Freitag, 29. Oktober 2010

Kylesa - Spiral Shadow

KYLESA sind ohne Frage die Band der Stunde. Sogar Szene-übergreifend. Man kann von Postrock bis Grindcore auf kein Konzert mehr gehen, ohne nicht mindestens (!) einen Besucher im KYLESA-Shirt auszumachen (zugegeben, manchmal bin ich das), während die Truppe diesen Sommer längst auf den Open Airs angekommen ist, und dabei im Rahmen traditionellerer Metal-Festivals schon genauso wie beim eher mainstreamig orientierten Indie-Event stattfand. Verdientermaßen, sollten sie Songwriting- und Production-improved auf ihrem letztjährigen Album „Static Tensions“ zu Hochform auflaufen und schon zuvor beim unermüdlichen Touren immer wieder auch durch hiesige Breitengrade kommen. Der Hingucker-Bonus durch Doppelschlagzeug und klampfende/grölende Tattoobraut im Line Up wird wohl sein übriges getan haben.
„Spiral Shadow“ dürfte nun einer dieser typischen Wendepunkte sein, an dem sich ein Teil der Early Adopter/ Beardojugend-Basis mit Sicherheit abwenden wird, während so einige Printmagazin-Redakteure, Metal-Fans mit Donzdorf-Musikverständnis und die jeden Hype der Woche mitnehmenden Großstadt-Kids mit trendy Schnörres in der Fresse KYLESA dagegen erstmals so richtig hochleben lassen (selbst Schlagzeilen wie „The Heaviest Indie Rock Band“ muss man sich schon gefallen lassen ... aber nun genug der Distinktion in alle Richtungen). Denn irgendwie ist das Teil dann doch schon regelrecht glatt und poppig ausgefallen.

Wobei diese neue, direkte Zugänglichkeit und mainstreamfähige Politur an sich natürlich nicht mal das Problem an „Spiral Shadow“ ist. Das Problem ist auch nicht, dass die Hälfte des Materials regelrecht in reinem Stoner Rock, psychedelischer Apathie ohne Schmiss und hörbaren 90er-Alternative-Einflüssen ausartet, und den angeprogten crust-metallischen Arschtritt der Vorgängerwerke dabei über weite Strecken außen vor lässt. Für sich genommen sind dabei viele einzelne Tracks wirklich sehr nett. Das Problem ist eher, dass die ganze Kiste ein bisschen nach unzureichend ausgearbeitetem Schnellschuss riecht. Und bevor wir uns missverstehen: Gerade spontan hingerotztes kann manchmal die geilste Musik sein. „Spiral Shadow“ jedoch fühlt sich wie eine willenlos zusammengestellte Kollektion der erstbesten Songideen an, die KYLESA vorschnell aufnahmen. Der sehr kurze Brüllstrophe/Singrefrain-Opener z.B. macht die ersten paar Durchläufe Spaß, ist aber Discometal-Fast Food, das der Krachgourmet dann auch schnell wieder leid ist. Ein, zwei gelungene rockigere oder relaxtere Nummern sind ja im Namen von Kontrast und Abwechslung immer eine nette Sache, bei der vierten und fünften nervt es hier dann aber irgendwann. Und das punkige 'Back And Forth‘ kurz vor Schluss ist sogar ein ziemlicher Rohrkrepierer.
In der Mitte kriegen sie zwar mit 'Distance Closing In' und 'To Forget' noch mal kurz den Bogen, Inspirationsquellen wie Kyuss (Leadgitarren-Sound) oder ihre Freunde von Baroness sind hier aber wohl nicht ganz von der Hand zu weisen. Mein Favorit mit Grower-Potenzial ist derweil eigentlich das von ruhigen bis ruppigen Parts recht vielschichtig arrangierte ‚Drop Out‘, was eindeutig beweist, dass die eigentliche Stärke von KYLESA eben nicht in simplen catchy Rocksongs liegt. Aus denen das Album aber wie gesagt zur Hälfte besteht.

Und deswegen ist „Spiral Shadow“ nicht ganz einfach. Mich zu einem definitiven Werturteil wie „eigentlich trotz allem doch ganz okay, kann man sich als Fan durchaus schönhören“ oder „ne, eher nicht so gut, was soll denn das?“ durchzuringen, ist mir absolut unmöglich. In der Tendenz neige ich allerdings, abgesehen einiger einzelner Songs, tatsächlich eher zu letzterem. Nicht nur als Weiterentwicklung im Bandkontext, sondern auch als in sich geschlossenes Album wirkt die Scheibe zwischen ihren, durchaus vorhandenen, mitreißenden Momenten irgendwie etwas unentschlossen, ziellos, und wenig durchdacht. Solides Mittelmaß mit vereinzeltet Hit-verdächtigen Passagen. Und das ist, wenn man mal ganz ehrlich ist, zu wenig für eine Band, die gerade auf Covern landet, und eine Veröffentlichung, die schon vor Erscheinen diverse Listen als potenzieller „Album des Jahres“-Kandidat anführte. „Spiral Shadow“ ist schlicht und ergreifend nicht das Album geworden, das man eigentlich gerne von KYLESA gehabt hätte - hier hätte noch ein bisschen mehr (bzw. anderes) drin sein müssen, bei aller Sympathie.

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