Gerne prahle ich jetzt mal mit der Tatsache, dass ich in Besitz eines physischen Originalexemplars von „Í Blóði og Anda“ bin. SÓLSTAFIR’s Debüt-Album aus dem Jahr des Herrn 2002, das als ziemliche Rarität gilt, weil das Label Ars Metalli kurz nach Veröffentlichung den Bach runter ging. Auf besagtem Werk frönten die Isländer noch sowas ähnlichem wie Black Metal und hatten dabei mit „The Underworld Song“ einen ziemlichen Überhit am Start. Danach fuhren sie Geknüppel und Geschrei zurück, um sich an etwas rockigeren Gangarten und melodischem Gesang zu versuchen, und das in epischem Maße atmosphärisch und stimmungsvoll, meinetwegen auch Pathos-geladen oder gar "post-/progrockig" angehaucht. Man konnte dazu Analysen der Marke „Bathory meets The Doors“ oder „The bitter Man's Sigur Rós“ lesen, aber natürlich veranschaulichte das die Realität nur bedingt.
"Svartir Sandar" ist nun das dritte Album in dieser Ausrichtung, das bereits eine Welle an überschwänglichsten Reviews losgetreten zu haben scheint. Und die Truppe scheint es auch wirklich wissen zu wollen, denn es ist ein Doppel-Album mit fast 80 Minuten Musik geworden.
Das Faszinierende an diesem Album? Eigentlich bietet es ja einiges an Angriffsfläche. Wenn man mal ganz ehrlich ist, ist Addi Tryggvason kein überbegnadeter Sänger mit toller Stimme (mich amüsierten im Netz bereits Bobcat Goldthwait-Vergleiche). Und eigentlich übertreibt es die Band ein bisschen mit dem melancholischen Pathos ihrer Songs, die hier manchmal noch einen Tick popiger als früher anmuten. Ferner überreizen sie es dieses mal sogar, unbedingt Gimmicks wie etwas schief danebenliegende Frauengesangsbegleitung ('Fjara') oder kitschiges Key-Geklimper ('Æra') mit dabei haben zu müssen.
Das ist aber alles ziemlich egal, denn SÓLSTAFIR schaffen es wirklich, Song für Song immer wieder den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ganz egal, ob instrumentaler Dreieinhalb-Minuten-Rocker, oder emotionsgeladenes Elf-Minuten-Epos, das trotz epochaler Länge auf dem Punkt kommt.
Wenn man ihnen irgendwas vorwerfen könnte, dann höchstens, dass die Melodieführungen des Materials mitunter fast schon Déjà-vu-mäßig an die beiden Alben davor erinnern können. Aber sowas könnte man auch als eigene Identität bezeichnen.
"Svartir Sandar" ist jedenfalls tatsächlich ein Riesen-Album. SÒLSTAFIR haben es nicht nur wiederholt, sondern noch mehr denn je geschafft, ihre ausufernde Mixtur aus Elementen typisch-amerikanischer Rockmusik und nordmännischer Herbststimmungen, die jenseits von Genre-Schubladen genau so progig wie rock'n'rollig ist, auf den Punkt zu bringen.
Allerdings: So gerne ich dieses Album höre – der übertrieben melancholisch-hymnische, fast sakral-feierliche bis partiell schon kitschige Vibe daran kann einen auch schnell schon mal süßsäuerlich übersättigen. Fazit: Vermutlich das ideale Metal-Album für die Weihnachtszeit ...
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