Freitag, 23. Juli 2010

„so innovativ wie seinerzeit Celtic Frost und Faith No More“

Als ich soeben bei einer sehr guten Freundin Kaffee schlürfend durchs britische Terrorizer-Magazin blätterte, fiel mir bei der Anzeige für die, dieses Wochenende auf der Insel stattfindende Ausgabe des Sonisphere-Festivals ein Name im Billing auf: EARTHTONE 9!
Und ja, eine hektische Google-Recherche spuckte aus: Sie sind wieder da! Dazu haben sie auch gleich eine Best of Compilation frei ins Netz gestellt, die der Die Hard Fan auch im limitierten Digipack erwerben kann. Mehr Infos irgendeiner Natur findet man auf der Homepage nicht, aber so etwas ist man aus dem Klan ja inzwischen gewohnt.

The History: EARTHTONE 9 waren, um die Jahrtausendwende rum, vier Jahre lang mal kurz der ganz heiße „next big thing“-Scheiß unter „Alternativ-Metallern“. Zwischen dem damals angesagten Nu Metal und Emocore waren sie eine Ausnahmeerscheinung, die von Kritikern vor allem mit Tool und Neurosis in eine Schublade gesteckt wurde, und irgendwie die richtige Kombination aus catchy und arty hinbekam. Ihre laut Gitarrist Owen u.a. von Pink Floyd und The Police beeinflusste Musik, die damals noch unüblichen Schreistrophe/Singrefrain-core mit dem unter einen Hut brachte, was man heute "Postrock" nennen würde, ist vielleicht nicht ganz perfekt gealtert, funktioniert aber u.U. auch ohne „muss man damals dabeigewesen sein“-Bonus immer noch ganz gut. Bilde ich Fan mir jedenfalls ein. Sieht man mal von mitunter etwas altbacken-konventionell kommenden Songstrukturen ab...
Auf jeden Fall deckten sie ihrerzeit zwischen hektisch-noisy und atmosphärisch bis regelrecht verträumt musikalische Gangarten ab, die in ihrem Stilmix vieles vorwegnahmen, was erst später zu generischen Formeln von Modebands verkommen sollte. Selbst im oft spätzündenden RockHard wurde das Ganze als „so innovativ wie seinerzeit Celtic Frost und Faith No More“ bezeichnet.
Das Tragische daran war dann wiederum, dass ET9 von den sich selbst als ultra-sophisticated verstehenden Kunstkennern gerade beim Spätwerk als zu Tool kopierend oder generell zu nah an Fashioncore bzw. Nu Metal abgestraft wurden, während der trendbewusste Konzertgänger, der die Band als Support von Soulfly oder Fear Factory vorgesetzt bekam, von der eher unhüpfbaren Musik und teilweise auch ganz schön unwirschen Stage Appearance der Truppe (... Briten ... Gentlemen, Prolls und Komiker in einem) komplett überfordert war.
Eine Zerrissenheit, die sich intern letztendlich auch in uneinigen Spannungen über die weitere kreative und kommerzielle Entwicklung widerspiegelte und die Auflösung verursachte.

Nun ja, was soll ich sagen. Groooooßartige Band, auch eine Dekade später noch. Ob ihr Comeback über ein paar Gigs in GB hinausgehen wird weiß ich nicht, aber alleine die potenzielle Aussicht, sie vielleicht doch noch mal wieder live zu erleben, lässt mich regelrecht vor Freude explodieren.

Die Best of Compilation "Inside Embers Glow" ist im Übrigen tatsächlich ganz gut zusammengestellt, da sie von der Aggrolärm-Attacke mit etwas unorthodox in die Länge gezogenem Finale (Simon Says), über einen regelrecht perfekten Popsong (Amnesisa), bis zum psychedelisch angehauchten Schlusstrack-Epos (Binary 101) alle Facetten ET9s gut zusammenfasst.

(Gewidmet ist dieser Blogpost dem verstorbenen Reiner, den ich nur flüchtig kannte, mit dem mich aber die Liebe zu dieser Band einte. Ich stoße in Gedanken mit Dir an, Keule! Und für Dich wünsche ich sogar dem Äffzeh eine gute Saison!)

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