Sonntag, 18. Juli 2010

Crust meets Metal: Agrimonia & Wolvhammer

Wenn es in letzter Zeit Trendwellen an den Szenerändern von Metal, bzw. in der Ecke „(harter) Avamtgarde-Alternative“ und co. gab, so konzentrierten sich diese mit nicht zu verachtender gemeinsamer Schnittmenge um Eckpfeiler wie Stoner/Doom/Sludge, Drone und Postrock, sowie zeitgenössischen Quasi-Black Metal. Und während Bands wie Baroness und Events wie das Roadburn dann doch mal in der Mainstream-Fachpresse angekommen sind, raufen sich im Underground schon wieder ganz andere Bewegungen zusammen, für die bereits Schubladen wie „Blackened Crust“ aufgemacht werden. Black Metaller wie Darkthrone oder Gallhammer bekennen ja sowieso zu Amebix, Projekte wie Panopticon oder DödsÄngel bringen derzeit attitüdisch wie musikalisch Anarcho-Crustpunk und Shwarzmetall-Geschrote unter einen Hut, und in der Crustcore/D-Beat-Ecke entdeckt man gar den (Black) Metal für sich neu. Das Ganze geht so weit, dass es bereits eine Band namens Dishammer gibt, die – klar – gleichermaßen den Crustcore-Urvätern Discharge, wie dem Proto-BM von Hellhammer Tribut zollt.

Auf zwei Pferde, die man grob besagter „Blackened Crust-/Sludgecore“- oder „Crust Metal“-Schublade zuordnen kann, hatte ich hier mit dem ersten Album von AGRIMONIA, sowie den letzten Demo-Aufnahmen von WOLVHAMMER bereits schon mal gesetzt. Witzigerweise haben nun beide zeitgleich ihre neuen Alben veröffentlicht. Was folgt ist - natürlich -eine Analyse meinerseits:

AGRIMONIA - Host of the Winged
Aus der Crustpunk-Szene heraus mit Musik um die Ecke kommen, die mal was von Neursosis'schem „Post-Metal/ Doomsludge“ hat, wannandermal den Bolt Thrower-Panzer rollen lässt, sich von der heimischen Metal-Schule Skandinaviens bzw. Göteborgs beeinflusst zeigt, sich von regelrechten Postrock-Parts der ruhigeren Natur oder Akustik-Interludien zu schnörkelos nach vorne ballerrndem Metal samt (weiblichen!) Death-Growls steigert, und das auch noch in Songs von epischer Länge um die 10Minuten-Marke? Kann doch nur eklektisch zusammenkonstruierter Mist sein? Doch weit gefehlt, AGRIMONIA kriegen all das tatsächlich mit schlüssig-natürlichem Flow unter einen Hut. Den Nachfrolger ihres selbstbetitelten Debüts zeichnet vor allem aus, dass die Schweden noch detailverliebter, facettenreicher und etwas verspielter ans Songwriting gegangen sind. Die monolithischen Marathon-Songs sind noch ausgefeilter geworden. So gewinnen etwa ruhige Passagen durch hintergründige Key-Unterstützung noch mehr atmosphärische Tiefe, und bauen sich noch bedächtiger zu harten Passagen auf, in denen dann auch schon mal die Gitarrenarbeit erhöhte Spielfreude an Lead-Dudeleien durchblicken lässt.
Dass wuchtiger, mitunter psychedelischer Sludge-/Post-Metal mit Punk-Wurzeln und klassischen (Melodic) Death Metal-Elementen so gut, logisch und mitreißend tönen kann, das hätte ich selbst nie geglaubt, wenn ich AGRIMONIA nie gehört hätte. Was ihnen noch zum totalen Oberknaller fehlt machen sie außerdem dadurch wet, dass sie in keine Schublade so richtig passen wollen, und man sich in ihren ausgedehnt arrangierten Kram erst mal ein paar interessierte Anläufe lang reinhören muss. Spannende Band!

WOLVHAMMER - Black Marketeers Of World War III
Und tatsächlich! Was bei den Demos manchmal noch etwas unbekümmert danebengeholpert, partiell sogar ein bisschen albern, aber eben in der Tendenz für die Zukunft schon vielversprechend klang, funktioniert auf ihrem ersten offiziellen Logplayer mit entsprechender Produktion nun voll und ganz. Man muss sogar noch weiter gehen: In ihrem Unterfangen, unter Hinzunahme von „Working Class“-Ideologie, Sludgecore und Crustpunk mit düsteren Metal-Klischees und Einflüssen früher Black Metal-Grundsteinleger zu einen, gelingt der Truppe aus Minneapolis ein Kunstgriff, der vermutlich nicht mal in dem Maße geplant war, wie er in der Durchführung zutrage kommt: Ihr räudiges Gekloppe ist im Geiste manchmal so nah an der Celtic Frost-Vorgängercombo und Extremmetall-Urvaterikone Helhammer, sowie dem auf diesem Sektor in Anfangstagen ebenfalls einflussreichen Teutonen-Thrash-Dreigestirn Sodom/Destruction/Kreator (und jaja, Bathory und Darkthrone wollen wir natürlich auch nicht vergessen), dass man sich sogar fast einbildet, schlecht ausgesprochenes/formuliertes Englisch zu vernehmen. Dazu passt dann auch, dass sie es sich leider nicht verkneifen konnten den einen, richtig albernen Song ihres vorangegangenen Demos in einer überarbeiteten Fassung, mit einem nun noch alberneren Titel ('Das Kult'), unbedingt noch mal mitverwursten zu müssen. Sieht man aber mal von 1-2 Passagen ab, die etwas zu banal dahingeschrotet zum Schmunzeln anregen, ist „Black Marketeers Of World War III“ für Freunde roh aufgetischter Hartwurstkost aus der freien Wildnis genau das Richtige. Da wo eine aus sicheren Gewässern gefischte Band wie Black Tusk Identität vermissen lässt, und da wo Jucifer's Versuch einer reinen Rumpelslduge-Scheibe im Kellersound mal eher in die Hose ging, da könnten WOLVHAMMER für einen nachhaltigen Eindruck gerade zur rechten Zeit am rechten Ort angekommen sein. Die wohl eh fließenden Grenzen zwischen Crustpunk, Sludgecore, ein bisschen Doom und einer gehörigen Portion Ur-Black Metal bis hin zu Blastbeat-Gehacke verschwimmen bei ihnen zu einem - mal Gas gebendem, mal abbremsenden - fies zähnefletschend und dreckig rockendem Bastardkind irgendwo zwischen Dystopia, EyeHateGod, Buzz*oven, und Bathory- und Celtic Frost-Frühwerken, das ebenso für Anhänger groben Black Metals, wie für Freunde zeitgenössischer Sludge-Metaller a la Dark Castle, Black Cobra und Black Tusk interessant sein dürfte. Ich finds geil!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen