Montag, 25. November 2019

Noiserock-November Review-Rundumschlag (2)

Noiserock-November! Diesen Monat kamen auch noch raus:



BUILDINGS - Negative Sound
Wenn ich mit einem meiner Kamikaze-Unternehmen schnell ausbrennender eigener Bands schon mal die Bühne mit irgendeiner nennenswerten Marke geteilt habe, erwähne ich das ja immer wieder gern mal, denn ich hab' ja sonst nix. Und mein in der Theorie nie wirklich aufgelöstes, sondern eigentlich nur pausierendes Noiserock-/ Weirdo-Metal-Duo, das Augen- und Ohrenzeugen nach sowas wie die mit Abstand lauteste Band an Rhein, Ruhr und Sieg gewesen sein muss, kann sich ja immerhin auf die Fahne schreiben, die Bühne mal mit den Metal-Göttern Voïvod (Masturbana-Emoji) und dann auch noch mit den sehr coolen Minneapolis-Noiserockern BUILDINGS geteilt zu haben. Deren letztes Album "You Are Not One Of Us" gefiel mir dann ja auch ziemlich gut. Also war ich gespannt aufs neue. 
Jenes ist nun am Start und heißt "Negative Sound". (Ihr wisst schon, dass das letzte Album der in der gleichen Woche auch 'ne neue raushabenden Child Bite (s.u.) den Titel "Negative Noise" trug, Jungs, oder?)
Apropos Voïvod: Von jenen haben BULDINGS hier und da auf ein mal noch etwas mehr in der schrägen Gitarrenarbeit bei Songs wie der Videosingle 'Sit With It' (s.o.). 
Was ich an BUILDINGS generell ziemlich cool finde ist, dass die Band rau, brachial und angepisst klingt, sich das aber irgendwie ohne große Geste punkig aus dem Ärmel zu schütteln scheint. Gitarrist und Sänger Brian Lake ist wirklich sauer, dabei irgendwie aber trotzdem auch entspannt, anstatt völlig zum Hulk zu werden. Die Band kriegt unprätentiöse Indierocker-Aura und einen dicken Metalcore-Punch unter einen Hut, lärmt mit einem Sound irgendwo zwischen Jesus Liz, Unsane und dann auch noch 'nem Hauch von Fugazi, der manchmal mit luftiger Dynamik begeistert und manchmal mit der breiten Gitarrensäge durch die Fresse.
Und hat für mich mit "Negative Sound" ganz ohne Frage ein Highlight des ausklingenden Jahres abgeliefert!  

CHILD BITE - Blow Off The Omens
Wenn man diesen Bogen, weil einem nix anderes einfällt, unbedingt spannen möchte, dann sind CHILD BITE ja ‘ne gaaanz seltsame Truppe. Die langjährigen Kernmitglieder sind vor allem der Sänger und der Basser, während die Posten Gitarre und Schlagzeug öfter mal wechselten. Man ist ja schon so’n bisschen Jesus Lizard (und mit David Yow gab’s sogar mal ‘ne Splitsingle), aber irgendwie auch ‘ne Metal-Band, denn man covert ferner schon mal mit Phil Anselmo zusammen sowas wie Celtic Frost oder die nicht ganz unstrittigen Anal Cunt, oder geht zusammen mit (ja, schon wieder:) Voïvod auf Tour.
Dazu passende Namedropping-Randnotizen zum neuen Album: Man hat den obligatorischen Noiserocker-Move gemacht, es von Steve Albini im Electrical Audio Studio aufnehmen zu lassen, Voïvod's Neuzeit-Gitarrist Dan Mongrain spielt bei einer Nummer 'nen Gast-Solo und Bruce Lamont (Brain Tentacles, Corrections House, Yakuza) trötet an ein paar Stellen ins Saxophon.    
Passend zur hier eh allgegenwärtigen Voïvod-Referenz ist "Blow Off The Omens" dann auch noch tatsächlich etwas metallischer rockend ausgefallen als das Vorgängerwerk. 
Der neue Gitarrist Jeremy Waun brät nämlich häufig das Achtel-Palm-Mute-Riff nach vorne, das dann wiederum aber auch gerne mal mit angeschrägten Akkorden. Shawn Knight blökt wie gehabt etwas Biafra-mäßig drüber, die Rhythm Section hält’s mit Energie zusammen.
Kann man so nehmen!


