Dienstag, 14. August 2012

Fear and Loathing on the Festival Trail ‘12

Etwaige Feststellungen Marke “zu alt für diesen Mist” erspare ich mir bzw. uns. Denn ich hab die Vollprofis gesehen, die wirklich schon zu alt sind. Und es war nicht schön. Doch dazu später … vielleicht.

Samstag 28.07. – Nord Open Air, Essen
Eine von inzwischen mehreren Sommerfest-Veranstaltungen auf dem Viehofer Platz zu Essen ist das Nord Open Air, benannt nach bzw. organisiert vom Café Nord, der direkt anliegenden, schäbigen Metal-Kneipe.
Da Freitags Unwetterwarnungen rausgegeben wurden, ich Motorjesus und Agnostic Front in diesem Leben jetzt nicht unbedingt noch mal wieder sehen muss, und ein Kinobesuch für einen Batman-Nerd wie mich nicht gänzlich unprioritär war, klemmte ich mir den ersten Abend.
Also Samstags mal auf nach Essen. Bei meiner Ankunft spielen gerade VANDERBYUST. Und zu meiner Überraschung machen die Niederländer mit ihrem neuzeitlichen Gemisch aus ganz klassischen Hardrock- und Heavy Metal-Stilmustern durchaus Laune. Ja, doch. Trotz meiner Retro-Abneigung ist, was das junge Trio da fabriziert, nicht nur spielerisch äußerst gut, sondern auch musikalisch gar nicht mal so einfach nur uninspiriert abgekupfert, wie ich dachte. Nicht schlecht.
Da ich wie die Jungfrau zum Kinde auf einmal das richtige Bändchen dafür ums Handgelenk habe, gehe ich derweil erst mal ans Backstage-Freibier.
THE VERY END sind als nächste dran. Und auch wenn diese mit ihrem  gleichermaßen modernem wie traditionell verwurzelten Melo-Death/ Thrash/ Singsangrefrain-Metal eigentlich etwas repräsentieren, was mir dieser Tage nicht mehr gerne in die Gehörgänge kommt, machen sie dieses Ding ja doch schon ziemlich gut. Auch so ganz ohne Kumpel-Bonus.
Derweil treffe ich ENTOMBED’s  L.G. in der Kloschlange. Meine leicht amüsierte Äußerung, dass die an dieser Stelle ja auch langsam zum Dauergast werden, quittiert er selbstironisch damit, sich auch schon wie die beschissene Coverband, die jeden Donnerstag an der gleichen Stelle auftritt, vorzukommen.
Der folgende Auftritt von ENTOMBED ist dann auch mal wieder ein gutgelauntes Kabinettstückchen aus Uralt-Knüppelsongs, neueren Knüppelsongs, und ein paar rockigeren von dazwischen. Eine namentlich nicht näher genannte Person (nein, nicht ich selbst) steht auf einmal mit auf der Bühne und skandierte irgendeine Scheiße ins Mikro. Passiert.  Besagte Person sollte später noch des Festivals verwiesen werden, weil sich derartige Vorfälle auf dem Endspurt häuften …
SODOM stehen aus Headliner auf der Bühne und spielen zu meiner großen Freude auch den bescheuerten „Wachturm“. Tom’s Nachfrage auf Schalker im Publikum kommt polarisierend an.
Der Rest des Abends wird immer dunkler …

Donnerstag 02.08. – Electric Wizard, Köln
Nach drei Tagen Büro geht’s schon wieder zur nächsten Clubshow: ELECTRIC WIZARD riefen ins schon vorher so gut wie ausverkaufte Gebäude 9, und wir kamen.  Wann sind die eigentlich so groß geworden? Als ich die Briten ’06 mal in der Bochumer Matrix zusammen mit Grand Magus und Cathedral sah, war nicht so viel los. Sechs Jahre und einen Doom-Hype später muss vom Kirmesmetaller zum Kölner Scenester, und vom Alt-Stoner zur Trve Occvlt Kvlt-Metalbarbie auf ein mal jeder dabei sein.
Die lokal supportenden GRANT NATIONAL, deren im Frühjahr erschienenes Blu Noise-Debüt „Sheer Beaty“ in der Fachpresse überhaupt gar nicht stattzufinden schien, versprühen einen leichten  bis mittelschweren Melvins-Vibe. Nicht schlecht.  Wenn auch mit dieser mehr oder minder modernen Kante nicht so 100%ig passend zu …
… ELECTRIC WIZARD, die mit Lederjacken, Schlaghosen, Jesse Franco-Film als Visual Backdrop, plakativ im Bandnamen verankertem Sabbath-Einfluss usw. eher eine gewisse Vintage-Aura versprühen.
Musikalisch könnte man außerdem manchmal fast schon den Eindruck gewinnen, dass EW eine dieser Bands sind, die eigentlich nur einen Song hat, den sie leicht variiert dann immer wieder zum Besten gibt, aber ganz so schlimm ist es dann doch nicht, auch wenn so ein gewisser Flow im Groove und Riffing sich bei vielen Songs doch schon sehr ähnelt.
Dass sie meine persönlichen Lieblingssongs der letzten beiden Alben komplett umschifften, muss ich verschmerzen können. Insgesamt noch 1-2 Nummern mehr hätten es aber ruhig sein dürfen, denn auch wenn der psychedelisch-sadomasochistische Hintergrundfilm zwischendurch neu gestartet werden musste, war das ja doch etwas knackig.

