Mittwoch, 18. April 2012

Roadburn 2012 (3)

(Peace, Love & Sludge Metal, Teil 1)
(Peace, Love & Sludge Metal, Teil 2)

Peace, Love & Sludge Metal, Teil 3:

Samstag …

Beim Blick auf die Uhr frage ich – überraschenderweise mal nicht der erste, sondern letzte, der wach und aufrecht ist – mich, ob ich tatsächlich mal ungewöhnlich lange geschlafen habe (was erfreulich wäre), oder mich doch nur so spät habe in die Koje fallen lassen, dass es nur wenige Stunden später schon wieder so gut wie Mittag ist (irgendwie eher nicht so gut). Die Wahrheit will ich gar nicht wirklich wissen, auch wenn ich sie vom allgemeinen Feeling her bereits kenne.

Die in Kalter Kriegszustand ausartende Diskussion um den Soundtrack beim Mittagessensfrühstück spitzt sich zu. Indie-Experte und „Proto-Metal“/ 70ies Rock- Aficionado Jan S. besteht auf seine Oldies und Retroscheiße, El Lukerino rüstet derweil sein Schlafzimmer um eine iPod-Stationsbox (oder wie auch immer das Teil eigentlich heißt) auf, um dort parallel die Sludge- und Grind-Area zu eröffnen. Ich blätter‘ derweil im Visions und schüttel verständnislos den Kopf. Das zur Dekoration des Wohnzimmers aufgehangene Ärzte-Poster aus besagter Postille wird derweil vom zähneputzenden A.J. mutwillig zerstört. Jawohl, Rock’n’Roll, endlich mal Zerstörung.

Aufgrund der Verpeiltheit und Lahmarscheigkeit, die zwar allgemein, aber an diesem Wochenende auch schon mal besonders schlimm vorherrscht, sehe ich nix vom akustischen MIKE SCHEIDT-Soloset. Gibt schlimmeres. Warum ich 40 WATT SUN nicht gesehen habe, weiß ich eigentlich gar nicht so wirklich. Da diese aber eher auf der traditionellen Seite des Doom angesiedelt sind, und ich auf eben der recht picky bin, ist auch das nicht so schlimm.

Danach sind dann aber CHURCH OF MISERY auf der Hauptbühne das erste Pflichtprogramm des Tages. Es gibt wohl keine andere Band, die derart zum Roadburn-Stamminventar gehört. Was vielleicht auch mit ein Grund ist, warum die schon wieder Line Up-Wechsel vorweisenden Japaner heute nicht so kicken wie sonst schon mal. Ein anderer sind anhaltende Probleme mit der Bassbox. Was war da eigentlich los dieses Jahr, in Bezug auf Technikprobleme?
JESU … nun ja. Wie kann ein Projekt eigentlich einen so guten Start gehabt haben, dann aber noch in etwas derart langweiliges abgedriftet sein? Ich weiß et nich‘. Was ich von Justin Broadricks aktueller Hauptband im Anschluss an CoM im Patronaat so sehe, hat jedenfalls eine irgendwie durchaus geile Grundlage, auf der es dann aber Details wie kitschig klingendes Geklimper versauen.

Danach mal reihum 'ne Schnuppertour machen. Dafür, dass ich PELICAN eigentlich ziemlich verzichtbar finde, gefällt mir der Song, den sie gerade spielen, ganz gut. Guter Sound auch! THE WOUNDED KINGS kommen visuell durch Fantasy-Animationsfilm verstärkt in den Green Room. Haben doch gerade die eigentlich nicht nötig. Auf der Stage 01 sind die mir zuvor nur namentlich bekannten ALKERDEEL derweil eine ziemlich derbe Angelegenheit. Diese Wissenslücke muss ich wohl zeitnah noch schließen.
Ärgerlich danach: Es ist unmöglich, sich mal einen Live-Eindruck von Oranssi Pazuzu zu verschaffen, da diese parallel zu Necro Deathmort spielen.

Zuvor ist es Pflicht wie Vergnügen, doch mal Wino mit seiner alten Truppe THE OBSESSED gesehen zu haben. Ziemlich spielfreudig, das Ganze. Aber, auch wenn mich da jetzt die Doomer und Stoner mit „Blasphemie!“-Rufen steinigen: THE OBSESSED sind mir heutzutage, wenn ich dann mal ganz ehrlich bin, ja doch ein Tickchen zu sehr an solchem gefälligen Altherrenrock angesiedelt, der zwar als Hintergrundbeschallung fürs Bier in verräucherten Läden super funktioniert, mich aber sonst nicht übermäßg kickt.

Meine Portion Moderne sollte ich dann auch schon sofort mit NECRO DEATHMORT kriegen. Das Londoner Duo vereint sowas wie Dronedoom inkl. fiesem Geschrei mit Konserven-Beats. Hat zwangsläufig schon mal was von Godflesh. Kann nicht jeder drauf, aber ich finds super. Ganze Live-Umsetzung inkl. Visuals dann auch ein Traum. Brandaktuellestes Album natürlich auch gleich mal mitgenommen.