JARS - ДЖРС II
In Russland geht zur Zeit viel. Oder sagen wir mal, es schwappt derzeit viel interessantes an relevanter Musik nach Westen rüber und darunter auch so einiges unter dem Banner Noiserock. JARS sind sowas wie ein steigender Stern der Szene und ihr digital schon Anfang des Jahres rausgehauenes, neues Album "JRS II" erschien in Zusammenarbeit des US-Labels Forbidden Place Records und der Franzosen von P.O.G.O. Records dann jetzt kürzlich auch noch als LP. 

Darauf zeigen sie schon bei den ersten beiden Tracks eine Bandbreite vom epischen Alternative-/ Groove-Rocker zur hektischer lärmenden Attacke. In der Mischung aus metallischer Gitarrenarbeit und Punk-Spirit findet man im weiteren Verlauf des Teils dann generell viel Unsane, aber irgendwie auch so einen Hauch von Grunge im Sinne früher Soundgarden.
Gefällt mir ganz gut!




LUGGAGE - Shift
Diesen Monat sind Corpse Flower Records mit 'ner regelrechten Veröffentlichungsoffensive am Start. Am gespanntesten war ich dabei auf "Shift" von LUGGAGE. Das Trio aus Chicago hat das Teil im Electrical Audio Studio weitgehend live eingespielt (habe ich mit meiner aktuellen Band übrigens auch, nur halt nicht im Electrical Audio...) und bietet einen interessanten Post-Hardcore-Stil, dessen Sound ziemlich durchkalkuliert wurde.
Das Ganze hat schwer was von Slint, ein bisschen von Fugazi oder Shellac und auch der Tristesse, die eine Band wie Kowloon Walled City aktuell ausdrückt.
Und ich sach's jetzt mal ganz offen: Irgendwo ab der Mitte des Albums verlieren sie mich damit, ja doch ein bisschen zuuu reduziert und indifferent unterwegs zu sein. Die skelettale Kargheit hiervon muss man auch erstmal ertragen können. Mir kommt der Begriff „Sadcore“ in den Sinn, auch wenn LUGGAGE mit dem, was man mitunter schon so bezeichnete, natürlich nicht so wirklich viel zu tun haben.

SALVATION – Year of the Fly
Ganz coole Mischung aus einem ins metallische driftenden, kräftig-kantig schraddelndem Breitwand-Noiserock-Sounds, wie er sein muss, und einem Flow, der mich, sobald der Schreigesang einsetzt, irgendwie auch ein biiisschen an Nirvana erinnert.
Nicht so wirklich nötig gewesen wären Beigaben wie die kaum in den Kontext passenden Instrumentalnummern 'Palinopsia' und 'Delusions and Grandeur', sowie das balladeske 'Failure'. Abgesehen davon denkt man hier allerdings sowas wie: Sind die Neunziger zurück? Wenn dem so sein sollte, dann ist das eine hörbar gute Sache...

SHIMMER – And I Revel
Darf's super-weirder Kram sein, der sich mit atonaler Kratzbürstigkeit, hektischem nach vorne Stolpern und jazziger Andersartigkeit irgendwie so ein bisschen wie archaische Alien-Musik anfühlt, dabei in Grundzügen aber eigentlich immer noch sowas wie Punkrock ist? 
Okay, dann checkt man die New Yorker SHIMMER, bei denen ich auch nicht mehr weiß, was ich dazu sonst noch sagen soll...

