Eines muss ich gestehen: Vor diesem Album hatte ich von vorne herein ein bisschen Angst. Denn wenn sich spezielle alte Helden nach langer Abstinenz mal wieder rühren, ist die Gefahr groß, dass der frühere Zauber in der Neuzeit nicht mehr ganz aufs neue Alben rübergerettet bzw. reproduziert werden kann (Fans von Helmet, Prong, Earthtone9, … wissen vielleicht, wovon ich rede).
Das Schweizer Label Division Records bediente den Underground jedenfalls schon mit Musik aus der „Sludgecore/ Post-HC/-Metal“ -Ecke, als Isis, Cult Of Luna und natürlich Mastodon gerade mal als erste Vorboten erahnen ließen (inzwischen auch schon wieder fast 10 Jahre her, mein lieber Scholli…), was heutzutage so an alternativer Metal-Szene in dieser Richtung abgeht.
Ein wichtiges Zugpferd in diesem Stall, auch wenn sie sich überregional nie einen nennenswerten Namen machten: UNFOLD (und Vorsicht: Es gibt auch noch irgendeine überflüssige Ami-NuRock-Kapelle gleichen Namens). Deren 2003er „Aeon ~Aony“ ist für mich ein sträflich unterbeachteter Klassiker progressiv und doomig angehauchten Post-Hardcores, oder wie auch immer man das nennen möchte. UNFOLD vereinten darauf die emotionale Intensität einer Band wie Neurosis mit schrägeren und dennoch präzise rausgekloppten Stilmustern Marke Meshuggah und einem lebendig-wuchtigem Krachsound a la Breach.
Eine gefühlte Ewigkeit später (während der einige Mitglieder mit anderem Sänger unter dem Bandnamen Vancouver das mehr als nur passable Brachialgroovecore-Album „The Moment“ aufnahmen) gibt es nun auf einmal ein neues Album dieser Truppe.
Und das komische Gefühl vorweg sollte nicht ganz unberechtigt gewesen sein.
Um zur Sache zu kommen: „Cosmogon“ orientiert sich 1.) eher an den recht straighten Anfängen UNFOLDs („Pure“), bzw. der songdienlichen auf-dem-Punkt-Gangart, die man auch vom Ableger Vancouver kennt, anstatt die partiell etwas sperrigen Experimente und ausufernden Arrangements von „Aeon ~ Aony“ weiter zu verflogen. Was ein Pseudoprogger wie ich dann doch recht bedauernswert findet. 2.) wird man gleich beim ersten Hören das Gefühl nicht los, dass hier bei sechs Tracks und einer Gesamtspiellänge unterhalb der 40min.-Marke schon rein quantitativ hätte ein bisschen mehr drin sein müssen.
Wenn UNFOLD einen Song anfangen (‚Hemere‘), nur um ihn unter drei Minuten schon wieder zu beenden und etwas willkürlich in die nächste Nummer rüberfließen zu lassen, wirkt das schon mal etwas seltsam planlos dahingerotzt. Auch der Opener kommt sehr „abrupt“. An diese Spontanität und Würze der Kürze muss man sich erst mal gewöhnen, wenn man am Vorgängeralbum eben gerade schätzte, dass einem z.B. als Songfinale dissonant-verqueres Repetitiv-Riffing mit fieser Kracheffektsteigerung reingedreht wurde (‚I Miss My Dallas‘), oder sich ein Intro mit Piano-Begleitung langsam aufbauend hochschaukelte (‚Baron Rouge ‘).
Erst gegen Ende wird die ganze Sache hier mit den beiden längsten Songs etwas epischer und spannender.
Es wäre nun ein leichtes, sich von „Cosmogon“ aus o.g. Gründen vor den Kopf gestoßen zu fühlen, und es als misslungenes und unnötiges Machwerk abzutun. Es wäre ebenfalls nicht schwierig, die Fanbrille aufzusetzen, um dem Album ein bewusstes „All Killer, no Filler; auf dem Punkt anstatt um den heißen Brei!“-Understatement anzudichten, das gekonnt zu simpler (Song-)orientierten Hardcore-Wurzeln zurückgreift, anstatt möchtegernkunstvoll ein mit Blendgarnierung gespicktes „…and Justice for all“ des Post-Metals zu versuchen.
Die wie immer in der Mitte liegende Wahrheit ist allerdings wohl genau das, was kein Künstler hören will. Nämlich das Werturteil, das noch schlimmer als ein klares „gefällt mir nicht“ ist: Mittelmaß, nett, solide, „(nur) okay“. „Cosmogon“ ist weder überraschend interessant oder übermäßig begeisternd, dabei aber auch alles andere als schlecht oder langweilig. Weder etwas, das ohne eigene Identität im Genre-Sumpf völlig untergeht, noch etwas Herausragendes mit bestechender Note.
Es soll Leute geben, denen solche „ganz gut reingehenden“ Alben für nebenbei und zwischendurch sogar die liebsten sind. Ich gehöre allerdings eher nicht dazu. Gegenwärtig finde ich „Cosmogon“ gut genug, um es nach wie vor noch ein paar mal interessiert und mitwippend hören zu wollen, was ich auch tun werde; ich weiß aber auch jetzt schon mit ziemlicher Sicherheit, dass das hier nichts ist, an das ich mich in ein paar Jahren noch groß erinnern wollen werde. Solide, kein Stoff aus dem Klassiker sind.
Wem (grobes Abstecken:) Bands wie Breach, AmenRa, Cult of Luna, Overmars, Will Haven, Planks, Kongh, The Ocean, KEN mode, oder das letzte Buried Inside-Album gefallen, der sollte allerdings vielleicht dennoch mal ein Ohr riskieren, sollte er/sie UNFOLD tatsächlich noch nicht kennen.
P.s.: Zu einem Album, das eher wenig hergibt, kann man aber dennoch ganz schön viel schreiben, was? Dabei habe ich die Anekdote meiner Konzertbegegnug mit dieser Band und weiteres autobiographisches schon ausgelassen …
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