Mittwoch, 24. April 2019

Low Dose

Das selbstbetitelte Debüt von LOW DOSE war ja schon im Vorfeld ein in einigen Kreisen wirklich sehr interessiert und vorfreudig erwartetes Album…
Rollen wir die Geschichte noch mal eben auf:
Es war einmal, zum ersten, eine Band namens Fight Amp.
Fight Amp (deren erste Veröffentlichungen noch unter dem Namen Fight Amputation erschienen) waren ein Powertrio aus New Jersey (anfangs) bzw. Philadelphia (später), das von 2004 bis 2016  vier reguläre Longplayer,  sowie eine Menge an EPs und Splits veröffentlichte, auf denen man musikalischem Krawall irgendwo zwischen HC-Punk, Sludge-Metal und Noiserock frönte
, während man gelegentlich gar mal auf europäischen Bühnen zu sehen war und so manchen Aushilfsmitmusiker aus der Westküsten-Szene verschliss. Ende 2016 gab man dann allerdings bekannt, dass der Drops einfach gelutscht ist.
Es war einmal, zum zweiten, eine Band namens Legendary Divorce.
Legendary Divorce wussten die Noiserock-Community vor ein paar Jahren mit einer EP samt Videosingle über Reptilian Records und einem folgenden Langspielalbum zu begeistern, die einen frischen Wind wehen ließen. Ironischerweise zerbrach die Band dann allerdings direkt schon wieder mit an der scheiternden Ehe der Gitarristin/ Frontfrau Itarya und des zweiten Gitarristen. 


Und auf ein mal waren da LOW DOSE: Alle drei Mitglieder des letzten Fight-Amp-Line-Ups plus die legendär geschiedene Sängerin und Teilzeitgitarristin Itarya Rosenberg. 
Die Motivation und Wut, die von der Rosenkrieg-erzürnten Rosenberg mitgebracht wurde, scheint auch den eigentlich kriegsmüden Amp-Fightern (sorry fürs kalauern) den neuen Zündfunken für weiteres mitgegeben zu haben, denn "Low Dose" ist ein tatsächlich auf ganzer Linie sehr inspiriertes Album.


 

Ob es strategisch sinnvoll ist, als Opener eine eher etwas zurückgenommene Nummer zu wählen, das sei jetzt mal dahingestellt, aber 'Low' setzt mit seinen ruhigeren Strophen zunächst einen etwas ungewissen Kurs.
Das folgende ‘Right On‘ poltert dann allerdings gleich als ganz anderes Kaliber los, schraddelt und brät atonal und aggressiv.
Nächster Richtungswechel dann schon wieder mit dem rasant treibenden und ziemlich eingängigen, ja, eigentlich fast schon poppigem 'For Sure', das so in etwa auch von Nirvana oder Hole hätte sein können.



Man ist also gerade mal drei Tracks drin und hat schon drei wirklich gute Songs vernommen, von denen jeder eine etwas andere Stimmung erzeugt. 
Der ungefähre Rahmen ist damit zwar fürs erste grob abgesteckt, im weiteren Verlauf der nächsten Nummern tönt die Platte allerdings gerne auch mal noch ‘ne weitere Spur derber:  
'Start Over' dröhnt mit Wüstensand im dicken Stoner-Sludge-Getriebe und hat durch Itarya’s kratzige Stimme was von L7. 
Wenn man mir das darauf folgende 'Away' als sowas wie „Unsane feat. Julie Christmas“ vorgespielt hätte, hätte ich das sofort geglaubt.
Sehr, sehr geil ist auch das verspielt lärmende 'Otherworldly Motives', bei dem einer der Herren die Lead-Vocals übernimmt.
'Song 12' kommt dann noch mal eben unterhalb von eineinhalb Minuten durchgeballert und mit den letzten beiden Nummern wird das Album dann auf der Zielgeraden doch noch mal etwas melodischer.


Ich sach’s ja nur ungern, aber Song-mäßig über volle Albumdistanz immer wieder so gut auf den Punkt gekommen waren die Fight Amp-Jungs für sich früher ja nur selten mal. Es scheint wirklich so, als hat es ihre neue Partnerin in Crime Itarya gebraucht, um das Ganze entsprechend zu ordnen und verschnüren.
"Low Dose" ist nämlich tatsächlich ein verblüffendes Album geworden, das genauso gehörige Ecken und Kanten besitzt und Zähne zeigt, wie ihm ein paar verhältnismäßig einprägsame Songs gelungen sind.


Zum Schluss noch mal eben folgendes: Gerne darf ich mich an dieser Stelle jetzt auch irren, aber wenn ich mich etwas checkermäßig aus dem Fenster lehnen darf, ist die Tragik an der ganzen Sachen wohl mal wieder, dass LOW DOSE trotz entsprechender Anlagen wohl kaum „Massenpotenzial entfalten“, sondern ewiges Nischen-Dasein fristen werden. Indierock-Freunden, gesetzteren Grunge-Nostalgikern und Mainstream-Rockern dürfte die metallische Härte und der rohe Punch über weite Strecken nämlich schon wieder ein ganzer Tacken zu viel des Guten sein, den eingefahrenen Metal-Leuten auf der anderen Seite dürfte das Ganze wohl immer wieder mal zu Punk oder zu Grunge sein, und wer wiederum sein Heil eher am eigenwilligeren Spartentand findet, dem sind LOW DOSE dafür dann mutmaßlich vielleicht doch schon wieder zu Rocksong-orientiert.
Auf ‘ner auch nur mittelgroßen Bühne wird man sie mittelfristig daher wohl eher nicht sehen. Was schade ist und wie gesagt darf ich mich diesbezüglich auch gerne mal irren, aber das ist dann wohl einfach die Natur der Dinge.

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