STRANGE UNIT – Strange Unit
Einmann-Projekt aus Australien. Noisey, kraftvoll, irgendwie auch ein bisschen psychedelisch. Straighter Rock'n'Roll geht genauso wie Garnierung mit 8bit-Noise. 
Lubricated Goat meets Helios Creed? Irgendwie sowas. Und nicht ohne!

TILE - Stendell 
Sagen wir's mal so: TILE sind für mich so'n bisschen sowas wie 'ne Zweite-Reihe-Band des grassierenden Noiserock-Revivals, so wie Guzzard oder Tar während der originalen AmRep-Pionierzeit. 
Ziemlich sympathische und absolut hörbare Sache; den wirklichen Kick kriege ich im Direktvergleich des aktuellen Überangebots an derartigem dann aber eben doch eher von Buildings, Child Bite oder Salvation, auch wenn die kompakte "Stendell" EP wirklich alles andere als von schlechten Eltern ist...

VOYCHECK -  Long Walks b​/​w Grenada
Fast hätte ich gar nicht mitbekommen, dass VOYHECK Ende letzten Monats ‘ne Single rausgetan haben, die man auf ihren Konzerten in und um Seattle als 7‘‘ käuflich erwerben oder sich via Bandcamp geben kann. 
Das 2017er-Album "#F_ckingProfessional" der Truppe mit Dadrocker-Aura und ziemlich schrägen Jesus-Liz-Vibes war auch schon ganz gut. Ist bei diesen zwei Songs mit Gastsängerin nicht anders.

YOU GUITARPRAYER -  Art Won't Tear Us Apart Again
Der von Nicoffeine bekannte Wahnsinnige Soheyl Nassary (Gitarre und Gesang) hat ein neues Psychedelic-Noiserock-Powertrio am Start, deren Drummer Spiro man im Übrigen u.a. auch von den schaften Genepool kennt.  
YOU GUITARPRAYER folgen etwas konventionelleren Songstrukturen als es die irren Nicoffeine-Massaker taten, aber gewöhnlich ist immer noch was anderes. 
"Art Won't Tear Us Apart Again" ist wild und groovy, rockt und rollt, drückt und dröhnt heavy und wuchtig, versprüht Surf- und Stoner-Vibes, kann zwischendurch auch mal mit maschinellem Charakter fräsen oder auch mal dekonstruieren, ist irgendwie anders und auch einfach nur gut. 
Vielleicht auch wie Queens of the Stone Age in einer Höhlenmensch-Version auf Amphetaminen und Steroiden. Wen das hier kein bisschen mitreißt, der hat Rockmusik nie wirklich verstanden.
Guido Lucas ist gerade irgendwo ziemlich stolz auch Euch, Leute!


Noch was? 

Ach ja: 'ne neue FLYING LUTTENBACHERS gibt's auch schon wieder. Außerdem kommen sie jetzt gerade auf Europatour.
Aus dem gleichen Dunstkreis ist dann diesen Monat auch noch ein neues Werk an jazzy Weirdness namens "Pioneer Works Vol. 1" von Jeb Bishiop / Jaap Blonk / Weasel Walter / Damon Smith raus. 

Und wer vor allem auch den eher völlig strangen statt vordergründig deftigen Kram mag, der sollte außerdem mal "A Constellation Of Bad Ideas" von I'M BEING GOOD aus Brighton checken, die zwischen LoFi-Folk-Avant-Rock mit seltsamer Instrumentierung und sowas wie fast schon Sludge im Melvins-/ Havey Milk-Sinne pendeln.

Warum ‘ne Band mit Veröffentlichung ihres ersten Albums auch schon wieder ihren letzten Gig spielt, das muss man wohl von außen auch nicht so richtig verstehen, aber die texanischen RELIANT K2 bieten auf ihrem selbstbetiteltem, ersten wie letztem Bandcamp-Album Musik, die gleichermaßen emotional aufgewühlt klingt, wie sie ziemlich gebrochen um die Ecke rockt. 

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