Freitag 03.08. … Wacken Open Air
Tja, so kann‘s gehen.  Tönte ich in der Vergangenheit schon groß rum, zu dieser schlimmen Massenkirmes nicht mehr hinzumüssen, schaut man dem geschenkten Gaul eben doch nicht ins Maul. Vor allem wenn alles andere geregelt ist, man nicht mal selbst fahren muss, nichts fürs Festival an sich bezahlt, und auch noch in der Pseudoprivilegiertenzone überdacht Cocktails schlurfen und den üblichen Groupies beim an-band-eln zugucken kann.  Also nach 2 Stunden Schlaf zu wenig mal wieder auf in den Norden. Seufz.
Da die Bodenverhältnisse vor Ort aber immer schlimmer wurden, und die Wege zu den Bühnen Tagesmärschen gleichkommen, sah ich am ersten Tag kaum eine Band. D.R.I. leider verpasst, kann man nichts machen. Als ich mich zu OPETH aufmache, weil diese auf der nahegelegensten Bühne spielen, muss ich parallel RED FANG (Zeltbühne) und CORONER (sog. Party Stage) sausen lassen. Da nach zwei Songs OPETH ein unglaublicher Guss runterkommt, gehe ich wieder ins mehr oder minder trockene. Dort hat ein nicht näher genannter Angehöriger der alten RockHard-Garde, der sich im „Wackinger Dorf“ zwischendurch die Zeit mit vier Stunden Pfahlsitzen vertrieb, schon wieder dermaßen Standgas, dass es eine Wonne ist. Ebenfalls anwesend: Die komplette Kölner Coolness-Entourage powered by Energydrink-Sponsor. Die Idioten hängen auf einem eigenen Balkon ab, der  so seitlich zur Bühne postiert ist, dass man gar nicht wirklich auf diese gucken kann. Geschieht diesen Spackos recht. Was wollt Ihr auch auf einem Metal-Festival? Geht doch lieber wieder in der Ehrenfelder Werkstatt zu den Atzen und Deichkind abspackend Indiemetchen aufreißen, anstatt mir auch noch im Weg zu stehen.
DIMMU BORGIR mit Orchester? Interessiert mich gerad‘ nicht wirklich. Ganz wichtige Info allerdings: Kollege P.T. hatte Gv.
Am zweiten Tag wurde dann gummibestiefelt aber doch mehr Programm mitgenommen. Los ging’s mit NAPALM DEATH, denn da weiß man, was man kriegt (parallel nicht gesehen: Paradise Lost). Barney ist gut drauf, die Band trümmert sich um den Verstand.  Netter Weckruf.
Der Weg zur Zeltbühne entpuppt sich in diesem Jahr als Odyssee, bei der man erst mal am Biergarten vorbei muss, in dem gerade (natürlich) Mambo Kurt spielt, an Schwertkämpfen, an einer weiteren kleinen Open Air  Bühne mit Mittelalterrock-Scheiße, und durch eine weitere Einlasskontrolle. Dort stellt man dann fest, dass in diesem Zelt auch die Wrestling-Show stattfindet, und die Bands in diesem übersteigerten Jahrmarkts- und US Trash-TV-Ambiente tatsächlich abwechselnd auf zwei Bühnen mit 5-Min.-Changeover und vollautomatischen  Vorhängen spielen.
Und es ist fast surreal, KYLESA in diesem Rahmen mit mäßigem Sound zu sehen. ELECTRIC WIZARD fallen danach aus, weil sie noch im Elbtunnel stecken. Tolle Wurst. Am späteren Abend nahm ich noch mal den Weg zu dieser Plastikhölle auf mich, um dort ein paar Songs NASUM-Coverband zu gucken, aber so richtig toll war’s dann tatsächlich nicht, NASUM-Songs und -Urmitglieder hin oder her.
In dem Schlammmeer, das da Festivalgelände heißt nahm man dann noch ein bisschen mit: SIX FEET UNDER, och joah, SICK OF IT ALL, kann man auch mal machen.
TESTAMENT haben Gene Hoglan hinterm Schlagzeug und das kommt ganz schön geil.  OVERKILL spielen auch zwischendurch irgendwann.  Irgendwann war man die Wattwanderung dann aber leid und meine Begleiter drängten auf Abflug zum Hotel, während Cradle Of Filth und Dark Funeral genau parallel spielen sollen (welcher Idiot stellt eigentlich so eine Running Order zusammen?). Gerade rechtzeitig, um noch mal dem schlimmsten Regenguss zu entgehen.
Zum Thema Hotel hätte ich auch noch die eine oder andere Anekdote, aber die spare ich mir mal für persönliches Beisammensitzen.

