die vor der brachialen Eruption erstmal fünf Minuten lang als schräge Weirdo-Krautrock-Angelegenheit vor sich hinwabernde Eröffnungsnummer 'Ilmestys'  z.B. dürfte echt nicht jeden Metal-Fan direkt abholen und mitnehmen.
Und "Metarin kynsi" bleibt im weiteren Verlauf trotz aller noisigen Ausbrüche und Black-Metal-Wurzeln fast schon unaufdringlich. Selbst wenn mal orchestrale Elemente ihren Weg in einen Song finden, verkommen diese nicht zu einem unangenehmen Kleister, sondern betten sich stimmig ins Gesamte ein. Und am allerbesten sind ORANSSI PAZUZU ja eigentlich auch eh vor allem dann, wenn sie gar nicht mal so wirklich die Metal-Axt schwingen, sondern sich in hypnotischer Psychedelik ergehen wie bei 'Uusi teknokratia' oder treibend grooven wie bei 'Kuulen ääniä maan alta'. Das alles mit viel Geplucker und Gewaber, mit Spacerock-Spirit und noisig-experimenteller Schlagseite. Wirklich "Metal™" ist man eigentlich nur noch durch die Krächz-Vocals, die hier sogar noch etwas weniger aufgesetzt als sonst schon mal kommen, und den gelegentlichen Blastbeat-Part, den man nicht überstrapaziert.
Weiterhin positiv in dem Zusammenhang: Was mich in der Vergangenheit manchmal ein wenig an ORANSSI PAZUZU störte – dieses „steife“, das echt typisch für viele Metal-Produktionen aus bestimmten Subgenre-/ Label-Umfeldern ist – ist auf "Metarin kynsi" tatsächlich weniger geworden.
Randnotiz: Bei der Vinyl-Version endet 'Oikeamielisten sali' übrigens in einer sehr gelungenen Endlosrille, digital geht's nahtlos in den nächsten Track über. Wow, hier hat jemand wirklich so richtig gewusst, was man tut!
Vielleicht reicht's nicht so ganz zum Album des Jahres, aber die Finnen haben echt garnix falsch gemacht, was durch die Schöngeist-Metaller unter den Musikkritikern, die hierzu irgendwas von einem nicht nachvollziehbarem Hype faseln, eigentlich nur unterstrichen wird.
PS: Mittlerweile hat man selbst beim tendenziell unsympathisch-spießigen Branchenriesen-Label Nuclear Blast den Schritt auf Bandcamp gewagt? Hallo Century Media, es wird auch für Euch langsam mal Zeit, in der Gegenwart anzukommen!

PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS Viscerals  
Weiter oben gibt's zur Einleitung der neuen High Priestess ja einen Rant zu lesen, dass dieser ganze Standard-Stoner- und Langweiler-Doom-Kram wegen mir echt gehen kann...
Eine weitere wohltuende Ausnahme am Rand dieses Felds sind allerdings die britischen PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS PIGS, die bei ihrer Mixtur aus THC-vernebeltem Stoner-Rock/ Psychedelic-Doom und kräftiger-bissigem Abrocken mit Schulterblick ins noiserockige auch so einiges an eigensinnigen Ecken und Kanten mitbringen. Gegen den Strich gebürstete Schrägheiten und eingängige Riffs halten sich in der stilistischen Grundmasse der Band ganz gut die Waage, was "Viscerals" für mich zu einer äußerst angenehm anzuhörenden Sache irgendwo zwischen den besten Electric-Wizard-Momenten und den Melvins im mittelbekloppten Modus macht, dazu auch noch 'ne gelegentliche Brise Turbonegro und eine angedeutete Jesus-Liz-Kante. Gleichermaßen ziemlich rau wie auch trotzdem irgendwie charming - so können halt tatsächlich nur Briten rüberkommen and you gotta love 'em for that.


