Mittwoch, 13. März 2019

Data Mirage Tangram

Kommen wir mal direkt auf den etwaigen Knackpunkt: 
THE YOUNG GODS 2019 klingen halt nicht mehr so wie die Young Gods, die mit dem 89er "L'eau rouge" und dem 92er "T.V. Sky" so originelle Maßstäbe bei der Verquickung von hartem Rock und eigenwilliger Elektronik setzten, dass u.a. Mike Patton, Devin Townsend, The Edge (U2) und David Bowie bekennende Fans wurden.
Nein, sie klingen auch nicht mehr so wie die Young Gods auf dem inzwischen halt auch schon wieder fast zwanzig Jahre alten zweitem Frühling "Second Nature" von Zweitausend (Ipecac!).
Wie sich schon durch stärkere Ambient-Anwandlungen und gar ein Akustikalbum zwischendurch, außerdem das ziemlich zahme 2010er "Everybody Knows" abgezeichnet hatte, ist man im Alter tatsächlich ein bisschen gesetzter geworden und schwingt nicht mehr primär die gröberen Kellen (wie z.B. einst mit Voivod-Riffklau oder bei der coolen Dreigroschenoper-Interpretation).
Dabei ist – äußerst interessante Randnotiz – Urmitglied und Keyboarder/ Sampler-Bediener Cesare Pizzi zurück an Board und ersetzt seinen einstigen Nachfolger Al Come, der von ’89 bis 2012 bei den Schweizern in die Tasten haute und die Köpfchen drehte.

Faszinierend an THE YOUNG GODS ist und bleibt allerdings ihr ureigener Sound durch diese eigensinnige Instrumentierung: Da wo andere Electro-/ Industrial-Rocker eher Bratriffs auf Maschinen-Beats setzen würden, da stützt bei ihnen ein menschlicher Rhythmusgeber das, was an Gitarrensamples und weiteren Klangfetzen durch die Elektronik gejagt wird. THE YOUNG GODS klingen daher damals wie heute wie wirklich keine andere Band und man täte ihnen eigentlich wirklich Unrecht damit, dem Ganzen ein stilistisches Etikett anzuheften, welches man eher mit anachronistischer Gothclub-Musik oder ähnlichem generischen Unrat assoziieren möchte. Sie waren nie wirklich so etwas wie eine Szene-Band und sind auch heute noch ein Klangkünstler-Unikat im Rockband-Format, denn das Ganze kommt oft mit so einer gewissen organischen Wärme daher, anstatt wie aus dem Baukasten zusammengesetzt.

Deswegen ist’s auch 2019 wieder, bzw. zugegeben inzwischen auch schon mit einem Hauch von Nostalgie-Bonus ein regelrecht schönes Gefühl, in ein neues Album von ihnen einzutauchen. Die charismatisch-markante Singstimme von Frontmann und Bandchef Franz Teichler zu hören, wie sie auf englisch und französisch über einem wabernden Soundmix thront, bei dem treibende Drums, pluckernde und fritzelnde Synthie-Noises, sphärische Leads (bei denen Teichler inzwischen auch schon mal selbst zur Gitarre greift) und ein paar „extern entliehene“ Fragmente aus der Welt der Rockmusik zusammenfließen und zusammen fließen.




Auf "Data Mirage Tangram" hat das Ganze dieser Tage öfter mal eher schon regelrechten Chillout-Charakter, neigt zu sowas wie Trip-Hop, sägt zwischendurch aber trotzdem auch noch mal lauter.
An dieser Stelle muss man wohl das aus den sieben Tracks etwas herausstechende "Tear Up The Red Sky" nennen, dessen „ambivalenter“ Rhythmus nicht ganz unclever ist, da die Four-to-the-Floor-Bassdrum nach vorne marschiert, während es die Snare auf drei dann wieder etwas zurücklehnt.
Etwas schmunzeln muss ich außerdem darüber, dass man tatsächlich auf meiner Seite vergessen geglaubte Musikindustrie-Sitten beibehält, wie den siebeneinhalbminütigen Album-Song für eine Singleauskopplungsversion samt Videoclip auf eine halb so lange Spielzeit runter zu editierten…




Nein, "Data Mirage Tangram" ist kein Album, das man, wenn’s dann mal wieder so weit ist, weiter oben in seine Jahrescharts hacken wird. "Data Mirage Tangram" ist mehr sowas wie der seltener gewordene, angenehme Abend bei alten Freunden, der dann zwischendurch aber auch einfach mal wieder sein muss. Wild und aufregend war’s halt früher mal, aber man hat sich durchaus auch noch neues zu erzählen.
Ich hör’s gerad‘ jedenfalls echt gerne!


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