Mittwoch, 22. Mai 2019

Saint Vitus

Eines vorweg: Okay, ja, wir können uns meinetwegen drauf einigen, dass das 2012er "Lillie: F-65" nicht unbedingt ein herausstechendes Karrierehighlight der Band ist, bzw. wohl eher nicht irgendwann mal als essenzielles Album des Jahrzehnts in irgendeiner musikalischen Listenaufarbeitung zu finden sein wird. Geschenkt!
Das Maß an Ablehnung, das es mitunter bekam, habe ich aber trotzdem nicht ganz nachvollziehen können. (Im mal wieder komplett ahnungslosen Review vom Visions Magazin z.B.
war von „armselig und ideenlos“ die Rede – what the fuckin‘ fuck?!? und im RockHard gab’s ‘ne Plus-/ Minus-Gegenüberstellung, bei der zum Schluss gar was vom mutmaßlich Drogenkonsum-vermatschten Hirn auf Musiker-Seite fabuliert wurde. Puh. Und sich im Doom-Kontext so dermaßen an einem einzelnen Feedback-Drone-Track hochzuziehen ist auch ziemlich merkbefreit und kleinkariert.)
Leute, jetzt mal ganz ehrlich: So schlimm war’s ja nun auch nicht. "Lillie: F-65" ist ein zugegeben etwas „unspektakuläres“ Werk klassischen Doom-Metals mit Punk-Schmutz im Sound von der Band, die’s miterfunden hat, und als solches absolut okay. Was hattet Ihr denn bitte eigentlich erwartet? Bei mir ist das Teil jedenfalls im Laufe der letzten Jahre tatsächlich immer wieder mal auf dem Plattenteller gelandet und ich mag’s.

Vorgespult zu 2019 ist Genre-Gallionsfigur Scott "Wino" Weinrich mal wieder raus aus der Band (und derweil mal wieder mit The Obsessed unterwegs) und Ur-Sänger Scott Reagers (zum schon dritten mal) mal wieder mit drin. 

Der an Parkinson erkrankte Basser Mark Adams musste inzwischen leider das Instrument an den Nagel hängen und wurde durch Patrick Bruders (Ex-Goatwhore, Ex-Crowbar, aktuell auch bei Down) ersetzt.
Und kürzlich hat man - als Kreisschluss zum 1984 veröffentlichten Debüt - ein selbstbetitels Album rausgehauen.


 
Jenes wirkt durchaus inspiriert! Mit dem spielfreudigen Powerhouse-Drummer Henry Vasquez im Rücken scheint Gitarrist und Bandleader Dave Chandler Bock gekriegt zu haben, auch mal wieder eine Ladung eher schmissige Songkompositionen aus seinen Ein-Finger-Dröhn-Riffs zu formen.
Neben Material wie dem groovenden Opener 'Remains', dem ganz klassischen 'Hour Glass' oder dem (sieht man vom rasenden Solo-Mittelteil ab) größtenteils getragenen 'Last Breath' werden nämlich auch mal wieder temporeiche Songs wie das rasanter rockende 'Bloodshed' oder das klöppelnd nach vorne walzende '12 Years in the Tomb' geboten.

Und Scott Reagers gibt dabei eine so gute Figur ab, dass man sich bei allem Respekt für Wino fragt, wie überhaupt je ein anderer Sänger Aushängeschild der Band bzw. einer Stilrichtung werden konnte. Er johlt auf seine unvergleichlich kauzige Art sicher im Ton und mit viel Volumen, schmettert kräftig bis ins auch mal fast schon growlige und er trällert kurz sogar mal richtig hoch (herrlich, diese Momente bei 'Hour Glass'!).

Ob es jetzt wirklich notwendig war, als Schlusspunkt mit 'Useless' noch mal eben in eineinhalb Minuten ‘ne hardcore-punkige Uptempo-Nummer raus zu dreschen, klar, darüber kann man auch geteilter Meinung sein, aber ich find’s super. Salz in der Suppe, Energie und Biss, alte Helden noch nicht müde und blabla – Ihr wisst, was ich meine.  
(Lediglich das nichtssagende Interludium 'City Park' ist vielleicht ein bisschen unnötig, weil irgendwie auch etwas zu lang geraten.) 

Dieser auf die alten Tage noch mal recht roh gehaltene Soundmix des manchmal einen Ticken holprig rüberkommenden Albums ist dann ferner noch etwas, das ich ziemlich abfeier‘, weil: Nieder mit den perfektionistischen Plastikproduktionen!

Ich finde "Saint Vitus (2019)" jedenfalls tatsächlich ziemlich stark. 
Allerdings bin ich dann jetzt auch mal gespannt auf die Experten, die hierbei wieder das (lange) Haar in der Suppe finden werden...

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