RID OF ME Summer
Irgendwie find‘ ich’s ja immer so ein bisschen schade und manchmal auch nicht so ganz nachvollziehbar, wenn ‘ne Band mit gewissem Momentum auf den Plan tritt, aber der Szene (welche genau auch immer das sein mag) fünf Minuten später irgendwie schon wieder aus den Augen aus dem Sinn durchgerauscht zu sein scheint… RID OF ME sind nämlich schon wieder sowas wie die Nachfolgeband einer Nachfolgeband: Letztes Jahr sorgte das selbstbetitelte Debüt von Low Dose für Aufsehen, das alle drei Mitglieder der aufgelösten Fight Amp mit der Sängerin der ebenfalls aufgelösten Legendary Divorce vereinte (auch schon beide geile Bands gewesen). Wenig später scheint es aus irgendeinem Grund notwendig gewesen zu sein, mit einem Low-Dose-Mitglied weniger im Line-Up eine Art Off-Shoot-Projekt ins Leben zu rufen, das uns mit "Summer" nur ein Jahr nach dem LD-Debüt schon sowas wie ein Demotape präsentiert. Aufgenommen übrigens von Multicult’s Nick Skrobisz.
Ja, Itarya Rosenberg bringt dem Ganzen so gewisse Momente rein, die an PJ Harvey (ach was) oder auch Hole erinnern, darüber hinaus bieten auch RID OF ME bei den vier Songs dieses Einstands kraftvoll-kratzbürstige Rockmusik, die mitunter an das, was an frühem „Grunge“ auf der energischeren Seite, im Gegensatz zu späterem Gejammer im Stadionformat unter gleichem Etikett, damals ja eben doch ziemlich geil war (Tad, Mudhoney, L7, auch Nirvana…).


STAZMA Shapeshifter
Bei seinen noch etwas Breakcore-lastigeren Releases firnierte Julien Guillot aus Lyon bisher unter dem vollen Titel „Stazma the Junglechrist“, während Richtung Ambient/ IDM driftende Experimente auch schon mal unter dem Projektnamen Repeat Eater rauskamen. Sein erstes Langspielalbum schlicht als STAZMA übers eigene Label Concrete Collage wiederum ist nun sowas wie eine umfassende Bestandaufnahme, das bisher erreichte zu bündeln und  in die Zukunft zu transportieren.
"Shapeshifter" bietet dabei hörbar Aphex-/ Squarepusher-beeinflusste Braindance-Anwandlungen, durch die der etwas offensichtlichere Hardcore-Jungle-Sound dann aber durchaus schon mal durchgebrochen kommt, was sich gelegentlich dann auch noch mit Acid- und Dub-Ansätzen vermengt, um durch Halftime-Passagen zu grooven.
Man sollte nicht den Fehler begehen, "Shapeshifter" zu direkt mit der partiell völlig wahnsinnigen neuen Squarepusher vergleichen zu wollen, die in ähnlichen Stil- und Soundregionen noch wesentlich komplexer in eine ganz eigene Liga abpfeift, aber tut man das nicht, hat STAZMA einem auf diesem Teil mit so manch hörbar tief ausgearbeitetem Track durchaus einiges zu bieten.

SQUAREPUSHER Lamental
Apropos SQUAREPUSHER, wenn man vom Teufel spricht und so... Der aktuelle Longplayer "Be Up A Hello" rotiert immer noch regelmäßig auf meinem hemischen Plattenspieler und im Auto, da schiebt Tom Jenkinson keine drei Monate später schon die nächste EP hinterher. 
Warum der Ambient-Track 'Detroit Party Mover' von besagtem Album dafür auch noch mal auf die EP gepackt und zum Video gemacht werden musste, das muss ich ja nicht verstehen. Der Opener 'The Paris Track' verarbeitet jedenfalls eine ähnliche Stimmung zu einer Dance-Nummer, die nicht so wild wie die meisten "Be Up A Hello"-Tracks um sich schlägt, 'Les Mains Dansent' hat kurzen Interludium-Charakter und den Sack zu macht das ebenfalls eher langsamere und Retro-Ambient-eske Blade-Runner-Vibes versprühende, sowie Brexit-beeinflusste 'Midi Sans Frontieres', das es 2016 auch schon mal als Stems-Download gab, in zwei Versionen: Eine neuere mit mehr Breakbeat-Arbeit und die ursprüngliche mit weniger Drums
Irgendwie finde ich den Release an sich in dieser Form ganz ehrlich gesagt etwas unnötig, aber 'Midi Sans Frontieres (Avec Batterie)' ist schon ziemlich geil!



