Dienstag, 10. August 2010

Wacken 2010

Auch das Wacken Open Air 2010 habe ich überlebt. Der Andrang der Mainstream-Presse war dieses Jahr wegen der Love Parade-Tragödie größer denn je, die Veranstaltung selbst ebenfalls inzwischen auf einem „teurer Massen-Event mit Jahrmarkt-Flair“-Level angekommen, der nicht mehr so ganz feierlich ist. Highlights (versal am Absatzanfang) und Randnotizen:

GOJIRA hatte ich zuletzt ja eher so ein bisschen unter „gut, aber auch nicht sooo geil, wie man sich das mal einreden wollte“ abgeheftet, aber nach ihrem parallel zu Iron Maiden stattfinden Zeltbühnen-Auftritt (ja, ich habe tatsächlich lieber GOJIRA geguckt, als den Großteil des Maiden-Sets! Live with it!) muss ich das vielleicht doch noch mal revidieren. Die Franzosen waren nämlich der Wahnsinn, konzentrierten sich vor allem auf ihre härtesten Songs, waren versiert, tight und spielerisch perfekt, während sie zudem noch eine höchst agile Bühnenshow boten. Intensiv, wirklich.

Das donnerstägliche Programm der Hauptbühnen bestand außerdem aus ALICE COOPER, MÖTLEY CRÜE und IRON MAIDEN. Der Shockrock-Altmeister bot eine unterhaltsame Best of-Setlist (School's Out, I'm Eighteen, No More Mr. Niceguy, Only Women Bleed, ...) mit Nonstopp-Theatershow, the Crüe machten zwar Spaß, hatten aber unüberhörbar ganz schön viel Konserve mit in den Sound gemischt, und Maiden waren ihrem „Brave New World“-Programm ein bisschen hüftsteif, weswegen ich wie oben erwähnt tatsächlich die Franzosen vorzog ...

VOIVOD: Der Freitag war für meinen persönlichen Geschmack der schwächere Tag der drei, los ging's Nachmittags aber dennoch mal mit was richtig besonderem. Zwischen dem eröffnenden 'Voivod' und dem abschließenden Pink Floyd-Cover 'Astronomy Domine' konzentrierte sich die Setlist abzüglich des Alibi-Songs von der Aktuellen ('Global Warming') auch ansonsten ganz auf die Jahre 84-91. Snake war stimmlich gut in Form und hatte Spaß am Vorturner, aber vor allem der seit kurzem wieder mitspielende Original-Basser Blacky rockte mit der Energie und Ausstrahlung eines Anfang20igers über die Bühne (und der Mann geht auf die 50 zu!), und scherzte außerdem immer wieder mal was ins Mikro, z.B. dass es wegen der nah an der Party Stage stehenden Toiletten gerade oben bei ihnen ganz schön nach Pisse stinken würde. Die Tatsache, dass mit dem verstorbenen Gitarristen „Piggy“ der Mann fehlte, der nicht nur den eigenwilligen Sound der Band prägte, sondern damit auch viele andere Musiker beeindruckte und beeinflusste, schwebte natürlich irgendwie wie ein trauriger Schatten über diesem ansonsten tollen Auftritt, der neue im Boot wurde seinem Erbe aber gerecht.

Zu den Abends spielenden SLAYER braucht man eigentlich nichts mehr zu sagen (war geil, klar); nach ihnen durften dann noch ANVIL ran und deren Lips grinste verständlicherweise doch ziemlich breit, eine solch große Crowd vor sich zu haben.

