Donnerstag, 14. Oktober 2010

Enslaved - Axioma Ethica Odini

Mein Verhältnis zu ENSLAVED ist recht ambivalent. Ich kann es mir nicht so richtig verkneifen, es immer wieder mal mit ihnen zu versuchen, je nach Tagesform können sie mir dabei aber auch schon mal ganz schön quergehen.
Die Norweger haben einen langen und vielfältigen Weg von archetypischem Black Metal zu eigenwilliger Progressivlärmerei hinter sich, bei der Trademarks an der Wurzel, wie Keif-Vocals und Doublebass-Einlagen, nach wie vor vorhanden, immer mehr in nebulösen Gefilden postrockiger, Pink Floyd’scher Psychedelic-Sphären und melodiöser Epik versinken. So war es jedenfalls auf der letzten Platte „Vertebrae“, wie auch bei 1-2 jüngeren Live-Begegnungen, wo ich mir nie so ganz sicher war überhaupt zu verstehen, was ENSLAVED damit eigentlich von mir wollen. Ihr Kram hatte zuletzt an Stellen Ecken und Kanten, wo sie auch einen sowohl harte Kost genießenden, als auch Avantgarde- und Prog-erprobten Hörer eher irritieren, und fühlte sich an anderen dann schon wieder so regelrecht wohlig-fluffig an, dass es nun wirklich nicht mehr nach den langhaarigen, bär(t)igen Wikingerberserkern klingt, die nach wie vor dahinter stecken.

Doch Überraschung! Es mag vielleicht mit an der etwas satteren Produktion und der wieder etwas tiefer reingedrehten Metal-Schraube, ferner an der Jahreszeit liegen, aber „Axioma Ethica Odini“ geht mir auf Anhieb ein ganzes Stück schlüssiger rein als ein Großteil seines Vorgängers. Und ja, man muss es schon sagen: Das Ganze klingt hier wirklich schwer (!) wie die BM-Variante von Opeth. Die u.a. über Orgel, Klargesang, cleane Gitarren-Einsprengsel, ein paar Breaks, und ausholende Melodien in epischen Songstrukturen reingebrachte Progrock-Kante vereint sich mit den Krächz-/Keif-/Röar-Vocals, rasanten Drums und klirrenden Gitarren, die man mit „bösem Posen auf Eisschollen“ assoziieren möchte.

Man muss auf so eine spezielle Art von Metal allerdings natürlich grundsätzlich Bock haben. Und irgendwie kann ich jeden verstehen, der das -aus welchem Blickwinkel und Gründen auch immer – nicht hat. Alleine das Wechselspiel aus Growls und Gesang ist etwas, bei dem Viele schon per se abkotzen, und ich kann sie alle verstehen. Es wird Freunde harter/ atmosphärischer/ progressiver Musik geben, denen das hier schlichtweg einen ganzen Tick zu viel Klischee-Metal ist, und es wird Metaller geben, denen das hier zu viel nichtmetallisches Gedöns hat, und ich kann auch hier alle zu gut verstehen.
Es gibt Tage, da ist mir der Crossover von ENSLAVED irgendwie zu dick aufgetragen und ich finde, dass sie mit ihrer Musik zu viel gegensätzliches auf einmal wollen. Es gibt aber auch dunkel-kalte Herbstabende, an denen die Fusion aus Black Metal und Progrock, die Mischung aus den grimmigen, frostigen, aggressiven, düster-atmosphärischen Schwarzmetall-Elementen, musikalischer Ambition und regelrecht positiven und verträumten Vibes für mich total gut und natürlich funktioniert, auch wenn der Kopf das Ganze etwas paradox finden möchte. Norwegische Black Metal-Originale, die mit ihrer Musik auch Herz und Hirn ausstrahlen können? Ja, selbst so etwas gibt es mittlerweile in Form von ENSLAVED.
Es kann zugegeben schwierig sein, sich auf eine solch geballte Kombination aus nordmännischer Metal-Poserei, cheesy Herbst-Melancholie, musikalisch wurzeltreuer Kirchenanzünder-Bosheit und Thinking Man's Rock-Ansätzen inkl. klassisch-retrospektiver Prog-Puzzlestücke einzulassen, aber mir fällt tatsächlich kein einziger Kritikpunkt ein, den ich bei diesem Album anbringen könnte. Womit der Hype, der in Fachgazetten darum gerade gemacht wurde, sogar ausnahmsweise mal völlig berechtigt zu sein scheint.

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