THISQUIETARMY Kesselhaus
Auf diesem aktuellen Album über Midira Records hat One-Man-Band Eric Quach aka THISQUIETARMY die, dank gelegentlicher Konservenrhythmen auch zuvor eh schon unter seiner Gitarren-Ambient-/ Drone-/ Postrock-Musik latent vorhandenen Industrial-Elemente mal etwas mehr nach vorne geholt. Mehr als das sogar, denn teilweise driftet "Kesselhaus" schon in ziemliche Noise-Regionen ab. Es rauscht, pluckert, surrt, sägt und dröhnt sich von der Geräuschkulisse hin zu minimalistischer Musik von maximaler Ausdehnung. Nie monoton, sondern immer interessant, immer in Bewegung, immer atmosphärisch und nicht selten trotz der harschen Industrial-Schlagseite schon irgendwie wohlklingend.
Zur LP gibt's dann übrigens noch einen kürzeren digitalen Bonus-Track und eine CD dazu, auf die es ein weiteres 35 Min-Epos geschafft hat. 
Mir gefällt's ja echt ganz gut!
Eine Frage wäre da allerdings noch offen: Wann erscheint eigentlich endlich mal etwas von Eric's Kollaborationssache mit Voïvod's Michel "Away" Langevin?


TOTAL FUCKING DESTRUCTION  ...To Be Alive At The Ende Of The World
Das Album heißt tatsächlich "...To Be Alive At The Ende Of The World" und enthält einen Song namens 'Attack of the Supervirus'?! Was soll man zu diesem Timing noch sagen?
Jedenfalls bin ich ja allein deswegen irgendwie so ein bisschen TFD-Fan, weil Drummer Richard Hoak (auch Brutal Truth...) eines dieser authentischen Originale wie kaum ein anderer Typ ist, dem ich immer ganz gerne bei seinen angestrengten Schlagzeugspiel-Grimassen zuschaue.
TOTAL FUCKING DESTRUCTION waren zwar, wenn man mal gaaanz ehrlich ist, trotz Bandname und Hoak an Board noch nie so wirklich eindeutiges A-Liga-Material, was man
ihnen aber nun wirklich nicht vorwerfen kann, das ist mit ihrer Mixtur aus punkigem Highspeed-Geballer und leicht jazzigen Ansätzen nicht auch doch ein bisschen eigen zu sein. Und so muten sie einem auf diesem Teil auch Funk-Einschübe, eine straighte Poppunk-Parodie und eine völlige Vergewaltigung vom 'Star Spangled Banner' zu, eingerahmt von ultra-rohem Holper-Grind, der selbst im Genre-Verhältnis nix für Ästheten ist.
Was für ein bescheuertes Album?!


TWIN SISTER Twin Sister 
Das neuste Experiment aus dem Umfeld der niederländischen Heavy-Jazzer Dead Neanderthals ist das Trio TWIN SISTER, welches sich instrumentalem Drone-Doom verschrieben hat.
Im Gegensantz zu anderen Bands, die sich an derartigem versuchen, stampft man nicht einfach nur mit Hall-Effekten überladene Krach-Wände in den Raum, die dann erstmal stehenbleiben, sondern bietet mit den fünf ineinander übergehenden Tracks dieses Debüts noisig-psychedelische, trotz mechanisch auf der Stelle tretender Repetition als Stilmittel  dennoch bewegliche, auf jeden Fall aber geil wuchtig kriechende Krachorgien mit natürlichem Liveband-Feel, die sofort Bock drauf machen, das mal mit gutem Gehörschutz aus nächster Nähe hören und sehen zu wollen. 
Keine pseudo-psychedelische Postrock-Langeweile, kein zigfach gehörter Stoner-Fuzz-Sound, kein Sludge-Standardriffgeschiebe, eher Swans als Bongripper, ziemlich was für mich! 

Sonst noch was?  
Sachen, in die ich reingehört habe und dabei nicht übermäßig interessant fand, aber eben auch nicht wirklich total schlecht:

Hinter BRUSGENERATOR steckt Felix Gebhard, auch Live-Keyboarder von Einstürzende Neubauten, der mit "Home Diaries 003" eine Episode zur Serie des britischen Labels Whitelabrecs beigesteuert hat, das Musiker anhält, aus der Isolation heraus musikalische Experimente zu veröffentlichen. 