Donnerstag 09.08. … PartySan Open Air
Drei Bürotage und eine Bandprobe später geht es ruhelos schon wieder in die ehemalige DDR, zum PARTY SAN OPEN AIR. Eine Veranstaltung, um die sich aus Vorjahren Legenden ranken.  Gerade auch bei den Peoplez aus dem Biz ist dieses Festival, seinem Namen gerecht werdend, berüchtigt für Komplettentgleisungen im Namen von Sex, Drugs & Rock’n’Roll.
Dieses Jahr auch endlich mal mit so richtig geilem Wetter machte das Ganze beim wirklich gemütlichen Venue auch tatsächlich mal Spaß.
Bei der donnerstäglichen Ankunft auf dem Gelände spielen IN SOLITUDE, die für das Festival mit Death/Black Metal-Schwerpunkt überraschend traditionell tönen.  New Wave of Old School Metal, was? Dinge, die ich nicht wirklich verstehe, Teil 77. NECROS CHRISTOS: Ich habs dann auch live wirklich noch mal versucht. Aber so sympathisch ich den grundsätzlich Ansatz der Band zumindest ansatzweise auch finden mag – nach drei Songs ist dann auch echt gut. Der am schleppenden Elder School ansetzende Stil der Band nutzt sich ja doch etwas schneller ab, als die Songs vorankriechen.  NIEFELHEIM sind vor allem lustig, weil ihre Setlist bei den ersten 4-5 Songs nur welche enthält, die das Wort „evil“ im Titel haben. Gewollter Running Gag  oder unfreiwillige Komik?  Man weiß es nicht.
SÓLSTAFIR mag ich ja grundsätzlich, aber die Band ist gerade dabei, die falsche Abfahrt zu nehmen. Etwas zu viel Kitsch und etwas zu viel Rock zieht sich durch ihren gesamten Gig, der drei Songs vom neuen Album, und einen von dem davor bietet. Leute im Publikum nerven mit Mitsing-Versuchen. Der übertrieben coole Endzeit-Cowboy-Wikinger-Crossover, den die Isländer erscheinungsmäßig auffahren, hat ebenfalls einen etwas aufgesetzten Beigeschmack. Naja.
SODOM kommen derweil nicht ganzen mit ihrer kurzen Spielzeit zurecht, und müssen ohne einige der obligatorischen Hits schon wieder von der Bühne gehen, weil  sie unerwartet schnell rum ist. Muaha.
BOLT THROWER – dazu sage ich nicht mehr als „Where next to conquer?“. Geil, geil, geil!
Natürlich blieben sie nicht aus, die Komplettentgleisungen und Exzesse.
Der nächste Tag hatte mit GOSPEL OF THE HORNS und GENERAL SURGERY ebenfalls ganz nette Anheizer zu bieten. IMMOLATION fand ich persönlich jetzt nicht so geil wie erwartet. DARK FORTRESS auch nicht. GHOST BRIGADE sind als die Mädchenmusikband des Tages okay, aber so richtig 100%ig überzeugen werden die mich in diesem Leben nicht mehr. Anstatt des übertriebenen Gefriemels von NILE gebe ich mit doch lieber auf der Zeltbühne TORMENTED, deren rotzig-straighter HM2-Sound Old School Schweden Death mit Vocals, die man verstehen kann, ja doch ganz schön geil ist. Werde ich mir das Album jetzt wohl doch mal besorgen.
Angefangen mit „Withstand the Fall of Time“ über „Beyond The North Waves“ bis „All Shall Fall“ gibt’s danach ‘ne Menge direkt von der Bathory-Blaupause abgepauschte, geile Songs, und ich sehe IMMORTAL tatsächlich zum ersten mal ohne „technische Probleme“ oder dergleichen.  Unfreiwillige Komik hin oder her, die Band ist innerhalb ihrer Reichweite längst eine Szene-Institution wie Kreator, Machine Head, Iron Maiden oder Metallica. Muss man auch mal anerkennen können.
Natürlich wurd‘ die Party dabei/danach noch schlimm …

Sonntag 12.08., EyeHateGod, Köln
Was eignet sich besser, um dem Festival-Hangover noch einen draufzusetzen, als auch noch zum Tourabschluss von EYEHATEGOD ins Gebäude 9 zu fahren?
Der Laden ist nur mäßig gefüllt, als die niederländischen STARVE mit rockigem Sludge Marke Weedeater, Iron Monkey etc. eröffnen. Naja. Klang vom Innenhof aus cooler, als im Konzertsaal, was unter anderem am mäßigen Gebell des Sängers lag, sowie der etwas generisch-uninspirierten Mucke.
EYEHATEGOD – über jeden Zweifel erhaben. Sie kredenzten dem Kölner Publikum, den unverschämt hohen Eintrittspreis entschädigend, ganze zwei Stunden. Spielfreudig und gutgelaunt hoch zehn, mittlerweile eher ein Spaß für die ganze Familie als asozial und gefährlich.
Warum man in Köln neuerdings aus jedem Konzert dieser Art im G9, auch auf einem Sonntag, gleich ein Happening mit Vor-/Zwischen-/Aftershow-DJ machen muss  … nun ja. Köln ist halt generell eine ambivalente Sache. EHG aber geil, und nur darum gehts.

Hätten wir das alles auch wieder überlebt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen