Mittwoch, 22. September 2010

Accu§er - Agitiation

Da ich einschlägige Fachzeitschriften zwar ins Haus bekomme, dabei aber zugegeben doch schon mal die eine oder andere Ausgabe gelegentlich etwas vernachlässige, entgeht mir auch schon mal was. Im aktuellen Fall z.B. dass ACCU§ER schon vor ein paar Monaten mit „Agitiation“ ihr erstes Album seit dem 1995er (!) „Taken by Throat“ veröffentlicht haben.
ACCU§ER?! Da war doch mal was?! Richtig, diese Band mit dem auffälligen Paragraphen-Logo aus Siegen, die zwischen '86 und '95 mehrere Alben und EPs aufnahm, deren technisch angehauchter, aggressiver Thrash Metal in der Fachpresse viel Lob erntete, die sich schlussendlich aber wegen Erfolglosigkeit bzw. „Pleiten, Pech und Pannen“ auflöste. Die Nachfolgeband zweier Mitglieder kam nie so richtig aus dem Quark, und irgendwann wurde das ständig umbesetzte Baby dann, angeblich aufgrund der großen Nachfrage alter Fans, doch wieder unter altehrwürdigem Corporate Design fortgeführt. Und einige Jahre weiter hat man nun tatsächlich den ersten Tonträger seit eineinhalb Dekaden rausgehauen.
Gerade auch auf dem Thrash Metal-Sektor schließen sie sich dabei zwar einer unglaublichen Welle an Revivals und Comebacks an, aber da sollte man den ewigen Underdogs keinen Vorwurf draus machen. U.a. auch weil albgehalftertes, uninspiriertes Altherrengehabe nicht gerade die Assoziation ist, die einem bei den durchaus wilden Live-Performances der Truppe in jüngerer Vergangenheit so kommen dürfte.

Wenn man sich das Ganze dann jetzt mal so auf der neuen Konserve anhört, gäbe es ja durchaus einiges, das man an ACCU§ER 2.0 bemängeln könnte. Mangelnde Identität z.B., bzw. einen etwas angestaubt anmutenden Versuch, 2010 noch mal 80er-Tradition und 90er-Moderne unter eine Stahlkappe zu drücken. Das Quartett gibt sich einerseits betont musikalisch, manchmal schon einen Hauch progressiv, inkl. einer gelegentlich ins stark melodiöse driftenden Gitarrenarbeit (die Assoziationen von diversen Speed Metal-Oldies bis zur NWOBHM wecken kann) - auf der anderen Seite ist da dann aber auch immer wieder mal fast schon Metalcore-artiges Stumpfgroove-Geriffe, das man so ähnlich eben auch schon etliche Male gehört hat. Das alles passiert in bei den Soli und Mittelteilen schon mal etwas ausufernden Songkonstruktionen (wie man es z.B. auch von Exodus oder jüngeren Machine Head kennt) und mit teilweise ziemlich einfältigen Lyrics (womit auch die Nähe zu Genre-Landsleuten wie Kreator noch dichter wird). Und die Produktion klingt dann auch noch eher nach Wohnzimmer-Eigenversuch als nach Tonstudio.

Summa summarum hat diese Mischung aus gezieltem Stumpf-Stakkato, standartmäßigem Uptempo-Gehacke, ein bisschen Gegniedel und Gebrüll obendrauf - und das alles in mitunter etwas abenteuerlich arrangierten Kompositionen - dann aber auf faszinierend altbacken-zeitlose Art und Weise irgendwie schon wieder etwas höchst sympathisches. Kling vielleicht paradox, aber wenn man wie ich musikalisch mit einem Bein bis zur Hüfte eben gerade im Speed/Thrash Metal alter Schule und den alternativ-metallischen und neo-thrashigen 90er-Größen (Prong, Pantera, etc. …) aufgewachsen ist, dann fühlt sich so eine Scheibe wie ACCU§ER’s „Agitiation“ tatsächlich wie ein Stück Heimat an. Und dieser Nostalgiebonus reißt‘s zugegegeben hoch. Wie Reißbrett-Stangenware klingen ACCU§ER trotz aller oben geäußerter Kritik nämlich auch nicht.
Für ältere Semester, die bei Musik vor allem einen Stilmix mit Punch, ausgefeilten Songs und griffigen Riffs mögen, ist „Agitiation“ somit uneingeschränkt zu empfehlen. Wer damals nicht „mit dabei war“, als man vor allem auf Kapellen wie Sepultura steilging, der dürfte damit allerdings beträchtlich weniger anfangen können.

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