Im Juli kommt auf Moment of Collapse Records 'ne 2x7'' Split von CLOSET WITCH, RACETRAITOR, NECKBEARD DEATHCAMP und HAGGATHORN raus. 
Die CLOSET WITCH-Seite kann man allerdings auch jetzt schon bei Bandcamp hören und runterladen (name your price!) und sie ballert erwartungsgemäß geil!

Shouterin und Multiinstrumentalistin Rae Amitay kennt man von der sehr guten Grind-/ Metal-Truppe Immortal Bird. Auf der selbstbetitelten Debüt-EP ihres Solopropjekts ERRANT hat sie sämtliche Instrumente eingespielt und so weiter. Bevor ein entsprechend versöhnlich anmutendes Cover von Failure's 'Saturday Saviour' (geil!) das Ganze abschließt, versuchen sich drei Eigenkompositionen an Musik in der facettenreich rundumschlagenden Blackgaze-/ Post-Metal-Ecke, dazu wird genauso klar gesungen wie derbe gekeift. 
Nicht gänzlich unbeeindruckend, aber halt auch nicht so meins.

Kann man auch mal eben in einem abfrühstücken: Was haben "Omens", das neuste Album der ursprünglich aus den USA stammenden Stoner-Metaller/ Progrocker ELDER und das Langspieldebüt "Artificial Disgust" vom Berliner/ Dresdner Instrumental-Quartett GAFFA GHANDI gemeinsam? 
Drei Dinge sogar: Das gleiche Release-Date, den gleichen Mann auf dem Schlagzeughocker und jeweils Musik, die ich zwar objektiv "gut" finde, mir aber nicht wirklich ins Plattenregal stellen müsste. 
ELDER sind mir nämlich inzwischen etwas zu sehr vom schweren Riff in luftige Progrock-Sphären abgerauscht, mit denen ich nicht mehr so viel anfangen kann (Baroness und Opeth lasen grüßen) und beim jetzt mal gaaaanz grob in der Ecke von Russian Circles verorteten Stil, den GAFFA GHANDI fahren, muss ich persönlich jetzt auch nicht so wirklich dabei sein.

Obwohl der traditionellere Doom-Metal von LOVIATAR's "Lightless", dessen Vorgängeralbum mir auch schon gefiel, nach wie vor mit sowas wie ziemlich glatt inszenierten Progrock- und Folk-Schlagseiten daherkommt, die normalerweise nicht sooo mein Ding sind, finde ich das Ganze beim Reinhören ja trotzdem wieder irgendwie ganz gut und sympathisch.
Weil's aber kein "muss ich mir jetzt sofort die LP von bestellen"-Kandidat, sondern nur so 'ne "finde ich beim Reinhören ganz gut"-Sache ist, steht es hier unten anstatt oben ausführlicher...

MELKBELLY sind sowas wie eine gemischte Tüte, denn bei ihnen trifft schraddeliger Indierock Marke Sonic Youth auf dicke Metal-Schlagseiten mit L7-Coolness und in schrägere Noiserock-Ausreißermomente kriegt man dann sogar noch irgendwie süßlichen Pop-Appeal mit eingebettet. Eine ohne Frage sehr talentierte und sympathische Band, aber so wirklich „mein Jam ist ihr aktuelles Album "PITH" trotz aller positiven Assoziationen dann irgendwie doch nicht...

Das 2010er Debütalbum "I have a gun. Give me all the money in the register" vom Industrial-Projekt NOMADIC WAR MACHINE fand ich seinerzeit ja super, aber die neuzeitlichen Veröffentlichungen seit dem Comeback wollen mir irgendwie nicht so richtig reingehen.
Kann die brandneue EP namens "Creatures of the Wind" mit drei smoothen Coversongs (darunter John Lennon und Neil Young) und einer etwas eckigeren Eigenkomposition leider auch nix dran ändern, auch wenn man echt nicht sagen kann, dass dieser schon leicht surreal anmutende Autotune-Dream-Pop gänzlich ohne Charme wäre...