Weiter geht’s mit dem Sensationsheadliner SLEEP, der auch so eine Sache ist, wo man wohl einfach dabeigewesen sein muss. Aber gleich mal 'ne halbe Stunde „Dopesmoker“ und eine Amp-Wand, die die Luft vibrieren lässt – nicht ganz ungeil. Auch wenn der ganz große Kult hi... ach komm, ich sach' nix.
Kein Wunder, dass sich der Andrang beim Blackened Shoegazecore vom TOMBS parallel verhältnismäßig in Grenzen hält.

Beim Weg vom Klo treffe ich dann zwischenzeitlich einen Angehörigen der Reisegruppe RockHard. „Hm, irgendwie sitzen wir die meiste Zeit im Irish Pub, hihi. (…) Habe leider zwei Bands, die ich sehen wollte verpasst, weil ich mich in der Kneipe festgequatscht hatte. (…) Wir gehen dann jetzt auch mal wieder rüber ins Irish Pub.“ Mach Sachen, Alter, hättich jetz echt nich‘ gedacht …

Zu Abschluss dann mal ins Stage 01-Kabuff schleppen, um auch JUCIFER endlich mal live gesehen zu haben. Es ist allerdings paradox: Ausgerechnet die eine von 50 Bands, die ich auf ihren Alben gerade auch, wenn nicht sogar vor allem für ihre Popsongs schätze ist die, die live dann nur ultra-evil-albern (was ein Pannemann von Drummer!) mit dilettantischem Geprügel und Dröhnfeedback-Gepose abnervt (Gitarrensound aus dem Amp-Turm allerdings mächtig und geil!). Vielleicht funktioniert das, wenn man sie bei einem normalen Clubgig sieht, heute Nacht bei Roadburn ironischerweise allerdings nicht so wirklich für mich.

Also doch noch mal eben ins Patronaat für die letzte Viertelstunde BONGRIPPER. Und die sind mal cool, meine Fresse. Hätte bei ihrer an sich doch recht simplen Instrumental-Doom-Geschichte nicht gedacht, dass das dann so einen Spaß macht. Auch hier mitunter eine Sache des Sounds, glaube ich. Auf jeden Fall ist diese bisher sehr unter „ferner liefen“ abgespeicherte Band, mit auffällig unauffälliger bzw. wenig stereotyper Erscheinung, mit sofortiger Wirkung in meiner Gunst stark gestiegen.

Sonntag ...

Die allgemeine Langschläfer-Katerstimmung ist beim „Afterburner“-Sonntag so tiefenentspann t-groß, dass wir nicht rechtzeitig in die Pötte kommen, The Mount Fuji Doomjazz Corporation noch zu sehen. Was mich ein kleines bisschen ärgert, den anderen aber egal zu sein scheint. Was für Penner.

Der Rest des stocknüchternen und entspannt-zufriedenen Extratages, der dieses Jahr auch tatsächlich mal musikalisch richtig zwingend war, im Schnelldurchlauf:

Zu URFAUST schaffe ich es gerade rechtzeitig vor die Green Room-Bühne. Und sie spielen sogar das grandiose „Unter Töchtern der Wüste“. Geil! Auch , da endlich mal den Haken dran zu haben.
Danach noch mal die diesjährige, traditionelle „Ja wow, das hätte ich nicht gedacht!“-Band des Roadburns: BONGRIPPER! Dieses mal spielen sie „Satan Worshipping Doom “ am Stück. Wovon besonders der blackmetallisch anmutende Beginn von 'Satan' gefällt. Aber im Prinzip ist das ganze Album, so wie dessen Livedarbietung, eine runde und mitreißende Sache. Da sieht man auch mal über kleinere Patzer hinweg.
YOB zum zweiten. Mit „Catharsis“-Set, was mit dem rockig aus dem Rahmen fallendem 'Ether' einen meiner bestimmt sechs Lieblingssongs des Trios enthält. Geil, geil, geil.
CORONER kommen danach, wie eigentlich auch erwartet, etwas deplatziert und ein bisschen albern daher. Dass sie sich eher aufs Spätwerk stürzen, anstatt primär die Old School-Fraktion zu bedienen, rechne ich ihnen hoch an. Dass „Grin“-Material mit seiner Industrial-Kante (wofür sie sogar einen Exra-Laptop-Mann mit auf der Bühne hatten) dabei heutzutage dann aber eher schon etwas zu „typisch für Früh/Mitt90er-Metal“-anachronistisch als wirklich zeitlos daherkommt, macht den Nostalgietrip ambivalent. Abgesehen davon aber natürlich eine nette Sache, auch diese Thrash-Oldies mal gesehen zu haben.
BLACK COBRA sind mit ihrer, eher auf der rasanten und eigentlich schon etwas Thrash-lastigen Seite des Genres angesiedelten Sludge Metal-Kelle dann als rausschmeißender Schlussakt noch mal eine richtig kickende Angelegenheit. Ziemlich geil, das mit dem Sound der Hauptbühne zu sehen und hören, auch wenn jene eigentlich zu groß für eine 2-Mann-Band ist.

Womit es dann auch schon wieder rum wäre, das beste Wochenende des Jahres. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ausgebrannt, quasi.

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