Es mag überraschend sein, diese Band im Rahmen meines primär doch eher metallisch und prügelmusikalisch ausgerichteten Blogs wiederzufinden, doch als ich „Standing in the Way of Control“ hörte (und ich meine hiermit sowohl den allseits bekannten Hitsong, als auch das ganze zugehörige Album gleichen Titels), wussten mich THE GOSSIP auch schon abseits ihres Außenseiter-Images mit dieser Musik zu kriegen. Ihr einfacher, aber für mich nicht einfach zu kategorisierender Stilmix vereint dort straighte Disco-Beats, Funk-Vibes, "handgemachter Rock"-Feeling und souliges Geschmetter und schafft es mit einer minimalen Instrumentierung gleichzeitig etwas punkig-ruppig, aber auch nach ganz großem Pop zu klingen. Und das steckt an.
Vielleicht ist der seltsame Titel des neuen Albums daher gar nicht mal so unpassend, wenn selbst so ein aktuelle Indiepop-Hypes grundsätzlich verpönender Experimentalkrach-.und Headbangmusik-Freund wie ich darauf anspringt. Und vielleicht passt es da auch wie die Faust aufs Auge, dass kein geringerer als die mich gefühlt schon regelrecht mein ganzes Musikhörer-Leben begleitende Legende Rick Rubin dieses Album produziert und an Synthies/Sequencer feingeschliffen hat.
Sehr amüsant fand ich beim übersurfen einiger Reviews im Vorfeld übrigens, dass "Music For Men" gerade im großformatigen Mainstream auch einiges an mittelmäßigen bis sogar richtig schlechten Reviews bekommen hat. Hauptkritikpunkt ist dabei ironischerweise wohl zusammengefasst, dass Rubins Produktion Potenzial verhunzt hätte, und dass der enthusiastische Punk-Spirit der Band dadurch zu oft von einer Rockmusiker-Vorstellung routiniertem Dance-Pops unterdrückt wird.
Nun ja, da ist natürlich zu einem gewissen Grad was dran. Mit Hilfe von Rubin haben GOSSIP (jetzt neuerdings ohne The!) die Disco-Elemente ihrer Musik etwas mehr in den Fokus gerückt und auch erweitert, etwa über ein paar dezente Konservenzusätze. Was der Musik tatsächlich etwas von dem rauen Garagen-Charme nimmt, der den funky Tanzflächenbrecher 'Standing in the Way of Control' auch in mein Herz schießen ließ. Ja, so ein bisschen Feuer und ungehobelte Energie ist tatsächlich dem professionellen Abliefern für den Dancefloor gewichen. Wenn man es ganz böswillig ausdrücken möchte, könnte man durchaus behaupten, dass Rubin vielleicht nicht ganz verstanden hat was den Vorgänger ausmachte, und THE GOSSIP in ein etwas zu enges Plastikkorsett zwängt, welches das Feuerwerk eben dessen erstickt.
Der Band um die inzwischen schon in Boulevard-Promiligen aufgestiegene Pummelllesbe Beth Ditto deswegen jetzt schwindende Substanz und Relevanz anzudichten wäre allerdings auch komplett falsch, denn irgendwie ist sie musikalisch ja dennoch ungefähr da, wo man sie haben will. Hier geht es nicht um einen Rockmusik-Klassiker für die Ewigkeit, sondern den alternativen Sommerhit 2009. Eine Rolle, die "Music For Men" eigentlich ganz gut ausfüllt.
Denn so sehr man runtermachen könnte, wie es einige taten, dass hier vielleicht etwas kalkuliert und weniger krachend vorgegangen wurde, so sehr muss man das aber auch mal in Relation zu diesem ganzen Wust an sonstigem Indierock, Electroclash, New Rave, Dancepunk, und wie auch immer der ganze Schrott da draußen so genannt wird sehen. Denn auch wenn Rubin sie etwas gepudert und frisiert hat, ist der Mut zur Hässlichkeit und der Rock'n'Roll im Herzen trotzdem geblieben. Und in Zeiten, in denen man beim Gang in den Club unter dem Banner der "Alternative/Indie-Rockmusik" inzwischen schon fieseste Annäherungen an Stadionpop der Marke Pet Shop Boys ertragen muss ('Human' von den Killers ist einer der allerschlimmsten Songs der letzten Jahre) , und in denen einstige Prog-Hopefulls wie extrageglättete U2 auf Discobeat klingen (was genau ist eigentlich mit Dredg passiert?), macht das so eine Band wie GOSSIP erst recht wichtig und liebenswürdig. "Denn die fühlen sich dabei wenigstens noch nach lebendiger Musik an, und nicht nach glattem, identitäs- und seelenlosem Geseier." Ob ich so was in zwei Jahren beim nächsten, vermutlich noch glatterem und musikalisch nicht mehr viel neues erzählendem Album dann auch noch sage, steht auf einem anderen Blatt. Im Jetzt und Hier ist GOSSIP unter den hippen Dingern der Stunde das, für das man sich noch nicht schämen braucht.
Ein paar Ausfälle sind natürlich dabei. So z.B. das in der Instrumentierung viel zu süßlich-zahm inszenierte 'Love Long Disance', das wohl einfach sehr auf Radio zugeschnitten wurde. Auch das folgende 'Pop goes the World' ist irgendwie so eine Art Breitwand-Electroclash mit Calypso-Injektion, das es nicht gebraucht hätte. Die etwas mehr auf die rockige Seite konzentrierten Songs jedoch sind manchmal auf eine unaufdringliche Art und Weise ziemliches 'I Was Made For Loving You' (das bei '2010' dann sogar zitiert wird). Der sehr minimalistische Opener hat was von den White Sripes, die Strophen von 'Vertical Rhythm' wiederum sogar was von The Police. Wenn bei solchen Songs Rock'n'Roll, Wave, Funk, Blues, Soul und ein bisschen House auf dem Liveschlagzeug-Tanzrhythmus Hand in Hand gehen, ohne dass Rubin über alberne Gimmicks wie Konserven-Claps und bratzige Synthie-Einsprengsel übertrieben auf Dance machen muss, funktioniert das Ganze als Pop-Album für relaxte Sommer-Sonntage wirklich sehr gut. Wer allerdings was ungeschliffenes mit Feuer sucht, ist hier tatsächlich falsch und sollte sich mit "Standing in the Way of Control“ zufrieden geben ...
Freitag, 3. Juli 2009
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