Wer Bock auf interessante Dark Ambient-/ Drone-/ Noise-Klangszenarien mit Neoklassik- und Jazz-Einsprengeln hat, der sollte unbedingt "Contraluz" von NUNU VEIGA checken! 

Heads.-Drummer Peter macht als SHRVL ganz coole Musik in Richtung Instrumental-Hip-Hop. Checkt mal die "EP I". 
Wo wir gerade dabei sind, trifft eine ähnliche Stilberzeichnung dann wohl auch auf das Tooth Decay-Alter-Ego WILLIE BLUNT zu, das im März mit "Biedere Motive" und "Der Teacher" zwei EPs raus tat.

Derben Schlepp-Sludge mit Röchel-Vocals, der eigentlich schon 'ne ziemliche Death-Doom-Kante aufweist, bieten SLAVE HANDS aus Finnland auf ihrem neuen Album "No More Feelings", aber hier bin ich ganz ehrlich gesagt ja irgendwie inzwischen an so einem „Höre nach wie vor gerne die Urheber derartiger Sounds, aber brauche echt keine Kopie einer Kopie…“-Punkt angekommen... 

Damals, als ich noch bezahlt für ein Metal-Printmag schrieb, fand ich das THE SPIRIT CABINET Debüt "Hystero Epileptic Possessed" mit seiner kauzig-rauen und dabei dennoch feierlichen Herangehensweise an klassischen Heavy Metal ja irgendwie ganz sympathisch. Ein wenig verleidet wurde mir das dann allerdings live wiederum durch die Tatsache, dass der Gitarrist eigentlich irgendwie gar nichts konnte, außer dünnes Geschraddel…
Dieser Tage kam auf jeden Fall das Nachfolgwerk "Bloodlines" raus - das zu dem Zeitpunkt, zu dem ich das hier schreibe, allerdings noch nicht auf der Bandcamp-Seite der Band bzw. von Ván Records aufgeschlagen ist.
Immerhin kann man sich schon mal an einem Song in Videoclip-Form erfreuen:
 



Warum ich vom ersten Album des Mike Patton-beteiligten Projekts TETEMA, das Dezember 2014 erschien, damals nicht so wirklich was mitbekommen habe, das verwundert mich fast schon ein bisschen. Das kürzlich erschienene Zweitwerk "necroscape" lässt mich nach all den Jahren allerdings ein bisschen besser verstehen, warum es neben vielen Bewunderern eben auch so einige Leute gibt, die bei der Nennung Pattons nur die Augen verdrehen. Denn diesen jazzig-verfriemelten Elektro-Rock als Basis für Stimmakrobatik, der fast schon Assoziationen in Richtung spackigen Nu Metals von vorgestern weckt, den brauche ich ja ehrlich gesagt auch nicht so wirklich.

Was ich vom neuen Album "Discourse" der neuseeländischen TUSCOMA, welches von ‘nem Deafheaven-Typen produziert und am Bass begleitet wurde, bisher so gehört habe, ist echt nicht von ganz schlechten Eltern. Hochenergischer Neuzeit-Black-Metal mit Hardcore-Kante oder sowas. 
Bei mir läuft das allerdings irgendwie so ein bisschen unter „ganz gute Band, die ich aufgrund der Fülle von Musikveröffentlichungen aber mal eher durchs Raster fallen lasse, denn man kann ja echt nicht alles goutieren…“

Räudiger Hyperblast-Grind mit Groove-Parts irgendwo zwischen Feedback-fiepender Sludge-Metal-Fettheit und stampfenden Toughguycore-Breakdowns? 
Es ist ein en schmaler Grat, sowas auf eine Art und Weise zu zelebrieren, die mich nicht nur die Augen verdrehen lässt, denn bei allem, was mir auch nur einen Hauch zu „Bollo mit Sporthose“ ist, bin ich auch schon mal schnell „zu alt für so’n Scheiß“ nuschelnd raus... 
Der Energiepegel, den WVRM aus South Carolina auf "Colony Collapse" demonstrieren, ist allerdings so beachtlich, dass mir das gar nciht mal so uncoole Teil 'ne Erwähnung wert ist!
 
"Murder 01", die allererste und Various Artists-Veröffentilchung vom neuen Techno-/ EBM-/ Industrial-Label Murder Records wird von einer JK FLESH-Nummer eröffnet!

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