Mittwoch, 11. Dezember 2019

Jucifer – за волгой для нас земли нет (Alben 2010-2019)

Ja, das folgende habe ich hier, wenn’s um JUCIFER ging, schon öfter mal sinngemäß zu Protokoll gegeben, ich sage es aber gerne noch mal: Irgendwie raffe ich’s einfach nicht. Ich raff’s echt nicht! 
Was genau? So einiges. Ich raffe nicht, dass eine Band es schafft, einerseits in einer Stil-Spannweite, die vom Ende der Neunziger ins neue Jahrtausend regelrecht ausstarb (Stichwort „Alternative Rock/ Metal, Grunge etc.“), so’n paar richtige Hit-Songs zu fabrizieren, andererseits den Rest der Welt damit aber weitgehend kalt zu lassen.
Beispiele? Wo soll man anfangen und aufhören… Das poppige 'When She Goes Out' oder sowas wie 'Memphis' hätten so ähnlich auch von Garbage oder Curve sein können, der 'Fight Song' und 'Backslider' wiederum sind sowas wie die besten L7-Nummern, die L7 selbst nicht gemacht haben – und das war jetzt echt nicht despektierlich gegenüber einer der genannten Bands gemeint. 'Amplifier' erinnert an den etwas verschrobenen aber dennoch treibenden Song, der öfter mal am frühen Abend in der Indie-Disse lief während noch niemand dazu tanzen wollte, und auch ruhigere Songs wie 'The Plastic Museum' (toootal toll!), 'Medicated' oder 'L'autrichienne' (Gänsehaut!) sind wirklich schöne, regelrechte Hymnen.

Und und und...
Ich raffe außerdem nicht, wie es ‘ne Band schaffen kann, den schwierigen Spagat vom Zeitgeist der Neunziger in den der Spätnuller bzw. in noch ein Jahrzehnt weiter, z.B. durch ihre schon immer vorhandenen Doom-/ Sludge-Schlagseiten spielend hinzulegen, dabei aber weiterhin allerorts irgendwie nur unter „ferner liefen“ abgespeist, anstatt als die Mitvorreiter erkannt und hofiert zu werden, die sie auch an der Front dann de facto ebenfalls schon waren. 
Ich raffe das nicht!
Und so richtig raffen muss man dann auch nicht, wie ‘ne Band, die schon so viele, so gute Songs mit teils schon süßlichem Pop-Appeal fabriziert hatte, dann scheinbar vor ihrem eigenen Underground-Krachmacherstatus und der Schlechtigkeit der Welt kapitulierte und in den letzten zehn Jahren eigentlich nur noch hässliches Geballer und Gedröhne in einer LoFi-Schnittmenge aus Sudge-Doom, Grindcore und ‘nem Hauch von Black Metal veröffentlichte, genauso wie ihre Live-Auftritte naturgewaltige Ganzkörpererfahrungen sind, bei denen es kaum noch um musikalische Nuancen geht, sondern einfach nur noch darum, dauerhafte Hörschäden und einstürzende Konzertsäle in Kauf zu nehmen.
Ich raffe das alles echt nicht so wirklich...

Was ich aber raffe ist folgendes: Ihr ambitioniertes "за волгой для нас земли нет" aus dem Jahr 2013 ist ein krasses Album eigenständigen Extrem-/ Sludge-Metals mit jeder Menge Punk im Blut. 

Klanglich ist es (im Gegensatz zu allen anderen JUCIFER-Veröffentlichungen aus diesem Jahrzehnt) relativ gut produziert und thematisch handelt es, viel recherchiert, von Russland im zweiten Weltkrieg und der Schlacht von Stalingrad.
Erst ein Spoken-Word-Intro, dann ein cooles Stoner-Groove-Instrumental zu mitwippen, und dann… Alarm! Über die folgende Laufzeit ergehen sich Amber Valentine (Gitarre, Gegröle und Geschrei) und ihr Ehemann und Schlagzeuger Edgar Livengood dann erstmal nur noch in extra-brutalem Getöse mit eigentlich schon Death-Metal-Charakter. Genauso als schleppend donnernde Doom-Dampfwalze, wie auch schon mal in schnelleren Gangarten. Zwischendurch demonstriert Amber dann auch gerne mal eben, dass sie nach wie vor engelsgleich singen kann, aber eigentlich will sie heutzutage die meiste Zeit doch lieber nur noch brüllen und keifen.
Trotz allem groben Chaos, das JUCIFER mitunter versprühen, bzw. trotz all der derben Zähheit, die auf den Hörer einlärmt, sind einige Songs auf diesem Teil dabei dann manchmal dennoch schon regelrecht catchy. 
"за волгой для нас земли нет" kann man daher mit Sicherheit als das Magnum Opus ihrer anhaltenden „Popsongs waren gestern, wir sind die krassesten kaputten Zerficker und zerficken Euch kaputt“-Phase der Neuzeit ansehen.  
Das zu raffen ist nicht so schwierig, denn es ist in dieser Lautstärke halt auch nicht zu überhören. 



 Lieblingsalben des Jahrzehnts?

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