Mittwoch, 6. Oktober 2010

Swans - My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky

Langer Albumtitel, erstes SWANS-Album seit langer Zeit, langes Review. Nebenbei: Zu Zeiten, in denen man sich CDs aufs Tape für den Walkman oder das Autoradio überspielte, hätte ich dieses Album so oder so geliebt. Denn es ist 44:22 Minuten lang. Nahezu perfekt für eine 90er-Seite.
Wie dem auch sei, eines muss ich gleich vorweg eingestehen: Bei SWANS bin ich weder Experte noch Fanboy. Allerdings steht das New Yorker Experimental-Ensemble in einer Tradition, die auch auf diverse Lieblinge von mir zutrifft, wie dem Schweizer Düster-Metal-Urknall von Hellhammer und Celtic Frost, dem eigensinnigen kanadischem Prog-Thrash-Original Voivod, oder den britischen Postpunk-/ Wave-/ Alternative Metal-Dinosauriern Killing Joke. (Erweitert und leicht zeitversetzt würde ich in diese Liste wohl außerdem die Sludge-Metal-Blaupause Melvins und die Indierocker Sonic Youth aufnehmen ... und wohl ebenfalls Einstürzende Neubauten, Big Black, Black Flag etc.). Der Einfluss, den diese Bands aus den 80ern heraus bis heute auf andere irgendwie wichtige, besonders eigenständige, ebenfalls einflussreiche, und/oder bedeutsame Kapellen und Künstler verschiedenster Schubladen ausüb(t)en, ist nicht zu verachten. Ob Nirvana, Nine Inch Nails, Napalm Death oder Neurosis. Noiserock, Industrial, Grindcore, Doom und Postrock. Ob Avantgarde-Kreise, Alternative-/Indie-Kosmos, Gothic-Szene oder Metal-Untersparten – die musikalische Welt wäre heute vermutlich eine ganz andere, wenn es besagte Bands nicht gegeben hätte. Und noch etwas haben diese Künstler gemeinsam: Sie blieben nie stehen. Suchten immer weiter. Entwickelten sich oft von wilden, lauten Anfängen jugendlichen Sturm-und-Drangs zu etwas noch ambitionierter wirkendem, manchmal dabei auch moderater klingendem weiter. Oder liefen in einigen Fällen auch in jüngerer Vergangenheit zu nach wie vor nicht zu verachtender Hochform auf.

Auf SWANS trifft jedenfalls vieles davon zu. Witzig daran ist im Übrigen die Feststellung, dass einige zwischendurch in den Diensten der SWANS stehenden Musiker später auch mit denen kooperierten, die nach ihnen kamen und von besagter Riege an 80er-Ikonen entscheidend geprägt wurden. So spielte Schlagzeuger Ted Parsons in den 90ern sowohl bei der New Yorker Thrash-/ Modern-Metal-Kapelle Prong während ihrer essenziellen Phase, als auch später noch bei den stark von SWANS beeinflussten Godflesh (und beide male traf er dabei im Übrigen auch auf den inzwischen verstorbenen Basser Paul Raven, mit dem er ferner das Kapitel Killing Joke gemeinsam hat). Co-Sängerin/Keyboarderin Jarboe nahm u.a. ein gemeinsames Album mit Neurosis auf. Und Mastermind Michael Gira's spätere, ebenfalls noch aktive Band Angels of Light beinhaltete u.a. auch ein Mitwirken von Dana Schechter, dessen Projekt Bee and Flower wiederum irgendwo zwischen Singer/Songwriter. Jazz und so etwas ähnlichem wie Postrock sogar von Musikhörern geschätzt wird, die sich sonst primär derbstes Getöse reinfahren. Und mit Kreuzverweisen wie diesen könnte man ewig weitermachen ...

Um endlich zur Sache zu kommen: „My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ ist ein ohne Zweifel sehr interessantes und spannendes Album, zu dem jemand anders bereits sinngemäß so etwas geschrieben hat wie „es verkörpert alle Aspekte von Swans, dann aber doch wieder keinen davon wirklich“. Ganz krassen Lärm und völlig zermürbend monotone Stampfrhythmen wie in den Anfangsjahren findet man auf dem ersten SWANS-Album seit dem 1996er „Soundtracks For The Blind“ nach wie vor nicht mehr (auch wenn 'My Birth' und 'Eden Prison' nah dran sind!). Was allerdings nicht heißt, dass es hier nicht doch auch schon mal etwas lauter und schräger zugeht. Tragendes Element ist mehr denn je die Stimme von Michael Gira, die an sich schon eine gehörige Intensität mitbringt. Oft einem gewissen Minimalismus frönend pendelt er dabei mit seinen Mitstreitern zwischen Klangcollagen und eigensinnigem Folk. Zwischen Noise- und Postrock. Zwischen metaphysischer Sphäre und greifbarem Boden. Macht in einer Art und Weise von Laut-/Leise-Dynamiken Gebrauch, wie man es nicht alle Tage hört. Erinnert hier mal etwas an Tom Waits oder Nick Cave, und dort dann wieder an so was wie The Jesus Lizard oder Cop Shoot Cop, und ja, meinetwegen auch ein bisschen an Neurosis (zumal mir keine besseren Referenzen für die brodelnde Noiserock- und Industrial-Kante von 'My Birth' und 'Eden Prison' einfallen). Das alles mit einer generellen Herangehensweise, die auch eine gewisse Verwandtschaft im Geiste zu den Neubauten zeigt.
Die Musik auf diesem Album findet jedenfalls auf eine faszinierende Art und Weise in den hier ganz schön großen Fugen zwischen den Schubladen statt, in die man sonstige Hörgewohnheiten deklarieren würde. Was auch beim nächsten Durchlauf immer noch einer Entdeckungsreise gleichkommt, von der man nicht genug bekommen kann. Also ich zumindest nicht.

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