SMOKE BLOW: Ich habe es schon mal gesagt, und ich sage es noch mal: Als die Kieler fast beim Knacken des Mainstreams angekommen waren (inkl. „Album der Woche“-Feature bei Stern Online), landeten sie ferner in einer kreativen Sackgasse, die ihnen nicht gut zu Gesicht stand. Dass sie mit ihrem aktuellen, härterem Album dann nun doch wieder eher die Basis bedienen, funktioniert, versöhnt und gefällt. Beim samstäglichen Opening Slot auf der „Party Stage“ begrüßt Letten grinsend die „Frühaufsteher“ in der prallen Mittagssonne, und die Band gibt vor gemäßigtem Publikumsandrang alles, während auf einer der beiden Hauptbühnen Ektomorf eine wesentlich größere Menschenmenge zum hüpfen bringen. Die Setlist macht Spaß: „German Angst“-Knaller wie 'Alligator Rodeo', 'Police Robots' und 'Hate Kill Destroy' (neben 'Sick Kid 85' und 'Dancing With The Dead') wissen mich auch heute noch zu begeistern, die lässig rock'n'rollige Variation des früheren Noise-Fegers 'Mexico' geht auf, 'Sweetwater' ist mal wieder das heimliche Highlight, 'Criminal' bringt passend zum Veranstaltungsort einen Hauch norddeutsches Lokalkolorit ein, und mit dem an D-Beat und Black Metal-Einflüssen angelehnten 'I have lived in the Monster' hauen SMOKE BLOW sogar, vermutlich ohne es selbst zu wissen, in die Kerbe eines gerade kommenden Underground-Trends. Man wagt sich für den Metal-Festival-Anlass gegen Ende gelungen an Danzig's 'Mother' und schließt mit dem, seit der Neuaufnahme und erneuten Integration ins Live-Programm zugegeben nicht mehr ganz so wie früher spektakulären 'Junkie Killer' ab. Die Band kommt sympathisch und humorvoll rüber, versucht aber weder die Oberprolls noch die Komiker raushängen zu lassen. Sehr schöner Auftritt - auch nach all diesen Jahren, zwischenzeitlichen Hängerphasen und zum gefühlt fünfunddreißigsten mal, immer noch (oder wieder) die mitunter beste Livemusik-Bespaßung, die man kriegen kann.

SÓLSTAFIR: Egal, wo genau man die Musik der Isländer schubladenmäßig eintüten will (Post-Viking-Rock? Progressive Black'n'Roll? Melancholic Wall-of-Sound-Jam-Metal?), das Quartett gehörte im überschaubar gefüllten Zelt der „Wet Stage“ zu den definitiven Highlights des Festivals. Daran konnten die etwas debilen Ansagen zwischen den nur drei, weil überlangen Songs (Köld, Pale Rider, Ritual of Fire) nichts ändern. „Das fehlende Bindeglied zwischen Bathory/Enslaved und The Doors“ oder auch „die Sigur Ros des Metal“ (das habe ich mir alles ausnahmsweise mal nicht selbst ausgedacht!) überzeugten trotz gelegentlicher technischer Unsauberkeiten auf ganzer Linie. Hätte gerne noch 'ne Stunde länger dauern dürfen, und möchte ich daher ja gerne mal als Headliner-Clubshow sehen.

Auf der Hauptbühne grindeten sich ferner Nachmittags LOCK UP durch ein gutes, in voller Länge aber doch irgendwie ermüdendes Programm. Die Allstar-Ballercombo widmete dem verstorbenem Mitglied Jesse Pintado zwei Terrorizer-Songs, und das beleibte Drumtier Nick Barker wirkte zwischen den Liedern manchmal ganz schön außer Puste.

IMMORTAL habe ich ja irgendwie fast noch nie ohne technische Probleme gesehen. So war auch dieses mal zwischendurch irgendwas mit der Gitarre mal wieder nicht in Ordnung. Überhaupt ist der begleitende „Show Act-Faktor“ der Norweger, die längst näher an Kiss oder Manowar als an anderen Black Metal-Genrevertretern anzukommen scheinen, mitunter eher etwas amüsant. Das macht Songs wie 'Withstand the Fall of Time' oder 'Beyond the North Wave' aber auch nicht schlechter. Außerdem muss es solche Bands wohl auch einfach geben ...

Sonst noch: Die Kassierer wolle ich mir eigentlich mal ansehen, aber der Andrang an der Zeltbühne war einen Ticken zu krass. Cannibal Corpse werden in diesem Leben auch keine Lieblingsband mehr von mir. Das Ultragepose von Endstille toppt wirklich alles, macht die Musik aber leider nicht interessanter. Als interessanter VIP-Gast gab sich kein geringerer als Scooter's H.P. Baxter die Ehre.
Tjoah.

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